{"id":17718,"date":"2018-09-28T12:00:00","date_gmt":"2018-09-28T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/keine-seele-bergen\/"},"modified":"2022-07-26T12:58:49","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:49","slug":"keine-seele-bergen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/keine-seele-bergen\/","title":{"rendered":"Keine Seele bergen"},"content":{"rendered":"<h3>In den Schmerz<\/h3>\n<p>Der Roman steigt bei Peachs Flucht nach der Vergewaltigung ein und nimmt die Lesenden direkt hinein in den Schmerz: \u201eIch sehe Schwarz. Dichtes Schwarz. Aufgedunsen. Meine Lider aufgedunsen. Geschwollen, Schwarz-geschwollen vom Schlag. Vollgeschmiert mit Fett von seinen schl\u00fcpfrig schleimigen Wurstfingern. Seine Befehle rei\u00dfen noch an meinem Trommelfell. Mach die Augen zu. Mach sie ganz fest zu. Und mach auf deine \u2013 doch die Augen zu. Mach sie zu. Mach sie zu.<\/p>\n<p>Ich sehe Schwarz. Seinen schwarzen Mund. Ein Schlitz in seiner Haut. Klafft. Schwarz verkohlt. Verkohltes Fleisch. Strenger Kohleatem haftet an meiner Haut. Erstickend. Ich weine. Tr\u00e4nen gleiten \u00fcber den Fettfilm, fallen von meinem Gesicht. Mein K\u00f6rper summt. Ich muss nach Hause, aber laufen tut weh. Ich lege die Hand zwischen meine Beine und f\u00fchle Blut und Fett. Mir ist \u00fcbel.\u201c (8)<\/p>\n<p>\u201ePeach\u201c ist keine Repr\u00e4sentation des Schmerzes, es geht nicht darum, den Schmerz darzustellen, zu kommunizieren. \u201ePeach\u201c bringt den Schmerz performativ hervor, die Lesenden durchleiden ihn mit der Protagonistin, gehen mit ihr in den Schmerz, an die Grenzen des Ertr\u00e4glichen, an den Punkt, an dem die Augen vom Text abgewendet werden m\u00f6chten. Doch der lyrische Rhythmus tr\u00e4gt durch den Text, an die Stellen, an denen es weh tut. Peach n\u00e4ht sich selbst die Wunde an ihrer Vulva zu, die Maxe ihr zugef\u00fchrt hat \u201eGeweberiss. Geschlitzt. Geritzt.\u201c (12)<\/p>\n<p>Ohne Erkl\u00e4rung, warum sich Peach keine Hilfe holt, nicht ins Krankenhaus geht, den Eltern nichts sagt, ihrem Freund nichts sagt, n\u00e4ht sie sich selbst zu wie eine alte Jeans. \u201eBist du noch nicht angezogen?, sagt Mami. Nein, ich muss noch ein Loch in meiner Jeans n\u00e4hen. Das abgerissene Ding? Schmei\u00df sie einfach weg, Peach.\u201c (12)<\/p>\n<p>Doch Peach kann sich nicht einfach wegschmei\u00dfen, ist auf diesen K\u00f6rper zur\u00fcckgeworfen und flickt ihn: \u201eWei\u00dfer Faden wird rot. Roter Faden. Rein. Raus. Ich ziehe. Zupfe. Zerre an der Nadel. Rein. Raus. Raus. Raus. Licht aus.\u201c (14)<\/p>\n<p>Das pr\u00e4sentische Erz\u00e4hlen f\u00fchrt hier an die Grenzen des Erz\u00e4hlbaren, den eigenen Blackout und schlie\u00dflich bis an die absolute Grenze des Darstellbaren: den eigenen Tod.<\/p>\n<p>In Peachs Bauch w\u00e4chst etwas heran, kein Baby, sondern ein Stein. Der Stein dr\u00e4ngt nach au\u00dfen, es kann nicht innen bleiben, was nach innen geh\u00f6ren soll. Die Wunde der Vergewaltigung heilt nicht, aus ihr tritt der Stein heraus: \u201eBreche, berste platze, rei\u00dfe reife Wunde zwischen meinen Beinen, Riss rei\u00dft weiter, alles bricht. Auf. Der Schlitz, der Riss, der nie geheilt ist. Neue Risse wachsen, rei\u00dfen Streifen.\u201c (115) Trotz der Rache an Maxe, seiner Hinrichtung durch Peach und seines Einverleibens durch s\u00e4mtliche Figuren des Textes bei einem \u201eFestmahl\u201c (101), heilt die Wunde nicht. Keine Strafe, \u201eegal wie spektakul\u00e4r die Strafe sein mag, die den Gewaltt\u00e4ter zwischenzeitlich ereilt\u201c (Nachwort der \u00dcbersetzerin, 124), kann die Wunde heilen, die die Vergewaltigung gerissen hat. Peach stirbt in einem Selbstauf-l\u00f6sungsprozess, der das innere nach au\u00dfen kehrt und jede Zukunft, jedes Sein vernichtet: \u201eStein auf Keramik, der Stein, der Stein, der Stein auf Stein, ich kann nicht keimen ich kann mich nicht halten. Ich kann nicht wachsen. Keine Seele bergen.<\/p>\n<p>In diesem Stein in dieser Grube werde ich sein. In dieser Grube werde ich sein. In dieser Grube werde ich sein. In dieser. In diesem. Stein.\u201c (118)<\/p>\n<p>Was am Ende bleibt ist Sprachlosigkeit, die Unrepr\u00e4sentierbarkeit der unfassbaren Tat in einer Textwelt, in der alles Sprache werden kann, sogar das eigene Sterben.<\/p>\n<h3>Wahrnehmung als Erm\u00e4chtigung<\/h3>\n<p>In \u201ePeach\u201c geht es um die Wahrnehmung, es geht um das Sinnliche: Farben, Kl\u00e4nge, Materialien, sie alle dienen der performativen Hervorbringung des weiblichen Leids.<\/p>\n<p>\u201ePeach\u201c nimmt die radikal subjektive Perspektive der Protagonistin ernst, die Erz\u00e4hlstimme wirkt unverstellt trotz des Lyrischen und Surrealen. Peach, die namensgebende Protagonistin ist n\u00e4mlich ein Pfirsich, ihr Freund ein Baum, ihr Lehrer ein Pudding. Zugleich aber sind es Menschen, keine Mischwesen. Sie sind wie sie von der Ich-Erz\u00e4hlerin wahrgenommen werden, als Menschen und als ihre Metaphern, ohne jedoch im Metaphorischen oder Karikierenden aufzugehen.<\/p>\n<p>Die Metaphern werden ausbuchstabiert, w\u00f6rtlich genommen und durch die klare, schlichte Sprache in Szene gesetzt. In diesem Sinne ist \u201ePeach\u201c ein surrealer Text, jedoch nicht kafkaesk. Im Zentrum der Handlung steht zwar auch eine dunkle Machtbeziehung, die aber im Gegensatz zu Kafka das Zentrum der Macht benennt: Maxe, ihr Vergewaltiger, ein groteskes Wesen aus Fett und Fleisch. Um das Trauma erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, es in Sprache darzustellen, bedient sich Glass des Surrealen als einer Abstandnahme, einer Distanzierung von den kulturellen Mustern des Erz\u00e4hlens und Darstellens. Dabei gelingt es ihr mithilfe ihrer zauberhaften Wesen eine Welt zu kreieren, in der es jenseits der Bedrohung, des Schmerzes und der Verfolgung liebevolle, g\u00fctige Menschen gibt, eine heile Welt, in die Maxe wie ein b\u00f6sartiger Fremdling eindringt. Peach ist nicht in der Lage, diese Menschen um Hilfe zu bitten, auszusprechen, was geschehen ist. Die Sprachlosigkeit, die Unm\u00f6glichkeit, die Tat in einen Code zu \u00fcbersetzen, sei er sprachlicher oder bildlicher Art, ist der Urgrund des Leids in \u201ePeach\u201c.<\/p>\n<p><strong>Kerstin Wilhelms-Zywocki<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Schmerz Der Roman steigt bei Peachs Flucht nach der Vergewaltigung ein und nimmt die Lesenden direkt hinein in den Schmerz: \u201eIch sehe Schwarz. Dichtes Schwarz. Aufgedunsen. Meine Lider aufgedunsen. Geschwollen, Schwarz-geschwollen vom Schlag. Vollgeschmiert mit Fett von seinen schl\u00fcpfrig schleimigen Wurstfingern. 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