{"id":17719,"date":"2018-09-28T12:00:00","date_gmt":"2018-09-28T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/liebe-und-revolution\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:48","slug":"liebe-und-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/liebe-und-revolution\/","title":{"rendered":"Liebe und Revolution"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen der Europ\u00e4ischen Kulturtage zeigte das Museum f\u00fcr Literatur am Oberrhein in Karlsruhe vom 28. April bis zum 2. September 2018 eine kleine, feine Ausstellung zu dem oben genannten Thema. Unter demselben Titel erschien im Juli eine Begleitpublikation.<\/p>\n<p>Gustav Landauer (1870 \u2013 1919), philosophisch-literarischer Gelehrter, Schriftsteller und Verfechter eines anarchistischen Sozialismus auf der Basis des verbindenden Geistes der Liebe, ist in Karlsruhe geboren und aufgewachsen.<\/p>\n<p>Hedwig Lachmann (1865 \u2013 1918) wurde in Stolp in Pommern geboren. Als Kind kam sie mit ihrer Familie nach Krumbach\u2013H\u00fcrben in Bayerisch\u2013Schwaben, das ihr zur Heimat wurde. Sie war Dichterin und \u00dcbersetzerin englischer, franz\u00f6sischer und ungarischer Literatur und Dichtung. Ihre \u00dcbertragung der \u201eSalome\u201c von Oscar Wilde \u00fcbernahm Richard Strauss f\u00fcr seine gleichnamige Oper.<\/p>\n<p>Hedwig Lachmann und Gustav Landauer begegneten sich 1899 in Berlin. F\u00fcr Landauer war es Liebe auf den ersten Blick. Nach langem Werben um ihre Gunst und Liebe wurde sie ihm bis zu ihrem Tod am 21. Februar 1918 eine geistverwandte, eigenst\u00e4ndige Gef\u00e4hrtin. K\u00e4the Kollwitz notierte in ihrem Tagebuch unter dem 24. Februar zum Tod von Hedwig Lachmann: \u201e\u2026 und Landauer kann sie gar nicht entbehren\u201c. An eine befreundete Schriftstellerin\u00a0 schreibt er am 25. Juni 1918: \u201ewas ich schrieb, war alles zu Hedwig gesagt\u201c. \u201eWas sie vereinigte, war die Arbeit an Sprache und Tradition, an den j\u00fcdischen Wurzeln sowie ein tief empfundener Humanismus. Diesen suchten sie zu behaupten in finsteren Zeiten, daher auch ihre kompromisslose Ablehnung des Ersten Weltkriegs und das Festhalten an der M\u00f6glichkeit einer besseren, einer \u201aNeuen Gemeinschaft\u2018.\u201c (Hansgeorg Schmidt-Bergmann im Vorwort)<\/p>\n<p>Gezeigt wurden u.a. zwei Gem\u00e4lde der Malerin Julie Wolfthorn (1864 &#8211; 1944), die sonst im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar aufbewahrt werden. Das Bild von Hedwig Lachmann wurde in der Zeit um 1895\/1897 gemalt, das von Gustav Landauer entstand 1908. Die exzellente Reprodution der beiden \u00d6lgem\u00e4lde im Katalog vermitteln den Betrachtenden der Eindruck, als bef\u00e4nden sie sich direkt mit im Wohnzimmer. Das mit Anmerkungen und Noten versehene Arbeitsbuch der \u201eSalome\u201c von Richard Strauss war zu sehen, ferner Originalbriefe, Buchausgaben, Fotos und ein Film \u00fcber die Beerdigung des ermordeten bayerischen Ministerpr\u00e4sidenten Kurt Eisner aus dem Jahre 1919, in dem auch Landauer kurz zu sehen ist.<\/p>\n<p>Der Ausstellungskatalog ist kein dickes Buch nur f\u00fcr die Wissenschaft, in das sich vor allem und in erster Linie die Insider vertiefen, sondern eine ansprechende Publikation, die durch ihre Knappheit \u00fcberzeugt. Es bewahrheitet sich, da\u00df weniger oft mehr ist. Somit ist er sehr geeignet und empfehlenswert f\u00fcr alle Interessierten, die noch nie etwas \u00fcber Hedwig Lachmann und Gustav Landauer geh\u00f6rt haben oder nicht viel mehr als die Namen kennen. Mit dieser Ver\u00f6ffentlichung schlie\u00dft sich eine bisher bestandene L\u00fccke. Aber auch als mit dem Thema Vertraute nimmt man den Katalog gerne zur Hand \u2013 er l\u00e4dt ein zum Verweilen, Sinnen und Tr\u00e4umen und sich immer wieder neu inspirieren zu lassen.<\/p>\n<p>Zwischen zwei Aufs\u00e4tzen stehen Briefe und Gedichte. Der philosophische Schriftsteller Hans Bl\u00fcher war 1953 der Meinung, da\u00df es in der deutschen Literatur seit den Briefen von Gustav Landauer an Hedwig Lachmann keine sch\u00f6neren Liebesbriefe mehr gegeben habe. Die Briefe und Gedichte kommen besonders gut zur Geltung durch das luftige Wei\u00df des leeren Papiers \u2013 das schafft Raum, l\u00e4\u00dft einen innehalten, entspannt und man f\u00fchlt sich nicht gehetzt.<\/p>\n<p>Ganzseitige Fotos haben in dem gro\u00dfen Format eine intensive Wirkung, auch die Faksimiledrucke sind sehr sch\u00f6n, man bekommt solche Dokumente sonst nicht so einfach zu sehen. Jeweils ein biographischer Abri\u00df in Form einer Zeittafel schlie\u00dft den Textteil ab.<\/p>\n<p>Thematisiert wird auch Landauers Mitwirkung an der M\u00fcnchener R\u00e4terepublik, seine grausame Ermordung am 2. Mai 1919 und dar\u00fcberhinaus die Zerst\u00f6rung seines Grabmals durch die Faschisten bereits 1933. \u201eDen Glauben an die M\u00f6glichkeit eines besseren Lebens haben seine M\u00f6rder nicht zerst\u00f6ren k\u00f6nnen, das bleibt sein Verm\u00e4chtnis.\u201c (Hansgeorg Schmidt \u2013 Bergmann)<\/p>\n<p>Eine w\u00fcrdige Ver\u00f6ffentlichung 100 Jahre nach ihrem Tod.<\/p>\n<p><strong>Annegret Walz<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen der Europ\u00e4ischen Kulturtage zeigte das Museum f\u00fcr Literatur am Oberrhein in Karlsruhe vom 28. April bis zum 2. September 2018 eine kleine, feine Ausstellung zu dem oben genannten Thema. Unter demselben Titel erschien im Juli eine Begleitpublikation. Gustav Landauer (1870 \u2013 1919), philosophisch-literarischer Gelehrter, Schriftsteller und Verfechter eines anarchistischen Sozialismus auf der Basis &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/liebe-und-revolution\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Liebe und Revolution - graswurzelrevolution","description":"Im Rahmen der Europ\u00e4ischen Kulturtage zeigte das Museum f\u00fcr Literatur am Oberrhein in Karlsruhe vom 28. April bis zum 2. September 2018 eine kleine, feine Ausst"},"footnotes":""},"categories":[1008,44,1042],"tags":[],"class_list":["post-17719","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-432-oktober-2018","category-bucher","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17719","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17719"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17719\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17719"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17719"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17719"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}