{"id":17720,"date":"2018-09-28T12:00:00","date_gmt":"2018-09-28T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/die-gewaltspirale-sabotieren\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:48","slug":"die-gewaltspirale-sabotieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/die-gewaltspirale-sabotieren\/","title":{"rendered":"Die Gewaltspirale sabotieren"},"content":{"rendered":"<p>\u201eJe mehr Gewalt, desto weniger Revolution.\u201c Dieses Zitat des niederl\u00e4ndischen Anarchisten Bart de Ligt wurde nicht nur zum Titel des vorliegenden Buches, sondern steht zugleich f\u00fcr ein geplantes Projekt: eine Buchreihe der \u201eArbeitsgruppe Anarchismus und Gewaltfreiheit\u201c, mit der \u201eanarchistisch-gewaltfreie und anarchopazifistische Traditionen wieder in Erinnerung\u201c gerufen werden und f\u00fcr sozialrevolution\u00e4re Bewegungen nutzbar gemacht werden sollen. Der Auftakt ist mit Band 1 der Arbeitsgruppe gemacht und man bemerkt, dass es den Autoren darum geht, etwas aufzuholen: \u201eDer gewaltfreie Anarchismus hinkt in Fragen der \u00fcbersichtlichen Aufarbeitung und leichten Zug\u00e4nglichkeit seiner Theorie und Praxis anderen anarchistischen Str\u00f6mungen hinterher.\u201c (S.8)<\/p>\n<p>Diese Absicht wird allerdings \u00fcberhastet umgesetzt. Viel zu viele Themen und theoretische Ausarbeitungen haben die Autoren in diesen einen Band aufgenommen. Sebastian Kalicha hat einen sehr lesenswerten 40seitigen Beitrag von Alexandre Christoyannopoulos zu Leo Tolstoi aus \u201eAnarchist Studies\u201c, der wissenschaftlichen Zeitschrift \u00fcber den Anarchismus, \u00fcbersetzt. Ein Band 1 nur zu Leo Tolstoi, seiner Rezeption, seiner politischen Wirkung z.B. vor dem Ersten Weltkrieg, auf die K\u00fcnstler*innen und Schriftsteller*innen des Expressionismus und der Weimarer Republik h\u00e4tte sich angeboten.<\/p>\n<p>Die Mehrzahl der Kapitel \u2013 Herrschaftskritik von La Bo\u00e9tie (Lou Marin); Gewaltfreiheit im Anarchosyndikalismus (S. M\u00fcnster), Geschichte des revolution\u00e4ren zivilen Ungehorsams (Lou Marin), gewaltfreier Widerstand in der Anti-Atom-Bewegung (S. M\u00fcnster und Lou Marin), Geschichte der WRI (Johann Bauer), der Einfluss auf die Massenbewegung in der DDR 1989 (Hans Schneider) \u2013 sind zuerst in leicht abgewandelter Form zwischen 1988 und 1990 in der Graswurzelrevolution ver\u00f6ffentlicht worden. Alle haben zweifellos ihren Wert wiederver\u00f6ffentlicht zu werden, h\u00e4tten aber jeweils zum Leitartikel f\u00fcr einen eigenen Band werden k\u00f6nnen. So, nur von einer Seite aus betrachtet, bleibt jedes Thema unfertig, erscheint auf halbem Weg stecken geblieben.<\/p>\n<p>Wenn wir uns den Teil mit zwei historischen Texten ansehen, so ist daran gut aufzuzeigen, wie es \u00fcberzeugend gelingen und misslingen kann und wie die weitere Arbeit f\u00fcr die zuk\u00fcnftigen B\u00e4nde der Arbeitsgruppe aussehen k\u00f6nnte. Zwei Texte, die dem Anarchismus des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts zuzurechnen sind, wurden aufgenommen. Der \u00d6sterreichische Anarchist Pierre Ramus schrieb 1911 \u201eUnsere Revolution\u201c und der F\u00fcrther Anarchosyndikalist Fritz Oerter ver\u00f6ffentlichte 1920 in Wien eine Brosch\u00fcre \u201eGewalt oder Gewaltlosigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Der Text von Pierre Ramus h\u00e4ngt ziemlich in der Luft. Wir erfahren nicht, welche Resonanz und politische Brisanz er eventuell entwickeln konnte. Ob er vor oder nach dem Ersten Weltkrieg mehr Beachtung fand? Lesen wir ihn heute ohne eine anschlie\u00dfende Einordnung, ohne Hintergr\u00fcnde, ohne Diskussion, dann bleibt h\u00e4ngen: Ramus ertr\u00e4umt die Anarchie durch die Ablehnung aller alten Gewalten; nicht durch eine gewaltsame Entfernung dieser Gewalten, sondern durch Missachten ihrer Anspr\u00fcche. Ohne eine Diskussion, ohne Problematisierung, ohne Wege \u00fcber das Wie aufzuzeigen oder zu ergr\u00fcnden, bleibt der Text heute folgenlos, ein blo\u00dfer Traum.<\/p>\n<p>Auf den Text von Fritz Oerter lohnt es sich genauer einzugehen. Er wird von dem Beitrag S. M\u00fcnsters \u201eAnarchosyndikalismus und Gewaltlosigkeit. Debatten und Positionen der anarchosyndikalistischen Bewegung Deutschlands zum Kapp-Putsch\u201c erg\u00e4nzt und in die politische Diskussion seiner Zeit, in die Entwicklung der Freien Arbeiter Union und in die konkrete Geschichte eingebunden. Wir k\u00f6nnen Oerters Einfluss auf die FAUD erkennen. In der Rechereche solcher Argumentationen und Gegenargumentationen k\u00f6nnen Sch\u00e4tze gehoben werden, die zum Nachdenken anregen und auf heute angewendet oder abgewandelt verwertet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch wenn der Text Oerters selbst mehr f\u00fcr sich spricht als der von Ramus und uns auch heute noch etwas zu sagen hat, bleibt eine solche Auseinandersetzung wichtig. Warum Oerter bis heute lesbar ist, liegt an der Vielschichtigkeit seiner Behandlung der Frage \u201eGewalt oder Gewaltlosigkeit\u201c. Er beginnt damit, dass Gewalt in erster Linie von Individuen erlebt wird und zwar in doppelter Hinsicht, als T\u00e4ter und Erleidende von Gewalt. \u201eEs entw\u00fcrdigt den Menschen, wenn er Gewalt erduldet, aber es entw\u00fcrdigt ihn noch mehr, wenn er sie ver\u00fcbt.\u201c (S.69) Oerter erkl\u00e4rt seine Gewichtung nachdr\u00fccklich dadurch, dass er Situationen erw\u00e4hnt, in denen ein Erleiden von Gewalt droht, wenn bewusst die Anwendung von Gewalt abgelehnt wird. 1920 formuliert, in noch revolution\u00e4ren Zeiten, waren diese S\u00e4tze sicherlich verst\u00f6rend. In \u201enormalen\u201c, von Kultur gepr\u00e4gten Zeiten, werden sie zum ethischen Leitbild. Angesichts unbeeinflussbarer diktatorischer oder faschistischer Gewaltaus\u00fcbung werden sie lebensgef\u00e4hrlich. Mensch muss sich deshalb \u00fcber die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse bei der Wahl der Mittel sehr im Klaren sein.<\/p>\n<p>Ein grunds\u00e4tzliches Ziel aller anarchistischen Verhaltensoptionen m\u00fcsste deshalb sein, die \u201enormalen kulturell gepr\u00e4gten Zeiten\u201c zu erhalten bzw. anzustreben, um \u00fcber die ethischen und moralischen Handlungsweisen die Definitionsmacht mitzupr\u00e4gen oder gar zu erlangen. Gelingt dies, dann kann die Spirale von Gewalt und Gegengewalt erfolgreich sabotiert werden.<\/p>\n<p>An Oerters Text gef\u00e4llt ferner die Tiefe. Er analysiert die gewaltf\u00f6rdernden Strukturen von Zentralismus und Nationalismus. Zudem sucht er die Gewalt nicht nur im Verh\u00e4ltnis von Staatsmacht und Unterdr\u00fcckten, von Reichen und Ausgebeuteten, sondern sieht die Mechanismen auch innerhalb der Arbeiterklasse und im Privatleben. \u201eGar mancher, der sich in Versammlungen soeben noch voll Ingrimm \u00fcber die \u201aoberen\u2018 Gewalthaber entr\u00fcstete, geht nach Haus und pr\u00fcgelt Weib und Kind als ob es so sein m\u00fcsste.\u201c (S.71)<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnlich verurteilt er auch den Klassenkrieg. Wer den Nationenkrieg ablehne, sollte sich von den Kapitalisten keinen Klassenkrieg mit Waffengewalt aufdr\u00e4ngen lassen, da ein gewaltsamer Sieg auf eine Diktatur hinauslaufe. 1920 war diese Auffassung noch h\u00f6chst umstritten, die Wendung der Russischen Revolution zur Diktatur der Bolschewiki war zwar im Gange, wurde aber erst 1921 mit der Ausschaltung des Kronst\u00e4dter Arbeiter- und Matrosenaufstands und der Liquidierung der Machnobewegung in der Ukraine vollzogen.<\/p>\n<p>\u201eBeim Zweikampf organisierter Gewalten wird immer diejenige als Sieger hervorgehen, die am st\u00e4rksten bewaffnet, diszipliniert und zentralisiert ist.\u201c (S.75) 19 Jahre sp\u00e4ter sollten sich diese Mechanismen im Spanischen B\u00fcrgerkrieg 1936-39 leidvoll best\u00e4tigen. Die St\u00e4rke der Anarchosyndikalist*innen lag in der wirtschaftlichen Kollektivierung, in der Solidarit\u00e4t und den dezentralen Massenaktionen. Oerter verficht deshalb die wirtschaftlichen Aktionen, Streiks, Generalstreik und Boykott und kommt auch zu einer Definition von Gewalt. F\u00fcr ihn sind solche Aktionen keine Gewaltanwendung, sondern ein Sich-Entziehen aus Gewaltsituationen. S. M\u00fcnster greift diese Generalstreiksdebatte gegen den Kapp-Putsch beispielhaft auf und stellt die Debatte in der FAUD dar, die sich in diesen Auseinandersetzungen immer st\u00e4rker von den linken politischen Parteien abgrenzte.<\/p>\n<p>Seinen Beitrag beendet Oerter mit dem hohen ethischen Wert der Gewaltlosigkeit, die im Gegensatz zum Aufruf zur Gegengewalt nicht an das aggressive Potential der Menschen appelliert, sondern zu solidarischen Aktionen motiviert, die von Gemeinschaftsgef\u00fchl und gemeinsamen Zielen getragen sind und so zu einer ethisch denkenden und handelnden Gesellschaft f\u00fchren.<\/p>\n<p>Auf Band 2 der Arbeitsgruppe darf man gespannt sein. Als Themenb\u00e4nde bieten sich an \u2013 frei nach Fritz Oerter \u2013 Gewaltfreiheit und Patriarchatskritik, Anarchistische Gewaltfreiheit im Verh\u00e4ltnis zum b\u00fcrgerlichen Pazifismus, Gewaltfreiheit und Antimilitarismus in der Literatur, Gewalt contra Gewaltfreiheit in sozialistischen Experimenten u.v.m.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang Haug<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eJe mehr Gewalt, desto weniger Revolution.\u201c Dieses Zitat des niederl\u00e4ndischen Anarchisten Bart de Ligt wurde nicht nur zum Titel des vorliegenden Buches, sondern steht zugleich f\u00fcr ein geplantes Projekt: eine Buchreihe der \u201eArbeitsgruppe Anarchismus und Gewaltfreiheit\u201c, mit der \u201eanarchistisch-gewaltfreie und anarchopazifistische Traditionen wieder in Erinnerung\u201c gerufen werden und f\u00fcr sozialrevolution\u00e4re Bewegungen nutzbar gemacht werden sollen. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/die-gewaltspirale-sabotieren\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Gewaltspirale sabotieren - graswurzelrevolution","description":"\u201eJe mehr Gewalt, desto weniger Revolution.\u201c Dieses Zitat des niederl\u00e4ndischen Anarchisten Bart de Ligt wurde nicht nur zum Titel des vorliegenden Buches, sonder"},"footnotes":""},"categories":[1008,44,1030,59,1042],"tags":[],"class_list":["post-17720","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-432-oktober-2018","category-bucher","category-es-wird-ein-laecheln-sein","category-graswurzelrevolution","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17720","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17720"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17720\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17720"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17720"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17720"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}