{"id":17722,"date":"2018-09-28T12:00:00","date_gmt":"2018-09-28T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/die-technik-des-gluecks\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:49","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:49","slug":"die-technik-des-gluecks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/die-technik-des-gluecks\/","title":{"rendered":"Die Technik des Gl\u00fccks"},"content":{"rendered":"<p>Warum arbeitet man sich an Franz Jung ab? Warum st\u00fcrzt sich in den 80er Jahren eine gute Handvoll Leute mit Akribie auf die Werkausgabe eines vergessenen Autors, von dessen wenigen Texten an der Wahrnehmungsoberfl\u00e4che sie begeistert sind, von dessen Gesamtwerk sie aber \u00fcberhaupt nicht wissen, welchen Umfang es hat? Es sind am Ende 6.000 Seiten geworden. Alle Zutr\u00e4ger haben unentgeltlich gearbeitet, nur die Druckereirechnungen wurden bezahlt. Und der Satz. In Nachtschichten von einer ehemaligen taz-Setzerin heldinnenhaft durchgehalten (es gab noch keine Computer bei Nautilus!). Dann gab es also nach 16 Jahren Arbeit die Franz-Jung-Werkausgabe und die bereits legend\u00e4re Autobiographie \u201eDer Weg nach unten\u201c in neuer Auflage. Die Edition Nautilus war kurz vorm Bankrott \u2013 und wen hat es interessiert? Das Werk? Die Heldentat? Hat das Feuilleton den Arsch bewegt? Gab es eine Explosion in der Literaturwissenschaft?<\/p>\n<p>Es gab immerhin 1993 den Hamburger Verlagspreis, der diese Ausgabe w\u00fcrdigte, und von dessen materieller Zuwendung die Arbeit an einem der zw\u00f6lf B\u00e4nde bezahlt werden konnte. Keine Institution hielt das Projekt f\u00fcr f\u00f6rderungsw\u00fcrdig. So blieb es bei den Begeisterten \u2013 \u00fcbrigens in Ost- und Westdeutschland \u2013 h\u00e4ngen, sich anderweitig durchzubringen. Kurz nach dem Fall der Mauer gab es in den Theatern Magdeburg und T\u00fcbingen ebensolche verr\u00fcckte Begeisterte, die in einer Art Festival s\u00e4mtliche Theaterst\u00fccke Franz Jungs auff\u00fchrten und am Ende ein Gipfeltreffen einberiefen, auf das alle Jung-Forscher*innen weltweit eingeladen waren. Es kamen etliche, und vor allem kam Peter Jung, Franz Jungs j\u00fcngster Sohn, der im Gegensatz zu seinem Vater den \u201eWeg nach oben\u201c in die \u00d6lbranche gew\u00e4hlt hatte, nachdem er 1949 als Jugendlicher seinem Vater ins Exil gefolgt war. Und es gab eine Initiative von Armin Petras, 1988, kurz vor dem Ende der DDR, der \u201eDie Technik des Gl\u00fccks\u201c f\u00fcr eine Auff\u00fchrung in der Zionskirche inszeniert hatte, aber am Abend vorher die DDR verlassen musste, da seinem Ausreiseantrag stattgegeben worden war. Annett Gr\u00f6schner war in den Ost-Berliner Zirkeln um die <em>Sklaven<\/em> und den <em>Sklaven Aufstand<\/em> in den 90er Jahren an verschiedenen n\u00e4chtelangen Lesungen beteiligt und hatte in jahrelanger Forschungsarbeit und ebensolchen Reisen zusammen mit Peter Jung dessen Geschichte und die seines Vaters und seines Clans aufgeschrieben. Auch das Buch ging \u201eunter\u201c, wie so manche andere begeisterte Versuche, an Franz Jung zu erinnern.<\/p>\n<p>Als ich die Edition Nautilus vor gut einem Jahr an die Mitarbeiter*innen \u00fcbergab, war da f\u00fcr mich noch eine Rechnung offen. Ich hatte nicht mehr als zehn Jahre am Werk dieses Autors gearbeitet, damit es gleich wieder in der Versenkung verschwand! Ich w\u00fcrde ihn, befreit von den Alltagspflichten eines Verlegerdaseins, auf die B\u00fchne bringen. Voll ausgeleuchtet, wie auch immer.<\/p>\n<p>Ich stellte einen Antrag bei der gr\u00f6\u00dften Hamburger Kulturf\u00f6rderung, er wurde abgelehnt. Ich hatte aber schon die ersten B\u00fcndnispartner*innen gefunden und machte zweierlei: Ich verdoppelte die Antragsumme f\u00fcr eine echte Theaterrevue und stockte das Team, zusammen mit Annett Gr\u00f6schner, professionell auf. Und ich startete unmittelbar mit einer szenischen Lesung mit Musik, Film und verschiedenen Schauspieler*innen. W\u00e4hrend wir mit der Lesung \u201eDer Torpedok\u00e4fer\u201c schon tourten, kam die Zusage der F\u00f6rderung durch den Hauptstadtkulturfonds. Bedingungslos und ohne Abstriche. Nach 15 Lesungen in Deutschland und der Schweiz wird es also am 14. November 2018 die Premiere der Franz Jung-Revue \u201eDie Technik des Gl\u00fccks\u201c im HAU in Berlin geben. Lauter Begeisterte im Team, Menschen, die Franz Jung noch \u00fcberhaupt nicht kannten, und solche, die endlich etwas f\u00fcr ihn tun k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Wer ist also dieser Franz Jung?<\/h3>\n<p>Vor hundert Jahren sa\u00df er in seinem B\u00fcro am Halleschen Ufer 32, gleiche Adresse wie heute das HAU, und stempelte mit Freunden Spartakus-Parolen auf Geldscheine. Die Revolution von 1918 scheiterte, wie vieles im Leben des Schriftstellers, Dichters, Revolution\u00e4rs, Anarchisten, Finanzexperten, Schiffsentf\u00fchrers, Theaterautors und Mitbegr\u00fcnders der KAPD. Beschrieben wird er als sanft, klein und kr\u00e4ftig. Ein Mann, der Teile seines Lebens in der Illegalit\u00e4t oder im Gef\u00e4ngnis verbrachte und mitten im Krieg Ameisen in Schokolade besorgte und es spannend fand, die Geschichte des Volkswagenwerks in einer Minute Radioansage zu erz\u00e4hlen. Der schon vor hundert Jahren, er sa\u00df gerade wieder einmal im Gef\u00e4ngnis und hatte Zeit zum Schreiben (wenn er sich nicht mit den Fliegen besch\u00e4ftigte, die er mit Zucker in Rauschzust\u00e4nde versetzte), die Grundlinien f\u00fcr eine \u201eTechnik des Gl\u00fccks\u201c bestimmte: \u201eDie Revolution kommt von innen\u201c.<\/p>\n<p>Er analysierte die Niederlage der Revolution, die sich als gro\u00dfe Frustration in den Menschen ablagert, als eine der wesentlichen Gr\u00fcnde f\u00fcr die Blockierung des Freiheitstrebens, f\u00fcr die Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit, f\u00fcr das Mitl\u00e4ufertum, das letztendlich im faschistischen und stalinistischen Kadavergehorsam endete. F\u00fcr sich selbst fand er den Leitspruch \u201eWas suchst Du Ruhe, wenn Du zur Unruhe geboren bist\u201c, und mit diesem inneren Motor wurde er eine der verwegensten Pers\u00f6nlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Sein exzessives Bem\u00fchen, der Gesellschaft zum Besseren, der Menschheit zum Gl\u00fcck zu verhelfen, seine messerscharfen Beschreibungen und Analysen der Umst\u00e4nde strahlen bis heute. Seine Genossen und Weggef\u00e4hrtinnen bilden das Who is Who der k\u00fcnstlerischen, politischen und sozialen Avantgarde. Seine Experimente und Ans\u00e4tze braucht es heute vielleicht dringender denn je, auch wenn er 1953 schrieb: \u201eWenn ich nach Deutschland zur\u00fcckkehre, dann nur als angetriebenes Strandgut.\u201c<\/p>\n<p>Die Musik der Revue machen Die Sterne. Das Textbuch haben, unter Verwendung der Texte Franz Jungs, Annett Gr\u00f6schner und die Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber geschrieben. Am Konzept ist auch die B\u00fchnenbildnerin Constanze Fischbeck beteiligt. Die Schauspieler auf der B\u00fchne sind Robert Stadlober und Wolfgang Krause Zwieback. Im Film spielt Corinna Harfouch.<\/p>\n<p>Das wird gro\u00dfe B\u00fchne, voll ausgeleuchtet \u2013 wie auch immer.<\/p>\n<p><strong>Hanna Mittelst\u00e4dt<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum arbeitet man sich an Franz Jung ab? Warum st\u00fcrzt sich in den 80er Jahren eine gute Handvoll Leute mit Akribie auf die Werkausgabe eines vergessenen Autors, von dessen wenigen Texten an der Wahrnehmungsoberfl\u00e4che sie begeistert sind, von dessen Gesamtwerk sie aber \u00fcberhaupt nicht wissen, welchen Umfang es hat? Es sind am Ende 6.000 Seiten &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/die-technik-des-gluecks\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Technik des Gl\u00fccks - graswurzelrevolution","description":"Warum arbeitet man sich an Franz Jung ab? 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