{"id":17724,"date":"2018-09-28T12:00:00","date_gmt":"2018-09-28T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/poesie-der-klasse\/"},"modified":"2018-09-30T18:00:34","modified_gmt":"2018-09-30T16:00:34","slug":"poesie-der-klasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/poesie-der-klasse\/","title":{"rendered":"Poesie der Klasse"},"content":{"rendered":"<p>Der entstehende Kapitalismus brachte nicht nur massenhaftes Elend hervor. Mit ihm bildeten sich in den unteren Klassen auch neue Formen der Dichtung und des Erz\u00e4hlens heraus, in denen die Misere der Gegenwart und Formen des Widerstands eindr\u00fccklich beschrieben werden.<\/p>\n<p>Nur wenige dieser Schriften sind heute noch bekannt. Manche von ihnen wurden in den B\u00fcchern von Marx und Engels zitiert, beispielsweise der Arbeiterdichter Wilhelm Weitling. Marx w\u00fcrdigte ihn als einen der ersten, der sich f\u00fcr die Organisierung des Proletariats einsetzte. So hei\u00dft es auf der Homepage www.marxist.org \u00fcber Weitling:<\/p>\n<p>\u201eTrotz sp\u00e4teren Auseinandersetzungen achteten Marx und Engels den \u201agenialen Schneider\u2018 (Rosa Luxemburg) sehr hoch und betrachteten ihn als ersten Theoretiker des deutschen Proletariats.\u201c<\/p>\n<p>Allerdings wird gleich auch betont, dass Weitlings Ans\u00e4tze an theoretische und praktische Grenzen gesto\u00dfen sind. Inhaltich gibt es f\u00fcr diese Kritik gute Gr\u00fcnde, doch hat der Umgang mit Weitling in der marxistischen ArbeiterInnenbewegung auch etwas Paternalistisches.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich blieb Weitling sein Leben lang Schneider, hatte nie eine Universit\u00e4t besucht und schon deshalb hatten seine Arbeiten es schwerer, wahrgenommen und geh\u00f6rt zu werden.<\/p>\n<p>Dabei geh\u00f6rt er zu den wenigen Chronisten der fr\u00fchen Arbeiterbewegung, deren \u00fcberhaupt einem gr\u00f6\u00dferen Kreis bekannt ist. Der Kultur- und Literaturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe hat in seinem Buch \u201eDie Poesie der Klasse\u201c viele der fr\u00fchen Texte der ArbeiterInnenbewegung dem Vergessen entrissen. Er beklagt, dass sie lange Zeit nur durch die Brille des Marxismus gesehen und als romantischer Antikapitalismus beiseite gelegt wurden. Schon im Klappentext des Buches hei\u00dft es \u00fcber die AutorInnen: \u201eDie buntscheckige Erscheinung, die Tr\u00e4ume und Sehns\u00fcchte dieser allen st\u00e4ndischen Sicherheiten entrissenen Gestalten fanden neue Formen des Erz\u00e4hlens in romantischen Novellen, Reportagen, sozialstaatlichen Untersuchungen, Monatsbulletins. Doch schon bald wurden sie \u2013 ungeordnet, gewaltvoll, nostalgisch, irrlichternd und utopisch, wie sie waren \u2013 von den Arbeiterbewegung als reaktion\u00e4r und anarchistisch verunglimpft, weil sie nicht in die gro\u00dfe Fortschrittsvision passen wollten\u201c.<\/p>\n<p>So verdienstvoll es von Patrick Eiden-Offe ist, diese Texte wieder bekannt gemacht und mit gro\u00dfem Engagement in einem Buch pr\u00e4sentiert zu haben, dass auch f\u00fcr NichtakademikerInnen zu lesen Freude und Erkenntnisgewinn bereitet, so muss man doch die Kritik des Autors an den Marxistinnen hinterfragen. Gerade, nach der Lekt\u00fcre der Texte zeigt sich, dass diese Kritik oft berechtigt war. Dabei geht es gerade nicht darum, den VerfasserInnen der Texte zu unterstellen, sie w\u00e4ren reaktion\u00e4r.<\/p>\n<p>Es geht vielmehr darum, zu analysieren, dass sie in ihren Texten ihre Vorstellungen von der Welt und dem hereinbrechenden Kapitalismus zum Ausdruck gebracht haben. Sie haben dabei Gerechtigkeitsvorstellungen zum Ma\u00dfstab genommen, die sie aus dem Feudalismus und der st\u00e4ndischen Gesellschaft \u00fcbernommen hatten. Nur waren diese Vorstellungen mit dem Einzug des Kapitalismus obsolet geworden. Es war ein\u00a0 Verdienst von Marx und Engels, dass sie die Ausbeutung und nicht den Wucher als zentrales Unterdr\u00fcckungsinstrument im Kapitalismus analysiert haben. An einem romantischen Kapitalismus festzuhalten w\u00e4re dann nur anachronistisch und birgt noch die Gefahr einer reaktion\u00e4ren Lesart der Kapitalismuskritik, die die Schuldigen f\u00fcr die Misere nicht im kapitalistischen Konkurrenz- und Profitstreben, sondern in Wucherern sieht. Das war \u00fcbrigens ein Schwungrad f\u00fcr den modernen Antisemitismus. Dem Autor sind solche Bestrebungen fern. Dass Eiden-Offe auf diese Gefahren eines romantischen Antikapitalismus nicht besonders eingeht, liegt wohl vor allem daran, dass er voraussetzt, dass seine LeserInnen mit der Problematik einer reaktion\u00e4ren Kapitalismuskritik vertraut sind.<\/p>\n<h3>Die R\u00fcckkehr des virtuellen Pauper<\/h3>\n<p>Ihm geht es um etwas Anderes, wie er im letzten Kapitel des Buches, das unter dem Titel\u00a0 \u201eDie R\u00fcckkehr des romantischen Antikapitalismus\u201c steht, erl\u00e4utert: Wenn es seit dem Vorm\u00e4rz eine Uniformierung und Normierung des Proletariats gegeben hat, dann wird diese Klassenfiguration vom Gespenst des \u201evirtuellen Paupers\u201c, der durch keine sozialstaatliche Absicherung und durch keine Verb\u00fcrgerlichung des sozialen Imagin\u00e4ren zu bannen ist. Parallel zur Einhegung des Klassenkampfs in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften\u00a0\u00a0\u00a0 und zur Integration der offiziellen Arbeiterbewegung in die Gesellschaft gibt es eine andere Geschichte, die Geschichte einer anderen Arbeiterbewegung, die Geschichte all jener sozialen Gestalten, in denen das Gespenst des \u201evirtuellen Paupers sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts verk\u00f6rpert und die gehegte soziale Ordnung bespukt hat\u201c.<\/p>\n<p>Damit bezieht sich der Autor auf sozialrevolution\u00e4re Debatten der 1970er Jahre, als der linke Historiker\u00a0 Karlheinz Roth ein Buch mit dem Titel \u201eDie andere Arbeiterbewegung\u201c ver\u00f6ffentlichte, in dem er die Pauperierten zum neuen revolution\u00e4ren Subjekt erkl\u00e4rte. Er setzte sie von den Teilen der Arbeiterklasse ab, die im Rahmen des nationalen Klassenkompromisses befriedet wurden. Man k\u00f6nnte auf sie den Begriff der Arbeiteraristokratie anwenden.<\/p>\n<p>Eiden-Offe zeigt, wie sich auch diese Einhegung eines Teils des Proletariats in den zeitgen\u00f6ssischen Schriften niederschl\u00e4gt, beispielsweise in Ernst Willkomms Roman \u201eWeisse Sclaven oder die Leiden des Volkes\u201c von 1845. Hier ging es zum Schluss um die nationale Einhegung der ArbeiterInnen. Eiden-Offe beschreibt die Konsequenzen pr\u00e4zise: \u201eAb jetzt sollte es keine \u201avaterlandslosen Gesellen\u2018, keine \u201aheimatlose Klasse\u2018 mehr geben, sondern nur noch \u201adeutsche Arbeiter\u2018, die vaterlandslosen Gesellen\u2018, die es nat\u00fcrlich weiterhin gibt, werden marginalisiert und ausgeschlossen: ideologisch wie materiell, wenn sie aus der staatlichen F\u00fcrsorge rausfallen\u201c.<\/p>\n<p>Der Autor beschreibt pr\u00e4zise, dass diese nationale Einhegung zum \u201eSargnagel des buntscheckigen Proletariats des Vorm\u00e4rz\u201c wurde, dessen Geschichte in dem Buch erz\u00e4hlt wird. Allerdings zeigte sich in der letzen Zeit das ver\u00e4nderte Gesicht der heutigen ArbeiterInnenklasse, beispielsweise bei den zahlreichen Arbeitsk\u00e4mpfen im Pflege- und Gesundheitsbereich, aber auch bei Kurierdiensten. Es sind dort sehr viele Frauen aktiv, und nicht wenige der ProtagonistInnen dieser K\u00e4mpfe haben einen Migrationshintergrund.<\/p>\n<p>Vielleicht wird hier in Ans\u00e4tzen diese bunte, gar nicht so heterogene ArbeiterInnenklasse sichtbar, die in dem Buch so anschaulich beschrieben wird.<\/p>\n<p><strong>Peter Nowak<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der entstehende Kapitalismus brachte nicht nur massenhaftes Elend hervor. Mit ihm bildeten sich in den unteren Klassen auch neue Formen der Dichtung und des Erz\u00e4hlens heraus, in denen die Misere der Gegenwart und Formen des Widerstands eindr\u00fccklich beschrieben werden. Nur wenige dieser Schriften sind heute noch bekannt. 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