{"id":17726,"date":"2018-09-28T12:00:00","date_gmt":"2018-09-28T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/der-militaerisch-gewerkschaftliche-komplex\/"},"modified":"2022-07-26T13:30:52","modified_gmt":"2022-07-26T11:30:52","slug":"der-militaerisch-gewerkschaftliche-komplex","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/der-militaerisch-gewerkschaftliche-komplex\/","title":{"rendered":"Der milit\u00e4risch-gewerkschaftliche Komplex"},"content":{"rendered":"<p>Malte Meyer schl\u00e4gt mit diesem Buch, das im Untertitel nicht umsonst das \u201eund\u201c zwischen Gewerkschaften und Milit\u00e4r betont, einen Jahrhundertbogen zum Verh\u00e4ltnis der gewerkschaftlichen Verflechung mit dem Milit\u00e4r. Obwohl wir vieles wohl erahnten, ist der Befund des Autors ersch\u00fctternd.<\/p>\n<p>Die gegenseitige Kooperation ist historisch gewachsen; beide Institutionen verstanden sich als tragende Pfeiler des Staates \u2013 in den 20er-Jahren und w\u00e4hrend des Kalten Krieges, so der Autor, immer auch mit antikommunistischem Vorzeichen.<\/p>\n<p>Es ist somit eine Geschichte der Kollaboration oder auch \u201eQuerfront\u201c, die Malte Meyer hier ausbreitet, und eine Geschichte dar\u00fcber, wie sozialrevolution\u00e4re oder systemkritische Bewegungen durch diesen Doppelgriff von innen und au\u00dfen befriedet wurden.<\/p>\n<p>Meyer zeigt auf, wie durch eine b\u00fcrokratisch-funktion\u00e4rsdominierte Spaltung zwischen Basis und F\u00fchrung der sozialdemokratischen Gewerkschaften von ADGB und sp\u00e4ter DGB die Vorstands- und F\u00fchrungsebene eine abgekoppelte Eigendynamik entwickelte und die Einbindung in den milit\u00e4risch-industriellen Komplex betrieb. Der Autor beginnt seine historisch-kritische Darstellung beim folgenschweren Burgfrieden im Ersten Weltkrieg. Neben patriotischer Kriegspropaganda leistete der ADGB gewerkschaftliche Hilfsleistungen wie Zahlungen aus der Gewerkschaftskasse an Soldatenfamilien oder die Zeichnung von Kriegsanleihen. Der Deutsche Metallarbeiterverband (DMV) steuerte z.B. 630.000 Mark f\u00fcr die R\u00fcstungsindustrie bei, w\u00e4hrend nach dem Kriege die Gewerkschaften als Wiederaufbauhilfe f\u00fcr das zerst\u00f6rte Belgien \u00fcberhaupt nur 5800 Mark beschlossen, diese aber nicht einmal \u00fcberwiesen (S. 28). Gewerkschaftsfunktion\u00e4re wie Carl Legien oder August M\u00fcller unterst\u00fctzten aktiv die Repression gegen einsetzende Streiks im Innern: \u201eEin Hundsfott, wer streikt, solange unsere Heere vor dem Feinde stehen\u201c (S. 39), eine Formulierung General Groeners, die der Zentralvorstand der Metallarbeiter explizit guthie\u00df. Rosa Luxemburg sprach damals vom \u201egewerkschaftlichen Sozialimperialismus\u201c (S. 41).<\/p>\n<p>Im Anschluss an die Niederlage von 1918 zeigt Meyer anhand der Beispiele der Niederschlagung der R\u00e4tebewegung, von Kapp-Putsch und Generalstreik 1920 und dann der Roten Ruhrarmee, wie der ADGB-Vorstand durch Legien (Stinnes-Legien-Abkommen \u00fcber Acht-Stunden-Tag und Koalitionsfreiheit) das in die Krise geratene Milit\u00e4r zu einem selbst f\u00fcr Milit\u00e4rs \u201e\u00fcberraschend niedrigen Preis\u201c (S. 49) erneut legitimierte.<\/p>\n<p>Im Laufe der Weimarer Republik konnten die Milit\u00e4rs und der Staat St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck gemachte Zugest\u00e4ndnisse wieder r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Spannend liest sich das Kapitel \u00fcber die \u201eQuerfront von ADGB und Reichswehr\u201c (S. 65ff.) ab Mitte der 20er-Jahre. Der ADGB-Vorstand machte eine eigenst\u00e4ndige, von der Basis abgehobene Politik und w\u00e4hlte sich als Kontaktpersonen etwa Gregor Strasser von der NSDAP oder auch den Totengr\u00e4ber der Republik, Karl von Schleicher, der gar als \u201esozialer General\u201c bezeichnet wurde (S. 78ff.). Mit dieser Querfront wurde der Kampf gegen den Versailler Vertrag ausgerufen, es entwickelte sich eine Verzahnung von \u201eWehrsport\u201c, \u201eJugendert\u00fcchtigung\u201c oder gewerkschaftlicher Projekte im \u201eFreiwilligen Arbeitsdienst\u201c. Die patriarchale Disziplinierung und innere Militarisierung der Gewerkschaftsbewegung f\u00fchrte zu einem Fetisch, Ordnungsdenken und Schutz der Organisation \u00fcber alles zu stellen, und zu einer Unf\u00e4higkeit, im rechten Moment gegen die Nazis zu streiken.<\/p>\n<p>Bei Wilhelm Leuschner, ADGB-Vize und in Weimar Polizeiminister, erw\u00e4hnt Meyer dessen Antinazismus kurz, etwa dass er die Publikation der \u201eBoxheimer Dokumente\u201c 1931 zur Machtergreifung der Nazis veranlasst hat. Doch wegen seines elit\u00e4ren Antikommunismus geh\u00f6rte er danach durch Querfront-Kontakte auf hoher milit\u00e4rischer Ebene zun\u00e4chst dem Kreisauer Kreis, dann der Gruppe um Goerdeler an. Meyer zitiert dazu den Historiker Mommsen, Leuschner habe mit Goerdeler \u201eein eher statisches Umsturzkonzept\u201c geteilt, \u201edas ganz auf den milit\u00e4rischen Ausnahmezustand abgestellt war, w\u00e4hrend Julius Leber und Stauffenberg sich dem Leitbild einer Volkserhebung verpflichtet\u201c f\u00fchlten (S. 95).<\/p>\n<p>Meyer befasst sich danach mit der \u201eOhne Uns\u201c-Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch hier behandelt er exemplarisch die Person des Ex-Gewerkschafters Theodor Blank, dessen legend\u00e4res \u201eAmt Blank\u201c in Adenauers Sicherheitsamt und damit Milit\u00e4rpolitik eingebunden wurde (S. 118f.).<\/p>\n<p>Die Klammer gewerkschaftlicher Remilitarisierungsbef\u00fcrworter war damals, so Meyer, ein ausgepr\u00e4gter Antikommunismus im beginnenden Kalten Krieg. Meyer erweist sich als unabh\u00e4ngiger Kritiker: Es folgt ein gutes und aufschlussreiches Kapitel \u00fcber den FDGB in der DDR und die Niederschlagung der Arbeiterunruhen 1953, wobei der FDGB als \u201eTransmissionsriemen\u201c der Staatspolitik (S. 148ff.) kritisiert wird.<\/p>\n<p>Es folgen Kapitel \u00fcber Gewerkschaftspositionen zu den Notstandsgesetzen, zu 1968, zur \u00d6TV-Politik um die Einbindung von Bundeswehr-Soldaten und Zivilbesch\u00e4ftigten im Milit\u00e4r. Spannend ist das Kapitel \u00fcber die IG Metall in der Kriegswaffenindustrie (S. 208ff.): In gro\u00dfen Teilen machten die IGM-Betriebsr\u00e4te hier simplen R\u00fcstungslobbyismus. Eine Ausnahme bildete die Diskussion Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre um R\u00fcstungskonversion im Anschluss an das bedeutsame Beispiel von Lucas Aerospace in Gro\u00dfbritannien (S. 223 ff.). Die elf (1983) gewerkschaftlichen Konversionsarbeitskreise konnten sich laut Meyer jedoch nie durchsetzen. Konversion lie\u00dfe sich, so Meyer, sogar als \u201eDiversifikation\u201c je nach Auftragslage zwischen zivilen und milit\u00e4rischen Produkten in die R\u00fcstungsindustrie einbinden (S. 231f.).<\/p>\n<p>Das Buch endet mit zwei Kapiteln \u00fcber gewerkschaftliche \u201eAbwehrk\u00e4mpfe gegen die Friedensbewegung\u201c in den 80er-Jahren und \u00fcber die erneute staatliche Einbindung der Gewerkschaften bei der Militarisierung der deutschen Au\u00dfenpolitik nach 1990 bis heute. Die Friedensbewegung, so Meyer, habe dabei noch \u00e4u\u00dferen Druck auf die Gewerkschaften aus\u00fcben k\u00f6nnen. Anhand der Beispiele \u201eKrefelder Appell\u201c, Bonner Friedensdemo 1981 (300.000 Teilnehmer*innen) und der bis 1983 diskutierten \u201eGeneralstreiksoption\u201c, aus der dann j\u00e4mmerliche f\u00fcnf Mahnstreik-\u201eMinuten f\u00fcr den Frieden\u201c am 5. Oktober 1983 wurden (S. 252f.), beschreibt Meyer den auch hier virulenten Widerspruch zwischen Vorstands-Verboten, offiziell als Gewerkschaften teilzunehmen und vielen Jugendgruppen und Einzelmitgliedern an der Basis, die das trotzdem taten.<\/p>\n<p>Insgesamt beschreibt Meyer die Ereignisse aus einer unabh\u00e4ngigen, tendenziell marxistischen Sichtweise. Im Untertitel w\u00e4re es wohl pr\u00e4ziser gewesen, das beschriebene Verh\u00e4ltnis als das von \u201esozialdemokratischen Gewerkschaften und Milit\u00e4r\u201c zu bezeichnen, um falsche Erwartungen zu vermeiden. Die Aktivit\u00e4ten und die Rolle z.B. von linkskommunistischen (AAUD) oder anarchosyndikalistischen (FAUD) Gewerkschaften in den Zwanzigerjahren, etwa beim Generalstreik gegen den Kapp-Putsch und danach, werden von Meyer leider mit keiner Silbe erw\u00e4hnt. Erhard Lucas\u2019 dreib\u00e4ndiges Monumentalwerk M\u00e4rzrevolution taucht zwar in der Literaturliste auf, wird aber nicht ausgewertet. Ein \u00e4hnlicher Mangel l\u00e4sst sich beim Kapitel \u00fcber die Friedensbewegung der 80er-Jahre feststellen. Obwohl gerade die unabh\u00e4ngige Friedensbewegung (BUF in Opposition zum damaligen KoFAZ-B\u00fcndnis), die Kontaktstelle f\u00fcr zivilen Ungehorsam (KoZU) und die F\u00f6GA (F\u00f6deration gewaltfreier Aktionsgruppen) mit ihren Hunderten von Basis- und Bezugsgruppen, mit ihren SprecherInnenr\u00e4ten, ihren direkten gewaltfreien Aktionen bis hin zu Man\u00f6verst\u00f6rungen im Fulda-Gap, auch mit ihrer Nationalismuskritik (Massenblockade urspr\u00fcnglich 1982 etwa vor dem Bundeswehr-Standort Gro\u00dfengstingen) den Druck auf die Gewerkschaften aufbauten, von dem Meyer spricht, werden sie im Buch leider an keiner Stelle erw\u00e4hnt. Die Graswurzelrevolution wird nie herangezogen, w\u00e4hrend dagegen die sektiererische, ohne jede Basis agiernde Gruppe ISF Freiburg \u2013 sp\u00e4ter Erfinder der albernen antideutschen Propaganda \u201eBomber Harris do it again!\u201c \u2013 als relevante antimilitaristische Kritik zitiert wird oder etwa \u201eziviler Ungehorsam, Blockadeaktionen, Verweigerungshaltung oder Wehrkraftzersetzung\u201c (S. 257) historisch falsch einem \u201eautonomen Antimilitarismus\u201c (S. 258) zugeschlagen werden.<\/p>\n<p>Damit vers\u00f6hnt am Ende allerdings ein wenig die Heranziehung von linkskommunistischen Analysen Otto R\u00fchles oder Anton Pannekoeks am \u201eNationalkapitalismus\u201c sozialdemokratischer Gewerkschaften oder der milit\u00e4rkritischen Analysen Ekkehart Krippendorffs (S. 294f.). Dies f\u00fchrt Meyer zur antipatriotischen Kritik an Karl Liebknecht und schlie\u00dflich doch zur \u2013 einzigen \u2013 Erw\u00e4hnung des gewerkschaftlichen Antipatriotismus des franz\u00f6sischen revolution\u00e4ren Syndialismus der Vorkriegs-CGT (S. 303).<\/p>\n<p><strong>N.O. Fear<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Malte Meyer schl\u00e4gt mit diesem Buch, das im Untertitel nicht umsonst das \u201eund\u201c zwischen Gewerkschaften und Milit\u00e4r betont, einen Jahrhundertbogen zum Verh\u00e4ltnis der gewerkschaftlichen Verflechung mit dem Milit\u00e4r. Obwohl wir vieles wohl erahnten, ist der Befund des Autors ersch\u00fctternd. 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