{"id":17729,"date":"2018-09-28T12:00:00","date_gmt":"2018-09-28T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/sehnsucht-nach-der-anarchie\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:49","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:49","slug":"sehnsucht-nach-der-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/sehnsucht-nach-der-anarchie\/","title":{"rendered":"Sehnsucht nach der Anarchie"},"content":{"rendered":"<p>Im Mai 2018 erschien unter dem Titel \u201eAnarchist*innen glauben an eine Alternative\u201c in der <em>Graswurzelrevolution<\/em> Nr. 429 ein Artikel von Natasha Walter als Vorabdruck. Bei diesem packenden Text handelt es sich um das von Jochen Schm\u00fcck 2018 erstmals ins Deutsche \u00fcbersetzte, biografische Nachwort, das die bekannte Feministin urspr\u00fcnglich 2002 f\u00fcr eine britische Neuauflage zum Buch ihres Vaters Nicolas geschrieben hat.<\/p>\n<p>Nun ist die von Jochen Schm\u00fcck neu \u00fcbersetzte und erweiterte Ausgabe von Nicolas Walters Bestseller \u201eAbout Anarchism\u201c unter dem Titel \u201eBetrifft Anarchismus. Leitfaden in die Herrschaftslosigkeit\u201c auf Deutsch erschienen.<\/p>\n<p>Die gute Schreibe hat die <em>Guardian<\/em>-Autorin Natasha Walter sozusagen von ihrem Vater Nicolas \u201egeerbt\u201c. Sein Buch war urspr\u00fcnglich ein Artikel und erschien erstmals 1969 in der britischen Anarchozeitschrift <em>Anarchy<\/em>, bevor der Text seitdem in mindestens 16 verschiedene Sprachen \u00fcbersetzt und in vielen L\u00e4ndern der Erde als Buch verbreitet wurde. \u201eAbout Anarchism\u201c ist ein moderner Klassiker, verst\u00e4ndlich und mitrei\u00dfend geschrieben, ein guter Einstieg in das Thema Anarchismus. Bis heute hat dieser Einf\u00fchrungstext kaum an Aktualit\u00e4t verloren und ist auch in der dritten deutschsprachigen Auflage seit 1979 dazu geeignet, jungen und alten Menschen zu vermitteln, was es mit der Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft auf sich hat.<\/p>\n<p>Der Historiker und Publizist Nicolas Walter (1934 &#8211; 2000) hat zahlreiche Texte und B\u00fccher unter anderem zu den Themen Anarchie und Atheismus geschrieben. Seit 1958 engagierte sich der Anarchist aktiv in der britischen Antikriegsbewegung.<\/p>\n<p>Besonders spannend nicht nur f\u00fcr Graswurzelrevolution\u00e4r*innen ist, dass das Gr\u00fcndungsmitglied des antimilitaristischen \u201eComitee of 100\u201c in der im Untergrund arbeitenden Gruppe \u201eSpies for Peace\u201c (Spione f\u00fcr den Frieden) aktiv war, die 1963 die bis dahin geheim gehaltenen Vorbereitungen der britischen Regierung zur F\u00fchrung eines Atomkrieges aufdeckte. Die Ausf\u00fchrungen seiner Tochter dazu lesen sich wie ein Krimi. (S. 79ff.)<\/p>\n<p>Aber auch die anderen Texte in der erweiterten Neuauflage sind eine Bereicherung f\u00fcr alle, die sich f\u00fcr libert\u00e4r-sozialistische Ideen, Str\u00f6mungen und Aktionsformen interessieren.<\/p>\n<p>Im pers\u00f6nlichen Geleitwort zur Neuauflage stellt Jochen Schm\u00fcck klar, dass der Anarchismus gerade wegen der Vielfalt seiner Erscheinungsformen stark ist und \u201ewegen der Toleranz, die die Anarchist*innen gegen\u00fcber der gesellschaftlichen Vielfalt haben\u201c. Der Libertad-Verleger erinnert uns daran, dass es \u201enicht den einen richtigen Weg gibt, der die Menschheit in die herrschaftsfreie solidarische Gesellschaft f\u00fchrt, sondern es gibt so viele Wege wie es Menschen gibt, die Sehnsucht nach der Anarchie haben\u201c. (S. 12)<\/p>\n<p>Nicolas Walters Text ist im Kontext des weltweiten Aufbruchs der 68er-Bewegung zu verstehen. Entsprechend optimistisch kommt er r\u00fcber. Das tut gerade heute gut. Seine Erkenntnisse bleiben so relevant wie damals. Nicolas Walter: \u201e\u00c4hnlich wie f\u00fcr Atheisten im Mittelalter, die die Existenz von Gott in Frage stellten, ist es f\u00fcr heutige Anarchisten nicht leicht, die traditionellen Schranken des Denkens zu durchbrechen und die Menschen davon zu \u00fcberzeugen, dass die Notwendigkeit einer Regierung nicht selbstverst\u00e4ndlich ist, sondern dass man \u00fcber sie diskutieren und sie sogar ablehnen kann.\u201c (S. 61)<\/p>\n<p>F\u00fcr Anarchist*innen sei es unabdingbar, sich ein ganz neues Bild von der Welt zu machen und eine neue Methode zu entwickeln, sich mit ihr zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<h3>Anarchismus-Bibliografie<\/h3>\n<p>F\u00fcr alle, die nach dem Genuss der Walter-Texte hungrig auf weitere anarchistische Leckerbissen geworden sind, bietet die von Jochen Schm\u00fcck kommentierte Anarchismus-Bibliografie mit 250 Titeln auf den Seiten 87 bis 198 fast alles, was das Herz begehrt. Fast alles, denn nat\u00fcrlich fehlen dabei auch etliche mir wichtige B\u00fccher, aber das ist angesichts der Vielzahl an anarchistischer Literatur, die in den letzten Jahren auch in deutscher Sprache erschienen ist, unvermeidlich.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mai 2018 erschien unter dem Titel \u201eAnarchist*innen glauben an eine Alternative\u201c in der Graswurzelrevolution Nr. 429 ein Artikel von Natasha Walter als Vorabdruck. 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