{"id":17731,"date":"2018-09-28T12:00:00","date_gmt":"2018-09-28T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/die-provinzialisierung-des-internationalen-anarchosyndikalismus\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:49","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:49","slug":"die-provinzialisierung-des-internationalen-anarchosyndikalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/die-provinzialisierung-des-internationalen-anarchosyndikalismus\/","title":{"rendered":"Die Provinzialisierung des internationalen Anarchosyndikalismus"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten drei\u00dfig Jahren ist die Erforschung der Geschichte des Anarchismus und revolution\u00e4ren Syndikalismus in bemerkenswerter Weise vorangekommen und hat viele neue Erkenntnisse gebracht. Die anarchistische und syndikalistische Bewegung war ein weltweites Ph\u00e4nomen und als Massenbewegung nicht auf die romanischen L\u00e4nder beschr\u00e4nkt, sondern auch in Osteuropa, in Lateinamerika, Asien und S\u00fcdafrika, verbreitet.<\/p>\n<p>Nach der Implosion des realen Sozialismus und der Anpassung der internationalen Sozialdemokratie an den Neoliberalismus werden der Anarchismus und revolution\u00e4re Syndikalismus nicht mehr nur als Randerscheinung der Arbeiterbewegung interpretiert, sondern auch als nicht abgegoltene Alternative zum globalen kapitalistischen Herrschaftssystem. Gleichzeitig findet auf wissenschaftlicher Ebene ein verst\u00e4rkter Austausch statt, etwa durch Publikationen und Konferenzen des \u201eAnarchist Studies Network\u201c und der vom \u201eInternationalen Institut f\u00fcr Sozialgeschichte\u201c (IISG) durchgef\u00fchrten Tagungen der \u201eEuropean Social Science History Conference\u201c.<\/p>\n<p>\u00dcber die revolution\u00e4r-syndikalistischen Bewegungen gibt es nicht nur umfangreiche neue Monographien, sondern auch internationale vergleichende Analysen. Dabei lassen sich grob zwei Interpretationen unterscheiden. Wayne Thorpe und Marcel van der Linden verwenden den Begriff in einem weiten Sinn und verstehen darunter alle revolution\u00e4ren Organisationen, die das Konzept der direkten Aktion vertreten. \u00c4hnlich argumentieren Lucian van der Walt und Michael Schmidt, die von einer \u201ebroad anarchist tradition\u201c ausgehen und den anarchistischen Charakter des revolution\u00e4ren Syndikalismus hervorheben, ungeachtet der Frage, ob sich die Mitglieder dieser Bewegungen diesem engen Beziehungsverh\u00e4ltnis bewusst waren oder nicht.<\/p>\n<p>Dem gegen\u00fcber vertreten Bert Altena und Vadim Damier eine engere Typologie des revolution\u00e4ren Syndikalismus und betonen die Bedeutung der Ideologie, d. h. des Anarchismus. Der Syndikalismus, so Altena, war nicht eine auf den Arbeitsplatz beschr\u00e4nkte sozio\u00f6konomische Bewegung, sondern eng verkn\u00fcpft mit anarchistischen Aktivit\u00e4ten oder schloss diese ein. Damier hat eine monumentale Arbeit \u00fcber die anarchosyndikalistische Internationale Arbeiter-Assoziation (IAA) verfasst, die leider nur in russischer Sprache vorliegt.\u00a0 Eine ausgezeichnete \u00dcberblicksdarstellung \u00fcber den Anarchosyndikalismus im 20. Jahrhundert von ihm ist jedoch in englischer Sprache erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p>Von einer Einf\u00fchrung in die Theorie und Geschichte des internationalen Anarchosyndikalismus w\u00fcrde man erwarten, dass der Autor die internationale Diskussion aufgreift und die wichtigsten Publikationen in deutscher und zumindest in englischer Sprache vorstellt. Dies ist bei Helge D\u00f6hring nicht der Fall. Zwar erw\u00e4hnt er einige der wesentlichen Arbeiten im Vorwort, greift deren Thesen in seiner Arbeit aber nur selten auf, um sie summarisch mit der Bemerkung abzufertigen, es mangele ihnen \u201emitunter stark an begrifflicher Sch\u00e4rfe, sowie an einer schl\u00fcssigen Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes\u201c (S. 13).<\/p>\n<p>Wie auch in seinen bisherigen Publikationen zum deutschen Anarchosyndikalismus blendet D\u00f6hring die Literatur zum Thema weitgehend aus, weil er sie offenbar nicht kennt oder weil er sie vors\u00e4tzlich ignoriert, da er bestimmte AutorInnen, Verlage oder Zeitschriften nicht mag; darunter die Graswurzelrevolution oder das \u201eArchiv f\u00fcr die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit\u201c, in denen wichtige Arbeiten zum Thema erschienen sind.<\/p>\n<p>Die mangelnde Kenntnis der Literatur kaschiert er mit der forschen Behauptung, f\u00fcr seine Darstellung sei \u201ekeine oberfl\u00e4chliche, lediglich sich an Sekund\u00e4rliteratur abarbeitende Betrachtung, sondern vielmehr eine kombinierte Wechselwirkung der historischen Quellen mit aktuellen Praxiserfahrungen\u201c erforderlich (S.12). Es bleibt f\u00fcr die Leserinnen und Leser ein R\u00e4tsel, wie diese \u201eWechselwirkung\u201c nun aussieht und von welchen \u201eaktuellen Praxiserfahrungen\u201c er ausgeht.<\/p>\n<p>D\u00f6hring benutzt fast ausschlie\u00dflich Quellen aus deutschen anarchosyndikalistischen Zeitungen und Brosch\u00fcren. Abgesehen von der methodisch sehr problematischen Vorgehensweise nur Selbstzeugnisse der Bewegung zu verwenden, die nicht quellenkritisch reflektiert werden, entsteht f\u00fcr die Zeit nach 1933 ein gravierendes Problem, da die bedeutendsten Publikationen der IAA nur noch in franz\u00f6sischer und spanischer Sprache erschienen sind. Und misst man den Verfasser an seinem eigenen Anspruch, dann hat er sehr ma\u00dfgebende, sogar leicht zug\u00e4ngliche Quellen nicht benutzt. Die Briefwechsel mit Rudolf Rocker, Helmut R\u00fcdiger, Augustin Souchy u. a. in den digitalisierten Nachl\u00e4ssen von Max Nettlau und Emma Goldman im IISG erm\u00f6glichen tiefere Einblicke in das Innenleben des internationalen Anarchosyndikalismus als gedruckte Dokumente; ganz zu schweigen vom Restbestand des IAA-Archivs und den Nachl\u00e4ssen Rocker und R\u00fcdiger im IISG, die D\u00f6hring nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Aus seiner Not, der mangelnden Kenntnis der Literatur und Quellen, m\u00f6chte D\u00f6hring eine Tugend machen. Mit der vorzugsweisen Benutzung deutschsprachiger Quellen und Literatur wolle er \u201edem deutschsprachigen Lesepublikum entgegenkommen\u201c, um diesem den Zugang \u201ein geographischer N\u00e4he zum eigenen Lebensumfeld\u201c zu erleichtern und um \u201ekonkrete und praktische Bez\u00fcge herzustellen\u201c (S. 12). Das Resultat seiner Anstrengungen ist dementsprechend provinziell, keinesfalls \u201erepr\u00e4sentativ f\u00fcr die Geschichte des internationalen Syndikalismus\u201c (S. 12), wie er vorgibt, sondern eine Abhandlung aus deutscher Perspektive mit internationalen Bez\u00fcgen, die indes vor sachlichen Fehlern und Auslassungen nur so strotzt.<\/p>\n<p>Dies m\u00f6chte ich an einigen besonderen gravierenden Punkten beleuchten. Die Liste lie\u00dfe sich allerdings f\u00fcr jedes Kapitel beliebig erweitern.<\/p>\n<ol>\n<li>D\u00f6hring \u00fcbergeht die Vorgeschichte des syndikalistischen Internationalismus. Die internationale syndikalistische Konferenz 1913 in London, auf der Vertreter von 12 L\u00e4ndern aus Europa und Lateinamerika ein internationales Informationsb\u00fcro gr\u00fcndeten, wird \u00fcberhaupt nicht erw\u00e4hnt. An diese Kontakte konnte die FAUD unter ma\u00dfgeblicher Initiative Rudolf Rockers nach dem Ersten Weltkrieg ankn\u00fcpfen, um ein Gegengewicht zur kommunistischen Roten Gewerkschafts-Internationale (RGI) zu bilden, die ihrerseits stark um die syndikalistischen Organisationen warb. Nach drei Jahren heftiger Auseinandersetzungen wurde Ende 1922 die IAA gegr\u00fcndet, der sich aber nicht alle syndikalistischen Organisationen anschlossen; ein nicht unbedeutender Teil der syndikalistischen Organisationen traten der RGI bei, die antiautorit\u00e4re IWW oder die f\u00f6derative \u201eAllgemeine Arbeiterunion (Einheitsorganisation)\u201c keiner der beiden Organisation. Die von Rocker verfasste Prinzipienerkl\u00e4rung markierte den \u00dcbergang vom revolution\u00e4ren Syndikalismus zum Anarchosyndikalismus mit ihrer radikalen Ablehnung politischer Parteien und des Staates. D\u00f6hring behandelt diese entscheidende Phase auf knapp einer Seite. Und das grundlegende Buch von Wayne Thorpe \u00fcber die Entstehung der IAA kennt er offensichtlich nicht.<\/li>\n<li>\u00dcber die wichtigsten Personen und die T\u00e4tigkeiten des Sekretariats sowie die ideologischen Auseinandersetzungen in der IAA berichtet D\u00f6hring nur in Andeutungen. Interessierte LeserInnen verweise ich diesbez\u00fcglich auf die Arbeit von Damier.<\/li>\n<li>Die 1930er Jahre und damit die Spanische Revolution fehlen vollst\u00e4ndig im geschichtlichen \u00dcberblick \u00fcber die IAA, obwohl diese Phase doch die wirkungsgeschichtlich bedeutsamste war. Zwar geht er auf einigen Seiten auf Spanien ein, dies aber nur unter der Pr\u00e4misse der politischen Anpassung der CNT. Dass aber die IAA \u00fcber die Frage der Regierungsbeteiligung der CNT fast auseinanderbrach, ist kein Thema f\u00fcr D\u00f6hring. Seine Ausf\u00fchrungen \u00fcber die IAA enden 1931 und setzen erst wieder in der Nachkriegszeit ein.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Im umgekehrt proportionalen Verh\u00e4ltnis zu den d\u00fcrftigen Befunden des Verfassers steht dessen Selbst\u00fcberh\u00f6hung. Als erste Kraft des selbst ernannten \u201eInstituts f\u00fcr Syndikalismusforschung\u201c geriert er sich als Chefhistoriker der kleinen syndikalistischen Bewegung. Er preist sein Buch als \u201eEssenz aus \u00fcber 10 Jahren intensiver Syndikalismusforschung\u201c, das einen \u201ebegeisternden Anklang\u201c gefunden habe und \u201edie st\u00e4ndig geifernden Stammkritiker bis dato verstummen lie\u00df\u201c. ((1))<\/p>\n<p>Seinen Fans mag er mit solchen Ausk\u00fcnften imponieren, diejenigen, die von der Sache etwas verstehen, schlagen nur die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammen.<\/p>\n<p><strong>Dieter Nelles<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten drei\u00dfig Jahren ist die Erforschung der Geschichte des Anarchismus und revolution\u00e4ren Syndikalismus in bemerkenswerter Weise vorangekommen und hat viele neue Erkenntnisse gebracht. Die anarchistische und syndikalistische Bewegung war ein weltweites Ph\u00e4nomen und als Massenbewegung nicht auf die romanischen L\u00e4nder beschr\u00e4nkt, sondern auch in Osteuropa, in Lateinamerika, Asien und S\u00fcdafrika, verbreitet. Nach der &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/die-provinzialisierung-des-internationalen-anarchosyndikalismus\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Provinzialisierung des internationalen Anarchosyndikalismus - graswurzelrevolution","description":"In den letzten drei\u00dfig Jahren ist die Erforschung der Geschichte des Anarchismus und revolution\u00e4ren Syndikalismus in bemerkenswerter Weise vorangekommen und hat"},"footnotes":""},"categories":[1008,44,1042],"tags":[],"class_list":["post-17731","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-432-oktober-2018","category-bucher","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17731","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17731"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17731\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17731"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17731"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17731"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}