{"id":17876,"date":"2018-08-01T21:08:52","date_gmt":"2018-08-01T19:08:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=17876"},"modified":"2018-10-04T21:09:03","modified_gmt":"2018-10-04T19:09:03","slug":"eine-anarchistische-alternative-zu-den-massenmedien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/08\/eine-anarchistische-alternative-zu-den-massenmedien\/","title":{"rendered":"Eine anarchistische Alternative zu den Massenmedien"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fred Spenner: Reporter ohne Grenzen hat im Barometer der Pressefreiheit 2017 aufgef\u00fchrt ((1)), dass u.a. nachweislich 52 Journalist*innen get\u00f6tet wurden, 178 JournalistInnen in Haft sitzen. Wie bewertest du diese Entwicklung?<\/strong><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Diese Entwicklung ist katastrophal. GWR sind wir solidarisch mit inhaftierten Kolleg*innen \u00fcberall. Die meisten inhaftierten Journalist*innen gibt es in der zunehmend autokratisch regierten T\u00fcrkei. Momentan sind dort mehr als 50 Journalist*innen inhaftiert, regimekritische Zeitungen werden vom AKP-Regime zerschlagen, kritische Journalist*innen entlassen oder au\u00dfer Landes getrieben. Nachdem unser Kollege Deniz Y\u00fccel im Februar 2017 in der T\u00fcrkei verhaftet wurde, haben wir am 10. M\u00e4rz 2017 als Graswurzelrevolution-Redaktion in M\u00fcnster den bundesweit ersten FreeDeniz-Fahrradkorso unter dem Motto \u00bbFreiheit f\u00fcr alle inhaftierten Journalist*innen\u00ab auf die Beine gestellt. Es war eine medienwirksame Demo mit \u00fcber 300 Teilnehmer*innen. ((2))\u00a0Ein Grund, warum ich diese Demo organisiert habe, war auch das solidarische Verhalten, das Deniz Y\u00fccel auszeichnet. Deniz war 2001 einer der wenigen Journalisten, der \u00fcber die Kriminalisierung der von mir presserechtlich verantworten Otk\u00f6k\u00fc (t\u00fcrkisch f\u00fcr Graswurzel) in der T\u00fcrkei berichtete. Die Otk\u00f6k\u00fc hatten wir damals als Graswurzelrevolution-Redaktion zusammen mit t\u00fcrkischen Anarchist*innen als t\u00fcrkisch-kurdisch-deutschsprachiges GWR-Supplement produziert. Alle Ausgaben der ersten Ausgabe, die wir in die T\u00fcrkei geschickt hatten, wurden dort beschlagnahmt, weil sich das Blatt mit dem t\u00fcrkischen Genozid an den Armeniern 1915, der Kriegsdienstverweigerung, dem t\u00fcrkisch-kurdischen Konflikt, dem Anarchismus und der schwul-lesbischen Szene in der T\u00fcrkei besch\u00e4ftigte. Alles Themen, die in der T\u00fcrkei bis heute tabuisiert werden. Um unsere Mitarbeiter*innen in der T\u00fcrkei nicht zu gef\u00e4hrden, haben wir die sieben danach ver\u00f6ffentlichten Otk\u00f6k\u00fc-Ausgaben nicht mehr in die T\u00fcrkei geschickt. Deniz Y\u00fccel berichtete im Mai 2001 in der Jungle World solidarisch \u00fcber die Otk\u00f6k\u00fc-Kriminalisierung. Das war auch ein Grund daf\u00fcr, dass wir uns 2017 so sehr f\u00fcr ihn engagiert haben. Solidarit\u00e4t ist keine Einbahnstra\u00dfe. Und die Pressefreiheit ist auch in Deutschland keineswegs gew\u00e4hrleistet. Das zeigt sich nicht nur daran, wie mit kritischen Journalist*innen im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel 2017 in Hamburg umgegangen wurde. Auch Autor*innen der Graswurzelrevolution, z.B. Ismail K\u00fcpeli und ich, haben in den letzten Jahren von AfDlern, Grauen W\u00f6lfen und Erdo\u011fan-Fans Hatemails und Drohungen bekommen. Die Pressefreiheit wird hierzulande aber nicht nur von faschistischen Trollen bedroht, sondern auch vom Staat, der unsere Arbeit nachrichtendienstlich \u00fcberwacht und behindert. Die Graswurzelrevolution erscheint seit Sommer 1972. Seitdem wurde auch unsere Zeitschrift mehrmals kriminalisiert. Beispiele: 1999\/2000 wurde gegen mich als V.i.S.d.P. der Graswurzelrevolution Nr. 239 (April 1999) und gegen 90 UnterzeichnerInnen eines Blockade- und Desertionsaufrufs zum Jugoslawienkrieg strafrechtlich nach \u00a7 111 StGB ermittelt. 1999 bombardierten zum dritten Mal im 20. Jahrhundert deutsche Bomber Belgrad. Der NATO-Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien 1999 war der erste Angriffskrieg mit direkter deutscher Beteiligung seit 1945. Es war auch das erste Mal, dass gegen einen deutschen Redakteur nach 1945 wegen \u00bbAufruf zur Desertion\u00ab bzw. \u00bb\u00f6ffentlicher Aufforderung zu Straftaten\u00ab ermittelt wurde. Wir hatten im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg zu Blockaden einer Kaserne in Calw und zudem alle Soldaten zur Desertion aufgerufen. Das Propagieren direkter Aktionen hatte der \u00bbMonatszeitung f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft\u00ab zuvor schon mehrere Ermittlungsverfahren eingebracht, z. B. wegen des in der GWR Nr. 110 vom Dezember 1986 abgedruckten Artikels \u00bbWenn der Strommast f\u00e4llt \u2026 \u2013 \u00dcberlegungen zu Sabotage als direkte gewaltfreie Aktion\u00ab oder aufgrund des Nachdrucks des kriminalisierten \u00bbMescalero\u00ab-Textes w\u00e4hrend des Deutschen Herbstes 1977. Pressefreiheit muss von unten durchgesetzt werden \u2013 \u00fcberall.<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: Das Vertrauen in Medien, Parteien und Regierungen ist weiter gesunken. Deutlich wird im Global Trust Report 2017 ((3)), dass ein mangelndes Vertrauen nicht nur in kleinen, mehr oder weniger von der Mitte der Gesellschaft entkoppelten Gruppen vorherrscht, die aufgrund ihrer eigenen abweichenden politischen Meinung und ihrem Gesellschaftsbild mit Argwohn auf die Institutionen blicken. Das b\u00f6te eine Chance alternativer Medien wie der GWR. Doch wie kann die GWR das Vertrauen in der Gesellschaft \u00fcberhaupt gewinnen?<\/strong><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Zum Beispiel durch Aufkl\u00e4rungsarbeit, durch gut recherchierte journalistische Artikel, durch Engagement in den sozialen Bewegungen, durch das Entwickeln von Alternativen in Theorie und Praxis. Ich denke, die GWR genie\u00dft Vertrauen bei vielen Menschen aus der gewaltfreien und anarchistischen Szene, aus der Anti-Atom- und Klimabewegung, in feministischen Kreisen, in antirassistischen Gruppen, bei Antifas und in Teilen der Zivilgesellschaft. Sie ist vor allem auch ein Sprachrohr und Diskussionsorgan aus diesen emanzipatorischen, staatskritischen sozialen Bewegungen. Allerdings bewegt sich die GWR in gewisser Weise in einer sozialen Nische. Sie ist einerseits die letzte vergleichsweise auflagenstarke Zeitschrift aus der anarchistischen Bewegung. Viele Aktivist*innen aus den sozialen Bewegungen nutzen sie. Sie bleibt aber eine Nischenzeitung, was auch damit zu tun hat, dass vor allem auch intellektuelle Autor*innen in der GWR schreiben, \u00fcber Themen, die nicht unbedingt alle Menschen interessieren. Eine Massenauflage, wie sie die BILD hat, wird die GWR deshalb nie bekommen. Aber als Impulsgeber f\u00fcr soziale Bewegungen bleibt sie hoffentlich auch in den n\u00e4chsten 46 Jahren wichtig.<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: \u00bbIn den Medien muss sich \u203afast alles\u2039 \u00e4ndern.\u00ab Mit diesen Worten brachte der Soziologe Hauke Brunkhorst im Telepolis-Interview auf den Punkt, was kritische MediennutzerInnen seit geraumer Zeit ansprechen: Die Verwerfungen in den Medien sind gewaltig. Was ist deine Kritik an der Berichterstattung gro\u00dfer Medien bzw. an der Nachrichtenproduktion?<\/strong><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Uiii, das sprengt den Rahmen eines Interviews, wenn ich das jetzt angemessen beantworten soll. Dazu haben wir in der GWR schon viele Artikel geschrieben, die zum Teil auch auf www.graswurzel.net zu finden sind. ((4)) Ich denke, dass die Massenmedien einen gro\u00dfen Anteil an der Verdummung und Verrohung weiter Teile der Bev\u00f6lkerung haben. Dass sechs Millionen Deutsche bei der letzten Bundestagswahl eine rassistische, sexistische und menschenfeindliche Partei gew\u00e4hlt haben, hat auch damit zu tun, dass BILD, Spiegel und Co. vor einigen Jahren den Rassisten Sarrazin mit Buch-Vorabdrucken gehyped haben und bis heute in den allabendlichen Talkshows die AfDler ihre braun-blaue Hetze in die K\u00f6pfe der Zuschauer*innen pflanzen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend emanzipatorische, antifaschistische, libert\u00e4r-sozialistische Bewegungen dort nur sehr selten zu Wort kommen. Massenmedien stellen also f\u00fcr die Entwicklung und Verbreitung emanzipatorischer Ideen ein Hindernis dar, im Gegensatz zu den alternativen Klein- und Kleinstpublikationen. In diesem Zusammenhang m\u00f6chte ich aus Yona Friedmans Buch \u00bbMachbare Utopien\u00ab zitieren: \u00bbStellen wir uns eine Zeitung (&#8230;) vor, die alle zu einem bestimmten Zeitpunkt entstandenen neuen Ideen sammeln wollte. Wir haben (&#8230;) gesehen, dass es praktisch unm\u00f6glich w\u00e4re, in einer solchen Sammlung ein bestimmtes Thema zu finden. Es gibt nur ein Mittel, um dem Leser das in einer Zeitung (&#8230;) enthaltene Material zug\u00e4nglich zu machen: Die Masse des Materials muss reduziert werden. Es muss also eine Auswahl getroffen werden, aber diese Auswahl kann nur schlecht sein, denn auch die Herausgeber oder Zensoren, die sie vornehmen, sind au\u00dferstande, eine solche Unmenge von Informationen zu lesen, um nur eine davon auszuw\u00e4hlen. \u00dcberdies w\u00fcrde diese Auswahl besonders schwierig sein im Falle neuer, ungewohnter Ideen, deren Terminologie noch nicht allgemein bekannt sein kann und die eine gewisse Zeit zum Nachdenken erfordern. Die Herausgeber oder Zensoren (&#8230;) werden daher automatisch das zweitrangige, aber bereits bekannte Material behalten und alle neuen Ideen ablehnen. Diese Tatsache k\u00f6nnen wir tagt\u00e4glich in unseren Zeitungen, auf den Fernsehbildschirmen etc. best\u00e4tigt finden.\u00ab<\/p>\n<p>Die Massenmedien ersticken also neue Ideen. Anders als anarchistische Periodika, setzen sie die Herrschaftsstrukturen im Zeitalter der kapitalistischen Globalisierung als unantastbar voraus und tragen so zu ihrer Zementierung bei. Nach Meinung des Anarchisten Noam Chomsky handelt es sich hierbei weder um Zufall noch um eine besondere B\u00f6sartigkeit. Der fabrizierte Konsens, von dem Chomsky in \u00bbManufacturing Consent\u00ab spricht, geht von den kapitalistischen Unternehmern als unantastbarem Heiligtum aus. Chomsky sieht f\u00fcnf \u00bbFilter\u00ab am Werk, die das Funktionieren der Massenmedien steuern.<\/p>\n<ol>\n<li>Der erste Filter: Die Medien sind im wachsenden Ma\u00dfe gro\u00dfe Konzerne wie das Kirch-, Berlusconi- oder Bertelsmann-Imperium.<\/li>\n<li>Den zweiten Filter stellen Werbe- und AnzeigenkundInnen dar. Sie sind f\u00fcr Chomsky die eigentlichen Kund*innen, auf deren W\u00fcnsche die T\u00e4tigkeit der b\u00fcrgerlichen Medien ausgerichtet sein muss. Die KonsumentInnen sind, in der Sprache des Marktes, lediglich das \u00bbProdukt\u00ab, das aggressiv beworben wird.<\/li>\n<li>Der dritte Filter wird durch die Zugangsm\u00f6glichkeiten zu gesellschaftlich wichtigen Institutionen wie Unternehmen oder staatlichen Einrichtungen gebildet. Wem werden die Informationen gegeben und wem nicht? Welche Medien werden die neuesten Informationen erhalten, wem wird die M\u00f6glichkeit zu einem \u00bbinformellen Gespr\u00e4ch\u00ab einger\u00e4umt? Den Medien, die zusammen mit Konzernen und Parteien die Sicherung des \u00bbStandorts Deutschlands\u00ab verfechten, oder den Menschen, die direkte Widerstandsaktionen gegen Militarisierung, Klimakiller, Atompolitik, Umstrukturierung und rassistische Propagandist*innen leisten? Eine wohl eher rhetorische Frage.<\/li>\n<li>Als vierten und<\/li>\n<li>f\u00fcnften Filter zur Eliminierung kritischen Denkens aus den Medien nennt Chomsky systematische \u00bbSchmutzkampagnen gegen AbweichlerInnen\u00ab und, vor allem auf die USA bezogen, \u00bbAntikommunismus als nationale Religion\u00ab. Das KPD-Verbot 1956, die Antiterrorismushysterie, die im \u00bbDeutschen Herbst\u00ab 1977 einen H\u00f6hepunkt erreichte, die aktuelle CSU-Hetze gegen die \u00bbAnti-Abschiebe-Industrie\u00ab belegen, dass diese Prozesse auch in der Bundesrepublik wirksam waren und sind.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Nach Chomsky beruht die Struktur moderner Medien auf einem herrschenden Konsens, der durch den Wiedererkennungswert bestimmter Meldungen st\u00e4ndig reproduziert wird. Die Meldung \u00bbKommunisten unter Pol Pot begehen in Kambodscha V\u00f6lkermord\u00ab musste demnach in der US-\u00d6ffentlichkeit ab Mitte der siebziger Jahre nicht belegt oder ausf\u00fchrlich begr\u00fcndet werden, um geglaubt zu werden. Sie fu\u00dfte auf dem herrschenden Konsens des medial gepr\u00e4gten Prokapitalismus und US-typischen Antikommunismus. Die Nachrichten: \u00bbUSA begeht in Kambodscha V\u00f6lkermord\u00ab (dies war 1975 der Fall) und: \u00bbVon den USA unterst\u00fctzte indonesische Interventionstruppen begehen in Ost-Timor V\u00f6lkermord\u00ab (dies war nach 1975 ein Fakt) hatten keine Chance auf Zustimmung, weil sie dem herrschenden Konsens widersprachen. Es h\u00e4tten erst Beweise, Belege und Dokumente angef\u00fchrt werden m\u00fcssen, um glaubw\u00fcrdig zu werden.<\/p>\n<p>Demnach f\u00f6rdern kurze Nachrichten den herrschenden Konsens. Abweichende oder den Konsens durchbrechende Nachrichten haben kaum eine Chance, weil sie in der K\u00fcrze der Zeit nicht begr\u00fcndet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: Ist die gro\u00dfe Meinungsvielfalt in der deutschen Presse Geschichte?<\/strong><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Nein, es gibt immer noch mediale Nischen, in denen Meinungsvielfalt eine Chance hat. Damit meine ich nicht nur die kleinen, linken Alternativmedien wie GWR, ak, <em>Contraste<\/em>, <em>Gai Dao<\/em> und andere, sondern auch Nischen etwa auf arte, in TV-Sendungen wie Monitor und auch in Tageszeitungen wie taz, ND, <em>junge Welt<\/em> und anderswo. Aber diese Meinungsvielfalt ist immer auch gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: &#8230;und welche Ma\u00dfst\u00e4be hat die GWR-Redaktion im Umgang mit Informationen und welche Probleme k\u00f6nnen sich hierbei ergeben?<\/strong><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: In gewisser Weise orientieren wir uns journalistisch an den Ma\u00dfst\u00e4ben des \u00bbFriedensjournalismus\u00ab, wie sie der Friedensforscher Johan Galtung formuliert hat. Es gibt kommunikationswissenschaftliche und soziologische Uniarbeiten, in denen analysiert wird, ob die GWR den von Galtung entwickelten Kriterien des \u00bbFriedensjournalismus\u00ab entspricht. ((5)) Ist die Berichterstattung der GWR also \u00bbfriedens- und konfliktorientiert\u00ab, \u00bbwahrheitsorientiert\u00ab, \u00bbmenschenorientiert\u00ab und \u00bbl\u00f6sungsorientiert\u00ab? Das Fazit des Soziologen Dominik Hanning lautete 2003: \u00bbDa das Medium eine Bewegungszeitschrift ist, erreicht sie nur eine relativ kleine Leserschaft. Daher wird es schwer sein f\u00fcr die GWR auch \u203aBewegungsfremde\u2039 zu erreichen. Dies ist sehr schade, denn die GWR hat den Friedensjournalismus nach Johan Galtung zum gr\u00f6\u00dften Teil umgesetzt und stellt eine interessante Alternative zu den Massenmedien dar.\u00ab ((6)) Ich denke, das ist heute immer noch so.<\/p>\n<p>Als anarchistische Zeitschrift ist die GWR au\u00dferdem basisdemokratisch organisiert und zudem unabh\u00e4ngig von Werbeeinnahmen. Alle Entscheidungen werden im Konsens des GWR-HerausgeberInnenkreises getroffen. Basisdemokratische Strukturen, wie es sie bei der GWR gibt, sind wichtig f\u00fcr das Funktionieren von Alternativmedien. Wichtig ist uns eine \u00bbPerspektive von unten\u00ab, eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Gegenwart. Libert\u00e4r-sozialistische Medien wie die GWR schaffen eine zun\u00e4chst kleine Gegen\u00f6ffentlichkeit, sie ver\u00f6ffentlichen Informationen, die in den Massenmedien nicht oder nur in hom\u00f6opathischen Dosen vorkommen. Ihre Chancen liegen auch in der St\u00e4rkung der au\u00dferparlamentarischen Bewegungen. Dabei ist die basisdemokratische Verfasstheit von Bedeutung. Alles immer basisdemokratisch abzustimmen ist schwierig, aber basisdemokratische Strukturen tragen auch dazu bei, dass die GWR immer noch an die sozialen Bewegungen ankn\u00fcpft.<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: Was bedeutet f\u00fcr dich pers\u00f6nlich die GWR-Zeitung?<\/strong><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Mein j\u00fcngster, 13-j\u00e4hriger Sohn hat das neulich sch\u00f6n auf den Punkt gebracht: \u00bbDie Graswurzelrevolution ist doch Papas Leidenschaft.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: Die Graswurzelrevolution und ihr Umfeld hatten in den siebziger Jahren gro\u00dfen Einfluss auf die entstehende Anti-AKW-Bewegung. Inwiefern kann das GWR-Leitziel \u00bbeiner tiefgreifenden gesellschaftlichen Umw\u00e4lzung\u00ab heute Potential aus linken und sozialen Protestbewegungen sch\u00f6pfen und Einfluss auf diese nehmen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, dass sich GWR und soziale Bewegungen gegenseitig beeinflusst haben \u2013 und das immer noch tun. So haben auch neue, erstarkende Bewegungen wie \u00bbEnde Gel\u00e4nde\u00ab ihren Platz in der GWR. Die Autor*innen sind Teil dieser emanzipatorischen Bewegungen und bringen neue Impulse sowohl f\u00fcr die Bewegungen als auch f\u00fcr den GWR-Herausgeber*innenkreis.<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: Welche aktivierenden Ver\u00e4nderungen sind f\u00fcr diese Umw\u00e4lzung \u00fcberhaupt notwendig?<\/strong><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Beispielsweise ein langer Atem, ein solidarisches Kollektiv, Gegenmacht von unten und der Wille, herrschaftsfreie Theorie und Praxis generations\u00fcbergreifend weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: Im Jahre 1972 erschien erstmals die Graswurzelrevolution. Die Charakterisierung der 70er Jahre war gepr\u00e4gt von Begriffsbildungen wie \u00bbRisikogesellschaft\u00ab oder \u00bbErlebnisgesellschaft\u00ab in einer \u00dcbergangsepoche, deren Selbstbild zwischen einem verbreiteten Krisengef\u00fchl und neuer Aufbruchstimmung schwankte. Diese Charakterisierung ist auch heute wieder in der Gesellschaft sp\u00fcrbar. Was sind die Chancen und Risiken dieser Charakterisierung f\u00fcr die GWR-Inhalte?<\/strong><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Die Risikogesellschaft ist Realit\u00e4t. T\u00e4glich besteht die Gefahr etwa eines neuen Super-GAUs oder gar eines Krieges. Erst recht im Zeitalter des Trumpismus, wo ein rechtsextremer Narzisst mit einem Knopfdruck den nuklearen Massenmord ausl\u00f6sen k\u00f6nnte. Solange es Herrschaft und Kapitalismus gibt, f\u00fchren wir immer soziale K\u00e4mpfe. Und das nicht ganz erfolglos. Von den bis zu 200 Atomkraftwerken, die die Atommafia in Deutschland bauen wollte, konnte ein gro\u00dfer Teil durch den Druck der Anti-Atom-Bewegung verhindert werden. Der \u00bbAusstieg\u00ab ist allerdings noch immer nicht Realit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: Inwiefern findet sich in den GWR-Publikationen eine verbreitete Krisenrhetorik wieder? Und ist das eher kontraproduktiv hinsichtlich einer zunehmenden Individualisierung der Lebensentw\u00fcrfe in der Gesellschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Die GWR propagiert ein Leben ohne Chef und Staat, Gegenseitige Hilfe, freie Vereinbarung und Kommunikation. Sie verbreitet sozusagen einerseits eine kollektivistisch-anarchistische Utopie, andererseits versucht sie zur Politisierung beizutragen, indem sie \u00fcber Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse aufkl\u00e4rt und Strategien zur \u00dcberwindung und Bek\u00e4mpfung dieser Verh\u00e4ltnisse entwickelt. Der Kapitalismus ist die Krise. Und, ja, wenn es nicht gelingt, dieses natur- und menschenfeindliche Ausbeutungssystem zu \u00fcberwinden, ist die Menschheit \u00fcber kurz oder lang dem Untergang geweiht. Das sollten wir uns klar machen. Von daher ist der Gewaltfreie Anarchismus nicht nur eine Utopie, sondern auch ein m\u00f6gliches Mittel zur \u00dcberwindung eines Systems, das auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beruht.<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: In der GWR finden sich Interviews, Analysen zu aktuellen Ereignissen, aber auch eine umfassendere historische Auseinandersetzung zum Thema Anarchie. Welche langfristigen Auswirkungen k\u00f6nnen die redaktionellen Beitr\u00e4ge der GWR auf einen gesellschaftlichen Wandel haben?<\/strong><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Na, langfristig hoffentlich eine gewaltfreie Umw\u00e4lzung wie oben skizziert. Oder, wie es in unserer Selbstdarstellung hei\u00dft: \u00bbGraswurzelrevolution bezeichnet eine tiefgreifende gesellschaftliche Umw\u00e4lzung, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen. Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr eine Welt, in der die Menschen nicht l\u00e4nger wegen ihres Geschlechtes oder ihrer geschlechtlichen Orientierung, ihrer Sprache, Herkunft, \u00dcberzeugung, wegen einer Behinderung, aufgrund rassistischer oder antisemitischer Vorurteile diskriminiert und benachteiligt werden. Wir streben an, dass Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine f\u00f6deralistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden. Schwerpunkte unserer Arbeit lagen bisher in den Bereichen Antimilitarismus und \u00d6kologie. Unsere Ziele sollen \u2013 soweit es geht \u2013 in unseren Kampf- und Organisationsformen vorweggenommen und zur Anwendung gebracht werden. Um Herrschafts- und Gewaltstrukturen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und zu zerst\u00f6ren, setzen wir gewaltfreie Aktionsformen ein. In diesem Sinne bem\u00fcht sich die anarchistische Zeitung Graswurzelrevolution (&#8230;) Theorie und Praxis der gewaltfreien Revolution zu verbreitern und weiterzuentwickeln.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: Die GWR ist eine Bewegungszeitung und die Berichte entstehen aus der Ideologieorientierung der AutorInnen. Ist es deiner Meinung nach nicht sehr einseitig, wenn die GWR eine ideologische Klientelpolitik betreibt, um gleichzeitig auf ideologische Debatten Einfluss zu nehmen?<\/strong><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Ich sehe nicht, dass wir eine \u00bbideologische Klientelpolitik\u00ab betreiben. Wir sind in der GWR offen f\u00fcr Diskussionen und vertreten eine Weltanschauung, die ich aber \u2013 im Gegensatz zu Leninismus oder Marxismus \u2013 nicht als Ideologie bezeichnen w\u00fcrde. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine redaktionell gemachte Zeitschrift mit dem Untertitel \u00bbf\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft\u00ab in erster Linie Texte abdruckt, die im Sinne dieses Untertitels agitieren.<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: Der Schweizer Zeithistoriker Kurt Gritsch erkl\u00e4rt: \u00bbIm Nachrichtengesch\u00e4ft geht es um Interessen, nicht um Wahrheit.\u00ab Die GWR entlarvt in ihren Artikeln viele Unwahrheiten, verfolgt aber auch ein ganz spezielles Interesse, n\u00e4mlich \u201eTheorie und Praxis der gewaltfreien Revolution zu verbreitern und weiterzuentwickeln\u201c. Das bietet viele Reibungspunkte und Kritik aus der \u00bbanarchistischen (radikalen) Bewegung\u00ab. Wie gehst du damit um?<\/strong><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Ich freue mich \u00fcber Kritik und Auseinandersetzung auch aus der anarchistischen und aus anderen radikalen Bewegungen. Die GWR ist sicher nicht perfekt, aber ich denke, dass sich ihr recht offenes Konzept bew\u00e4hrt hat, sonst h\u00e4tte sie sich nicht schon so lange halten k\u00f6nnen. Tragisch finde ich, dass die meisten anarchistischen Zeitschriften mittlerweile verschwunden sind. Bei uns schreiben auch Menschen, die fr\u00fcher f\u00fcr die mittlerweile nur noch online und zum 1. Mai erscheinende anarchosyndikalistische <em>Direkte Aktion<\/em> (DA)\u00a0((7)) oder den leider ganz eingestellten <em>Schwarzen Faden<\/em> geschrieben haben. Wir k\u00f6nnen die fr\u00fchere Vielfalt von Anarcho-Bl\u00e4ttern nicht vollst\u00e4ndig ersetzen.<\/p>\n<p><strong>Fred Spenner: Anders herum k\u00f6nnen sich mit dem Begriff Graswurzelrevolution bis heute zahlreiche Gruppen und Bewegungen identifizieren. Warum kann oder muss der Wandel zu mehr Nachhaltigkeit also wirklich von unten, aus den sogenannten \u00bbGraswurzel\u00ab-Bewegungen heraus entstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Graswurzelrevolution\u00e4r*innen und andere Anarchist*innen wollen weder herrschen noch beherrscht werden. Wenn wir also eine egalit\u00e4re, freiheitlich-sozialistische Gesellschaft organisieren wollen, geht das nur von unten, durch Freie Assoziation, Gegenseitige Hilfe, Direkte Gewaltfreie Aktionen, kollektiv und solidarisch. Die von uns angestrebte menschenfreundliche Gesellschaft der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit sollte m\u00f6glichst auch schon in unseren fantasievollen Aktionsformen sichtbar werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fred Spenner: Reporter ohne Grenzen hat im Barometer der Pressefreiheit 2017 aufgef\u00fchrt ((1)), dass u.a. nachweislich 52 Journalist*innen get\u00f6tet wurden, 178 JournalistInnen in Haft sitzen. 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