{"id":18003,"date":"2017-12-01T16:27:06","date_gmt":"2017-12-01T14:27:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=18003"},"modified":"2018-10-07T16:32:42","modified_gmt":"2018-10-07T14:32:42","slug":"fuer-frieden-und-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/fuer-frieden-und-anarchismus\/","title":{"rendered":"F\u00fcr Frieden und Anarchismus"},"content":{"rendered":"<p><b>Ox: Bernd, wenn in den &#8222;etablierten Medien&#8220; \u00fcber Anarchismus berichtet wird, dann meist im Zusammenhang mit Terrorismus und Chaos, auch wenn wir wissen, dass Anarchismus damit nichts zu tun hat. Warum, glaubst du, hat sich diese Meinung so manifestiert und wie wirkst du mit deiner Arbeit in der GWR dagegen?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Wir versuchen, mit der Graswurzelrevolution dem Klischee &#8222;Anarchie ist Chaos und Terror&#8220; ein positives Bild entgegenzusetzen, auch indem wir Menschen zu Wort kommen lassen, die konkret in Kommunen, Alternativbetrieben und anderswo versuchen, ein St\u00fcck weit die Anarchie zu leben. Immanuel Kant hat Anarchie als &#8222;Freiheit und Gesetz ohne Gewalt&#8220; definiert. F\u00fcr uns ist Anarchie eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, die nach den Prinzipien der Gegenseitigen Hilfe und freien Vereinbarung organisiert ist. Ich will weder herrschen noch beherrscht werden. Dieser Libert\u00e4re Sozialismus ist derzeit eine Utopie. Anarchismus ist eine Bewegung, die Anarchie anstrebt und gleichzeitig der Weg, um den Freiheitlichen Sozialismus zu erreichen.<\/p>\n<p><b>Ox: Du wirst ja sehr oft zu den verschiedensten Gespr\u00e4chsrunden eingeladen, um \u00fcber Anarchismus zu referieren. Welches Feedback erh\u00e4ltst du?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Resonanz auf meine Vortr\u00e4ge und Diskussionsveranstaltungen freut mich. Am liebsten referiere ich vor Leuten, die klischeehafte Vorstellungen von Anarchie haben. Es ist klasse, wenn es dann eine hei\u00dfe Diskussion gibt und man nach einer Veranstaltung das Gef\u00fchl hat, die Vorurteile bei vielen Zuh\u00f6rerInnen ersch\u00fcttert zu haben. &#8222;Unrealistische Spinnerei&#8220; und \u00e4hnliche Todschlagargumente lassen sich am besten im Gespr\u00e4ch entkr\u00e4ften.<\/p>\n<p><b>Ox: Aufgrund diverser Vorurteile und nicht zuletzt wegen manch gewaltfreier Protestform, \u00fcber die ihr berichtet, die allerdings durchaus mit Sabotage zu tun haben kann, stelle ich mir vor, dass sowohl staatliche Instanzen als auch Andersdenkende die GWR etwas genauer unter die Lupe nehmen. Mit was muss man da so rechnen und wie wehrst du dich dagegen?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Die Graswurzelrevolution wird seit Erscheinen der Nullnummer im Sommer 1972 vom Verfassungsschutz beobachtet und ist in der Vergangenheit mehrmals wegen Aufrufen zur Desertion, zu Blockaden und direkten gewaltfreien Aktionen kriminalisiert worden. Wir reagieren auf die Erw\u00e4hnung in den VS-Berichten meist mit Ironie.<\/p>\n<p>Eine extrem \u00fcble Diffamierung der Graswurzelrevolution findet sich z.B. auf einer 1999 erschienenen Brosch\u00fcre des Bundesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz &#8222;Extremistische Bestrebungen im Internet&#8220;. Auf dem Titelblatt sind mehrere Computerbildschirme zu sehen. Auf dem Bildschirm vorne rechts das Graswurzelrevolution-Logo mit zerbrochenem Gewehr auf schwarzem Stern, auf dem Bildschirm vorne links &#8222;Adolf Hitlers Hass Seiten&#8220; mit Hakenkreuzfahne. Hier setzt der VS Gewaltfreien Anarchismus mit Nazis gleich. Unfassbar! Leider haben wir es vers\u00e4umt dagegen vorzugehen.<\/p>\n<p><b>Ox: In der GWR wird ein ganz anderes Bild von Anarchismus geschildert, gepr\u00e4gt von Gewaltlosigkeit, zivilem Ungehorsam und vor allem durch Bildung und Information.<\/b><\/p>\n<p><b>Wo, bei wem, wie und warum siehst du in unserer Welt anarchistische Tendenzen?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Ich denke, jeder Mensch tr\u00e4gt anarchistische Z\u00fcge in sich, die es zu wecken gilt. Ein Beispiel: Der Graswurzelrevolution\u00e4r Osman &#8222;Ossi&#8220; Murat \u00dclke aus Izmir ist ein Freund von mir. Er sa\u00df wegen seiner Kriegsdienstverweigerung mehr als zwei Jahre in der T\u00fcrkei im Knast. Die Zelle musste er sich mit Mehmet Bal teilen, einem Grauen Wolf, der wegen Mordes einsa\u00df. Der Horror schlechthin. Ossi ist ein Gewaltfreier Anarchist. Er hat sich lange im Knast mit dem Faschisten gestritten und ihn agitiert. Sp\u00e4ter wurde Mehmet Bal aufgrund einer Amnestie aus der Haft entlassen. Nun sollte er seinen Kriegsdienst ableisten. Stattdessen erkl\u00e4rte er \u00f6ffentlich seine Kriegsdienstverweigerung. Er habe schon einen Menschen get\u00f6tet und wolle nie wieder auf andere schie\u00dfen, schon gar nicht auf Befehl. Der Faschist hatte sich zum Kriegsdienstverweigerer gewandelt. Mehmet Bal wurde daraufhin so heftig gefoltert, dass er aufgrund seiner Verletzungen ausgemustert werden musste. Sein Fall zeigt aber, dass sich selbst ein faschistischer M\u00f6rder noch zu einem empathischen Menschenfreund wandeln kann. Anarchie, eine menschenfreundliche, egalit\u00e4re Gesellschaft, ist machbar, Frau Nachbar.<\/p>\n<p><b>Ox: Anarchistische oder libert\u00e4re Ans\u00e4tze, Str\u00f6mungen und Versuche gab es einige in der Geschichte, die allerding meist blutig niedergeschlagen wurden. Wer hat so sehr vor dieser Idee Angst? Und warum?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Anarchie ist f\u00fcr die Herrschenden \u00fcberall auf der Welt ein Schreckensbild. Sie haben Angst, ihre Macht \u00fcber andere Menschen zu verlieren. Au\u00dferdem macht es auch etwas mit den Menschen, wenn ihnen, wie jetzt nach den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg, von den Massenmedien immer wieder eingetrichtert wird, Anarchie sei Chaos und Terror. Viele glauben diese Propaganda und werden das Bild des anarchistischen Bombenlegers im Kopf nicht mehr los. Dabei hat der reale Anarchismus etwas mit Emanzipation, sozialer Gerechtigkeit, Selbstorganisierung und Aufbau von Kommunen zu tun, aber nichts mit Bomben werfen und Autos anz\u00fcnden. Der niederl\u00e4ndische Anarchist Bart de Ligt hat es so ausgedr\u00fcckt: &#8222;Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution.&#8220;<\/p>\n<p><b>Ox: Wann und wie kam dein Interesse f\u00fcr Anarchismus auf?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Das fing in der Pubert\u00e4t an. Es hat viel mit meiner Politisierung in der Friedensbewegung Anfang der 80er Jahre zu tun. Das Lesen anarchistischer Literatur und das H\u00f6ren anarchistischer Musik (Ton Steine Scherben, Cochise u.a.) spielten dabei eine gro\u00dfe Rolle. Sp\u00e4testens nach dem Lesen von &#8222;Was ist eigentlich Anarchie?&#8220; war mir klar, dass ich Anarchist bin.<\/p>\n<p><b>Ox: Was ist Anarchismus f\u00fcr dich: Wissenschaft, Arbeit, Gesellschaft, Utopie, etwas Pers\u00f6nliches?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Das alles, aber auch Kultur, Subkultur, eine Weltanschauung, die mir Kraft gibt im allt\u00e4glichen Kampf gegen die katastrophalen Auswirkungen des Kapitalismus. Anarchie ist eine wunderbare Idee zur Ver\u00e4nderung der Welt.<\/p>\n<p><b>Ox: Welche anarchistischen oder libert\u00e4ren Ans\u00e4tze lebst du? Was setzt du pers\u00f6nlich um? Welche anarchistische Str\u00f6mung liegt dir am meisten und warum?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Ich verstehe mich als Anarchist, als Libert\u00e4rer Sozialist, als Graswurzelrevolution\u00e4r, libert\u00e4rer Antimilitarist und undogmatischer Mensch. Als Redakteur der Graswurzelrevolution verbreite ich vor allem die Ideen des Gewaltfreien Anarchismus und stehe sowohl dem Anarchosyndikalismus als auch dem Projektanarchismus nahe. Na, war das jetzt verwirrend? Gut so. Pers\u00f6nlich versuche ich anarchistische Ideen zu leben, auch wenn das unter den Bedingungen des Kapitalismus nur bedingt m\u00f6glich ist. Ich wohne seit 1991 mit 60 Menschen in einem Wohnprojekt. Wir konnten schlie\u00dflich den Abriss verhindern und dann unsere selbstverwalteten H\u00e4user in Eigenregie \u00f6kologisch sanieren. In den sozialen Bewegungen engagiere ich mich seit Jahrzehnten und konnte zusammen mit anderen sowohl lokal als auch \u00fcberregional einiges von dem verwirklichen, was mir vorschwebte. Auch die Graswurzelrevolution sehe ich in diesem Kontext. Dass ich seit 1998 Koordinationsredakteur dieser anarchistischen Monatszeitung bin, ist f\u00fcr mich ein Gl\u00fcck. Immer wenn ich eine neue Druckvorlage an die Druckerei schicke, mache ich einen Luftsprung und denke: &#8222;Wieder ein Schritt Richtung Anarchie&#8220;.<\/p>\n<p><b>Ox: Vergessen wir einmal Demokratie mit Kapitalismus gleichzusetzen, was ja leider zurecht oft in Verbindung gebracht wird. Auch wenn vieles verbesserungsw\u00fcrdig ist, ist der Grundgedanke der Demokratie doch mit das Beste, verglichen mit dem, \u00fcber welche Regime in der GWR ansonsten berichtet wird, was die Menschheit im Sinne eines gemeinsamen, halbwegs friedvollen Zusammenlebens hervorgebracht hat, oder?<\/b><\/p>\n<p><b>Was w\u00fcrden anarchistische oder libert\u00e4re Ans\u00e4tze in der Demokratie besser machen, um mal einen kleinen Schritt zu gehen, oder ist das eine mit dem anderen gar nicht m\u00f6glich?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Als Anarchist lebe ich ja nicht auf dem Mond. Ich tue mich also oft auch mit anderen Linken und Fans nichtfaschistischer Parteien zusammen, etwa um Faschisten zu blockieren oder soziale Errungenschaften zu verteidigen. Mir ist die Parlamentarische Demokratie aber nicht demokratisch genug. Es wird in dieser kapitalistischen Demokratie viel zu wenig frei diskutiert, stattdessen bestimmen manipulative, rassistisch-sexistische Medien wie BILD und Co. das Denken der Massen. Eine parlamentarische Vertretung ist besser als eine Diktatur. Das Abgeben des Selbstbestimmungsrechts an andere ist aber auch in der Parlamentarischen Demokratie eine Form von Selbstentm\u00fcndigung. Im Kapitalismus regiert de facto das Kapital. Als Anarchist m\u00f6chte ich aber weder regiert werden noch regieren, auch nicht von Mehrheiten. Ich m\u00f6chte meine Entscheidungen selbstbestimmt und kollektiv treffen. Das ist eine Utopie, aber ihre Verwirklichung w\u00e4re die menschengerechteste Form sozialer Organisierung. Deshalb ist der HerausgeberInnenkreis der Graswurzelrevolution basisdemokratisch organisiert. Wir propagieren direkte gewaltfreie Aktionen als unmittelbare Formen der Selbstbestimmung.<\/p>\n<p>Uns ist bewusst, dass ein Wahlergebnis, wie das in den USA, einen extremen sozialen und politischen R\u00fcckschritt zur Folge haben und uns noch viel weiter von der Verwirklichung einer freiheitlich-sozialistischen Gesellschaft entfernen kann. Wie problematisch ein System ist, das einen Menschenfeind wie Trump in die Lage versetzt, den roten Knopf zu dr\u00fccken und somit die Menschheit auszul\u00f6schen, wurde durch das US-Wahlergebnis vielen bewusst.<\/p>\n<p>Immer mehr Menschen erkennen, dass das kapitalistische Herrschaftssystem ein menschheitsgef\u00e4hrdendes Potential hat. Ziel des Anarchismus ist es, die fortgesetzte Reproduktion von Herrschaft zu unterbrechen. Deshalb ist es uns wichtig, emanzipatorische Methoden der Entscheidungsfindung zu entwickeln, die ohne F\u00fchrer, Befehl und Gehorsam soziales Leben organisieren.<\/p>\n<p><b>Ox: Die Geschichte beweist, dass es manchmal Generationen dauert, um ein nachhaltiges Umdenken in einer Gesellschaft zu verankern. Es sei mal nur das Mittelalter und die Aufkl\u00e4rung in diesem Zusammenhang erw\u00e4hnt. Wo oder wie sollte der Samen heute f\u00fcr ein Umdenken ges\u00e4t werden, um in ein paar Jahren die ersten Erfolge ernten zu k\u00f6nnen?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: \u00dcberall. Ich denke, es wird immer mehr Menschen bewusst, dass die Menschheit ihrem Untergang geweiht ist, wenn sie so weiter macht, wie momentan. Der Kapitalismus zerst\u00f6rt die Lebensgrundlage zuk\u00fcnftiger Generationen. Eine gewaltfreie und herrschaftslose Alternative w\u00e4re die Anarchie. Dahin kommen wir mit Aufkl\u00e4rung. Wir brauchen eine freie, herrschaftskritische Presse, Gegen\u00f6ffentlichkeit und soziale Bewegungen, die f\u00fcr die W\u00fcrde aller Menschen und gegen Krieg, entfremdete Arbeitsverh\u00e4ltnisse, Ausbeutung, Umweltzerst\u00f6rung und andere Ausw\u00fcchse des Kapitalismus k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><b>Ox: Die Literatur, die ich bislang \u00fcber Anarchismus gelesen habe, unabh\u00e4ngig um welche Str\u00f6mung es sich hierbei handelte, f\u00fcr mich habe ich festgestellt, dass die Umsetzung von Anarchismus vor allem f\u00fcr viel Eigenverantwortung steht. Etwas, das in unserer Gesellschaft nur bedingt vermittelt wird, geschweige denn, dass dies gelernt wird, umzusetzen. Wie siehst du das?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen in sozialen und kollektiven K\u00e4mpfen \u00fcber sich hinaus wachsen k\u00f6nnen. Da bin ich optimistisch. Jeder Mensch ist auch zur eigenen Ver\u00e4nderung und zu eigenverantwortlichem Handeln f\u00e4hig.<\/p>\n<p><b>Ox: 45 Jahre GWR. Welche Themen waren in den 70er Jahren vorrangig und wie hat sich das Blatt thematisch (weiter-)entwickelt?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Anarchistische, antirassistische, \u00f6kologische, antimilitaristische, feministische und andere emanzipatorische Themen ziehen sich wie ein schwarz-roter Faden durch die 421 bisher erschienenen Ausgaben der Graswurzelrevolution.<\/p>\n<p>In den 70er Jahren spielten auch die Themen Kriegsdienstverweigerung und Anti-Atom-Bewegung herausragende Rollen. Beide Themen sind auch heute nicht gegessen, weil Kriegsdienstverweigerer in vielen L\u00e4ndern verfolgt werden und der Atomausstieg (auch hierzulande) noch nicht wirklich durchgesetzt ist. Durch die Aussetzung der &#8222;Wehrpflicht&#8220; und Merkels schrittweisen Atomausstiegsbeschluss nach Fukushima, spielen diese beiden Themen in der GWR aber nicht mehr so dominante Rollen wie fr\u00fcher. St\u00e4rker im Fokus der GWR sind heute zum Beispiel die internationale Klimabewegung, die Solidarit\u00e4t mit Gefl\u00fcchteten und der Widerstand gegen AfD und Neofaschismus. Intensiv diskutiert wurden in den letzten Jahren in der GWR unter anderem auch die antisoziale Hartz-4-Politik, abh\u00e4ngige Besch\u00e4ftigung, das Bedingungslose Grundeinkommen und Prostitution. Wir besch\u00e4ftigen uns nicht nur mit anarchistischer Theorie, sondern auch mit der &#8222;Produktionsph\u00e4re&#8220;, der die meisten Menschen ausgesetzt sind.<\/p>\n<p><b>Ox: Punk wurde unter anderem durch den Hit der SEX PISTOLS &#8222;Anarchy in the UK&#8220; gepr\u00e4gt. Viele Bands zogen damals mit. Was hat Punk deiner Meinung nach mit Anarchismus zu tun oder eben gar nicht?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Ich denke, der Punk hat dem Anarchismus viele neue Impulse gegeben. Und umgekehrt. Das Anarchismusverst\u00e4ndnis der Sex Pistols war aber eher eine Karikatur. Sie \u00fcbernahmen die verf\u00e4lschende Darstellung der Medien, die Anarchie mit Chaos und Zerst\u00f6rung gleichsetzt. Das anarchistische Ziel einer solidarischen, herrschaftslosen Gesellschaft kommt in der destruktiven &#8222;No Future&#8220;-Haltung der Pistols nicht vor. Da ist es nicht erstaunlich, dass der Ex-Pistols-S\u00e4nger John Lydon heute ein Fan des Sexisten und Rassisten Donald Trump ist. Die Pistols hatten nie eine anarchistische Utopie. Sie waren nihilistisch, aber nicht anarchistisch. Aber gleichzeitig gab es ja auch schon in den 70ern politische Anarchopunkbands wie CRASS, die mit &#8222;Anarchy and Peace&#8220; und ihrem eigenen CRASS-Label eine klare gewaltfrei-anarchistische Position vertraten.<\/p>\n<p><b>Ox: In England entwickelte sich in der zweiten Generation des Punk damals ein eigenes Subgenre: Anarcho-Punk, sowie Peace-Punk und diverse Bands brachten Themen wie Vegetarismus, Veganismus, Tierrechte (Animal Liberation Front), Abr\u00fcstung, Anti-Atomkraft, Anti-Kapitalismus, Hausbesetzungen, die Friedensbewegung usw. mit ins Spiel. Es wurde alles noch politischer und vieles davon war gepr\u00e4gt im Namen und im Zeichen des Anarchismus.<\/b><\/p>\n<p><b>In wieweit geht Anarchismus mit diesen Themen konform?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Na, da machst Du jetzt ein Fass auf, da k\u00f6nnten wir ein Buch zu schreiben und w\u00fcrden dem Ganzen trotzdem nur in Ans\u00e4tzen gerecht werden. Das sind alles Themen, die auch mit Anarchismus zu tun haben. Aber ich soll mich hier ja kurz fassen. Also, nur zwei Beispiele, dass politischer Punk und Anarchismus immer noch miteinander verwoben sind: Die Deutschpunkband Slime hat 2012 Texte des 1934 von den Nazis im KZ Oranienburg ermordeten Anarchisten Erich M\u00fchsam vertont. Und die leider mittlerweile aufgel\u00f6ste Anarcho-Pop-Punkband Chumbawamba hat mit ihren subversiven Texten den Weg in die Charts und die Supermarktberieselung gefunden.<\/p>\n<p><b>Ox: Hierzulande gab es Bands, die vielleicht inspiriert von der Polit- und Krautrock-Ecke (TON-STEINE-SCHERBEN waren hier ja eine ganz bedeutende Gruppe) von der Hippie-Bewegung und den Studentenprotesten, sich im Deutsch-Punk dem Anarchismus verschrieben.<\/b><\/p>\n<p><b>Hat das f\u00fcr das Gesamtbild Anarchismus deiner Meinung nach eher zum positiven oder zum negativen beigetragen?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Ton Steine Scherben haben mich und viele andere Anarchistinnen und Anarchisten im deutschsprachigen Raum gepr\u00e4gt. Die Scherben sind f\u00fcr mich die wichtigste deutsche Anarchorockband des 20. Jahrhunderts. Sie haben zur Politisierung beigetragen, also aufgekl\u00e4rt \u00fcber Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse. Es gibt keine Platte, die ich \u00f6fter geh\u00f6rt habe als &#8222;Keine Macht f\u00fcr Niemand&#8220;. Diese Band hat bis heute einen enormen Einfluss auf den Anarchismus, den Rock und Punk im deutschsprachigen Raum. Gut so.<\/p>\n<p><b>Ox: Wenn du am Bahnhof einen schnorrenden Punk mit Anarchismus-Aufn\u00e4hern siehst, woran denkst du da spontan und warum? Glaubst du, dieser Mensch hat verstanden, worum es im Anarchismus geht?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Ich denke dann oft an meine erste Hausbesetzung zur\u00fcck, die ich zusammen mit Punks und Hippies im Mai 1989 in Unna mitgemacht habe. Das sind \u00fcberwiegend positive Erinnerungen. Wenn ich schnorrende Punks sehe, dann denke ich an diese gut gelaunte &#8222;Unslhausn&#8220;-Besetzung. Damals war das Zusammenwirken mit &#8222;unpolitischen&#8220; Punks und &#8222;Polit-Hippies&#8220;, zu denen ich als langhaariger Anarchist geh\u00f6rte, ziemlich gut. Ein Anarchismus-Aufn\u00e4her macht aus einem Punk noch keinen Anarchisten, aber es zeigt doch eine Aufgeschlossenheit gegen\u00fcber anarchistischen Ideen, die ich beim Nadelstreifen-Banker nicht unbedingt erwarten kann.<\/p>\n<p><b>Ox: Was ist deiner Meinung nach der Grund, warum in der Vergangenheit manch gelebte Utopie nicht funktionieren wollte?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Das ist wieder ein Thema f\u00fcr eine Doktorarbeit. Da gibt es soviele F\u00e4sser, wenn wir die aufmachen, reicht der Platz hier nicht. Wir leben nicht in einer anarchistischen Gesellschaft, sondern in einem kapitalistischen System, das uns alle mehr oder weniger gesch\u00e4digt hat. Wenn wir uns nicht wehren, werden wir zu egozentrischen, duckm\u00e4userischen und konsumorientierten Volldeppen erzogen. Dagegen braucht es eine Verweigerungshaltung, die auch der Punk zum Ausdruck bringt. Wir brauchen f\u00fcr die Verwirklichung von Utopien aber auch Zivilen Ungehorsam, Zivilcourage, Durchhalteverm\u00f6gen, Selbstdisziplin und soziale Kompetenz. Wenn ich mich dauernd besaufen und nicht vor GWR-Drucklegung n\u00e4chtelang durcharbeiten w\u00fcrde, dann k\u00f6nnte ich nicht jeden Monat zusammen mit anderen Genoss*innen eine neue GWR produzieren. Alternativbetriebe funktionieren in den Nischen des Kapitalismus meistens nur, wenn Leute zur Selbstausbeutung neigen. Oft scheitern Projekte an \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden, noch \u00f6fter vielleicht aber auch an internen Konflikten, an Egozentrismus, Alkoholismus und Drogenkonsum.<\/p>\n<p><b>Ox: Welche ganz praktischen anarchistischen oder libert\u00e4ren Ans\u00e4tze gibt es im Kleinen?<\/b><\/p>\n<p><b>Was kann jede\/r tun, womit kann jede\/r beginnen?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Da gibt es viel. Als Anarchist versuchst du ja, auf der Arbeit, in der Schule, auf der Uni, zu Hause, in deinem Alltag Emanzipatorisches umzusetzen. Gegenseitige Hilfe und Freie Vereinbarung sind ja nicht nur anarchistische Prinzipien, sie spielen im Alltag zwischen den Menschen eine Rolle und k\u00f6nnen die Vereinzelung aufheben. Wir wollen den Kapitalismus \u00fcberwinden und k\u00e4mpfen f\u00fcr bessere Lebensverh\u00e4ltnisse f\u00fcr alle Menschen. Arbeitsk\u00e4mpfe, gelebte Nachbarschaft, Unterst\u00fctzung der Gefl\u00fcchteten und Organisierung von Demonstrationen und Aktionen gegen Rassismus, Militarismus, Kohlekraftwerke, Sozialkahlschlag und so weiter, das geh\u00f6rt alles dazu. Aber auch, dass du dich von unten mit anderen organisierst.<\/p>\n<p><b>Ox: Etwas gr\u00f6\u00dfer gedacht. Welche M\u00f6glichkeiten gibt es, Menschen, die sich nicht kennen, f\u00fcr etwas zu gewinnen, um dies im anarchistischen oder libert\u00e4rem Sinne umzusetzen?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Daf\u00fcr reichen B\u00fccher und eine anarchistische Zeitschrift wie die Graswurzelrevolution sicher nicht aus. Die beste M\u00f6glichkeit, Menschen auch mit anarchistischen Ideen zu erreichen, ist immer noch die direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht. Und nat\u00fcrlich das gemeinsame Handeln, zum Beispiel in einem Streik oder beim gemeinsamen Mieter*innenkampf gegen einen geplanten Abriss und gegen Gentrifizierung. Oder, wie die Scherben singen: &#8222;Wenn wir uns erstmal einig sind, dann weht, glaube ich, ein ganz anderer Wind.&#8220;<\/p>\n<p><b>Interview: Simon Brunner<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ox: Bernd, wenn in den &#8222;etablierten Medien&#8220; \u00fcber Anarchismus berichtet wird, dann meist im Zusammenhang mit Terrorismus und Chaos, auch wenn wir wissen, dass Anarchismus damit nichts zu tun hat. Warum, glaubst du, hat sich diese Meinung so manifestiert und wie wirkst du mit deiner Arbeit in der GWR dagegen? 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