{"id":18006,"date":"2017-12-08T16:33:17","date_gmt":"2017-12-08T14:33:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=18006"},"modified":"2018-10-07T16:35:33","modified_gmt":"2018-10-07T14:35:33","slug":"herrschaftsfreie-gesellschaft-als-ideal-ein-gespraech-ueber-den-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/herrschaftsfreie-gesellschaft-als-ideal-ein-gespraech-ueber-den-anarchismus\/","title":{"rendered":"Herrschaftsfreie Gesellschaft als Ideal: Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber den Anarchismus"},"content":{"rendered":"<p><b>Gunther Sosna: Bernd, die wenigsten Menschen k\u00f6nnen sich vorstellen, was eine herrschaftsfreie Gesellschaft sein soll. Deshalb m\u00f6chte ich unser Gespr\u00e4ch mit einer vielleicht \u00fcberraschenden Frage einleiten. Ist Pippi Langstrumpf eine typische Anarchistin?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: Pippi Langstrumpf entspricht in vielerlei Hinsicht tats\u00e4chlich der Idealvorstellung, die auch viele Anarchistinnen und Anarchisten von Anarchistinnen haben. Sie ist freiheitsliebend, rebellisch, antiautorit\u00e4r, nonkonformistisch, feministisch und sozial kompetent. Sie ist schlagfertig, humorvoll und entspricht so ganz und gar nicht dem konservativen Bild, wie ein M\u00e4dchen zu sein hat. Sie will nicht herrschen und sich nicht beherrschen lassen. Das sind anarchistische Eigenschaften. Kein Wunder also, dass Pippi Langstrumpf auch in der anarchistischen Szene bis heute popul\u00e4r ist.<\/p>\n<p>Dabei gibt es aber auch Schattenseiten, die ich nicht ausklammern m\u00f6chte. Astrid Lindgren hat das Kinderbuch 1944 in Schweden geschrieben und war ihrer Zeit damit weit voraus. Lindgren war aber auch ein Kind ihrer Zeit und nicht frei von Rassismen und kolonialistischen Klischeevorstellungen. Die finden sich auch in ihren B\u00fcchern.<\/p>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr ist, wenn sich schwarze Kinder Pippi bei einem Besuch in Afrika vor die F\u00fc\u00dfe werfen. Diese Darstellung ist nicht anarchistisch, sondern entspricht dem rassistischen Klischee vom unterw\u00fcrfigen &#8222;Neger&#8220;. Auch rassistische Begriffe wie &#8222;Neger&#8220; und &#8222;Zigeuner&#8220; finden sich in Lindgrens B\u00fcchern. Ich finde es gut, dass die neuen Versionen der Pippi-Kinderb\u00fccher heute sprachlich \u00fcberarbeitet sind und aus dem &#8222;Negerk\u00f6nig&#8220; ein &#8222;S\u00fcdseek\u00f6nig&#8220; wurde.<\/p>\n<p><b>Mir fiel Pippi Langstrumpf ein, weil sie durch ihre unglaubliche Kraft die Welt gestalten kann, wie sie will und leicht Herrschaft \u00fcber andere aus\u00fcben k\u00f6nnte, es aber nicht tut, sondern in ihrem Verhalten r\u00fccksichtsvoll und sozial ist. Sind das Eigenschaften, die Anarchisten grunds\u00e4tzlich auszeichnen?<\/b><\/p>\n<p>Ja, das sind Eigenschaften, die Anarchistinnen und Anarchisten auszeichnen sollten. Als Anarchist bist du aber nicht automatisch ein besserer Mensch. Die Geschichte zeigt ja, dass sich auch (ehemalige) Anarchisten zu \u00fcblen Despoten entwickeln k\u00f6nnen. Der russische Anarchist Michail Bakunin hat das vor 160 Jahren schon gut auf den Punkt gebracht:<\/p>\n<p><i>&#8222;Wir sind in der Tat Feinde jeglicher Macht, weil wir wissen, da\u00df Macht ebenso zersetzend auf den wirkt, der sie hat, wie auf den, der ihr gehorchen mu\u00df. Wir Anarchistinnen und Anarchisten wollen die Selbstorganisation einer Gesellschaft, die auf Gewalt- und Machtpositionen verzichtet.&#8220;<\/i><\/p>\n<p><b>Der Begriff Anarchismus wird auffallend h\u00e4ufig mit Chaos und Gewalt verkn\u00fcpft. Im Zusammenhang mit den Krawallen im Hamburger Schanzenviertel bei G-20 betitelte zum Beispiel die taz einen Beitrag mit der Headline &#8222;Der Abend der Anarchie&#8220;. Ich w\u00fcsste jetzt aber keine Schlagzeile in den \u00fcberregionalen Medien, die anarchistische Vorz\u00fcge wie Basisdemokratie, Dialog auf Augenh\u00f6he oder die Beteiligung aller Menschen an Entscheidungsprozessen auf den Schild heben. Wie ist historisch diese negative Sicht auf den Anarchismus begr\u00fcndet?<\/b><\/p>\n<p>Diese Diffamierung des Anarchiebegriffs als Chaos und Terror hat leider eine lange Tradition. Der Begriff Anarchie beziehungsweise an-archia (ohne Herrschaft) stammt aus der griechischen Antike und hat eine \u00fcber 2000 Jahre alte Geschichte des Wandels hinter sich. Der Begriff &#8222;Anarchist&#8220; stammt aus der Zeit der Franz\u00f6sischen Revolution und war bis 1840 ein reiner Schm\u00e4hbegriff. Die meisten Menschen waren damals gottesf\u00fcrchtige Menschen. Sie konnten oder wollten sich nicht vorstellen, dass Herrschaftsfreiheit ein erstrebenswerter Zustand sei. Immanuel Kant definierte Anarchie zwar schon im 18. Jahrhundert treffend als &#8222;Gesetz und Freiheit ohne Gewalt&#8220;. Das war allerdings auch f\u00fcr diesen ber\u00fchmten Philosophen ein Zustand, den er ablehnte.<\/p>\n<p>Die anarchistische Bewegung entstand erst ab 1840. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Spaltung der Ersten Internationale in einen autorit\u00e4r-marxistischen Fl\u00fcgel um Marx und Engels und einen libert\u00e4r-sozialistischen beziehungsweise antiautorit\u00e4r-anarchistischen Fl\u00fcgel um Michail Bakunin. Wenn wir uns ansehen, was Bakunin damals schrieb, dann k\u00f6nnen wir das mit Blick auf die sp\u00e4tere Entwicklung in den &#8222;realsozialistischen L\u00e4ndern&#8220; teilweise als geradezu prophetisch bezeichnen.<\/p>\n<p>Er charakterisierte die Ideen von Marx in den 1860er Jahren als autorit\u00e4r. Bakunin stellte die These auf, dass, wenn eine marxistische Partei der Arbeiterklasse an die Macht k\u00e4me, es am Ende genau so schlimm w\u00e4re, wie die Herrschaft der Klasse der Kapitalisten, gegen die sie gek\u00e4mpft hatten. Im Jahre 1872 gipfelte der Konflikt in der Ersten Internationale mit einem endg\u00fcltigen Bruch zwischen AnarchistInnen und MarxistInnen.<\/p>\n<p>Der Anarchismus, der einen freiheitlichen Sozialismus zum Ziel hat, wurde sowohl in den kapitalistischen L\u00e4ndern als auch in den &#8222;realsozialistischen&#8220; Diktaturen bek\u00e4mpft und in den Massenmedien diffamiert. Daran hat sich leider bis heute kaum etwas ge\u00e4ndert, wie ja nicht nur die Berichterstattung zum G-20-Gipfel zeigt.<\/p>\n<p><b>Herrschaft kann ja nur derjenige aus\u00fcben, der \u00fcber die n\u00f6tigen Mittel der Macht verf\u00fcgt, um sich \u00fcber den Willen anderer Menschen hinwegzusetzen oder wenn Menschen die Verantwortung f\u00fcr das eigene Sein auf ihn \u00fcbertragen. Aber genau das passiert permanent und \u00fcberall. Am Arbeitsplatz entscheidet der Chef \u00fcber den Mitarbeiter, in der Schule der Lehrer \u00fcber die Sch\u00fcler, Politiker entscheiden \u00fcber das Wohl oder \u00dcbel der Bev\u00f6lkerung und selbst im Supermarkt bist du als Mensch nicht frei, weil der Geldbeutel dein Einkaufsverhalten beherrscht. Unter welchen sozialen Voraussetzungen ist eine herrschaftsfreie Gesellschaft m\u00f6glich?<\/b><\/p>\n<p>Ich denke, dass alle Menschen ein anarchistisches Potenzial in sich haben, das es zu wecken gilt. Die sozialen Voraussetzungen f\u00fcr eine herrschaftsfreie Gesellschaft erscheinen den meisten Menschen als rein utopisch. Tats\u00e4chlich gab es aber auch schon egalit\u00e4re Gesellschaften, die wir als anarchisch oder &#8222;fr\u00fch-anarchistisch&#8220; einstufen k\u00f6nnen. Dazu sei hier zum Beispiel das Buch &#8222;Herrschaftsfreie Institutionen&#8220; von R\u00fcdiger Haude und Thomas Wagner empfohlen, das voraussichtlich 2018 im Verlag Graswurzelrevolution neu erscheint.<\/p>\n<p>Der bekannteste und bisher wohl gr\u00f6\u00dfte Versuch, eine Gesellschaft herrschaftsfrei zu organisieren, fand im Sommer 1936 in gro\u00dfen Teilen Spaniens statt, als sich die anarchosyndikalistische Massengewerkschaft CNT und mit ihr Millionen Menschen gegen den faschistischen Franco-Putsch stellten. In Barcelona und anderen Regionen Spaniens fand 1936 tats\u00e4chlich ein &#8222;Kurzer Sommer der Anarchie&#8220; statt. Und das unter den denkbar ung\u00fcnstigen Bedingungen eines B\u00fcrgerkriegs.<\/p>\n<p>Anarchismus ist f\u00fcr mich aber weder nur etwas Historisches noch eine reine Utopie. Wir k\u00f6nnen versuchen, jetzt schon ein St\u00fcck Anarchie zu leben. Wenn wir uns mit anderen Menschen zusammentun, um gegen den Atomstaat, gegen den Klimakiller RWE, gegen Sozialkahlschlag oder die drohende Vernichtung bezahlbaren Wohnraums zu agieren, dann sind es oft anarchistische Prinzipien, die da zur Anwendung kommen.<\/p>\n<p>Wenn wir seit 1972 Monat f\u00fcr Monat die basisdemokratisch organisierte Bewegungszeitung &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; herausbringen, dann ist das f\u00fcr mich jedes Mal auch ein Beleg daf\u00fcr, dass es m\u00f6glich ist, sich gewaltfrei und herrschaftslos zu organisieren und ein St\u00fcck Gegen\u00f6ffentlichkeit zu schaffen.<\/p>\n<p><b>Geben die Menschen zu leichtfertig Verantwortung ab oder wird sie ihnen aus den H\u00e4nden gerissen?<\/b><\/p>\n<p>Die Menschen wachsen in hierarchischen Strukturen auf und werden zur Unm\u00fcndigkeit erzogen. Das gilt es zu \u00fcberwinden. Aber ich sehe auch Licht am Horizont. Es wurde vor allem mit Mitteln des zivilen Ungehorsams in den letzten Jahren schon viel erreicht. Denken wir nur an die Atomindustrie.<\/p>\n<p>H\u00e4tte es nicht &#8211; verst\u00e4rkt nach den Atomkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima &#8211; massiven Protest und Widerstand aus der Bev\u00f6lkerung gegeben, w\u00fcrden heute eine Plutoniumfabrik und weit \u00fcber 100 Atomkraftwerke in Deutschland stehen. Die Geschichte der Anti-Atom-Bewegung zeigt ja auch, dass Menschen sich wehren und Verantwortung f\u00fcr sich und kommende Generationen \u00fcbernehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Das kapitalistische Wirtschaftssystem taumelt von einer Krise in die n\u00e4chste. Durch die un\u00fcbersehbaren Folgen der Umweltzerst\u00f6rung, die Intensivierung kriegerischer Handlungen und die zunehmende Verarmung breiter Bev\u00f6lkerungsschichten, scheint sich sein Ende abzuzeichnen. Das System frisst sich selbst auf. Entwickelt sich aus dem Niedergang die Grundlage f\u00fcr eine Renaissance anarchistischer Ideen?<\/b><\/p>\n<p>Da gibt es leider keinen Automatismus. Es kann auch in eine ganz andere, f\u00fcr Menschen und Natur zerst\u00f6rerische Richtung gehen. Wenn ich sehe, dass in den USA ein extrem rechter Narzisst zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wurde und in vielen L\u00e4ndern rassistische Bewegungen und Parteien wie FP\u00d6 und AfD Zulauf haben, dann bef\u00fcrchte ich, dass statt einer menschengerechten freiheitlich-sozialistischen Graswurzelrevolution auch das genaue Gegenteil aufziehen kann, ein neuer Faschismus. Dagegen gilt es sich zu stemmen.<\/p>\n<p><b>In den europ\u00e4ischen Nachbarl\u00e4ndern ist die Zivilgesellschaft offensichtlich viel interessierter an anarchistischen Konzepten, als es in Deutschland der Fall ist, oder unterliege ich da einer T\u00e4uschung?<\/b><\/p>\n<p>In Deutschland wurde der Anarchismus durch zw\u00f6lf Jahre Nazidiktatur fast vollst\u00e4ndig ausgel\u00f6scht. Nach dem Ersten Weltkrieg organisierten sich im damaligen Deutschen Reich in der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft FAUD (Freie Arbeiter Union Deutschlands) zeitweise bis zu 200.000 Menschen. Von einer solchen Relevanz und Massenbasis ist die heutige Anarcho-Szene weit entfernt. Aber ich denke, gewaltfrei-anarchistische Ideen sind auch hierzulande in der Anti-Atom-Bewegung und anderen sozialen Bewegungen weit verbreitet. Viele Menschen wollen m\u00f6glichst herrschaftsfrei, solidarisch und \u00f6kologisch leben, aber sie schrecken davor zur\u00fcck sich als Anarchist oder Anarchistin zu bezeichnen, weil diese Begriffe so negativ besetzt sind. Wir brauchen ein neues Bewusstsein.<\/p>\n<p><b>Es soll in Deutschland \u00fcber 600.000 Vereine, Initiativen, B\u00fcrgerkomitees und andere Organisationsformen geben. L\u00f6sen sich auf dieser kleinteiligen gesellschaftlichen Ebene die alten Macht- und Herrschaftsstrukturen bereits auf?<\/b><\/p>\n<p>Na ja, eher nicht. Das deutsche Vereinsrecht sieht den Vorsitzenden vor. Das ist weder kollektivistisch noch herrschaftsfrei.<\/p>\n<p><b>Die B\u00fcrgerbewegung Nuit Debout, die ich als sehr anarchistisch wahrgenommen habe, hat im vergangenen Jahr in Frankreich die Massen auf die \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze gebracht. Da gab es keine Anf\u00fchrer oder Vorschriften, sondern ziemlich einfache Regeln des Miteinander und trotzdem entstanden Zeitungen, Radiosender, Fernsehformate, Theatergruppen usw. Da hat sich aus dem Nichts unglaublich viel entwickelt. War das ein Zufallsprodukt oder die typische soziale Kraft, die sich im Anarchismus entfaltet?<\/b><\/p>\n<p>Nuit Debout, Occupy und andere neue soziale Bewegungen sind Beispiele daf\u00fcr, wie anarchistische Ideen in neuen sozialen Bewegungen wirken und einerseits die Beteiligten ver\u00e4ndern und andererseits gesellschaftlichen Wandel bewirken k\u00f6nnen. Das hei\u00dft nicht, dass die Aktiven sich allesamt als anarchistisch verstehen. Die pers\u00f6nlichen Erfahrungen auch von Solidarit\u00e4t, egalit\u00e4rer Konsensfindung und kollektiver Macht von unten, die Menschen in solchen heterogenen Bewegungen machen k\u00f6nnen, wirken vielleicht manchmal politisierender als jedes anarchistische Buch.<\/p>\n<p><b>Schauen wir nach Katalonien. Kannst du kurz erl\u00e4utern, vom aktuellen Konflikt abgesehen, warum die Region f\u00fcr den Anarchismus bedeutsam ist?<\/b><\/p>\n<p>Katalonien war sozusagen immer schon eine Herzkammer des Anarchismus. Die Soziale Revolution, die 1936 in Barcelona und gro\u00dfen Teilen Kataloniens gegen den Franco-Putsch stattfand, war einzigartig. Tr\u00e4ger waren damals die anarchosyndikalistische CNT (Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo) und die anarchistische FAI (Federaci\u00f3n Anarquista Ib\u00e9rica). Nach dem Ende der Franco-Diktatur erlebte der Anarchosyndikalismus in Barcelona eine Wiedergeburt. Als 1978 aus ganz Europa 200.000 Menschen am Kongress der wieder legalen CNT teilnahmen, war das sozusagen eine Initialz\u00fcndung. Heute sind die anarchosyndikalistischen Gewerkschaften CGT (Confederaci\u00f3n General del Trabajo) und CNT in Spanien mit insgesamt etwa 70.000 Mitgliedern im Vergleich zur kleinen anarchosyndikalistischen FAU in Deutschland noch immer relativ einflussreich.<\/p>\n<p><b>Mit der CUP (Anm.: Candidatura d\u0092Unitat Popular) sitzt heute eine Partei im Regionalparlament, die sich als basisdemokratische politische Organisation sieht und die in der Tradition des katalanischen Anarchismus stehen soll. Ist das so? Anarchismus und Parlamentarismus passen doch nicht zusammen, oder \u0085 ?<\/b><\/p>\n<p>Die CUP beruft sich zwar auch auf basisdemokratische und anarchistische Ideen, hat aber mit Anarchismus so wenig am Hut wie einst die Gr\u00fcnen in ihren basisdemokratischen Anfangsjahren. Als &#8222;separatistische&#8220;, also nationalistische Partei strebt die CUP einen katalanischen Staat an. Katalanische AnarchistInnen setzen diesem Nationalismus Parolen entgegen wie &#8222;Tod jedem Nationalismus! Weder Fahnen, noch Grenzen!&#8220;.<\/p>\n<p>Die anarchosyndikalistische CNT Barcelona rief einerseits auch zum Generalstreik gegen die Gewalt der spanischen Zentralregierung auf, plakatierte im November 2017 aber auch &#8222;Ni Patria Ni Patr\u00f3n Ni Rajoy Ni Puigdemont!&#8220;, um sich klar von jedem Nationalismus abzugrenzen und sich sowohl von der katalanischen Regionalregierung als auch von der rechtskonservativen spanischen Zentralregierung zu distanzieren. \u00c4hnlich antinationalistisch positionierte sich auch die anarchosyndikalistische CGT. Der Anarchismus sitzt in Spanien also sozusagen zwischen allen St\u00fchlen. Ein guter Platz, wenn auf beiden St\u00fchlen Mist liegt.<\/p>\n<p><b>Die Katalanen wollten Verantwortung \u00fcbernehmen, in dem sie dar\u00fcber abstimmten, ob die autonome Region die Unabh\u00e4ngigkeit von Spanien anstreben soll. Die Polizei hat die Menschen daf\u00fcr niedergepr\u00fcgelt und die Zentralregierung in Madrid hat die Herrschaft per Gesetz \u00fcbernommen. Jene Politiker, denen die katalanische Bev\u00f6lkerung durch Wahlen die Verantwortung f\u00fcr die Region anvertraut hat, wurden entmachtet. Jetzt organisieren gro\u00dfe Gruppierungen wie die ANC (Anm.: Assemblea Nacional Catalana), \u00d2mnium Cultural und andere Komitees gewaltfreien Widerstand. Kann man sagen, dass der Anarchismus erst richtig aufbl\u00fcht, wenn der Staat Gewalt anwendet?<\/b><\/p>\n<p>Nein, das w\u00fcrde ich nicht so sehen. Die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung in den katalanischen Gebieten hat sich an der von der katalanischen Regionalregierung angesetzten und vom spanischen Staat als &#8222;illegal&#8220; eingestufte Abstimmung \u00fcber einen katalanischen Staat gar nicht beteiligt. Das trifft auch auf die AnarchistInnen zu, die sowohl den spanischen als auch den katalanischen Nationalismus ablehnen. Und die vielen Menschen zum Beispiel aus Lateinamerika, die in den Betrieben der kapitalistischen Boomregion Katalonien oft zu miesen Bedingungen arbeiten m\u00fcssen, hatten gar kein Stimmrecht.<\/p>\n<p>Die Wahl hat die Spaltung in Spanien und Katalonien vorangetrieben und die Nationalisten auf beiden Seiten gest\u00e4rkt und radikalisiert. Das ist keine Entwicklung, von der wir mehr Emanzipation und eine n\u00f6tige Umverteilung von unten nach oben erwarten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Teile der katalanischen Eliten wollen, dass &#8222;ihr Geld&#8220; in Katalonien bleibt und nicht an andere \u00e4rmere Regionen Spaniens verteilt wird. Denen geht es nicht um eine gerechtere Gesellschaft, sondern um ihren Profit. Dass sie daf\u00fcr im Wahlkampf versprochen haben, dass Katalonien nach der Abspaltung von Spanien in der EU bleiben kann, ist Propaganda. Gegen den Willen des EU-Mitglieds Spanien kann ein Staat Katalonien kein Mitgliedsstaat der EU werden.<\/p>\n<p><b>Inwieweit spiegelt sich in dieser Auseinandersetzung der Wunsch nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft wider?<\/b><\/p>\n<p>Ich denke, dass es bei diesem Konflikt nicht um eine herrschaftsfreie Gesellschaft geht. Die katalanischen Nationalisten wollen einen katalanischen Staat mit eigenen Grenzen, Milit\u00e4r und allem, was dazu geh\u00f6rt. Die spanischen Nationalisten wollen ihren &#8222;unteilbaren&#8220; Staat behalten. Keine von beiden Seiten will eine herrschaftsfreie Gesellschaft.<\/p>\n<p><b>Lass uns nach Syrien schauen. Ist Rojava, die autonome Region im Norden des Landes, ein Beispiel f\u00fcr eine Gesellschaft anarchistischer Pr\u00e4gung oder haben die dortigen Strukturen mit Anarchismus nichts zu tun?<\/b><\/p>\n<p>Rojava ist sicherlich die einzige Region auf dem Gebiet des ehemaligen Zentralstaats Syrien, in der versucht wird, die Menschenrechte einzuhalten und eine demokratische Gesellschaft zu organisieren. Das hat viel mit dem Wandel zu tun, den der von vielen Kurden auch in Syrien als &#8222;Serok Apo&#8220; (Anf\u00fchrer Onkel) verehrte Abdullah \u00d6calan vollzogen hat.<\/p>\n<p>Der langj\u00e4hrige Vorsitzende der Kurdischen Arbeiterpartei PKK sitzt seit 1999 in der T\u00fcrkei in Haft. Dort hat sich der ehemalige Stalinist gewandelt. Daf\u00fcr verantwortlich sind auch die B\u00fccher des US-amerikanischen \u00d6ko-Anarchisten Murray Bookchin, die \u00d6calan in der Haft gelesen hat.<\/p>\n<p>Sie haben bei ihm einen Umdenkungsprozess eingeleitet. Die kurdische Bewegung in Rojava und der T\u00fcrkei wurde stark inspiriert durch das 2010 erschienene Buch &#8222;Jenseits von Staat, Macht und Gewalt&#8220; von \u00d6calan, in dem der ehemalige kurdische Nationalist eine selbst erkl\u00e4rte &#8222;Abkehr vom Dogmatismus&#8220; vollzogen hat. In diesem 600-Seiten-W\u00e4lzer hat er sich positiv auf Bookchin bezogen, auf den libert\u00e4ren Kommunalismus, der von Bookchin in den 1970er und 80er Jahren mitentwickelt worden ist. \u00d6calan versteht sich nicht als Anarchist. Der demokratische Konf\u00f6deralismus, den er anstelle eines (kurdischen) Nationalstaats anstrebt und den Kurden versuchen in Rojava zu realisieren, ist aber stark von Bookchins anarchistischen Ideen beeinflusst.<\/p>\n<p>Das ist in gewisser Weise auch eine pragmatische Antwort auf die Situation der kurdischen Bev\u00f6lkerung, die in Syrien, der T\u00fcrkei, im Irak und Iran leben. Es gibt diese m\u00e4chtigen Nationalstaaten, in denen die kurdische Bev\u00f6lkerung als Minderheit lebt. Wie unrealistisch ein kurdischer Staat ist, zeigt ja der kriegerische Angriff, mit dem die irakische Regierung auf die staatliche Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung des (mittlerweile zur\u00fcckgetretenen) irakischen Kurdenf\u00fchrers Barsani reagiert hat. Da ist der Ansatz der kurdischen Bewegung in Syrien aus anarchistischer Perspektive sympathischer. In Rojava wird versucht, basisdemokratische Strukturen jenseits des Staats zu schaffen, die irgendwann die Macht des Staats zur\u00fcckdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Die Kurden in Syrien haben mithilfe des US-Milit\u00e4rs den terroristischen IS erfolgreich zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Ob sich Rojava aber l\u00e4ngerfristig etablieren kann? Das ist fraglich. Weder die t\u00fcrkische Autokratie noch der syrische Diktator haben ein Interesse an einer autonomen kurdischen Region.<\/p>\n<p>Als gewaltfreier Anarchist und Antimilitarist ist Krieg f\u00fcr mich ein Verbrechen an der Menschheit und die Kriegsdienstverweigerung ein universelles Menschenrecht. Kriegsdienstverweigerer werden aber auch in Rojava drangsaliert.<\/p>\n<p><b>Offensichtliche M\u00e4ngel in der Gesellschaft und krasse Ungerechtigkeiten auf der Welt, die in direktem Zusammenhang mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem stehen, werden Tag f\u00fcr Tag von den Medien, in den sozialen Netzwerken, aber auch von Politikern kritisiert. Altersarmut, Kinderarmut, Obdachlosigkeit, Waffenexporte, Kriege, legitimierte Steuerflucht der Reichen, Bankenrettung auf Kosten der Bev\u00f6lkerung, Sanktionierung von Hartz-IV-Empf\u00e4ngern, Ausbeutung von Arbeitern durch gierige Unternehmer und noch gierigere Anleger, Verwaltungsirrsinn, Korruption, Bestechung, Lobbyismus, Paradise Papers &#8211; die Liste ist unendlich. Es entwickelt sich dennoch keine Diskussion dar\u00fcber, ob ein anderes Gesellschaftsmodell f\u00fcr das 21. Jahrhundert vielleicht besser w\u00e4re. Was h\u00e4lt uns davon ab, diese Debatte zu f\u00fchren?<\/b><\/p>\n<p>Diese Diskussionen werden ja gef\u00fchrt, aber bisher nur in sozialen Nischen der Gesellschaft. So versucht beispielsweise die Monatszeitschrift Graswurzelrevolution schon seit 1972 als Sprachrohr sozialer Bewegungen Perspektiven f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft zu entwickeln.<\/p>\n<p><b>Vielen Dank.<\/b><\/p>\n<p><b>Interview: Gunther Sosna<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gunther Sosna: Bernd, die wenigsten Menschen k\u00f6nnen sich vorstellen, was eine herrschaftsfreie Gesellschaft sein soll. Deshalb m\u00f6chte ich unser Gespr\u00e4ch mit einer vielleicht \u00fcberraschenden Frage einleiten. Ist Pippi Langstrumpf eine typische Anarchistin? Bernd Dr\u00fccke: Pippi Langstrumpf entspricht in vielerlei Hinsicht tats\u00e4chlich der Idealvorstellung, die auch viele Anarchistinnen und Anarchisten von Anarchistinnen haben. 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