{"id":18008,"date":"2017-06-01T16:35:02","date_gmt":"2017-06-01T14:35:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=18008"},"modified":"2018-10-07T16:36:45","modified_gmt":"2018-10-07T14:36:45","slug":"feiern-statt-feuern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/feiern-statt-feuern\/","title":{"rendered":"Feiern statt feuern"},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht hat sich der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Gr\u00fcnen, Winfried Nachtwei, um die linke Publizistik verdient gemacht\u00a0\u2013 auch wenn es gar nicht seine Intention war. 2001, als die Gr\u00fcnen zumindest im westf\u00e4lischen M\u00fcnster noch eine gewisse Distanz zur Bundeswehr ausdr\u00fccken wollten, geriet er mit einem Lehrbeauftragten der Universit\u00e4t aneinander. Bernd Dr\u00fccke, t\u00e4tig am Institut f\u00fcr Soziologie der Westf\u00e4lischen Wilhelms-Universit\u00e4t, beschuldigte Nachtwei, bei einem gro\u00dfen Zapfenstreich der Bundeswehr auf der B\u00fchne gestanden zu haben. Nachtwei bestritt das vehement, bezichtigte Dr\u00fccke der Verleumdung\u00a0\u2013 und musste schlie\u00dflich doch zugeben, dass der Soziologe die Wahrheit gesagt hatte. Was nichts daran \u00e4nderte, dass man am Lehrstuhl gr\u00fcndlich angefressen war. Einige, die in der akademischen Hierarchie \u00fcber Dr\u00fccke standen, betrachteten es als Majest\u00e4tsbeleidigung, einen Politiker der Gr\u00fcnen \u00f6ffentlich vorzuf\u00fchren. Dr\u00fccke flog raus, er verlor seine Stelle am Lehrstuhl f\u00fcr Soziologie und konzentrierte sich fortan ganz auf seine journalistische T\u00e4tigkeit bei einer Zeitschrift, f\u00fcr die der Anarchist und Pazifist regelm\u00e4\u00dfig Artikel geschrieben hatte: die Graswurzelrevolution\u00a0\u2013 kurz auch GWR genannt.<\/p>\n<p>Bis heute ist Dr\u00fccke verantwortlicher Redakteur der GWR. Sicherlich ist es zum gro\u00dfen Teil sein Verdienst, dass das Monatsblatt bald seinen 45.\u00a0Geburtstag feiern kann. Die Nullnummer der GWR erschien im Juni 1972.<\/p>\n<p>Mit ihrer strikten Ablehnung jeglicher Gewalt hat sich die \u00bbGWR\u00ab auch bei Teilen der radikalen Linken Kritik eingehandelt.<\/p>\n<p>Dr\u00fccke hat daf\u00fcr gesorgt, dass die Zeitschrift, deren Titel nach einer Mischung aus Guerilla Gardening und Landkommune klingt, auch von Kulturlinken und marxistischen Ideologiekritikern gelesen wird. \u00dcberhaupt ist das Blatt ber\u00fcchtigt f\u00fcr diesen Spagat. In der aktuellen Ausgabe, der 419., berichten zwei Kommunen aus ihrem Alltag. Wenige Seiten weiter besch\u00e4ftigt sich ein hochkomplexer Text mit der Kritik an Gewalt und im hinteren Teil der Ausgabe sind philosophisch unterf\u00fctterte Diskussionsbeitr\u00e4ge zu der Frage abgedruckt, ob es eine Natur des Menschen gebe. Das glaubten bekannte Anarchisten wie Pjotr Kropotkin, die der Ansicht waren, der Mensch sehne sich von Natur aus nach Freiheit und selbstbestimmten Kollektiven. Andere widersprachen vehement und warnten, dass Anarchisten mit unbewiesenen anthropologischen Grundannahmen ihrer Sache eher schadeten als n\u00fctzten.<\/p>\n<p>Doch nicht nur Themen, die die anarchistische Szene im engeren Sinne betreffen, werden in der GWR diskutiert. So hat Jens Kastner in der Ausgabe vom Dezember\u00a02016 die postkolonialistische Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak wegen ihres Antizionismus heftig kritisiert. F\u00fcr Dr\u00fccke ist diese Mischung aus Kommunebericht und Theorie Programm.<\/p>\n<p>\u00bbEs gibt in der undogmatischen linken Szene einen Bedarf sowohl nach libert\u00e4rsozialistischen Theorien und Utopien als auch nach Gegen\u00f6ffentlichkeit und kontroverser Diskussion\u00ab, sagt er der Jungle World. \u00bbWir versuchen, das als Sprachrohr gewaltfreier, anarchistischer, antimilitaristischer, profeministischer und anderer sozialer Bewegungen abzudecken.\u00ab Ein schwarzroter Faden, der sich durch s\u00e4mtliche Ausgabe zieht, ist der Antimilitarismus: \u00bbKritik an Kriegseins\u00e4tzen und Aufr\u00fcstung suchen wir in den meisten Medien vergeblich. Wir wollen der militaristischen Propaganda etwas entgegensetzen\u00ab, schreibt Dr\u00fccke im Editorial der Mai-Ausgabe. Es folgt unter anderem ein Beitrag \u00fcber die Pl\u00e4ne, die Wehrpflicht in Frankreich wieder einzuf\u00fchren. Ein Vorhaben, das nicht nur von Marine Le Pen und Emmanuel Macron, sondern auch vom linken Kandidaten Jean-Luc M\u00e9lenchon unterst\u00fctzt wird. Die GWR widmet sich diesem Thema in einer Ausf\u00fchrlichkeit, die im deutschsprachigen Raum einzigartig sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Das liegt auch an der Geschichte dieses Mediums. Die 1972 gegr\u00fcndete GWR hatte ein politisches Anliegen, das einige Autoren auf den Libert\u00e4ren Tagen, einem bundesweiten Anarchistentreffen 1993 in Frankfurt am Main, so beschrieben: \u00bbDie Zeitung GWR war mit dem Ziel angetreten\u201a den Zusammenhang zwischen den beiden konsequentesten Handlungsans\u00e4tzen gegen Herrschaft und Gewalt, zwischen Gewaltfreiheit und libert\u00e4rem Sozialismus, aufzuzeigen und dazu beizutragen, dass die pazifistische Bewegung sozialistisch und die linkssozialistische Bewegung in ihren Kampfformen gewaltfrei werde.\u00ab<\/p>\n<p>\u00dcber mehrere Jahre war die GWR eng mit der F\u00f6deration gewaltfreier Aktionsgruppen (F\u00f6GA) verbunden. 1980 als bundesweites Netzwerk anarchopazifistischer Gruppen mit antimilitaristischem Schwerpunkt gegr\u00fcndet, wurde die F\u00f6GA vom Verfassungsschutz als \u00bbgr\u00f6\u00dfte anarchistische Organisation der Nachkriegszeit\u00ab bezeichnet. Von 1981 bis 1988 gab sie die GWR heraus, beteiligte sich an der Antiraketenbewegung in den achtziger Jahren und nutzte gewaltfreie Aktionen wie Sitzblockaden. Von der Krise der gesamten Friedensbewegung blieb sie nicht verschont. 1997 l\u00f6ste sich die F\u00f6GA ausgerechnet in einer Zeit auf, in der Deutschland wieder begonnen hatte, offen Kriege zu f\u00fchen. Die GWR, die seitdem von einem unabh\u00e4ngigen Kreis von etwa 45\u00a0Personen herausgegeben wird und alle Entscheidungen basisdemokratisch f\u00e4llt, setzt die Kritik am Militarismus in Staat, Gesellschaft und auch in der Linken konsequent fort.<\/p>\n<p>Dabei landet Dr\u00fccke gerne mal zwischen allen St\u00fchlen, wie er am Beispiel des Konflikts zwischen der Ukraine und Russland aufzeigt: \u00bbWir lassen Anarchisten und Antimilitaristen aus Russland und der Ukraine zu Wort kommen, unterst\u00fctzen die Deserteure und Verweigerer aller Kriegsparteien und agitieren sowohl gegen das homophob-autorit\u00e4re Putin-Regime als auch gegen Nato, EU, ukrainische und ostukrainische Nationalisten.\u00ab So vermittelt die GWR auch j\u00fcngeren Lesern eine Vorstellung von einer antimilitaristischen Bewegung, die sich vom Mainstream der deutschen Friedensbewegung, deren Hauptfeind noch immer die USA sind, unterscheidet.<\/p>\n<p>Mit ihrer strikten Ablehnung jeglicher Gewalt hat sich die GWR auch bei einigen radikalen Linken Kritik eingehandelt. Heute sind es aber nicht mehr prim\u00e4r die Militanzdebatten, die harsche Leserreaktionen hervorrufen. \u00bbAuf unsere Beitr\u00e4ge zum Thema Critical Whiteness gab es sowohl positive als auch negative R\u00fcckmeldungen\u00ab, berichtet Dr\u00fccke. Solche Auseinandersetzungen bewertet er positiv. \u00bbDie anarchistisch-gewaltfreie, profeministische Lupe ist manchmal auch ein gutes Hilfsmittel gegen Sektierertum, damit das Denken die Richtung wechseln kann\u00ab, so Dr\u00fccke. Er ist optimistisch, dass die GWR in Zukunft eine noch gr\u00f6\u00dfere Rolle als Stimme gegen die herrschenden Verh\u00e4ltnisse spielen wird. Schlie\u00dflich haben die beiden anderen gr\u00f6\u00dferen anarchistischen Printmedien ihr Erscheinen mittlerweile eingestellt. Die Publikation Schwarzer Faden gibt es bereits seit 2004 nicht mehr. Im vergangenen Jahr hat auch die Direkte Aktion, die Zeitung der FAU, ihre Printausgabe eingestellt. Die Entscheidung wird von Dr\u00fccke noch heute heftig kritisiert.<\/p>\n<p>In der kommenden Ausgabe der GWR, die am 8. Juni erscheint, wird es einen Schwerpunkt zum 45. Geburtstag der Zeitschrift geben. Die Jungle World gratuliert recht herzlich.<\/p>\n<p><strong>Peter Nowak<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht hat sich der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Gr\u00fcnen, Winfried Nachtwei, um die linke Publizistik verdient gemacht\u00a0\u2013 auch wenn es gar nicht seine Intention war. 2001, als die Gr\u00fcnen zumindest im westf\u00e4lischen M\u00fcnster noch eine gewisse Distanz zur Bundeswehr ausdr\u00fccken wollten, geriet er mit einem Lehrbeauftragten der Universit\u00e4t aneinander. 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