{"id":18261,"date":"2018-10-28T03:00:19","date_gmt":"2018-10-28T01:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=18261"},"modified":"2018-12-01T00:24:52","modified_gmt":"2018-11-30T22:24:52","slug":"die-improvisierte-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/10\/die-improvisierte-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Improvisierte Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Univers Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><b><span style=\"font-size: large;\">Ich bitte in aller Demut um Entschuldigung, aber dieser Artikel muss mit mir beginnen: Vom f\u00fcnfzehnten bis zum siebzehnten M\u00e4rz 2018 war ich auf Einladung meines Verlags im Rahmen der Leipziger Buchmesse nach Dresden und Leipzig gereist, um dort mein neues Buch vorzustellen. Auf der R\u00fcckreise geriet ich am Leipziger Hauptbahnhof in das, was die regionalen Medien \u2013 die nationalen \u00fcbergingen das Ereignis bezeichnenderweise mit Stillschweigen \u2013 als \u201eSchnee-Chaos\u201c bezeichneten. Ein \u201eSchnee-Chaos\u201c freilich habe ich nicht erlebt. Ich erlebte ein Bahn-Chaos.<\/span><\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Gewiss, es hatte geschneit. Dicke Flocken waren Tag und Nacht \u00fcber dem Osten Deutschlands niedergesegelt. Ein kalter Wind war in Leipzig um die H\u00e4userecken gefegt, und hier und da hatte sich eine t\u00fcckische Eisdecke unter dem Schnee gebildet.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Die Leipziger Innenstadt, selbst an heiteren Tagen keine Sch\u00f6nheit, glich einer Zauberlandschaft, wie von der Hand eines romantischen Malers. Und der Innenstadtring, den zu anderen Zeiten die Leipziger Montagsdemos entlang marschiert waren, war wei\u00df und sch\u00f6n und wurde viel photographiert. Aber durfte man wirklich das, was dann am Bahnhof losbrach, ein paar unschuldigen Flocken anlasten? Ein paar Zentimetern Schnee?<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Unsinnige Durchsagen, die sich st\u00e4ndig widersprachen, defekte Z\u00fcge, Lokf\u00fchrer, die nirgends aufzutreiben waren, Signale, die nicht umsprangen, Computeranzeigen, die abstrakten Kunstwerken glichen, Versp\u00e4tungen von 120, 240, 360 Minuten, die schlie\u00dflich nur noch in mehreren Stunden und schlie\u00dflich in Tagen (!) zu messen waren? <\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">F\u00fcr meine Heimreise, normalerweise eine Angelegenheit von viereinhalb Stunden, ben\u00f6tigte ich zw\u00f6lf. Und war damit noch gut bedient.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Univers Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Wie reagieren Menschen auf eine St\u00f6rung ihres Lebensablaufs?<\/span><\/span><\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">All dies w\u00e4re kaum der Rede wert, wenn ich nicht Gelegenheit gehabt h\u00e4tte, einmal aus n\u00e4chster N\u00e4he und \u00fcber einen langen Zeitraum \u2013 durchaus auch an mir selbst \u2013 zu beobachten, wie Menschen auf eine massive St\u00f6rung ihres gewohnten Lebensablaufs reagieren. Genauer: wie sich ihre Reaktionen im Laufe der Zeit \u00e4ndern. Zun\u00e4chst n\u00e4mlich war die Stimmung am Leipziger Hauptbahnhof so, wie man sie in einem solchen Fall h\u00e4tte erwarten sollen, und wohl auch von zahllosen anderen Problemen mit der Deutschen Bahn leidgepr\u00fcft kennt: hektisch, fordernd, aggressiv. Die Menschen blieben f\u00fcr sich. Ganze Trauben standen zwar vor den aberwitzigen Computeranzeigen, fluchten vor sich hin, und viele tippten zornig auf ihre Handys ein. Aber es war, als h\u00e4tte jeder und jede von ihnen innerlich einen Zaun um sich gezogen. Niemand sprach mit dem anderen. H\u00f6chstens ein paar emp\u00f6rte, abgehackte Wortfetzen flogen hin und her. \u00dcberall sah man einzelne Menschen hastig durch die Halle laufen. Auch ich mied, so gut ich konnte, die Gesellschaft anderer. Die Stimmung war aufgeheizt, trotz des kalten Windes, der durch die Halle wehte, die Gesichter waren hart. Niemand wollte riskieren, vom Nebenmann angeblafft zu werden. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Alle schienen wild entschlossen zu sein, sich mit Nachdruck oder notfalls mit L\u00e4rm und Gewalt ihr Recht auf einen Transport zu sichern. Und alle waren in der Tiefe ihrer Seele vermutlich \u00fcberzeugt, dass niemand derart dringende Gesch\u00e4fte in der Ferne zu erledigen haben k\u00f6nne wie sie. Es war eine Stimmung uneingestandener, eifers\u00fcchtiger Konkurrenz.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Ein paar Stunden sp\u00e4ter, nachdem deutlich geworden war, dass es keine wundersame Rettung geben, dass kein Engel der Bahndirektion herniedersteigen und kein reitender Bote des K\u00f6nigs kommen w\u00fcrde, um uns zu erl\u00f6sen, hatte sich die Stimmung vollkommen gewandelt. Dabei war unsere Situation keinen Deut besser geworden. Eher noch schlechter.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Wir hatten Stunden in eisigen Z\u00fcgen verbracht, die dann doch nicht losfuhren, waren nutzlos von Bahnsteig zu Bahnsteig gescheucht worden, der Leipziger Bahnhofsbuchladen \u2013 der gr\u00f6\u00dfte beheizbare Raum am Platz, in dem es auch ein kleines, \u00fcberf\u00fclltes Caf\u00e9 gab \u2013 war zum Fluchtpunkt f\u00fcr hunderte von Menschen geworden, und in der \u00fcberf\u00fcllten Stadt w\u00e4hrend der Buchmesse noch ein Zimmer bekommen zu wollen, war v\u00f6llig hoffnungslos. Trotzdem herrschte eine g\u00e4nzlich andere Atmosph\u00e4re: Sie war gel\u00f6st, spottfreudig, fast fr\u00f6hlich. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">An allen Ecken sah man Menschen miteinander sprechen. Neuank\u00f6mmlinge wurden zwar grimmig, aber durchaus vergn\u00fcgt \u00fcber die Situation aufgekl\u00e4rt, und auch die Distanz zwischen den Angestellten der Bahn und den gestrandeten Reisenden begann zu schwinden.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Freilich nicht bei allen und nicht \u00fcberall. Im ersten Zug, in dem wir zu hunderten hoffnungsvoll froren und der schlie\u00dflich wegen eines defekten Weichenrelais doch nicht fahren konnte, konnte es der Zugbegleiter nicht lassen, trotz der chaotischen Situation weiter seine Durchsagen in jenem gestelzten, b\u00fcrokratischen Duktus zu machen, den die Bahn ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufn\u00f6tigt. Die Reaktionen der (Nicht)Fahrg\u00e4ste waren bemerkenswert: Sie rollten mit den Augen, einige murrten ver\u00e4rgert, und als sich die Redeweise nicht besserte, br\u00fcllte schlie\u00dflich ein s\u00fcddeutscher Fahrgast entnervt in den Waggon: \u201eHimmelherrgottsakramentnochamoi!\u201c. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Stunden sp\u00e4ter, in einem anderen Zug, mit dem wir dann \u2013 oh Wunder! \u2013 tats\u00e4chlich der Falle Leipzig entkamen (zumindest bis Magdeburg), meldete sich der Zugbegleiter dagegen nur noch mit einem l\u00e4ssigen: \u201eMeine Damen und Herren, ich wollte nur kurz Bescheid sag\u2019n: Es geht tats\u00e4chlich gleich los!\u201c. Der ganze Waggon johlte fr\u00f6hlich, manche riefen laut: \u201eDas glaub\u2019 ich aber erst, wenn ich\u2019s sehe!\u201c und einige wohlfrisierte \u00e4ltere Damen mir gegen\u00fcber begannen, sich in gespieltem Freudentaumel die Haare zu zerraufen. Wir hatten das Gef\u00fchl, Teil einer verschworenen Notgemeinschaft zu sein, die Schaffnerinnen und Zugf\u00fchrer durchaus mit einschloss.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Univers Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Gegenseitige Hilfe<\/span><\/span><\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Der gr\u00f6\u00dfte Unterschied jedoch war, wie viele Menschen begannen, ihr Schicksal (soweit m\u00f6glich) in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen und sich gegenseitig zu helfen. An beiden Seiteneing\u00e4ngen zum Bahnhof entstanden beispielsweise improvisierte Mitfahrzentralen. Wer immer Freunde oder Verwandte in der Stadt oder im weiteren Umland hatte, trommelte diese auf allem, was ohne Schienen fahren konnte, zum Leipziger Hauptbahnhof, und wildfremde Menschen, die kein allzu entferntes Ziel hatten, quetschten sich, bedeckt mit m\u00e4chtigen Koffern und Taschen, gemeinsam in die diversen Fahrzeuge. Immer wieder rief jemand durch die Halle, ob irgendjemand nach Da-und-da m\u00fcsse, und es fanden sich stets reichlich Interessentinnen und Interessenten. Auch mein Verhalten wandelte sich: Als ich zum Beispiel der wirren Anzeigen auf dem Bahnsteig m\u00fcde geworden war und es wagte, mein Gl\u00fcck einmal im Reisezentrum zu versuchen \u2013 als ich meine Wartenummer zog, waren geschlagene 126 (!) Personen vor mir \u2013 sah ich hinter mir ein \u00e4lteres P\u00e4rchen, das mit mir in einem der besagten Tiefk\u00fchl-Z\u00fcge gesessen hatte. Ich stand in der Liste vor ihnen, also fragte ich sie h\u00f6flich, ob ich vielleicht statt ihrer Erkundigungen f\u00fcr sie einholen k\u00f6nne. Sie stimmten gerne zu. Das einpr\u00e4gsamste Bild aber waren f\u00fcr mich zwei Herren, von denen ich mir ziemlich sicher bin, dass sie sich nie zuvor begegnet waren: Der eine war ein distinguierter, \u00e4lterer Japaner mit schneewei\u00dfem Haar und einem perfekt gestutzten Vollbart. Der andere war ein kr\u00e4ftig gebauter Schwarzer in einer zerknautschten Windjacke, der einen riesigen Rollkoffer hinter sich herzog. Beide sprachen nur sch\u00fctteres Deutsch und hatten sich offenbar entschlossen, ihre sp\u00e4rlichen Ressourcen zusammenzuwerfen. So standen sie nun beide an einem Schalter des Reisezentrums, radebrechten um die Wette \u2013 gingen dem einen Puste und Vokabeln aus, \u00fcbernahm der andere \u2013 und mussten dabei \u00fcber ihre Unbeholfenheit so herzlich lachen, dass am Ende auch die Bahnbedienstete sich nicht mehr halten konnte.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Einige Stunden sp\u00e4ter sah ich beide sich auf dem Bahnsteig zum Abschied herzlich umarmen \u2013 eine in Japan un\u00fcbliche Geste \u2013 und ihrer Wege gehen.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Ich glaube nicht, dass sie sich je wiedersehen werden. Selbst, als unsere Z\u00fcge schon wieder rollten, blieb der vergn\u00fcgliche, freundliche, solidarische Ton Pflicht. Als mein Zug zum Beispiel in Magdeburg stehen blieb, weil die Bahn im allgemeinen Chaos der Dienstpl\u00e4ne keinen Lokf\u00fchrer finden konnte, rannte ein gewaltiger Mensch mit breiter Narbe auf der Wange w\u00fctend durch den Zug und schrie allen, denen er begegnete, diese Neuigkeit entgegen. Gewiss rollten wir wieder mit den Augen oder seufzten vor uns hin. Aber in den meisten Gespr\u00e4chen, die ich mitbekam, wurde dem erbosten Narbenmann doch nahegelegt, sich zu beruhigen. Aus unsozialer Konkurrenz und egoistischem Anspruchsdenken war soziale, kreative Solidarit\u00e4t geworden.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Univers Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Was k\u00f6nnten diese Beobachtungen bedeuten?<\/span><\/span><\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Vielleicht dies: Das wesentliche Problem funktional differenzierter Gesellschaften ist, dass sich ihre Makrostrukturen der Einflussm\u00f6glichkeit und dem Improvisationstalent des Einzelnen f\u00fcr die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung entziehen. Es bleibt den meisten Menschen gar nichts anderes \u00fcbrig, als darauf zu vertrauen, dass \u00fcbergeordnete, oft anonyme Instanzen und Institutionen (wie etwa die Deutsche Bahn) f\u00fcr Abhilfe bei ihren Problemen sorgen oder ihre t\u00e4glichen Bed\u00fcrfnisse befriedigen. Tun sie das nicht, beharren aber trotzdem weiter auf alten, funktionalen Abl\u00e4ufen und Verhaltensweisen, dann entstehen Aggressionen. Eine Solidarisierung \u00fcber die Grenzen von Funktion und Profession hinweg wird verunm\u00f6glicht. Erreicht das Chaos aber ein solches Ausma\u00df, dass Menschen beiderseits der funktionalen Barriere \u201eaus der Rolle fallen\u201c, geschieht etwas Erstaunliches: Ein neues, soziales Miteinander entsteht, in dem es f\u00fcr gew\u00f6hnlich weit freundlicher, humorvoller und entspannter zugeht als zuvor.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_18352\" aria-describedby=\"caption-attachment-18352\" style=\"width: 249px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Redenvomwetter.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-18352 size-medium\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Redenvomwetter-249x300.jpg\" alt=\"Foto: Archiv\" width=\"249\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Redenvomwetter-249x300.jpg 249w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Redenvomwetter-300x362.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Redenvomwetter-600x724.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Redenvomwetter-768x927.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Redenvomwetter-848x1024.jpg 848w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Redenvomwetter.jpg 994w\" sizes=\"auto, (max-width: 249px) 100vw, 249px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-18352\" class=\"wp-caption-text\">Heute realsatirisch wirkende Werbung der Bahn aus den 1960ern<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Dieses neue soziale Miteinander soll hier als improvisierte Gesellschaft bezeichnet werden. Die hervorstechendsten Merkmale der improvisierten Gesellschaft, wie sie hier verstanden werden soll, sind ihre klassen- und schichten\u00fcbergreifende Struktur, also die soziale, kulturelle und individuelle Heterogenit\u00e4t der an ihr Beteiligten, deren vollkommener Mangel an Vorbereitung auf ihr Zustandekommen, das Schwinden von Hierarchien im Umgang miteinander und ihre Kurzlebigkeit und Spontanit\u00e4t. Improvisierte Gesellschaften sind meist Notgemeinschaften, und im Gegensatz zu meiner eher l\u00e4sslichen Gef\u00e4hrdung oft f\u00fcr das \u00dcberleben der Menschen unabdingbar. Autorit\u00e4ten, die soziale F\u00fcrsorgepflichten zu \u00fcbernehmen h\u00e4tten, sind zusammengebrochen oder erweisen sich als unf\u00e4hig. Man muss sich selber helfen.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Der argentinische Schriftsteller Julio Cort\u00e1zar hat der improvisierten Gesellschaft mit seiner Erz\u00e4hlung \u201eAutobahn nach S\u00fcden\u201d ein literarisches Denkmal gesetzt. Dort dauert ein Stau auf der ber\u00fcchtigten Autoroute du Soleil [\u2018Autobahn der Sonne\u2019] w\u00e4hrend der Ferienzeit in Frankreich erst Tage, dann Wochen, schlie\u00dflich Monate. Da die anwohnenden Bauern die verhassten Pariser nicht von der Bahn herunterlassen, sondern auf sie schie\u00dfen, entwickelt sich notgedrungen eine improvisierte Selbstverwaltung, die unter anderem ein v\u00f6llig anderes Identit\u00e4tskonzept zugrunde legt als die Welt jenseits des Staus: Die Menschen reden sich nicht l\u00e4nger mit Namen an, sondern mit der Bezeichnung der Fahrzeugtypen, die sie fahren. Ein resoluter und respektierter Herr, der zum Staub\u00fcrgermeister ernannt wird, hei\u00dft beispielsweise \u201eTaunus\u201c. Und der Ich-Erz\u00e4hler hat sogar ein kurzes erotisches Techtelmechtel mit einer jungen Frau, die \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 einen zierlichen Renault Dauphine f\u00e4hrt und dementsprechend \u201eDauphine\u201c hei\u00dft. Am Ende l\u00f6st sich der Stau ebenso pl\u00f6tzlich auf, wie er begonnen hat, und die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger der improvisierten Gesellschaft sehen voneinander nur mehr die Scheinwerfer, die sich in der Nacht verlieren. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Interessant ist nun, wie Menschen auf einen solchen Zusammenbruch der bisherigen Ordnung und die Neuerungen, die sich f\u00fcr kurze Zeit aus ihm ergeben, reagieren. Denn die unausweichliche Notwendigkeit, sich selbst und anderen zu helfen, wird von vielen offenbar gar nicht als bedrohlich und belastend, sondern als befreiend erlebt \u2013 oft zur eigenen \u00dcberraschung. Die intensive soziale Versorgung mit G\u00fctern und Dienstleistungen und die Bequemlichkeit, die sie verspricht, werden n\u00e4mlich erkauft mit einer latenten Angst \u2013 ob einem dies nun bewusst ist oder nicht.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Der Postwachstumstheoretiker Niko Paech hat das Gef\u00fchl des Ausgeliefertseins an eine immer weiter ausufernde Sekund\u00e4rversorgung durch m\u00e4chtige, weder greif- noch beeinflussbare Akteure einmal mit dem grimmigen Bild erfasst: \u201eNiemand [&#8230;] ist hilfloser als ein Patient, der am Tropf h\u00e4ngt\u201c. Paech spricht w\u00f6rtlich von einer \u201eAngstkultur\u201c, die sich aus der wachsenden materiellen und sozialen Abh\u00e4ngigkeit ergebe und effizient zur Stabilisierung von Herrschaft und Konsum gleicherma\u00dfen eingesetzt werden k\u00f6nne. Der zum vorgeblichen Hort der Freiheit erhobene Konsum ist f\u00fcr Paech sogar das eigentliche Synonym f\u00fcr Angst, denn er erm\u00f6glicht einem kleinen Teil der globalen Bev\u00f6lkerung einen materiellen Wohlstand, der ihrem individuellen Schaffensverm\u00f6gen in keinster Weise mehr entspricht. So mancher mag sich hier an den n\u00fctzlichen Begriff der \u201eimperialen Lebensweise\u201c erinnert f\u00fchlen, den Ulrich Brandt und Markus Wissen gepr\u00e4gt haben. Die bunte Welt der Waren und der Werbung ist f\u00fcr Paech nur die Bet\u00e4ubung dieser Angst; der Angst, nicht l\u00e4nger \u00fcber die Runden kommen zu k\u00f6nnen, wenn auch nur ein Teil dieses Angebots wegfiele; dass also die Sekund\u00e4rversorgung L\u00fccken aufweisen k\u00f6nnte.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Jedes Gef\u00fchl des Ausgeliefertseins erzeugt Aggression und Angst, und die Befreiung von beidem wird naheliegender Weise als genussvoll empfunden. Eine meiner Reisegef\u00e4hrtinnen, eine \u00e4ltere, sehr einfache Dame, der ich nicht unterstelle, in ihrem Leben auch nur einen umst\u00fcrzlerischen Gedanken gedacht zu haben, brachte diesen Umstand treffend auf den Punkt. \u201eMan ist der Bahn so ausgeliefert. Ich mag es nicht, ausgeliefert zu sein.\u201c Die M\u00f6glichkeit, sich und anderen aktiv zu helfen \u2013 und sei es nur kurz und im Kleinen \u2013 hilft, die Angst zu \u00fcberwinden, die Abh\u00e4ngigkeit zu verringern, und wird zum Saatboden einer \u00fcbergreifenden sozialen Solidarit\u00e4t. Wer st\u00e4ndig Angst um sich, die seinen, seinen Lebensstandard, seine Sicherheit, sein Auto, seine Katze oder seine Spitzendeckchen hat, wird nur mit Entsetzen auf Forderungen nach tiefgreifenden sozialen Ver\u00e4nderungen reagieren k\u00f6nnen, die immer notwendiger werden. Die (Wieder)Entdeckung der eigenen kreativen sozialen Sch\u00f6pferkraft ist ein erfreuliches Erlebnis.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Univers Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Aber ist es nicht vermessen, aus einem derart banalen Erlebnis wie dem meinen allgemeine Schl\u00fcsse ziehen zu wollen? <\/span><\/span><\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Was hatte sich denn ver\u00e4ndert? Wir fingen ja schlie\u00dflich nicht pl\u00f6tzlich an, die Z\u00fcge selber zu fahren oder die Weichen selber zu stellen. Macht und Einfluss der Deutschen Bahn blieben ungebrochen. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Kommt, wer heutzutage Kritik an staatlicher oder teilstaatlicher Sekund\u00e4rversorgung \u00e4u\u00dfert, au\u00dferdem nicht rasch in ungutes, neoliberales Fahrwasser, mit jener l\u00fcgenhaften Vergottung der \u2018Eigeninitiative\u2019, damit die Profite nicht durch nutzlose Sozialausgaben belastet werden?<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Und woher will ich eigentlich wissen, dass eine improvisierte Gesellschaft, jede improvisierte Gesellschaft, immer so aussehen muss wie am Leipziger Hauptbahnhof? W\u00e4re es nicht naheliegender, zu vermuten, dass derartige Strukturen ebenso gut ganze Menschengruppen ausschlie\u00dfen k\u00f6nnten, ohne deswegen, nach innen betrachtet, weniger solidarisch und funktional zu sein? Die blo\u00dfe Tatsache, dass Menschen sich prinzipiell gegenseitig helfen k\u00f6nn(t)en, ist als Basis f\u00fcr eine freiheitliche Gesellschaftsutopie denkbar d\u00fcrftig. Es ist albern, wenn der anarchistische Ethnologe David Graeber \u2013 dies sei mit allem Respekt gesagt \u2013 die Tatsache, dass Menschen sich zuweilen auf der Stra\u00dfe gegenseitig Feuer geben, zum Embryo einer libert\u00e4ren Gesellschaft hochspielen will. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Dergleichen ideologische Prinzipienerkl\u00e4rungen sind ohne Bedeutung, zumal Graeber \u00fcbergeht, dass f\u00fcr die meisten Menschen die gegenseitige Hilfe nicht etwa beim Feuergeben beginnt, sondern genau dort endet. Man mag nicht einmal mehr wehm\u00fctig l\u00e4cheln, wenn man zum soundsovielten Mal begeisterte Berichte von linken Protestcamps liest, auf denen es die Menschen unterlassen haben, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen, statt dessen alternative Formen der Entscheidungsfindung erprobt haben und nun der \u00dcberzeugung sind, dass eine herrschaftsfreie Gesellschaft m\u00f6glich sei: Menschen, die im Allgemeinen im selben Alter sind, \u00e4hnliche Ansichten vertreten und wissen, dass sie sich nach ein paar Tagen ohnehin wieder los sein werden. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Mit einer wirklichen Gesellschaft hat all dies nichts zu tun. Und es mag abschlie\u00dfend just die Tatsache sein, dass Menschen solche Improvisationsk\u00fcnstler sind, die zu erkl\u00e4ren hilft, warum sie unertr\u00e4gliche Strukturen so lange hinnehmen. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">All dies sind stichhaltige und gewichtige Einw\u00e4nde. Dennoch habe ich gesehen, was ich gesehen habe, und meine Erlebnisse nach bestem Wissen und Gewissen nicht gesch\u00f6nt: Ich sah einen spontanen, improvisierten und zeitlich begrenzten Abbau sozialer Hierarchien; das Entstehen eines solidarischen Miteinanders unter einander v\u00f6llig unbekannten, unterschiedlichen Menschen \u00fcber definierte Grenzen der sozialen Funktion und Profession hinweg; und einen auff\u00e4lligen, erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftigen Wandel der kollektiven Stimmung. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Wer nicht vermitteln kann, dass tiefgreifende, freiheitliche Ver\u00e4nderungen des Bestehenden keineswegs nur furchterregend, sondern auch angstlindernd, kreativit\u00e4tsf\u00f6rdernd und emotional befreiend sein k\u00f6nnen, wenn sie unterschiedslos alle Menschen miteinschlie\u00dfen, wird lange auf sie warten m\u00fcssen. Wie sich verfestigende soziale Strukturen, gewisserma\u00dfen die Institutionalisierung der improvisierten Gesellschaft, dann aussehen werden, steht auf einem anderen Blatt. Was spontane, allgemeine und unterschiedslose gegenseitige Hilfe aber wohl tats\u00e4chlich immer bewirkt, ist eine betr\u00e4chtliche Aufhellung der Stimmung. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"RIGHT\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Univers Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Martin Baxmeyer<\/span><\/span><\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Univers Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: xx-small;\"><span lang=\"de-DE\"><span style=\"font-size: large;\">Dr. phil. Martin Baxmeyer (Jg. 1971) ist Hispanist, Literaturwissenschaftler und seit vielen Jahren Autor u.a. der GWR. B\u00fccher: Amparo Poch y Gasc\u00f3n. Biographie und Erz\u00e4hlungen aus der spanischen Revolution, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2018; Das ewige Spanien der Anarchie. Die anarchistische Literatur des B\u00fcrgerkriegs (1936-1939) und ihr Spanienbild, edition tranvia, Berlin 2012; Hg. mit Bernd Dr\u00fccke und Luz Kerkeling: Abel Paz und die Spanische Revolution. Interviews und Vortr\u00e4ge, Verlag Edition AV, Frankfurt\/M. 2004<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bitte in aller Demut um Entschuldigung, aber dieser Artikel muss mit mir beginnen: Vom f\u00fcnfzehnten bis zum siebzehnten M\u00e4rz 2018 war ich auf Einladung meines Verlags im Rahmen der Leipziger Buchmesse nach Dresden und Leipzig gereist, um dort mein neues Buch vorzustellen. 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