{"id":1836,"date":"1998-03-01T00:00:34","date_gmt":"1998-02-28T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1836"},"modified":"2022-07-26T14:17:04","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:04","slug":"castoriadis-das-revolutionare-projekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/03\/castoriadis-das-revolutionare-projekt\/","title":{"rendered":"Castoriadis: das revolution\u00e4re Projekt"},"content":{"rendered":"<p>In den Jahren nach der weltweiten Revolte Ende der sechziger, als leninistische Parteien einen gewaltigen Zulauf hatten und zahlreiche maoistische B\u00fcnde gegr\u00fcndet wurden, war f\u00fcr die antiautorit\u00e4ren SozialistInnen die Kritik, die von einem revolution\u00e4ren, antibolschewistischen Standpunkt aus und mit fundierten historischen Kenntnissen an diesen Parteien ge\u00fcbt wurde, besonders wichtig f\u00fcr ihre Selbstverst\u00e4ndigung. Besonders durch die Schriften der britischen &#8222;Solidarity&#8220;-Gruppe lernten wir damals Paul Cardan sch\u00e4tzen, der eine scharfe Kritik der traditionellen, etatistischen Linken und ihrer programmatischen Grundlagen \u00fcbte. Auch die Mystifizierungen des &#8222;historischen Materialismus&#8220;, die bereits bei Marx beginnen, wurden offen behandelt, obwohl den Schriften anzumerken war, da\u00df der Verfasser aus der marxistischen Tradition kam. Im Unterschied zu anderen KritikerInnen der stalinistischen Linken, etwa der &#8222;Frankfurter Schule&#8220;, entwickelten Cardans Texte jedoch auch Perspektiven, wie aus der Krise der B\u00fcrokratie in der kapitalistischen Produktion und im Staatskapitalismus sowie aus der Krise der politischen Formen eine revolution\u00e4re Zielsetzung, die &#8222;generalisierte Selbstverwaltung&#8220;, der R\u00e4te-Sozialismus entstehen k\u00f6nne. Die Kritik der Parteiform, des Parlamentarismus und des Staates wie die Hoffnung auf einen authentischen Sozialismus, der in den Bewegungen der Pariser Kommune 1871, in den revolution\u00e4ren Bewegungen nach 1917, in der ungarischen Revolution und im Pariser Mai aufschien, konnte sich also nicht nur auf wiederentdeckte anarchistische und anarchosyndikalistische Texte st\u00fctzen, sondern auch auf zeitgen\u00f6ssische TheoretikerInnen, die aus ihren Erfahrungen mit autorit\u00e4ren &#8222;Sozialismus&#8220;-Konzeptionen eine antib\u00fcrokratische und antiautorit\u00e4re Utopie begr\u00fcndeten ((1)), die in vielem an Bakunin erinnerte, aber um die b\u00f6sen Erfahrungen von hundert Jahren der Vermischung von Sozialismus und Staat reicher.<\/p>\n<p>Cornelius Castoriadis, so der eigentliche Name von &#8222;Paul Cardan&#8220; (eines von mehreren Pseudonymen) hat seitdem bis zu seinem Tod am 26. Dezember letzten Jahres wiederum die Erfahrungen der Bewegungen der 70er und 80er Jahre aufgegriffen, seine Marxismus-Kritik radikalisiert, Reste der Ideologie einer einheitlichen und als &#8222;revolution\u00e4res Subjekt&#8220; ausgezeichneten Arbeiterklasse verworfen und eine politische Philosophie entwickelt, die die Grundlagen einer freien Gesellschaft darstellen soll. Leider sind diese Ans\u00e4tze nur gelegentlich in den sozialen Bewegungen aufgegriffen worden ((2)) und in den akademischen Disziplinen ohnehin randst\u00e4ndig ((3)). Dabei gibt es nur wenige Konzeptionen, die sich vielen Problemen der Gesellschaft und der Erfahrungen mit Versuchen der Befreiung stellen, ohne vor Kapitalismus und B\u00fcrokratie zu kapitulieren und die Rebellion zu verwerfen. Castoriadis hat sich zudem gerade mit Themen besch\u00e4ftigt, die im Zentrum unseres Interesses liegen: Wie die Hierarchien aufzuheben sind, unter welchen Bedingungen Menschen ihr Schicksal in die eigenen H\u00e4nde nehmen, das Verh\u00e4ltnis von Kontinuit\u00e4t und Bruch, von notwendiger Vorbereitung gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung durch autonome Bewegungen, Fragen, wie solche Bewegungen sich organisieren k\u00f6nnen, ohne zur Reproduktion der bek\u00e4mpften Verh\u00e4ltnisse beizutragen, neue F\u00fchrerInnen und Befehlsstrukturen aufzubauen. Diese Fragestellungen auch nur offen zu halten, statt viele Aspekte des revolution\u00e4ren Projekts f\u00fcr &#8222;gescheitert&#8220; und &#8222;unm\u00f6glich&#8220; zu erkl\u00e4ren, ist allein schon ein gro\u00dfes Verdienst der Schriften von Castoriadis. ((4))<\/p>\n<p>Castoriadis wurde am 11. M\u00e4rz 1922 in einer griechischen Familie in Istanbul geboren, wuchs in Athen auf und schlo\u00df sich zun\u00e4chst 1937 der Kommunistischen Jugend, 1941 der Kommunistischen Partei Griechenlands an. 1942 trat er zu den Trotzkisten \u00fcber. Er war im Widerstand gegen die Metaxas-Diktatur und die deutsche Besatzung Griechenlands aktiv. 1945 floh er aus Griechenland, von mehreren Seiten bedroht, und ging nach Frankreich, um hier zu bleiben. 1948 brach er mit den Trotzkisten, weil er auch im titoistischen Jugoslawien nicht den authentischen Sozialismus erkennen mochte. 1949 wurde &#8222;Socialisme ou Barbarie&#8220; gegr\u00fcndet, die bis 1965 erschien und in dieser Zeit vielleicht das wichtigste Organ einer anderen, weder reformistischen, noch stalinistischen oder nationalistischen Linken wurde. Die Erfahrung der grotesken Wendungen der stalinistischen und trotzkistischen B\u00fcrokratien, der autorit\u00e4ren, militaristischen und dogmatischen Erstarrung der &#8222;Linken&#8220;, lie\u00df es nicht zu, da\u00df &#8222;Socialisme ou Barbarie&#8220; der unter linken Intellektuellen \u00fcblichen Mystifikation der Sowjetunion, Chinas, Jugoslawiens, Kubas, Vietnams &#8230; als &#8222;sozialistisch&#8220; aufsa\u00df. F\u00fcr die marginalen Gruppen einer &#8222;Neuen Linken&#8220; bildeten die in viele Sprachen \u00fcbersetzten Kritiken und Programmschriften der Gruppe wichtige Orientierungen oder Herausforderungen. Es geh\u00f6rt zu den merkw\u00fcrdigen und tragischen Episoden in der Geschichte des neueren antiautorit\u00e4ren Sozialismus, da\u00df die Zeitschrift ihr Erscheinen eingestellt hatte, als die Bewegungen, die ihre Impulse aufnahmen, massenhaft wurden. &#8222;Arbeiterselbstverwaltung&#8220; w\u00e4re nicht so leicht zum billigen Markenzeichen eines nur kosmetisch ver\u00e4nderten Reformismus geworden, wenn es in Frankreich noch &#8222;Socialisme ou Barbarie&#8220; gegeben h\u00e4tte, um die Basisbewegungen zur Selbstbewu\u00dftseinsentwicklung aufzufordern. Die Wechselwirkungen mit den neu entstehenden Bewegungen der Jugendlichen, der Frauen, der Verweigerung auf verschiedenen Ebenen und neuen Themen wie die Kritik der Technik, des Privatlebens, des Konsums h\u00e4tten die Theorien durch praktische Erfahrungen wiederum erweitern und ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. So nahm nur ein Einzelner, keine intervenierende Gruppe, das auf ((5)). Castoriadis hatte von 1948 bis 1970 f\u00fcr die OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development &#8211; Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) gearbeitet. Nach seiner Pensionierung begann er als Psychoanalytiker zu praktizieren und wurde 1980 Drektor der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales der Universit\u00e4t Paris ((6)). Es erschienen Sammlungen seiner fr\u00fcheren Schriften und zahlreiche Aufs\u00e4tze. Als gesammelte Ergebnisse dieser letzten Phase sind auch deutsch erschienen &#8222;Durch das Labyrinth. Seele, Vernunft, Gesellschaft&#8220; (Frankfurt a.M. 1981 u.a.) und sein &#8222;Hauptwerk&#8220; &#8222;Gesellschaft als imagin\u00e4re Institution. Entwurf einer politischen Philosophie&#8220; (Frankfurt a.M. 1984, als Taschenbuch 1990).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er noch in diesem Buch definiert hatte: &#8222;Die sozialistische Revolution erstrebt die Ver\u00e4nderung einer Gesellschaft durch die autonome T\u00e4tigkeit der Menschen und zielt auf die Einrichtung einer Gesellschaft, die in ihrer Organisation der Autonomie aller entgegenkommt&#8220; (S. 162), kam Castoriadis in sp\u00e4teren Jahren zu dem Ergebnis, da\u00df die Begriffe &#8222;Sozialismus&#8220; und &#8222;Kommunismus&#8220; so rettungslos mit etatistischen Diktaturen, mit totalit\u00e4rem Terror, identifiziert sind, da\u00df es sinnlos oder sogar verwirrend sei, diese Begriffe noch f\u00fcr das Projekt einer freien Gesellschaft reklamieren zu wollen. Castoriadis bevorzugte den Begriff der &#8222;autonomen&#8220; Gesellschaft. Diese ist dadurch gekennzeichnet, da\u00df sie sich bewu\u00dft selbst ihre Institutionen schafft und sie fortw\u00e4hrend kritisiert und ver\u00e4ndert, statt von ihnen bestimmt zu werden und sie als etwas &#8222;naturgegebenes&#8220; oder &#8222;g\u00f6ttliches&#8220; oder &#8222;technisches&#8220; zu mystifizieren. Der Pariser Mai, die Forderung &#8222;Phantasie an die Macht&#8220;, findet in Castoriadis&#8216; Aufs\u00e4tzen und seiner theoretischen Konzeptionen einen Nachhall und eine Best\u00e4tigung.<\/p>\n<p>Castoriadis sieht nicht mehr die \u00d6konomie im Zentrum der Gesellschaft, wie es in der marxistischen Tradition ((7)) \u00fcblich ist, sondern gesellschafliche Institutionen, die auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Dimensionen auch die Wahrnehmungen und Interpretation der physischen und sozialen Welt bestimmen und die m\u00f6glichen Formen, sich dazu zu verhalten. Jede Gesellschaft &#8222;erfindet&#8220; einen Konsens imagin\u00e4rer Bedeutungen. Aber die autonome Gesellschaft instituiert sich bewu\u00dft und explizit selbst. Diese Konzeption, da\u00df auch gesellschaftliche Institutionen beurteilt und ausgew\u00e4hlt werden k\u00f6nnen, nat\u00fcrlich nicht abstrakt, sondern vielfach determiniert durch vorangegangene Institutionen und Auseinandersetzungen, wurde zuerst in der griechischen Antike entwickelt: &#8222;der instituierende historische Proze\u00df: Aktivit\u00e4ten und K\u00e4mpfe in Verbindung mit den Ver\u00e4nderungen der Institution, die explizite Selbst-Institution (auch wenn sie partiell bleibt) der polis als permanenter Proze\u00df.&#8220; ((8)) Autonomie besteht in dem Bewu\u00dftsein, sich sein eigenes Gesetz zu geben, es nicht durch Ahnen, g\u00f6ttliche Gewalt oder sakrosankte Einrichtungen gesetzt zu erhalten. Auch wenn der Ausschlu\u00df von Fremden, Frauen und Sklaven Grenzen definiert, in denen die polis Autonomie institutionell erm\u00f6glicht, so entsteht hier doch das Bewu\u00dftsein, da\u00df die Gemeinschaft der B\u00fcrger als Volksversammlung entscheidet. Und es wird Teilhabe gefordert; auf den B\u00fcrgern &#8222;lastet der moralische Druck, v\u00f6llig frei zu sprechen&#8220; (ebenda, S. 307). Diese Formen der Selbstkonstitution sind in der Geschichte von den radikalen Bewegungen immer neu erschaffen worden: &#8222;die Stadtr\u00e4te (town meetings) in der Amerikanischen Revolution, die Sektionen (&#8230;) in der Franz\u00f6sischen Revolution, die Pariser Kommune oder die Arbeiterr\u00e4te und Sowjets in der Fr\u00fchform; Hannah Arendt hat viele Male die Bedeutung dieser Formen hervorgehoben. In allen F\u00e4llen ist der souver\u00e4ne K\u00f6rper die Totalit\u00e4t der betroffenen Personen; immer wenn eine Delegation notwendig war, wurden die Delegierten nicht nur gew\u00e4hlt, sondern waren jederzeit r\u00fcckrufbar.&#8220; (ebenda, S. 308) Die Repr\u00e4sentation ist ein der Demokratie fremdes, aristokratisches Prinzip! Athener Magistrate wurden durch Los oder Rotation eingesetzt, um m\u00f6glichst viele B\u00fcrger mit den \u00f6ffentlichen Angelegenheiten vertraut zu machen (S. 311). Es erinnert an Bakunin, wenn Castoriadis hervorhebt, &#8222;da\u00df die Athener fachkundige M\u00e4nner zu Rate z\u00f6gen, wenn es darum ginge, Stadtmauern oder Schiffe zu bauen, dies aber ablehnten, wenn es sich um Politik handelte&#8220; (ebenda, S. 309): &#8222;Der richtige Beurteiler von Spezialisten ist nicht etwa ein weiterer Spezialist, sondern der Benutzer.&#8220; (S. 309) Und Castoriadis hebt hervor, da\u00df die \u00f6ffentlichen Angelegenheiten in der polis nicht etwa von einem Staat, einer von den B\u00fcrgern getrennten und \u00fcber ihnen stehenden K\u00f6rperschaft, organisiert wurden; der technisch-administrative Apparat war ohne politische Entscheidungsgewalt und bestand aus Sklaven.<\/p>\n<p>Die Entstehung eines \u00f6ffentlichen Raumes, in dem offen und ohne Einschr\u00e4nkungen gesprochen, geforscht, gedacht werden konnte, l\u00e4\u00dft in Athen zugleich Demokratie, Philosophie und unparteiisches Denken entstehen. Die Politik-Konzeption unterschied sich von der heutigen gerade dadurch, da\u00df Einzelinteressen als illegitim galten, wenn es um Angelegenheiten des Gemeinwesens ging; die Wahrung eigener Interessen war verp\u00f6nt. Castoriadis erw\u00e4hnt, da\u00df noch die Verfassung der Vereinigten Staaten es Abgeordneten und Senatoren, die aus \u00fcberwiegend agrarischen Bundesstaaten kommen, verbietet, an Entscheidungen des Parlaments \u00fcber Landwirtschaftsfragen teilzunehmen. (S. 313) Dies verweist schon darauf, da\u00df gesellschaftlich verallgemeinerte Autonomie nicht etwa nur eine demokratietheoretische Frage im Sinne einer abgespalteten Sph\u00e4re sein kann. Eine autonome Gesellschaft kann nicht entstehen und bestehen, wenn die Spaltungen in F\u00fchrer und Gef\u00fchrte, in Befehlende und Ausf\u00fchrende, Eigent\u00fcmer und Eigentumslose usw. aufrechterhalten bleiben. Nur autonome Menschen k\u00f6nnen eine autonome Gesellschaft bilden, nur eine autonome Gesellschaft l\u00e4\u00dft Autonomie der Einzelnen zu.<\/p>\n<p>Die Privatisierung, der R\u00fcckzug der Menschen auf kleinlichste Interessen, die kapitalistische Individualisierung ist verbunden mit dem Siegeszug der kapitalistischen Imagin\u00e4ren ((9)), einer angeblich \u00f6konomisch alternativlosen und rationalen Welt der \u00d6konomisierung; sie scheint zun\u00e4chst das Projekt der Autonomie &#8211; ich w\u00fcrde immer noch sagen: des herrschaftslosen, antiautorit\u00e4ren, f\u00f6deralistischen Sozialismus &#8211; verdr\u00e4ngt zu haben. Aber die R\u00fcckkehr des Verdr\u00e4ngten kann geschehen: &#8222;Die Wiederaneignung der Macht durch die Allgemeinheit, die Abschaffung der politischen Arbeitsteilung, der ungehinderte Umlauf politischer relevanter Information, die Abschaffung der B\u00fcrokratie, die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Dezentralisierung der Beschl\u00fcsse, die Selbstbestimmung der Verbraucher, die Selbstverwaltung der Produzenten.&#8220; ((10)) Dazu ist zweifellos die &#8222;Zerst\u00f6rung des \u00d6konomischen als des zentralen und einzigen Werts&#8220; (Castoriadis, ebenda) Voraussetzung. Castoriadis ist wie Bakunin der Ansicht gewesen, da\u00df Gleichheit und Freiheit sich nicht gegeneinander ausspielen und sich nicht auf bestimmte Bereiche einschr\u00e4nken lassen. Die Gesellschaft allein kann den Individuen tats\u00e4chliche Freiheiten, Handlungsspielr\u00e4ume garantieren. Ungleiche Einkommensverteilung f\u00fchrt notwendigerweise auch zu politischer Herrschaft; deshalb mu\u00df Gleichheit materiell verwirklicht werden. Eine politische Diktatur wird immer auch ungleiche Eigentumsverh\u00e4ltnisse erzeugen; es ist grotesk, eine Gesellschaft als egalit\u00e4r oder &#8222;sozialistisch&#8220; zu verteidigen, in der Herrschende Abweichende in Lager stecken k\u00f6nnen. Die Herrschaft \u00fcber den Arbeitsproze\u00df aufzuheben, erscheint Castoriadis auch in seinen sp\u00e4ten Schriften als entscheidend. ((11)) Aber die autonome Gesellschaft, wie er sie sich vorstellt, wird auch die vorgefundene Technik ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>&#8222;Die Selbstverwaltung schlie\u00dft die Gleichheit aller L\u00f6hne, Einkommen usw. ein. Auf der anderen Seite w\u00fcrde sie aber sehr schnell in sich zusammenfallen, wenn es allein darum ginge, die herrschende Anh\u00e4ufung von wertlosem M\u00fcll &#8217;selbstzuverwalten&#8216;. Die Selbstverwaltung kann sich nur st\u00e4rken und entwickeln, wenn sie sogleich eine bewu\u00dfte Umwandlung der existierenden Technologie, der instituierten Technologie, nach sich zieht, um sie den Bed\u00fcrfnissen, W\u00fcnschen und dem Willen der Menschen, sowohl in ihrer Eigenschaft als Produzenten wir als Verbraucher, anzupassen.&#8220; ((12)) Die angebliche &#8222;Neutralit\u00e4t&#8220; der Technik hatte Castoriadis bereits in &#8222;Durchs Labyrinth&#8220; kritisiert (S. 206ff): Sie ist gerade ein Beispiel, wie gesellschaftliche Ziele und Institutionen sich materialisieren und jeder bewu\u00dften Entscheidung zun\u00e4chst entzogen sind; die Auswirkungen sind kaum begreifbar und erst recht von niemandem zu kontrollieren; es w\u00e4re erst selbstgesetzte Aufgabe einer sich befreienden Gesellschaft, aus den vorgefundenen allm\u00e4hlich jene Technologien zu entwickeln, die ihre Autonomie m\u00f6glichst unterst\u00fctzen oder zumindest weniger beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Viele Texte \u00fcber den Anarchismus behaupten, dieser sei antiinstitutionell, und es mag sein, da\u00df auch manche AnarchistInnen das annehmen. Wenn wir nicht um Worte streiten wollen, so stellen wir jedoch leicht fest, da\u00df anarchistische Schriften immer wieder Institutionen empfehlen und propagieren, Organisationsformen und Formen, Konflikte zu schlichten. Landauer entwarf sogar eine Verfassung f\u00fcr die &#8222;Vereinigten Republiken Deutschlands&#8220; und wollte nach dem Vorbild des &#8222;Jubeljahres&#8220; den Besitz an Land umverteilt wissen. Und die historischen Bewegungen haben zahlreiche Institutionen geschaffen: F\u00f6deralistische Gewerkschaften, Arbeiterb\u00f6rsen, Siedlungen, F\u00f6derationen. In der F\u00f6deration der gewaltfreien Aktionsgruppen hatten wir lange Auseinandersetzungen \u00fcber Vetorechte und Minderheitenschutz bei Entscheidungen. In solchen Debatten sehe ich Versuche, h\u00e4ufig scheiternde, aber weiterwirkende Ans\u00e4tze, Formen einer nicht-hierarchischen Lebensweise, von Entscheidungsfindung und Zusammenarbeit in der bewu\u00dften Kontrolle der organisierten Gruppen zu entwickeln. Und genau dies ist das Interesse von Castoriadis. Jede Gesellschaft mu\u00df \u00fcber die Verteilung knapper Ressourcen entscheiden, \u00fcber Streitf\u00e4lle und den Ausschlu\u00df von Menschen, die gegen andere gewaltt\u00e4tig werden. Und gerade die Sanktionierung von Gewalt wirft in jeder Gesellschaft viele Probleme auf. Wie diese Fragen aber entschieden werden, wie kreativ, wie sehr von allen betroffenen Mitgliedern einer Gruppe nach reiflicher Diskussion oder von elit\u00e4ren Minderheiten, wie sehr korrigierbar &#8211; das macht den Unterschied ums Ganze zwischen Autonomie und Heteronomie.<\/p>\n<p>Eine freie Gesellschaft kann nicht ein f\u00fcr allemal Institutionen schaffen, die Gerechtigkeit und Freiheit garantieren; im Gegenteil ist es sehr wahrscheinlich, da\u00df Hierarchisierungen und materielle Ungleichheit immer neu entstehen werden. Aber die gesellschaftlichen Institutionen k\u00f6nnen die Frage der Gerechtigkeit und Freiheit zumindest immer offen halten, immer neu aufwerfen. Die Aufgabe, Institutionen zu schaffen und immer wieder neu zu erfinden, die tats\u00e4chlich individuelle und gemeinschaftliche Freiheit zulassen, f\u00f6rdern und nahelegen, ist das gro\u00dfe, unabgeschlossene Projekt der menschlichen Geschichte. Unsere Situation heute ist sicherlich durch die v\u00f6llige \u00d6konomisierung, B\u00fcrokratisierung und Privatisierung gepr\u00e4gt. Aber aus allen K\u00e4mpfen und Befreiung bleiben gef\u00e4hrliche und befreiende Erinnerungen. Die Gesellschaft bleibt nicht einfach heteronom, ein Potential ist da. Nach der Kampfphase kommen oft Lernphasen, die Bewegungen sind nicht \u00f6ffentlich, sondern latent. In diesen Phasen entstehen, oft von einsamen Individuen, Texte, die Erfahrungen festhalten, durchdringen &#8211; und f\u00fcr die n\u00e4chste manifeste Bewegung zur Verf\u00fcgung stellen. Die Zeit der Utopie ist nicht vorbei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Jahren nach der weltweiten Revolte Ende der sechziger, als leninistische Parteien einen gewaltigen Zulauf hatten und zahlreiche maoistische B\u00fcnde gegr\u00fcndet wurden, war f\u00fcr die antiautorit\u00e4ren SozialistInnen die Kritik, die von einem revolution\u00e4ren, antibolschewistischen Standpunkt aus und mit fundierten historischen Kenntnissen an diesen Parteien ge\u00fcbt wurde, besonders wichtig f\u00fcr ihre Selbstverst\u00e4ndigung. 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