{"id":18369,"date":"2018-10-29T23:15:39","date_gmt":"2018-10-29T21:15:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=18369"},"modified":"2022-07-26T13:45:04","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:04","slug":"kapitalismus-aufheben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/10\/kapitalismus-aufheben\/","title":{"rendered":"Kapitalismus aufheben"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Gibt es heute noch linke Kapitalismuskritik? Sicher, gegen Kapitalismus sind viele, aber wie genau er \u00fcberwunden werden k\u00f6nnte, dazu gibt es kaum aktuelle Theorien.\u00a0Simon <\/span><\/span><\/strong><strong><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Sutterl\u00fctti<\/span><\/span><\/span><\/strong><strong><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> und Stefan Meretz versuchen mit ihrem Buch \u201eKapitalismus aufheben\u201c diese L\u00fccke zu schlie\u00dfen, oder besser gesagt, die Voraussetzungen daf\u00fcr zu umrei\u00dfen, die erf\u00fcllt sein m\u00fcssen, damit diese L\u00fccke geschlossen werden kann.<\/span><\/span><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Sutterluetti_Meretz_Kapitalismus_aufheben.png\"><span style=\"color: #000080;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Sutterluetti_Meretz_Kapitalismus_aufheben.png\" width=\"248\" height=\"372\" name=\"Grafik1\" align=\"BOTTOM\" border=\"1\" \/><\/span><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Sie formulieren sozusagen eine Meta-Theorie: eine Theorie dar\u00fcber, wie Kapitalismuskritik aussehen m\u00fcsste, damit sie die Transformation in eine herrschaftsfreie Gesellschaft m\u00f6glich machen k\u00f6nnte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Wie der Titel schon sagt, schwebt ihnen dabei eine dritte Alternative neben Reform und Revolution vor, und zwar die \u201eAufhebung\u201c: Dabei wird der Kapitalismus anhand seiner inneren Widerspr\u00fcche so auseinandergenommen beziehungsweise unterh\u00f6hlt, dass Gutes erhalten bleiben kann, w\u00e4hrend Schlechtes abgeschafft wird. Neue Praxen sollen sich innerhalb des Bestehenden entwickeln und dann nach und nach \u2013 irgendwann, wenn es \u201ekippt\u201c, auch schnell \u2013 eine Alternative darstellen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Kopf haben die Autoren dabei eine vor allem vom Commons-Gedanken inspirierte Utopie. Ziel ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen nach ihren W\u00fcnschen freiwillig zum Allgemeinwohl beitragen. Eigentum und M\u00e4rkte gibt es nicht mehr, sondern Gemeinschaften und Gruppen, die sich dezentral selbst organisieren, koordinieren, Dinge produzieren und verbrauchen. Das klingt ein bisschen wie Schlaraffenland, ist es aber gar nicht unbedingt, denn es gibt in der Tat bereits theoretische Grundlagen dar\u00fcber, wie eine solche Selbstorganisation funktionieren k\u00f6nnte. Grundlage w\u00e4re eine Commons-\u00d6konomie, also ein Wirtschaftssystem, das auf gemeinschaftlichem Eigentum beruht. Ein anderes Stichwort zur Organisationsweise lautet \u201eStigmergie\u201c (k\u00f6nnt ihr gerne mal googeln), und nat\u00fcrlich helfen auch Internet und Algorithmen bei Verteilung und Koordination.<\/span><\/span><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" style=\"border: 1px solid #CCC; border-width: 1px; margin-bottom: 5px; max-width: 100%;\" src=\"\/\/www.slideshare.net\/slideshow\/embed_code\/key\/KyoNW7x4m5Yste\" width=\"595\" height=\"485\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"> <\/iframe><\/p>\n<p><em>Slideshow zum\u00a0Workshop von Simon Sutterl\u00fctti und Stefan Meretz bei der Ferienuni Kritische Psychologie am 14.9.2018 in Berlin<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Was die derzeitigen Verh\u00e4ltnisse betrifft, also jenen Zustand, der \u201eaufgehoben\u201c werden soll, liegt den \u00dcberlegungen des Buches die Annahme zugrunde, dass der kapitalistischen \u201eExklusionslogik\u201c eine \u201ecommonistische Inklusionslogik\u201c entgegengesetzt werden m\u00fcsste. Dabei w\u00fcrde gesellschaftlicher Wohlstand nicht mehr darauf basieren, sich etwas zu nehmen, das andere dann nicht mehr haben k\u00f6nnen, sondern darauf, dass der Wohlstand f\u00fcr alle sich erh\u00f6ht, je mehr Menschen in ihrem eigenen Interesse wirken. Die Transformation der gesellschaftlichen Prinzipien und Paradigmen soll also nicht auf ethischen Entscheidungen der Einzelnen beruhen, sondern auf der inneren Dynamik der neuen gesellschaftlichen Strukturen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Auf eine detailreiche \u201eAuspinselung\u201c dieser Utopie verzichten die Autoren. Da ihre Grundlage die Freiheit aller Beteiligten ist, kann es ja unendlich viele M\u00f6glichkeiten geben, dies konkret zu realisieren, die logischerweise ja auch nicht vorhergesagt werden k\u00f6nnen. Der Entwurf ist vielmehr als Diskussionsgrundlage gedacht, die es erm\u00f6glichen soll, die vielf\u00e4ltigen Aktionen der Linken heute auf eine systemkritische Basis zu stellen. Das hei\u00dft, ihnen jeweils die Frage zu stellen, ob ihre Aktionen und Projekte tats\u00e4chlich dabei helfen, den Kapitalismus \u201eaufzuheben\u201c, oder nur ob sie blo\u00df reformistische Kosmetik oder pseudoradikaler Aktionismus sind.\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Dabei verstehen die Autoren ihre Thesen als Vorschlag und fordern dazu auf, Kritik anzubringen und auf Schwachstellen hinzuweisen. Meiner Ansicht nach gibt es auch tats\u00e4chlich einen Schwachpunkt, und zwar dass das Konzept durchg\u00e4ngig in Auseinandersetzung mit der Marx\u2018schen Kapitalismusdefinition entwickelt wird (ein Freund von mir hat spa\u00dfeshalber jede Bezugnahme auf Marx mit Bleistift eingekringelt, es sind sehr viele Kringel geworden). Marx ist aber nicht unbedingt ein sinnvoller Ausgangspunkt, da seine Analysen durchaus selbst hinterfragt werden k\u00f6nnen, vor allem aber weil der Zustand, den er analysiert, l\u00e4ngst der Vergangenheit angeh\u00f6rt. Kapitalismus funktioniert heute nicht mehr so wie im 19. Jahrhundert. Vielleicht ist diese Marx-Fixierung der Tatsache geschuldet, dass die Rosa Luxemburg Stiftung das Buch gesponsert hat, der These und dem Anliegen des Buches tut sie jedenfalls nicht gut.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Nur ein Beispiel: Care-Arbeit wird von den Autoren zwar als Notwendigkeit explizit angesprochen und auch durchgehend von Re-\/Produktion gesprochen. Das \u00e4ndert aber nichts daran (oder verschleiert sogar eher noch), dass Care-\u00d6konomie trotzdem inhaltlich nicht wirklich mitgedacht wird. Aus einer Care-Perspektive k\u00f6nnte man den Kapitalismus zum Beispiel nicht als eine Gesellschaftsform verstehen, die g\u00e4nzlich auf \u201eExklusionslogik\u201c beruht. Die feministische \u00d6konomiekritik hat ja herausgearbeitet, dass die Exklusionslogik des kapitalistischen Marktes \u00fcberhaupt nur deshalb funktioniert, weil sie permanent von einer unsichtbaren Sph\u00e4re famili\u00e4rer und privater Carearbeit unterst\u00fctzt wird, die eben in sich gerade nicht nach Exklusionslogik funktioniert, sondern auf Inklusionslogik \u2013 innerhalb von Familien gibt es keine Konkurrenzk\u00e4mpfe, jedenfalls der Theorie nach, sondern Liebe und Solidarit\u00e4t.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Kapitalismus ist also, auch wenn Marx das nicht gesehen und analysiert hat, eine bestimmte Art der Mischung von Exklusions- und Inklusionsbeziehungen. Besteht also seine Aufhebung wirklich darin, alle gesellschaftlichen Beziehungen prinzipiell inklusiv zu gestalten? Oder w\u00e4re die wirkliche Aufhebung nicht eher, neue und andere \u201eMischungsverh\u00e4ltnisse\u201c anzustreben, also die bisher in patriarchaler Familienlogik privatisierte Inklusion, zu einer politisch-freiheitlichen zu machen \u2013 statt sie v\u00f6llig neu zu erfinden?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ein anderes Fragezeichen klebt f\u00fcr mich an der Hoffnung des \u201estigmertischen Gesetzes\u201c, wonach bei hinreichender Gr\u00f6\u00dfe einer Gruppe alle notwendigen Arbeiten auch gemacht werden. Ehrlich gesagt m\u00f6chte ich mich darauf ebenso wenig verlassen, wie darauf, dass die \u201eunsichtbare Hand des Marktes\u201c es schon regelt. F\u00fcr meinen Geschmack ist das Menschenbild hinter der commonistischen Utopie noch zu sehr von einer autonomistisch gedachten Freiheit gepr\u00e4gt, in der Freie und Gleiche auf Augenh\u00f6he miteinander verhandeln, und das wichtigste Merkmal f\u00fcr Herrschaftsfreiheit ist, dass niemand zu etwas gezwungen werden kann. Aber ist nicht das wichtigste Merkmal von Herrschaftsfreiheit die Sicherheit, dass egal was mir passiert und wie krank oder alt ich auch werden mag, f\u00fcr meine Bed\u00fcrfnisse verl\u00e4sslich gesorgt sein wird?<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Vielleicht bin ich aber auch nur zu sehr in der heutigen Logik verhaftet, um mir das commonistische Utopia vorstellen zu k\u00f6nnen. Jedenfalls w\u00e4re es begr\u00fc\u00dfenswert, wenn das Buch zum Anlass wird, dass wir innerhalb der Linken \u00fcber solche prinzipiellen Fragen wieder diskutieren und unsere eigenen Unternehmungen am Ziel einer wirklichen Gesellschaftstransformation zu messen.<\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Antje Schrupp<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Simon Sutterl\u00fctti, Stefan Merez: Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, \u00fcber Utopie und Transformation neu nachzudenken. VSA: Verlag, Hamburg 2018, 254 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 978-3-89965-831-6<\/span><\/span><\/strong><\/p>\n<p>Das Buch steht auf der Seite <a href=\"https:\/\/commonism.us\/download\/\">commonism.us<\/a><span style=\"font-size: 1rem;\">\u00a0zum kostenfreien Download bereit.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt es heute noch linke Kapitalismuskritik? Sicher, gegen Kapitalismus sind viele, aber wie genau er \u00fcberwunden werden k\u00f6nnte, dazu gibt es kaum aktuelle Theorien.\u00a0Simon Sutterl\u00fctti und Stefan Meretz versuchen mit ihrem Buch \u201eKapitalismus aufheben\u201c diese L\u00fccke zu schlie\u00dfen, oder besser gesagt, die Voraussetzungen daf\u00fcr zu umrei\u00dfen, die erf\u00fcllt sein m\u00fcssen, damit diese L\u00fccke geschlossen werden &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/10\/kapitalismus-aufheben\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":499,"featured_media":18530,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Kapitalismus aufheben - graswurzelrevolution","description":"Gibt es heute noch linke Kapitalismuskritik? Sicher, gegen Kapitalismus sind viele, aber wie genau er \u00fcberwunden werden k\u00f6nnte, dazu gibt es kaum aktuelle Theor"},"footnotes":""},"categories":[1013,44,1035],"tags":[],"class_list":["post-18369","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-433-november-2018","category-bucher","category-wunderkammer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18369","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/499"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18369"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18369\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/18530"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}