{"id":1840,"date":"1998-03-01T00:00:10","date_gmt":"1998-02-28T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1840"},"modified":"2011-11-06T14:28:41","modified_gmt":"2011-11-06T12:28:41","slug":"un-drame-musical-instantane-%c2%a1vivan-las-utopias","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/03\/un-drame-musical-instantane-%c2%a1vivan-las-utopias\/","title":{"rendered":"Un Drame Musical Instantan\u00e9: \u00a1Vivan las utop\u00edas!"},"content":{"rendered":"<p>Elsa Birg\u00e9 beginnt allein zu singen. Ihre Stimme k\u00f6nnte einem Kind geh\u00f6ren, so klar, hell und auch zart klingt sie bisweilen. Die einsetzende Musik erinnert an Orffsche Instrumente und der Text der ersten Strophe an eine Ballade, au\u00dferdem pl\u00e4tschert Wasser immer st\u00e4rker. Aber der Gesang zerst\u00f6rt aufkommende Illusionen durch die trockene Feststellung: das ist alles nur Ballade.<\/p>\n<p>Die zweite Strophe versetzt musikalisch auf einen Jahrmarkt. Blasinstrumente wie eine Tuba sorgen f\u00fcr ein Humptata, ohne in Marschmusik abzukippen, was auch Saxophon, Schlagzeug, Percussion und Gitarre der franz\u00f6sischen Gruppe Un Drame Musical Instantan\u00e9 verhindern. Es entsteht eine folkloristische Musik ohne dumpfe Volkst\u00fcmelei. Dem entspricht es formal und thematisch, wenn ein Sprichwort den Vers einleitet, um anschlie\u00dfend die Basis der unmenschlichen Perversionen menschlicher Schaffenskraft zu er\u00f6rtern.<\/p>\n<p>In dem Refrain bleibt die Atmosph\u00e4re erhalten aber die Musik wechselt, indem sie die gestellte Frage: &#8222;was haben sie mir anzubieten?&#8220; unterst\u00fctzend zuspitzt. Der Gesang wird dramatisch hoch, betont so, da\u00df Ordnung schlimmste Unordnung sei, und wird abgel\u00f6st von einer befreienden &#8211; von Saxophon und Gitarre vorwiegend getragenen &#8211; an Jazz erinnernden Improvisation. Sie untermalt das Geklapper einer Schreibmaschine. Die mechanische Niederschrift theoretischer Reflexion weckte in den drei\u00dfiger Jahren sicher noch den Eindruck einer Ger\u00e4uschkulisse der Modernit\u00e4t.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend wird die Herrschaft er\u00f6rtert, um dann zu folgern, da\u00df weder Beruf ohne Neigung noch heilige B\u00fccher der Lebenswut eine Perspektive bieten. Das wirkt gelesen martialisch, aber klingt nicht so und die wieder anhebende Improvisation der Instrumente schafft das befreiende Umfeld, das ein ausgiebiges Lachen und Gekichere begleitet, besser unterst\u00fctzt oder gar erm\u00f6glicht?<\/p>\n<p>So \u00fcberm\u00fctig unbeschwert bleiben die folgenden \u00dcberlegungen nicht. Obwohl sie Handlungsanweisungen benennen, enthalten sie auch das Bewu\u00dftsein von Grenzen, etwa dem Schrecken, den die Massen verbreiten. Wenn die Verh\u00e4ltnisse nichts anzubieten haben, welche Perspektiven bleiben? Herausgestellt wird die Konsequenz f\u00fcr die eigene Praxis: ich will nichts beherrschen, auch meine Freiheit nicht. Die Tendenz zur Freiheit best\u00e4tigt die Improvisation von Saxophon und Percussion und Gitarren eindrucksvoll. Aus dem Hintergrund dr\u00e4ngt sich schlie\u00dflich in Spanisch die Parole &#8222;Hoch die Utopien&#8220; in den Vordergrund.<\/p>\n<p>Damit verweist das Lied auf die spanische anarchistische Bewegung, dessen zentraler Identifikationsfigur Buenaventura Durruti die Doppel-CD aus Frankreich gewidmet ist. Neben der achtk\u00f6pfigen Gruppe Un Drame Musical instantan\u00e9 spielen au\u00dferdem zahlreiche MusikerInnen der verschiedensten Musikstile. Sie entstammen \u00fcberwiegend der franz\u00f6sischen Jazz-Scene, die, wie auch die hier vorgestellten, selbst wenn sie sich mit dem spanischen Anarchismus befassen, keinem Traditionalismus folgen. Gro\u00dfe Teile des franz\u00f6sischen Jazz kennzeichnet das Bem\u00fchen um musikalische Eigenst\u00e4ndigkeit, die in der Auseinandersetzung mit der Folklore durch deren spielerische Aneignung gewonnen wird. Ausgestattet mit dem Selbstverst\u00e4ndnis, imagin\u00e4re Folklore zu schaffen, wird noch freier mit den folkloristischen Einfl\u00fcssen umgegangen, als es von dem hier bekannteren Umgang mit bretonischer Musik her vertraut ist. Von dem spanischen Anarchismus bleibt in diesem Song der Sprechchor. Alles andere sind aktuelle \u00dcberlegungen, die jedoch den Absichten der historischen Bewegung in Spanien sehr nahe stehen d\u00fcrften.<\/p>\n<p><strong>\u00a1Vivan las utop\u00edas!<\/strong><\/p>\n<p>La belle au bois en vain<br \/>\nAttendra le r\u00e9veil<br \/>\nCar nul ne revient<br \/>\nDu pays du sommeil<br \/>\nNi son roi ni ses fr\u00e8res<br \/>\nPartis pour la croisade<br \/>\nNe reverront leur terre<br \/>\nC&#8217;est tout pour la ballade<\/p>\n<p>On r\u00e9colte ce qu&#8217;on s\u00e8me<br \/>\nLes hommes ont l&#8217;art divin<br \/>\nD&#8217;inventer des syst\u00e8mes<br \/>\nQui sont tous inhumains<br \/>\nTh\u00e9oriciens du nombre<br \/>\nIls r\u00e9duisent les t\u00eates<br \/>\nCamouflant dans leurs ombres<br \/>\nCe qu&#8217;ils tiennent des b\u00eates<\/p>\n<p>Qu&#8217;avez-vous \u00e0 m&#8217;offrir<br \/>\nDe tous les animaux<br \/>\nL&#8217;homme est bien le plus sot<br \/>\nQu&#8217;avez-vous \u00e0 m&#8217;offrir<br \/>\nL&#8217;ordre est le pire d\u00e9sordre<br \/>\nJ&#8217;ai la vie pour la mordre<\/p>\n<p>Nomenclature s\u00e9nile<br \/>\nD&#8217;arrogants parvenus<br \/>\nOu banquiers n\u00e9crophiles<br \/>\nC&#8217;est le pouvoir qui tue<br \/>\nJusqu&#8217;\u00e0 ses propres fils<br \/>\nDon de l&#8217;irrationnel<br \/>\nS\u00e9vices des services<br \/>\nSecrets de polichinelle<\/p>\n<p>Qu&#8217;avez-vous \u00e0 m&#8217;offrir<br \/>\nJe ne veux pas de m\u00e9tier<br \/>\nSi ce n&#8217;est celui d&#8217;aimer<br \/>\nQu&#8217;avez-vous \u00e0 m&#8217;offrir<br \/>\nQuelle bible est votre livre<br \/>\nJ&#8217;ai la rage de vivre<\/p>\n<p>\u00c9teins vite la lumi\u00e8re<br \/>\n\u00c9coute les oiseaux<br \/>\n\u00c9touffe les pri\u00e8res<br \/>\nEt les syst\u00e8mes sociaux<br \/>\nSoigne bien tes voisins<br \/>\nLa th\u00e9orie s&#8217;\u00e9croule<br \/>\nEn face d&#8217;un \u00eatre humain<br \/>\nCar l&#8217;horreur c&#8217;est la foule<\/p>\n<p>Qu&#8217;avez-vous \u00e0 m&#8217;offrir<br \/>\nSi la terre ma poss\u00e8de<br \/>\nSon fant\u00f4me m&#8217;obs\u00e8de<br \/>\nQu&#8217;avez-vous \u00e0 m&#8217;offrir<br \/>\nJe ne veux rien poss\u00e9derM\u00eame ma libert\u00e9<\/p>\n<p><strong>Hoch die Utopien!<\/strong><\/p>\n<p>Die Sch\u00f6ne im leeren Wald<br \/>\nWartet auf das Erwachen<br \/>\nDenn niemand kehrt zur\u00fcck<br \/>\nIn das Land des Schlummers (der M\u00fcdigkeit)<br \/>\nWeder ihr K\u00f6nig noch ihre Br\u00fcder<br \/>\nAufgebrochen f\u00fcr einen Kreuzzug<br \/>\nVerehren nicht ihre Erde<br \/>\nDas ist alles Ballade<\/p>\n<p>Wie die Saat, so die Ernte<br \/>\nDie Menschen f\u00e4hig zu sch\u00f6pferischem Werk<br \/>\nErfinden Systeme<br \/>\nDie alle unmenschlich sind<br \/>\nTheoretiker die Menge<br \/>\nSie zermartern sich die K\u00f6pfe<br \/>\nVerschleiert in ihre Schatten<br \/>\nWeil sie die Einf\u00e4ltigkeit festhalten<\/p>\n<p>Was haben sie mir anzubieten<br \/>\nAll die Dummk\u00f6pfe<br \/>\nMenschen sind sicherlich die gr\u00f6\u00dften Trottel<br \/>\nWas haben sie mir anzubieten<br \/>\nDie Ordnung ist die schlimmste Unordnung<br \/>\nIch habe das Leben um es zu begreifen<\/p>\n<p>Altersschwache Herrschende<br \/>\nArrogante Empork\u00f6mmlinge<br \/>\nOder todess\u00fcchtige Bankiers<br \/>\nEs ist die Macht die t\u00f6tet<br \/>\nSogar die sauberen Typen<br \/>\nGeschenk des Irrationalen<br \/>\nMi\u00dfhandlungen der Dienerschaft<br \/>\nDas ist ein offenes Geheimnis<\/p>\n<p>Was haben sie mir anzubieten<br \/>\nIch will keinen Beruf<br \/>\nDen ich nicht lieben kann<br \/>\nWas haben sie mir anzubieten<br \/>\nWelche Bibel ist euer Buch<br \/>\nIch habe die Wut des Lebens<\/p>\n<p>L\u00f6sche schnell das Licht<br \/>\nH\u00f6re die V\u00f6gel<br \/>\nErsticke die Gebete<br \/>\nUnd die sozialen Systeme<br \/>\nPflegen sorgf\u00e4ltig deine Nachbarn<br \/>\nDie Theorie scheitert<br \/>\nIm Angesicht des menschlichen Seins<br \/>\nDa der Schrecken die Massen sind<\/p>\n<p>Was haben sie mir anzubieten<br \/>\nWenn die Erde mich beherrscht<br \/>\nIhr Trugbild mich verfolgt<br \/>\nWas haben sie mir anzubieten<br \/>\nIch will nichts beherrschen<br \/>\nauch meine Freiheit nicht<\/p>\n<p><strong>CD: Buenaventura Durruti, nato 1996<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elsa Birg\u00e9 beginnt allein zu singen. Ihre Stimme k\u00f6nnte einem Kind geh\u00f6ren, so klar, hell und auch zart klingt sie bisweilen. Die einsetzende Musik erinnert an Orffsche Instrumente und der Text der ersten Strophe an eine Ballade, au\u00dferdem pl\u00e4tschert Wasser immer st\u00e4rker. Aber der Gesang zerst\u00f6rt aufkommende Illusionen durch die trockene Feststellung: das ist alles &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/03\/un-drame-musical-instantane-%c2%a1vivan-las-utopias\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Un Drame Musical Instantan\u00e9: \u00a1Vivan las utop\u00edas! - graswurzelrevolution","description":"Elsa Birg\u00e9 beginnt allein zu singen. Ihre Stimme k\u00f6nnte einem Kind geh\u00f6ren, so klar, hell und auch zart klingt sie bisweilen. 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