{"id":1842,"date":"1998-03-01T00:00:56","date_gmt":"1998-02-28T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1842"},"modified":"2012-01-31T23:36:52","modified_gmt":"2012-01-31T21:36:52","slug":"eingesargt-auf-lebenszeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/03\/eingesargt-auf-lebenszeit\/","title":{"rendered":"Eingesargt auf Lebenszeit?"},"content":{"rendered":"<p>Meist wird &#8218;Knast&#8216; nur unter dem Blickwinkel politischer Repression bzw. politischer Gefangener thematisiert. Seien es die Gefangenen der RAF, die nach dem Sieg des Staates nun endg\u00fcltig gebrochen werden sollen, seien es inhaftierte totale Kriegsdienstverweigerer oder wegen Zivilen Ungehorsams eingesperrte. Doch die sogenannten &#8218;politischen&#8216; Gefangenen bilden in unseren Kn\u00e4sten die Minderheit, &#8218;gef\u00fcllt&#8216; werden die Kn\u00e4ste durch &#8217;soziale&#8216; Gefangene, staatlicherseits &#8218;Kriminelle&#8216; genannt.<\/p>\n<p>Bereits seit l\u00e4ngerem bem\u00fcht sich das Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie auf politischem Weg um die Abschaffung der extremsten Strafe im BRD-Strafrecht, der lebenslangen Freiheitsstrafe. Bereits 1989 veranstaltete das Komitee ein Symposium zum Thema, 1990 wurde das Manifest &#8218;Wider die lebenslange Freiheitsstrafe&#8216; ver\u00f6ffentlicht, und auch 1993 und 1994 fanden weitere ExpertInnenanh\u00f6rungen des Komitees statt (die Dokumentationen k\u00f6nnen beim Komitee angefordert werden).<\/p>\n<p>Eindr\u00fccklicher aber als jede argumentative Auseinandersetzung &#8211; deren Notwendigkeit nat\u00fcrlich unstrittig ist &#8211; sind die jetzt vorgelegten Texte von zehn zu lebensl\u00e4nglicher Haft Verurteilten, sogenannter &#8218;LLer&#8216;. Sehr unterschiedlich ist die Herangehensweise der AutorInnen, sehr unterschiedlich auch ihre Auseinandersetzung mit der &#8218;Tat&#8216; &#8211; alle wurden wegen z.T. mehrfachen Mordes verurteilt &#8211; doch in einem sind sich alle einig: in der Ablehnung der Strafe &#8218;LL&#8216;.<\/p>\n<p>&#8222;Lebensl\u00e4nglich&#8220;, so Manfred Nicolai, &#8222;ist eine Todesstrafe, die mit der sofortigen T\u00f6tung des Verurteilten zwar nichts zu tun hat, aber sehr wohl als eine Todesstrafe auf Raten vollzogen wird. Hier hei\u00dft es: sterben lassen.&#8220; Oder: &#8222;Wenn man also schon Begriffe wie &#8218;humaner Vollzug&#8216; oder \u00e4hnliche Floskeln zur Politik macht und trotzdem nichts unternehmen will, dann halte ich pers\u00f6nlich es f\u00fcr wesentlich humaner, nach dem Urteil eine Kugel verpa\u00dft zu bekommen, anstatt 20 Jahre zun\u00e4chst meinen emotionalen Tod zu erleiden und dann in den sozialen Tod entlassen zu werden, bevor mich der physische Tod letztendlich erl\u00f6st.&#8220; (Guido Sawallisch)<\/p>\n<p>Immer wieder wird von den AutorInnen die Willk\u00fcr der Strafvollstreckungsbeh\u00f6rden hervorgehoben, die ihnen eine &#8218;Lebensplanung&#8216; letztlich unm\u00f6glich macht. Entgegen der weit verbreiteten und immer wieder &#8211; vor allem von der Boulevardpresse &#8211; ver\u00f6ffentlichen Aussage, da\u00df &#8218;LLer&#8216; in der Regel nach 15 Jahren aus der Haft entlassen w\u00fcrden, zeigen diese Texte eine andere Realit\u00e4t. Durchschnittlich liegt die Verb\u00fc\u00dfungsdauer bei &#8218;LLern&#8216; bei rund 22 Jahren, doch erschwerend hinzu kommt die Ungewi\u00dfheit, was denn &#8218;LL&#8216; im Einzelfall bedeutet &#8211; im Extremfall hei\u00dft n\u00e4mlich &#8218;LL&#8216; wirklich lebensl\u00e4nglich, und etwa jeder sechste &#8218;LLer&#8216; stirbt in der Haft.<\/p>\n<p>&#8222;Die Ungewi\u00dfheit \u00fcber die Entlassung ist manchmal unertr\u00e4glich. Man denkt so manches Mal an entfernte Ziele, und dann mu\u00df man sich wieder sagen: &#8218;Das geht nicht, da du ja LL hast.&#8216; Es ist auch ganz schwer und auch fast unm\u00f6glich, sich ein Ziel zu setzen, das man am Tag der Entlassung erreicht haben will. Ich selbst suche mir immer noch eine Perspektive, die auch realistisch ist; wenn ich mir sage: &#8218;Gut, im Jahr 2008 sind 15 Jahre rum&#8220;, dann finde ich nichts, was ich mir \u00fcber diesen langen und erschreckenden Zeitraum vornehmen kann. Es ist halt nur die Hoffnung, durchzuhalten und nicht vor die Hunde zu gehen oder abzudrehen!&#8220; (Steffen Meyer)<\/p>\n<p>Die Verurteilung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe &#8211; auch das machen die Texte deutlich &#8211; verhindert eher eine Auseinandersetzung mit der eigenen Tat, als da\u00df es sie bef\u00f6rdert. &#8222;Somit habe ich das Urteil bis heute nicht akzeptieren k\u00f6nnen&#8220;, so Harald H. &#8222;Der kritische Umgang mit der Tat, der meiner Meinung nach sehr wichtig ist, geht vollst\u00e4ndig verloren. Man f\u00fchlt sich \u00fcbergangen, es z\u00e4hlt nur der alte Spruch &#8218;Auge um Auge&#8216;. Mit Gerechtigkeit hat das nicht viel zu tun.&#8220;<\/p>\n<p>Der Trend der Zeit geht derzeit mit Sicherheit nicht in Richtung der Abschaffung von &#8218;LL&#8216;, um so notwendiger ist dieses Buch. Es macht deutlich, da\u00df &#8218;Kriminalit\u00e4t&#8216; nicht durch mehr Polizei und mehr Kn\u00e4ste &#8218;bek\u00e4mpft&#8216; werden kann, und schon gar nicht durch &#8218;LL&#8216;. Bei vielen der AutorInnen wird die Verlogenheit einer Argumentation deutlich, die immer neue und h\u00f6here Strafen mit dem Argument der &#8218;Abschreckung&#8216; begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Die &#8218;Texte von zu lebenslanger Haft Verurteilten&#8216; tragen hoffentlich dazu bei, nicht nur &#8218;LL&#8216;, sondern auch das Prinzip von Knast und Strafe an sich zu thematisieren und dem &#8218;Zeitgeist&#8216; somit eine andere Sicht entgegenzusetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meist wird &#8218;Knast&#8216; nur unter dem Blickwinkel politischer Repression bzw. politischer Gefangener thematisiert. 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