{"id":1844,"date":"1998-03-01T00:00:41","date_gmt":"1998-02-28T22:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1844"},"modified":"2012-04-30T17:47:38","modified_gmt":"2012-04-30T15:47:38","slug":"noch-etwas-hass-in-petto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/03\/noch-etwas-hass-in-petto\/","title":{"rendered":"&#8222;noch etwas Hass in petto&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Aus der programmatischen Zusammenf\u00fchrung von Kunst und Leben ist bekanntlich oft nur die Vehemenz des Programms gest\u00e4rkt hervorgegangen. Die Kunst litt alsbald an Qualit\u00e4tsverlust, das Leben verlor gar an Quantit\u00e4t und erstickte an Wahnsinn oder Erbrochenem. Um k\u00fcnstlerische Praxis, die kapitalistische Verwertungsma\u00dfst\u00e4be transzendiert, ist es nicht gerade gut bestellt. Deutschsprachiger Undergroundliteratur zum Beispiel &#8211; von social beat bis slam!poetry! &#8211; wird in letzter Zeit h\u00e4ufig nachgesagt, sie besitze von vornherein weder jenen programmatischen Anspruch, noch die literarischen G\u00fctezeichen. Obwohl, oder gerade weil sie nur um eins kreise, n\u00e4mlich das Leben der &#8211; meist m\u00e4nnlichen &#8211; AutorInnen. In Uni-Konkret (WS 97\/98) klingt das zusammenfassend so: &#8222;Wir merken uns: Die sogenannte slam-taugliche Popliteratur ist politisch bewu\u00dftlos und bewegt sich literarisch an der Oberfl\u00e4che&#8220; (&#8222;Fuck Slam Poetry&#8220;).<\/p>\n<p>Und &#8222;slam-tauglich&#8220; ist, was beim Vortragen viel Eindruck macht. Seit den &#8222;Beatniks&#8220;, die ihre absch\u00e4tzig gemeinte Bezeichnung in Anlehnung an den Sputnik erhielten und an die damit assoziierte &#8222;Schockwirkung&#8220; der sowjetischen Weltraumeroberungen auf die us-amerikanische \u00d6ffentlichkeit, hat sich einiges ge\u00e4ndert. Pop und Underground wollen sich nicht mehr so recht auseinanderhalten lassen, und so versackt auch die gesellschaftliche Wirkung beiderseits im uneindeutigen Spiel zwischen Anerkennung um jeden Preis (Pop) und plakativer Abgrenzung (Underground). Zum Beispiel l\u00e4\u00dft sich einer in puncto &#8222;Schock&#8220; saturierten Gesellschaft kunstschaffend auch kein Schrecken einjagen, ob gewollt oder nicht. Da\u00df kann dazu f\u00fchren, da\u00df man(n) sich in seiner einflu\u00dflosen Position andere Einflu\u00dflose sucht, die sich noch schockieren lassen. Wobei die Suche immer auch auf den Willen zum Gefunden-Werden auf der anderen Seite angewiesen ist. Wenn das &#8222;Establishment&#8220; nicht mehr herhalten kann, weil es das vielleicht so gar nicht mehr gibt, dann eben andere Gruppierungen, die als Repr\u00e4sentanten und -onkels von Moral, Starrheit, Spie\u00dfertum ausgemacht werden. Von Seiten der social beat- Szene funktioniert das in Richtung der kleinen Gruppe der autonomen und anarchistischen Szenen. Eine Gruppe der wenigen also, die noch politische Relevanz in ihrer Lebensgestaltung wittern und um so mehr behaupten. Nach massiver Ankreidung sexistischer Botschaften im social beat von Seiten der anarchosyndikalistischen Zeitung direkte aktion sollen 1997 sogar schon social beat-Lesungen Boykotts zum Opfer gefallen sein. (In \u00e4hnlicher Absicht hatte die molli- Redaktion bereits zwei Jahre zuvor einige noch aussagestrotzendere Textproben im Schwarzen Faden abdrucken lassen). Zum Teil treffen all diese Beschreibungen von politischer Bewu\u00dftlosigkeit und phallokultischen Literaturversuchen infolgedessen das Ph\u00e4nomen ungemein. Ein Grund mehr, sich auch mit dem anderen Teil zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Vielleicht ist J\u00f6rg Andr\u00e9 Dahlmeyer die Ausnahme, die eine trotz eindeutiger Beispiele noch zu belegende Regel best\u00e4tigt. Der Miterfinder des Namens social beat und einer der bekannteren K\u00f6pfe der Szene, die diesem Namen tr\u00e4gt, hat ein neues Buch ver\u00f6ffentlicht. In seinem Gedichtband finden sich auf alle F\u00e4lle slam-taugliche Texte (&#8222;Den G\u00fcrtel enger schnallen&#8220; beispielsweise), die &#8222;in die Tiefe gehen&#8220;, und Erfahrungsverdichtungen, die auf H\u00f6hepunkte \u00fcberhaupt nicht angewiesen sind. Wie gewohnt ist bei Dahlmeyer alles finster d\u00fcster ungem\u00fctlich, wie das Leben eben; und nach einer Lesung habe ich einen zu ihm sagen h\u00f6ren, &#8222;kein Wunder, da\u00df du solche Texte schreibst, wenn du immer noch in diesem Loch da haust&#8220;. Hier findet sich allerdings mehr als die Darstellung der tr\u00fcben H\u00f6hlen und Aush\u00f6hlungen des Lebens inmitten der gewendeten Hauptstadt. Aus Dahlmeyers Prenzlberg versucht sich eher eine Sprache vom sozialen Rand her in Eigenst\u00e4ndigkeit: &#8222;Kann sein das wir von Regen sprechen\/ wenn wir Hitze meinen\/ Glut die sich aus Augen streichelt\/ M\u00fcnder mit kleinen Stichen\/ Verflixt &amp; Zugen\u00e4ht&#8220; (&#8222;Vitrinen Latrinen Konkubinen&#8220;). Und dabei findet sich zum Gl\u00fcck keine allgemeine Wahrheit. &#8222;Ich seh die Trauer aus dir sprie\u00dfen\/ Von Verrat &amp; Agonie\/ Mir kannst du nicht gefallen\/ Trauen werde ich dir nie&#8220; (&#8222;Wahrheit kannst du kaum genie\u00dfen&#8220;). Sicher, an nicht unstolzem lumpenproletarischen Gestus mangelt es nicht. Aber da\u00df lyrische Texte aus sozialen Verh\u00e4ltnissen heraus atmen und au\u00dfer Atem geraten, und damit der subkulturellen Tradition der Beat-Poeten zeitgem\u00e4\u00df sich ann\u00e4hern, ist in Deutschland nicht selbstverst\u00e4ndlich zu erleben. Es mu\u00df deshalb nicht gleich deutsche Ginsbergs oder Ferlinghettis geben. Wird es auch nicht. Die postmodernen St\u00e4dter als &#8222;M\u00fcll-Piloten&#8220; oder das hedonistische Elend eines aufs\u00e4ssigen, arbeitslosen Trinkers werfen immerhin noch Fragen auf: &#8222;Haben sie\/ Noch einen letzten Willen?&#8220;. Und das weder um Mitleid, noch um Kultstatus hervorzurufen. Im social beat, der sich mal explizit und mal explizit nicht auf die us-amerikanische Beat-Bewegung der 50er und 60er Jahre bezieht, steht die Auseinandersetzung um den Transport sexistischer Inhalte nach wie vor an. Die pauschale Verurteilung f\u00e4llt in Zeiten des Backlashs allerdings immer auch auf die AntisexistInnen zur\u00fcck. Wer sein Gemeint-Sein, die eigene Betroffenheit, nicht auch politisch vermitteln kann, zieht wirkungsm\u00e4\u00dfig immer den K\u00fcrzeren. Und Dahlmeyer ist sicher auch einer dieser &#8222;Gef\u00fchlssozialisten&#8220;. Nicht nur, weil die FAZ die immer noch f\u00fcr die Gef\u00e4hrlichsten h\u00e4lt, empfiehlt es sich also, ihn zu auch zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der programmatischen Zusammenf\u00fchrung von Kunst und Leben ist bekanntlich oft nur die Vehemenz des Programms gest\u00e4rkt hervorgegangen. Die Kunst litt alsbald an Qualit\u00e4tsverlust, das Leben verlor gar an Quantit\u00e4t und erstickte an Wahnsinn oder Erbrochenem. Um k\u00fcnstlerische Praxis, die kapitalistische Verwertungsma\u00dfst\u00e4be transzendiert, ist es nicht gerade gut bestellt. 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