{"id":18515,"date":"2018-11-03T17:00:41","date_gmt":"2018-11-03T15:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=18515"},"modified":"2022-07-26T12:58:49","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:49","slug":"die-sz-und-der-aufreisser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/11\/die-sz-und-der-aufreisser\/","title":{"rendered":"Die SZ und der Aufrei\u00dfer"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Bahnschrift Light Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><strong>Unter dem Titel &#8222;Wenn du wei\u00dft, welche Kn\u00f6pfe du dr\u00fccken musst, ist fast niemand vor dir sicher&#8220; r\u00e4umt die <\/strong><em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em><strong> einem Anmach-Trainer in einem uns\u00e4glich harmlos gef\u00fchrten Interview viel Raum f\u00fcr seine misogynen Prahlereien und f\u00fcr Werbung f\u00fcr sein Buch ein. Veronika Kracher kn\u00f6pft sich f\u00fcr die GWR B\u00fcrgerpresse und Flirt-Coach vor.<\/strong> <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Bahnschrift Light Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Michel Vincent ist ein erfolgreicher Mann, behauptet er. Er ist mit einem Model liiert und f\u00e4hrt ein teures Auto. Er hat ein Buch geschrieben: \u201eDer Verf\u00fchrungscode. So kannst Du jede kriegen\u201c, und falls die blo\u00dfe Lekt\u00fcre des Werkes nicht ausreicht um den Leser zu einem Ladies\u2018 Man mit der sexuellen Anziehungskraft von James Bond zu machen, dann kann er immer noch Vincents Seminare besuchen. Die kosten zwar 1500 Euro, aber immerhin, so das Versprechen, geht man als der K\u00f6nig der Verf\u00fchrungsk\u00fcnste wieder heraus. Keine Frau wird mehr \u201eNein\u201c sagen, wenn man sich ihr n\u00e4hert! Und falls sie das doch wagt, wider besseres Wissens nat\u00fcrlich, lehrt einen Vincent zahlreiche Manipulationstechniken, um die Frau dann doch ins Bett zu bewegen, denn als Mann hat man schlie\u00dflich das Recht auf den weiblichen K\u00f6rper. Da kann man so ein \u201eNein\u201c auch mal gepflegt ignorieren. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Bahnschrift Light Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Hinter dem sch\u00f6ngeistigen Begriff des \u201eVerf\u00fchrungsk\u00fcnstlers\u201c oder, im englischen \u201ePick-Up Artist\u201c (PUA), steckt nichts anderes als die widerw\u00e4rtige und frauenfeindliche Ideologie, dass Frauen nichts anderes seien als Sexobjekte, die einem Untertan gemacht werden m\u00fcssen. Dazu greift man auf ein vielf\u00e4ltiges Repertoire von emotionaler Manipulation, Erniedrigung und sexueller \u00dcbergriffigkeit zur\u00fcck. Es geht schlicht und ergreifend darum, Frauen zu brechen und daraus Befriedigung zu ziehen. Wie eine Sekte haben auch die sogenannten \u201eVerf\u00fchrungsk\u00fcnstler\u201c ihren eigenen Jargon: der Umgang mit Frauen ist demnach ein \u201eGame\u201c, dass es zu gewinnen gilt; Frauen werden auf einer Nummernskala von eins bis zehn angeordnet, attraktive Frauen bezeichnet man als \u201eHot Babes\u201c. Man manipuliert Frauen mit Techniken wie dem \u201ePush and Pull\u201c und \u201eNegging\u201c, also eine Frau durch Abwertung zu verunsichern und anschlie\u00dfend durch ein Kompliment wieder an sich zu ziehen. Ein Beispiel hierf\u00fcr w\u00e4re: \u201eDu wirkst so k\u00fchl und selbstsicher. Andere M\u00e4nner kannst Du sicher damit t\u00e4uschen, aber ich sehe sofort, dass Du dich eigentlich nach Sicherheit und einer Schulter zum Anlehnen suchst\u201c oder \u201eIch mag deine blonden Haare \u2013 zu schade, dass sie offensichtlich gef\u00e4rbt sind\u201c.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Bahnschrift Light Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Mann soll sich unnahbar und unbeeindruckt geben, \u201edie richtigen Kn\u00f6pfe dr\u00fccken\u201c, und schon h\u00e4tte man eine Frau in der Tasche. Das Ganze basiert, auch laut Vincent, auf der reaktion\u00e4ren Geschlechtervorstellung, dass Frauen eigentlich gar nichts anderes wollen als von dominanten M\u00e4nnern gebrochen zu werden, lediglich der l\u00e4stige Feminismus h\u00e4tte ihnen den Floh ins Ohr gesetzt dass man als Subjekt respektiert werden m\u00f6chte. Doch zum Gl\u00fcck wissen es die Pick Up Artists besser! Anschlie\u00dfend zieht man im Rudel los, um die erlernten F\u00e4higkeiten in der \u00d6ffentlichkeit zu erproben, \u201eKalt-Akquise in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone\u201c nennt Vincent das dann. F\u00fcr jene Frauen, die das Pech haben, sich zum gleichen Zeitpunkt wie eine Brigade angehender Sexg\u00f6tter in der Innenstadt aufzuhalten, bedeutet dies: sexuelle Bel\u00e4stigung, dumme Spr\u00fcche, bedr\u00e4ngt werden.<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: Bahnschrift Light Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Nun hat die \u201eS\u00fcddeutsche Zeitung\u201c Michel Vincent ein Interview einger\u00e4umt. Das w\u00e4re auch alles sch\u00f6n und gut, h\u00e4tte man Vincent mit seinem im Umgang mit Frauen inh\u00e4renten Sexismus und der \u00dcbergriffigkeit seiner \u201eVerf\u00fchrungstechniken\u201c konfrontiert, aber das war dem Journalisten Philipp Crone wohl zu viel Aufwand. Und man will es sich doch auch nicht mit einem anderen Mann verscherzen und so gar in den Ruch kommen, nicht Teil des M\u00e4nnerbundes zu sein.<\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Bahnschrift Light Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Wenn du wei\u00dft, welche Kn\u00f6pfe du dr\u00fccken musst, ist fast niemand vor dir sicher\u201c, so die \u00dcberschrift des Interviews. Was sowohl von Frauen, als auch von dem \u00fcbergriffigen Verhalten der PUAs gegen\u00fcber nur ansatzweise kritisch eingestellten M\u00e4nnern nur als bedrohlich aufgefasst werden kann, wird bei der S\u00fcddeutschen Zeitung als erstrebenswert dargestellt. Gerade dieser Satz vermittelt, dass der Grenz\u00fcbertritt Kern der Ideologie von Pick-Up Artists ist, es handelt sich um eine maskulinistische Omnipotenzfantasie, in der die Frau nur blo\u00dfes Objekt ist, dass man sich zu eigen machen muss. Die Kritik an dem unschuldig als \u201eKennenlern-Coach\u201c betitelten Vincent f\u00e4llt ausgesprochen zahm aus. Z\u00f6gernd fallen einige Fragen wie \u201eUnd das soll kein Manipulieren sein?\u201c, als Vincent davon prahlt, er wisse, wie man die richtigen Kn\u00f6pfe dr\u00fccke, aber jegliche Kritik wird rasch ausgetauscht gegen das Hinhalten eines Silbertabletts, auf dem der Berufssexist die zahlreichen Vorz\u00fcge seiner Maschen servieren kann. <\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Bahnschrift Light Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass Frauen die guten Wesen sind\u201c, erkl\u00e4rt er da. In der Ideologie der Pick Up-Artists, die eng mit der verschw\u00f6rungstheoretischen \u201eRed Pill\u201c-Szene verbandelt sind, leben wir nicht in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft, sondern da haben Frauen durch ihr Wissen um ihre sexuelle Anziehungskraft, mit der sie sich schwache M\u00e4nner unterwerfen k\u00f6nnen, diese fest in der Hand. M\u00e4nner hingegen sind schwach und verweichlicht, dank des (einem in der Szene beliebten antisemitischen Verschw\u00f6rungsnarrativ nach nat\u00fcrlich von den Juden gesteuerten) Gender Mainstreaming, dem Feminismus, und einer kritischen Auseinandersetzung mit M\u00e4nnlichkeit. Eigentlich, so die Ideologie von PUAs und Red Piller, sind M\u00e4nner die wahren Opfer unserer Zeit. Diese vermeintliche weibliche \u00dcbermacht gilt es demnach zu \u00fcberwinden, indem man in den Seminaren von M\u00e4nnern wie Vincent sich seine urspr\u00fcngliche M\u00e4nnlichkeit zur\u00fcckerobert. \u201eViele Frauen sind berechenbar und fallen auf solche Dinge wie Status rein\u201c, wei\u00df Vincent, denn eigentlich sind Frauen nur geldgierige dumme G\u00f6ren. Das muss ausgenutzt werden! Frauen heutzutage seien, so Vincent, viel zu \u00fcberzeugt von sich. Sie m\u00fcssten von ihrem hohen Ross heruntergeholt werden, und er wei\u00df auch ganz genau wie.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Bahnschrift Light Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Pick Up-Artists sind die lebende Verk\u00f6rperung von Rape Culture. Zahlreiche Opfer dieser \u201eVerf\u00fchrungsk\u00fcnstler\u201c leiden nach den Begegnungen, die auch ganz gerne mal in Date Rape enden, unter immensen psychischen Belastungen, aber das anzumerken war der \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c wohl zu viel der Kritik. Indem jemanden wie Michel Vincent in der \u201eS\u00fcddeutschen\u201c Raum gegeben wird, diese anzupreisen, reproduziert diese Zeitung misogyne Weltbilder und propagiert einen objektivierenden Umgang mit Frauen. Aber wozu braucht es schon kritischen Journalismus, wenn man Werbung f\u00fcr Rape Culture machen kann?<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel &#8222;Wenn du wei\u00dft, welche Kn\u00f6pfe du dr\u00fccken musst, ist fast niemand vor dir sicher&#8220; r\u00e4umt die S\u00fcddeutsche Zeitung einem Anmach-Trainer in einem uns\u00e4glich harmlos gef\u00fchrten Interview viel Raum f\u00fcr seine misogynen Prahlereien und f\u00fcr Werbung f\u00fcr sein Buch ein. 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