{"id":18704,"date":"2018-11-29T01:30:11","date_gmt":"2018-11-28T23:30:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=18704"},"modified":"2018-12-08T02:14:20","modified_gmt":"2018-12-08T00:14:20","slug":"gnade-des-nichtwissens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/11\/gnade-des-nichtwissens\/","title":{"rendered":"Gnade des Nichtwissens"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Niels H\u00f6gel ist nicht der erste \u201eTodespfleger\u201c; aber er ist der spektakul\u00e4rste Fall, der bisher \u00f6ffentlich verhandelt wird. <\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Warum tut jemand so etwas? <\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Oft haben die entdeckten T\u00e4terInnen \u201eMitleid\u201c als Motiv genannt, aber auch Stress oder Langeweile. Vielleicht sind ihre Motive individuell, aber sind die sozialen Situationen, die ihre Taten erm\u00f6glichen, nicht \u00e4hnlich? K\u00f6nnen andererseits nicht auch in ganz unterschiedlichen sozialen Situationen \u00e4hnliche Handlungen entstehen? <\/span><span lang=\"de-DE\">Was also haben die Situationen gemeinsam? Welche Glaubw\u00fcrdigkeit hat \u00fcberhaupt, was sie ihre Beweggr\u00fcnde nennen? <\/span><span lang=\"de-DE\">Die benannten Motive m\u00fcssen ja gesellschaftlich akzeptabel sein, einem Gericht etwa einleuchten und \u201emildernde Umst\u00e4nde\u201c begr\u00fcnden. Mit dem eigenen Selbstbild vereinbar m\u00fcssen die Motive sein. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Gewalt wird, zumal erfolgreich, gegen Schwache eingesetzt, \u201eschwach\u201c bedeutet im Fall des Krankenhauses nicht nur physische und soziale Angreifbarkeit, sondern auch: Opfer der Definitionsgewalt von \u00c4rztInnen und PflegerInnen.<\/span><span lang=\"de-DE\">Die soziale Situation wird \u00fcberwiegend von ihnen definiert. Dominanz \u00fcber das Opfer muss nicht aktiv hergestellt werden, sie ist eine institutionelle und materielle Tatsache, die Intervention wird gefordert, da sind keine Hemmungen zu \u00fcberwinden, die Rechtfertigungen auch f\u00fcr Zwangshandlungen liegen bereit. <\/span><span lang=\"de-DE\">Der \u00dcbergang zur Gewalt ist im vorliegenden Fall des Krankenpflegers gut beobachtbar: Seine Leidenschaft, Aufgabe und \u201eausgewiesene Kompetenz\u201c bestand in der Wiederbelebung, der Rettung in letzter Minute, das demonstrierte er mit Leidenschaft. Solche Situationen lernte er selbst herzustellen, durch Medikamente, die die PatientInnen, etwa durch Vorhofflimmern, in lebensbedrohliche Situationen brachten, so dass er sie retten konnte. <\/span><span lang=\"de-DE\">Es ging dann aber manchmal schief, und er bemerkte, dass es ohne Konsequenzen blieb, wenn jemand starb. Er konnte die Schwerkranken also bearbeiten, um seine F\u00e4higkeiten zu demonstrieren und sie leben machen; wenn das misslang, zeigte sich nur einmal mehr, wie gef\u00e4hrlich nah der Tod war und wie gl\u00fccklich er in den anderen F\u00e4llen agiert hatte. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Dunkelziffer weiterer Taten ist hoch, es k\u00f6nnten allein bei Niels H\u00f6gel bis zu 322 gewesen sein, denn die meisten Opfer des Krankenpflegers wurden nicht erdbestattet, sondern verbrannt, so dass kein Nachweis m\u00f6glich ist, dass er auch sie durch Injektionen get\u00f6tet hat. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das Medikament Ajmalin beispielsweise l\u00e4sst sich nach einem Tag nicht mehr nachweisen, wenn ein Patient nicht sofort, sondern erst sp\u00e4ter an den Folgen der Injektion verstirbt. Er war also an der Grenze zum \u201eperfekten Mord\u201c!<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Der Beginn aller Schrecken ist Rettung<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aber warum? Im Fall spektakul\u00e4rer Gewalt werden meist zwei Perspektiven angeboten: Die individualpsychologische, die in Charaktermerkmalen und biographischen Besonderheiten der T\u00e4terpers\u00f6nlichkeit \u201eUrsachen\u201c erkennen will, oder eine \u201eAbleitung\u201c aus gesellschaftlichen Gro\u00df-Strukturen. Auch bei Schul-Amokl\u00e4ufern oder jihadistischen Attent\u00e4tern werden entweder der \u201epathologische\u201c Einzelne oder die verursachenden Einfl\u00fcsse (Computerspiele, der Islam \u2026) herangezogen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Solche Erkl\u00e4rungen bieten meist nur halbwahre Ann\u00e4herungen, oft sind sie ganz irrig, weil zu grob oder auf falschen Informationen und journalistischen \u201eSchnellsch\u00fcssen\u201c beruhend. Und solche \u201eAbleitungen\u201c sch\u00fctzen dann letztlich verursachende Strukturen. <\/span><span lang=\"de-DE\">So auch im Fall des Krankenpflegers. Vielleicht wird er nun, nach der Entdeckung der Taten, auch pathologisiert, zu jemandem gemacht, der er damals gerade nicht war?! Oder waren es doch benennbare Strukturen? Wenn man allerdings \u201eim Netz\u201c nach Besonderheiten von \u201eStation 211\u201c sucht, findet man Berichte \u00fcber eine von Nazis und Aliens betriebene und besuchte Station 211 in der Antarktis.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vielversprechend aufkl\u00e4rerisch beginnt der Text \u201eFehler im System\u201c von Guido Spr\u00fcgel in der Jungle World 45\/2018: \u201eWelche Rolle die Arbeitsbedingungen in den Kliniken in dem Fall gespielt haben k\u00f6nnten, wurde medial kaum thematisiert\u201c. <\/span><span lang=\"de-DE\">Nachdem Spr\u00fcgels Artikel sich weitgehend mit Personalmangel und Fallpauschalen besch\u00e4ftigt hat, dies allerdings pauschal und nicht etwa am Beispiel der genannten Kliniken, stellt er fest:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">In H\u00f6gels Fall d\u00fcrften die schlechten Arbeitsbedingungen an den Krankenh\u00e4usern eher eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Allem Anschein nach litt der Pfleger unter einer psychischen St\u00f6rung und h\u00e4tte auch in einem anderen Umfeld gemordet.\u201c Wirklich? Oder ist das eine der ganz wenigen Sicherheiten, die wir haben: Er h\u00e4tte eben nicht in jedem anderen Umfeld auch gemordet! <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">So sagt Karl H. Beine, der sich lange Jahre mit PatientInnent\u00f6tungen besch\u00e4ftigt hat, auf eine Frage der NWZ: Wie werden die T\u00e4ter zu T\u00e4tern?<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Sie werden im Krankenhaus zu T\u00e4tern. Ich bin \u00fcberzeugt davon, dass kein T\u00e4ter straff\u00e4llig geworden w\u00e4re, h\u00e4tte er nicht im Krankenhaus gearbeitet.\u201c (NWZ vom 12.2.2015). Dagegen Jungle World: \u201eSchlupfl\u00f6cher, die es Menschen wie Niels H\u00f6gel erlauben, Verbrechen zu begehen, wird es wahrscheinlich immer geben.\u201c Aber was wissen wir denn \u00fcber \u201e Menschen wie Niels H\u00f6gel\u201c, ist das irgendeine deutlich abgegrenzte Kategorie? Wohl kaum!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und wird irgendwo erkennbar mit Fallpauschalen und Personalmangel erkl\u00e4rt, warum er get\u00f6tet hat? Allenfalls negativ: <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">\u201eAuch eine Vier-Augen-Leichenschau wird nicht zweifelsfrei feststellen k\u00f6nnen, ob es ein Fremdverschulden gab. Eine aktive, demokratische Gespr\u00e4chskultur ist im Alltag weitaus effektiver als Whistleblowing. Es geht ja um das Aufdecken individueller und nicht institutioneller Fehler\u201c, kommentiert Peter Hoffmann, einer der Vorsitzenden des Vereins Demokratischer \u00c4rztinnen und \u00c4rzte (VD\u00c4\u00c4).\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es wird also im Gegensatz zum Versprechen in der Einleitung des Textes immer wieder betont, es g\u00e4be keine institutionellen Fehler, deshalb sei auch versch\u00e4rfte Kontrolle durch Beobachtung der Sterbeziffern, qualifizierte Leichenschau, ein anonymes Fehlermeldesystem (wie es in Niedersachsen eingef\u00fchrt wurde) oder eine besondere Krankenhausapotheke, die den Medikamentenverbrauch kontrolliert, nicht sinnvoll. <\/span><span lang=\"de-DE\">Der bisher krasseste Fall von Anti-Leninismus in der Jungle World (gut, dass J\u00fcrgen Els\u00e4sser das nicht mehr erleben muss!) wird erreicht durch die Erl\u00e4uterung: \u201eDer Ansatz von Qualit\u00e4tssicherung sollte Vertrauen und nicht Kontrolle sein. Durch Zeit f\u00fcr Gespr\u00e4che unter den Kollegen k\u00f6nnen Missst\u00e4nde viel eher besprochen werden. Doch diese Zeit haben wir kaum mehr.\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zweifellos gibt es viele gute Gr\u00fcnde, gegen die Diktatur der Betriebswirte in den Kliniken und Arztpraxen zu sein, auch im Interesse der PatientInnen gegen Stress, mangelnde Weiterbildung, Zeitdruck, schlechte Bezahlung, \u00dcberstunden einzutreten (wir kommen darauf zur\u00fcck!), es hat aber nur einen zweifelhaften Erkl\u00e4rungswert f\u00fcr PatientInnent\u00f6tungen \u2013 wie der Artikel zugeben muss. Vor allem gibt es seit langem Untersuchungen \u00fcber Gewalt in Kliniken und Pflegeheimen, die tats\u00e4chlich geeignet sind, idyllische Vorstellungen \u00fcber das Gesundheitswesen in Frage zu stellen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Eine Untersuchung des Deutschen Instituts f\u00fcr Angewandte Pflegeforschung 2017 hat erneut best\u00e4tigt, \u201edass Gewalterfahrungen gegen\u00fcber Patienten, Bewohnern und Pflegebed\u00fcrftigen, aber auch gegen\u00fcber Pflegenden ganz offensichtlich zum Pflegealltag\u201c geh\u00f6ren, die befragten Pflegesch\u00fclerInnen gaben viel h\u00e4ufiger als erfahrene Pflegekr\u00e4fte solche Erfahrungen zu Protokoll: <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend 29,1% der 258 befragten Pflegefachpersonen angeben, dass sie \u201aeher h\u00e4ufig\u2018 bis \u201asehr h\u00e4ufig\u2018 erleben, dass Pflegema\u00dfnahmen gegen den Willen von Patienten oder Pflegebed\u00fcrftigen durchgef\u00fchrt werden, sind es bei den 69 befragten Sch\u00fclern 46,4%, die die Frage so beantworten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auch bei der Frage nach Erfahrungen aus dem Alltag nach Gewalt gegen Patienten\/Pflegebed\u00fcrftige durch Pflegende wird von den Sch\u00fclern mit 17,4% (\u201asehr h\u00e4ufig\u2018 und \u201aeher h\u00e4ufig\u2018) zu 9,2% ein fast doppelt so hoher Wert erreicht\u201c (was mit Gew\u00f6hnung erkl\u00e4rt werden kann, offensichtlich wird \u201eGewalt\u201c nach der Ausbildung eher normalisiert). Pflegekr\u00e4fte werden hier nicht etwa beschuldigt, sie sind selbst oft Opfer. <\/span>\u201e<span lang=\"de-DE\">Gewalt\u201c ist auch keineswegs linear auf T\u00f6tung zu verl\u00e4ngern, es geht oft um Alltagssituationen, Konflikte, notwendige Konfrontationen manchmal. \u201eGewalt\u201c muss als Interaktion begriffen werden und kann weder aus dem Wesen des Individuums noch Makrostrukturen der Krankenverwaltung bruchlos abgeleitet werden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es scheint mir aber wichtig, ein realistisches Bild der schwierigen Situationen zu zeichnen. Und es geht darum, ein \u201eKlima\u201c oder eine \u201eAtmosph\u00e4re\u201c zu verstehen, die in Abteilungen des Medizinbetriebs herrschen k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6rt beispielsweise auch, wie \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4fte \u00fcber PatientInnen reden, wenn sie glauben unter sich zu sein; vor einigen Jahren gab es mehrere Berichte, dass bei Operationen die Narkose nicht verhindert hatte, dass die PatientInnen h\u00f6rten, wie \u00fcber sie gesprochen wurde: Sie waren entsetzt. <\/span>\u201e<span lang=\"de-DE\">In unserem Beruf ist es grunds\u00e4tzlich au\u00dferhalb des Vorstellbaren, dass ein Kollege sich gegen das Patientenwohl richtet. Es widerspricht jeglichem medizinischen Grundverst\u00e4ndnis\u201c, sagt Hoffmann der Jungle World, und genau dieses Nicht-Vorstellen-K\u00f6nnen (oder -Wollen?) ist vielleicht das Hauptproblem! Ist das nicht die Ideologie, das notwendige falsche Bewusstsein des Medizinbetriebs, das Selbstkritik blockiert? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wie soll etwas verhindert werden, was schon definitionsgem\u00e4\u00df ausgeschlossen ist? Muss man nicht \u2013 allen Selbstbeschreibungen und \u201eLeitbildern\u201c (hier w\u00e4re Zeit, \u00fcber neo-liberale Orientierungen zu sprechen! \u00dcber die \u201eflachen Hierarchien\u201c haben wir auch nichts gelesen!) zum Trotz von den tats\u00e4chlichen Problemen ausgehen? Einige dieser Probleme werden sicherlich versch\u00e4rft durch die Rationalisierungswelle, die st\u00e4ndige \u201eOptimierungs\u201c-Sucht und alles, was damit \u2013 siehe oben \u2013 zusammenh\u00e4ngt, aber gleichzeitig wurden in den letzten Jahrzehnten auch die m\u00f6glichen Zwangsma\u00dfnahmen gegen PatientInnen eher zur\u00fcckgedr\u00e4ngt (vgl. \u201ePflege-Charta\u201c), manchmal bis zu b\u00fcrokratischen Exzessen, wenn etwa ein Amtsrichter entscheiden muss, ob ein Bett gegen das Herausfallen einer PatientIn gesichert werden darf oder ob das Freiheitsberaubung ist \u2013 sogar wenn die Patientin sich das w\u00fcnscht. <\/span><span lang=\"de-DE\">PatientInnenrechte wurden gest\u00e4rkt, es ist nur die Frage, ob diese Rechte auch in Anspruch genommen werden (k\u00f6nnen).<\/span><span lang=\"de-DE\">Aber das Machtgef\u00e4lle zwischen dem Personal der Anstalten (und deren \u201eCorporate Identity\u201c, die so h\u00fcbsche Selbstbeschreibungen bereithalten!) und dem Elend der PatientInnen bleibt enorm und wird durch Taten wie die von H\u00f6gel grell beleuchtet. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Idyllisch nenne ich auch folgende Beschreibung:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Peter Hoffmann hat die Zeit vor Einf\u00fchrung der Fallpauschalen noch erlebt. Damals hatten F\u00fchrungskr\u00e4fte noch genug Zeit, um sich um die Sorgen und N\u00f6te der Mitarbeiter zu k\u00fcmmern.\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Haben sie es denn auch getan, als sie die Zeit hatten? Ist nicht die Haupttendenz des \u201eNeo-Liberalismus\u201c die ungeheure Vervielf\u00e4ltigung der \u201eF\u00fchrungskr\u00e4fte\u201c!? Sind \u201eF\u00fchrungskr\u00e4fte\u201c denn \u201edie Guten?\u201c Oder hatte H\u00f6gel das Zeug zur F\u00fchrungskraft?<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Singularit\u00e4t oder \u201eder Terror als hohe Kunst betrachtet\u201c<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es war nicht zuletzt Profilierungssucht, die ihn veranlasste als \u201eChampion der Wiederbelebung\u201c anzutreten, er spritzte lebensbedrohliche Medikamente \u2013 und \u201erettete\u201c die Patienten dann. Manche PatientInnen lie\u00df er mehrmals kollabieren um sie zu reanimieren. \u201eIm September 2001 wurden in einer einzigen Nachtschicht von H. f\u00fcnf Patienten 14-mal reanimiert.\u201c (Zeit, 8.11.2018). Dass das h\u00e4ufiger nicht gelang, gro\u00dfe Mengen bestimmter Medikamente verbraucht wurden, Todesf\u00e4lle sich h\u00e4uften, wenn Niels H\u00f6gel Dienst hatte, konnte nicht verborgen bleiben, er wurde in eine andere Abteilung versetzt, wo es daraufhin wiederum h\u00e4ufigere Reanimationen gab als zuvor. H\u00f6gel wurde also durchaus beobachtet, hatte einen Ruf als \u201eReanimations-Rambo\u201c, aber das alles war eher Anlass f\u00fcr zynische Scherze oder ungute Gef\u00fchle, mit dem \u201ePechvogel\u201c zusammen zu arbeiten. So konnte er eine unbekannte Zahl von Menschen t\u00f6ten. <\/span><span lang=\"de-DE\">Erst nach seiner Entdeckung wurde in Delmenhorst das Offensichtliche durch die Polizei statistisch ausgewertet: <\/span><span lang=\"de-DE\">Der Vergleich der Sterbef\u00e4lle auf der Intensivstation in Delmenhorst mit den Dienstzeiten von Niels H\u00f6gel und dem Verbrauch des Herzmittels Gilurytmal (er benutzte auch andere!) zeigten den Zusammenhang:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">2003 und 2004 war die Sterberate auf der Station etwa doppelt so hoch wie in den Jahren zuvor. Der Verbrauch des Medikaments Gilurytmal schnellte von 2002 bis 2004 auf mehr als das Siebenfache hoch. <\/span><span lang=\"de-DE\">Im ersten Halbjahr 2005 passierten 73 Prozent der Todesf\u00e4lle auf der Intensivstation w\u00e4hrend der Dienstzeit von Niels H\u00f6gel oder unmittelbar danach\u201c (NWZ).<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nach dem Ende seiner Dienstzeit sank die Sterblichkeit sofort wieder auf das Niveau des Jahres vor seiner Besch\u00e4ftigung dort. <\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Warum hat niemand ihn gehindert?<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dass PatientInnen sich beklagt hatten, es sei ihnen nach einer Spritze sehr schlecht gegangen oder sie wollten nicht von Niels H\u00f6gel behandelt werden, wird in solchen Organisationen gern dem \u201equerulatorischen\u201c Patienten zugeschrieben, der sich da etwas einbildet. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wer Arbeitsverh\u00e4ltnisse kennt, kann sich vorstellen, wie auf solche Beschwerden reagiert wird, etwa: \u201eSoweit kommt es noch, dass die PatientInnen entscheiden, von wem sie die Spritze bekommen!\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Stellen wir uns einmal vor, der Pfleger h\u00e4tte damals ausgesehen, wie er heute vor Gericht aussieht. Ist es nicht eigenartig, dass es pl\u00f6tzlich so viele Fotos gibt, die ihn wenig sympathisch aussehen lassen? Nach allen Beschreibungen war das vor 18 Jahren aber ganz anders! Oder: Er w\u00e4re schwarz, Araber oder ein Einzelg\u00e4nger. <\/span><span lang=\"de-DE\">W\u00e4re H\u00f6gel Au\u00dfenseiter gewesen und unbeliebt, h\u00e4tte sicherlich jemand die Polizei informiert oder es h\u00e4tte Ausschluss-Verfahren gegeben. <\/span><span lang=\"de-DE\">Er war aber beliebt, ein unkomplizierter, sportlicher, sympathischer Lockenkopf, gut gelaunt, echt locker, zudem fachlich ein Virtuose der Wiederbelebung, genoss die Achtung von \u00c4rzten und PflegerInnen, trat sehr selbstbewusst auf, kurz: Er hatte Erfolg.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Er war bei den Kollegen so gesch\u00e4tzt, dass er eine Halskette gebastelt bekam aus Braun\u00fclen, aus Venenkathetern, als Anerkennung daf\u00fcr, dass er der Reanimationschampion in der Liga war.\u201c<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In der Hierarchie war H\u00f6gel gut verortet, Herr \u00fcber Leben und Tod zu sein, seine tats\u00e4chliche Erfahrung. Erleichtert wurden seine Taten durch weitere spezifische Situationsmerkmale, etwa die abgeschirmte \u00d6rtlichkeit der Intensivstation, wo er besonders nachts unbeobachtet war. <\/span><span lang=\"de-DE\">Was er tat, war in der sozialen Situation alles andere als fremd: Es geht hier um Leben und Tod, gef\u00fcrchtete Komplikationen, Herzstillstand, Wiederbelebung. Medikamente und Spritzen sind Tatwerkzeuge, die allt\u00e4glicher gar nicht sein k\u00f6nnten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Schwer zu beantworten ist nach den bisherigen Aussagen, wie sein Verh\u00e4ltnis zu den PatientInnen war. Es ist bekannt, dass auch in der h\u00e4uslichen Pflege und in Altenheimen Misshandlungen nicht selten sind, oft das Ergebnis von Machtk\u00e4mpfen zwischen den Pflegekr\u00e4ften, die ihren geforderten Altruismus ausgenutzt sehen und fordernden PatientInnen. Konfrontationen und Misstrauen k\u00f6nnen sich hier allerdings \u00fcber l\u00e4ngere Zeiten aufbauen, mir scheint bei H\u00f6gel solch eine Dynamik nicht zu existieren. <\/span><span lang=\"de-DE\">Eher d\u00fcrfte die Ent-Personalisierung der PatientInnen eine Rolle spielen; diese sind austauschbare \u201eF\u00e4lle\u201c, schon in normalen Krankenh\u00e4usern gerne durch die Zimmernummer hinreichend charakterisiert, fr\u00fcher gerne auch \u201edie Leber aus der 13\u201c. Abstraktionsprozesse kennzeichnen den Klinik-Alltag und machen vieles ertr\u00e4glicher; \u201eProfessionalisierung\u201c bedeutet nicht zuletzt das, eine Ent-Identifizierung. <\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Er arbeitete umsichtig und gewissenhaft\u201c<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Als die Verdachtsmomente 2001 unabweisbar wurden, lobte das Klinikum Oldenburg ihn weg, mit einem Aufhebungsvertrag. Im Zeugnis stand: \u201eEr arbeitete umsichtig und gewissenhaft. [&#8230;] In kritischen Situationen handelte er \u00fcberlegt und sachlich richtig.\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Eine ausgezeichnete Sendung des Deutschlandfunks hat diese heute zynisch klingende Passage als Titel gew\u00e4hlt; vielleicht ist sie aber nicht nur entlarvend, sondern hilft zu verstehen, was da geschah? Konnte in dem Zeugnis etwas anderes stehen, wenn man nicht zur Polizei gehen wollte? <\/span><span lang=\"de-DE\">Zum automatischen Schreiben geh\u00f6rt nat\u00fcrlich auch die Aussage, die \u201e\u00fcbertragenen Aufgaben\u201c habe er zur \u201evollsten Zufriedenheit\u201c erledigt; er sei auf Grund \u201eseiner Einsatzbereitschaft und seines kooperativen Verhaltens [&#8230;] im Mitarbeiterkreis und bei Vorgesetzten beliebt und gesch\u00e4tzt\u201c gewesen. Man w\u00fcnscht ihm f\u00fcr den weiteren Lebensweg&#8230;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In einem NWZ-Interview sagt der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Klinikums Oldenburg, Tenzer: \u201eGrunds\u00e4tzlich hat nat\u00fcrlich das Arbeitszeugnis nichts mit seinen mutma\u00dflichen Taten zu tun. Wir haben damals ein normales Arbeitszeugnis ausgestellt f\u00fcr ihn, etwas anderes durften wir auch gar nicht ausstellen. Es gibt sehr harte Regeln in Deutschland, in denen h\u00f6chstrichterlich entschieden ist, was in Arbeitszeugnissen stehen darf. Wir hatten hier im Haus keine hieb- und stichfesten Beweise gegen Herrn H., und Vermutungen sind in Arbeitszeugnissen nicht statthaft.\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">In seinem Fall ist das sicherlich Selbst-Entschuldigung, es ist aber auch wahr! <\/span><span lang=\"de-DE\">Man k\u00f6nnte auch sagen, die Informationen des Zeugnisses sind von jeder Realit\u00e4t gel\u00f6st, bilden eine Fake Reality, mit der aber alle gut leben und die sogar das Interesse an Lob, Wertsch\u00e4tzung, Respekt und wie die Zauberformeln lauten, befriedigt. Selbstbetrug en gros et en detail! <\/span><span lang=\"de-DE\">Wer solche Zeugnisse kennt, wei\u00df wie oft solche Formulierungen benutzt werden, auch wenn die Wahrheit eine andere ist, man will ja keinen Skandal. <\/span><span lang=\"de-DE\">Im Zweifelsfall kommt sonst das Schreiben eines Anwalts, und die ArbeitgeberInnen einigen sich mit diesem auf eine bessere Note, um \u00f6ffentliches Aufsehen und Kosten zu vermeiden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Verrechtlichung von Arbeitsbeziehungen kann sogar so weit gehen, dass ein frei formuliertes Lob unerw\u00fcnscht ist: Ein Chef will ausdr\u00fccken, dass die Besch\u00e4ftigte weit \u00fcber die b\u00fcrokratische Routine hinaus f\u00e4hig, kenntnisreich und engagiert ist und berichtet im Zeugnis detailliert. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das Ergebnis: er wird um ein Zeugnis gebeten, das die \u00fcblichen, abgegriffenen Formeln verwendet, alles andere k\u00f6nnte den Argwohn k\u00fcnftiger ArbeitgeberInnen hervorrufen und auch den Zeugnis-Geber als \u201eunprofessionell\u201c erscheinen lassen. Die \u201eKriterien\u201c sind nicht erf\u00fcllt; eine Vergleichbarkeit nicht gegeben \u2026 So funktioniert B\u00fcrokratie!<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Wie in jeder Organisation also auch im Krankenhaus<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Organisationen suchen Fehler auch eher au\u00dferhalb, Krankenh\u00e4user also beim Patienten. Diese waren eben multimorbide. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das eigene Verhalten wird in \u201eLeitbildern\u201c gesch\u00f6nt. Wenn Heilung gelingt, ist das der Erfolg der \u00c4rzte und PflegerInnen, wo sie misslingt, war nichts zu machen. <\/span><span lang=\"de-DE\">In Rechnung stellen muss man auch die Selbst-Bindung durch die fr\u00fchere Festlegung, Niels H. sei ein guter Kollege, ein f\u00e4higer und lobenswerter Pfleger. Solche Urteile werden nur ungern und selten sp\u00e4ter korrigiert, und dann mit der Schuldzuweisung \u201eWie perfide wurden wir get\u00e4uscht!\u201c; die (Selbst-) T\u00e4uschung ist aber Teil der Strukturen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Seit Jahren besch\u00e4ftigt sich Karl H. Beine, Chefarzt der Klinik f\u00fcr Psychiatrie in Hamm und Professor an der Uni Witten\/Herdecke, mit PatientInnent\u00f6tungen.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Klinik-Morde sind also nichts Seltenes?<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Beine: <\/span><span lang=\"de-DE\">&#8222;Es ist wahrscheinlich so, dass es mehr als die neun aufgekl\u00e4rten T\u00f6tungsserien im deutschsprachigen Raum und die knapp 40 weltweit bekannt gewordenen Taten gibt, die ich seit 1976 verfolgt habe. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich h\u00f6her als bei T\u00f6tungsdelikten im Allgemeinen. Da kommen auf einen entdeckten Mord zwei bis drei unentdeckte. In den Kliniken ist sie wahrscheinlich schon deshalb h\u00f6her, weil es \u2013 zynisch formuliert \u2013 keinen idealeren Tatort gibt. In Krankenh\u00e4usern wird auch unter nat\u00fcrlichen Umst\u00e4nden gestorben. Und die Handlungen der T\u00e4ter sehen bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung erst mal aus wie normale medizinische Verrichtungen.\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\"> (NWZ-Interview mit dem Psychiater Prof. Dr. Beine am 12.02.2015; ich teile allerdings nicht seine Erkl\u00e4rung, dass es immer Minderwertigkeitskomplexe sind, die den T\u00e4terInnen gemeinsam sind. Mir scheint das eine der geradezu medizinischen Diagnosen: Wenn T\u00e4ter feststehen, findet man auch ein Minderwertigkeitsgef\u00fchl. So wie bildgebende Verfahren bei Knie- oder R\u00fcckenschmerzen dann eine \u201eorganische\u201c Beeintr\u00e4chtigung zeigen. Die Frage ist auch, bei welchem Menschen\/T\u00e4ter kein Minderwertigkeitsgef\u00fchl, keine Selbstzweifel zu finden sind, wenn man lange genug sucht und die \u201e\u00dcberkompensation\u201c in Rechnung stellt). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Beine weiter: \u201eEs ist kein Zufall, dass die sp\u00e4teren T\u00e4ter einen Beruf ergreifen, in dem sie es mit Patienten, Hilflosen, Schutzbefohlenen zu tun haben. Gesundheitsberufe sind mit einem sehr hohen Sozialprestige ausgestattet. Wenn jemand den Beruf aber ergreift, damit er sich im Glanze des Sozialprestiges sonnen kann, damit er davon profitieren kann f\u00fcr sein eigenes Ego, damit es ihm besser geht, dann kann er in einem solchen Bereich nur Schiffbruch erleiden. Weil die Patienten nicht durchg\u00e4ngig so nett und dankbar sind wie erhofft.\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Leider stimmt nicht, dass solche Personen nur \u201eSchiffbruch\u201c erleiden k\u00f6nnen. Eher im Gegenteil, ihre Erfolgsaussichten sind gro\u00df! Und was f\u00fcr einen \u00c4rztemangel w\u00fcrde es ergeben, wenn der Ego-Trip erfolgreich zu bek\u00e4mpfen w\u00e4re?! <\/span><span lang=\"de-DE\">Es gibt zahlreiche Regeln sozialer Beziehungen, die T\u00e4ter geradezu sch\u00fctzen, wie Beine \u201eeigentlich\u201c selbst feststellen muss: <\/span>\u201e<span lang=\"de-DE\">Bei den F\u00e4llen, die ich untersucht habe, ist kein T\u00e4ter jemals von einem Kollegen oder Vorgesetzten angesprochen worden. \u201aH\u00f6r mal, ist was mit Dir? Das ist nicht in Ordnung, was Du machst!\u2018\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Das liegt nicht nur an Personalmangel oder Stress. Die Schwelle f\u00fcr \u201eunkollegiales Verhalten\u201c ist hoch, alle Organisationen, nicht nur milit\u00e4rische, ben\u00f6tigen Solidarit\u00e4t, Vertrauen, und das f\u00fchrt schnell zu Kameraderie, die auch hinnimmt, was eigentlich schlecht ist, niemand will \u201edas Kameradenschwein\u201c sein. Das f\u00fchrt dazu, dass im Fall des Falles \u201eAussage gegen Aussage\u201c steht und \u201eWhistleblower\u201c ganz schnell zu \u201eDenunzianten\u201c degradiert werden, sozial isoliert und sogar juristisch belangt, schlie\u00dflich sind auch \u201eBeweise\u201c oft mehrdeutig. Dementsprechend spalten sich Belegschaften in Ankl\u00e4gerInnen und VerteidigerInnen \u2026 Genau solche Konflikte will niemand, also ist Schweigen der absolute Normalfall. <\/span><span lang=\"de-DE\">Au\u00dferdem sind es die normalen Rollenzuschreibungen, das Vertrauen in die Professionalit\u00e4t, die geradezu zu Hindernissen der Aufkl\u00e4rung werden, ganz so wie bei den Feuerwehrleuten, die Br\u00e4nde legen (dazu gibt es auch Untersuchungen, mehrmals im Jahr wird so etwas entdeckt, und auch wenn die Feuerwehren ebenfalls ein anderes Selbstverst\u00e4ndnis pflegen, ist das Bewusstsein der Gef\u00e4hrdungen hier ausgepr\u00e4gter als bei der Medizin, sicherlich weil das Sozialprestige der Feuerwehr geringer ist). Oder denken wir an Wissenschaftsbetrug, Wissenschaftler, die Daten f\u00e4lschen (nicht gerade Seltenheiten!). Sie sind durch \u201epositive Vorurteile\u201c meist lange gesch\u00fctzt.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\">\u201eWas ist das, was in uns l\u00fcgt, hurt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!\u201c (Georg B\u00fcchner: Dantons Tod)<\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Man mag den Beteiligten zugutehalten, dass sie nicht glauben mochten, was doch so \u201eevidenzbasiert\u201c zu sehen war. Dabei lieben die Beteiligten sonst, was \u201estatistisch signifikant\u201c ist. Der Betriebsrat des Klinikums wandte ein, die Todesf\u00e4lle in den Dienstzeiten von Niels H\u00f6gel k\u00f6nnten Zufall sein. Schlie\u00dflich ist schon mit der Einstellung ein Vertrauensvorschuss verbunden, und niemand will sich die falsche Personalentscheidung vorhalten lassen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im Falle H\u00f6gels ist \u00fcbrigens wahrscheinlich, dass er den Beruf nicht etwa wegen \u201epathologischer\u201c Hintergr\u00fcnde ergriffen hat, sondern aus einerseits einer typischen Ratlosigkeit der Berufswahl gegen\u00fcber (in seiner Heimatstadt Wilhelmshaven d\u00fcrfte 1994 die Auswahl recht beschr\u00e4nkt gewesen sein) und der positiv erlebten Familientradition andererseits: Schon sein Vater ist Krankenpfleger, ebenso eine Gro\u00dfmutter, beide helfend, zugewandt, anerkannt, von dem Sinn ihres Berufs \u00fcberzeugt, wo findet man das noch? <\/span><span lang=\"de-DE\">Es geht mir keineswegs darum, die Frage nach der Pers\u00f6nlichkeit des T\u00e4ters abzuwehren, nat\u00fcrlich m\u00fcssen besondere Situationen und Motive ihn zu diesen Ausnahme-Taten bewegt haben. Aber welche? Und sind sie nicht sehr tief in den Strukturen und den sozialen Situationen der Kliniken (und auch anderenorts!) geradezu angelegt, und nicht so sehr in der Einzelbiographie? <\/span><span lang=\"de-DE\">Er arbeitet auch in Wilhelmshaven als Krankenpfleger und als Rettungsassistent, soweit wir bisher wissen, engagiert und ohne Verdachtsmomente. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wegen seines \u201ePotentials\u201c r\u00e4t sein Chef dem ehrgeizigen jungen Mann, sich an eine gr\u00f6\u00dfere Klinik zu bewerben, es wird die herzchirurgische Intensivstation am Klinikum Oldenburg, wo der Ehrgeiz des Pflegers und der Ehrgeiz einer neu aufgebauten Renommier-Abteilung sich erg\u00e4nzten. Hier ist dann etwas passiert, das sich sicher aus ineinandergreifenden Motiven des Einzelnen und den Strukturen des \u201eFeldes\u201c erahnen l\u00e4sst. Medikamentenmissbrauch (Opiate) kam schnell hinzu, diese waren ja verf\u00fcgbar \u2013 auch dies ein wenig diskutiertes Problem der helfenden Berufe. Die Suchtpotentiale sind durch die Belastungen hoch \u2013 und die Suchtstoffe verf\u00fcgbar. Die Mordserie beginnt ein halbes Jahr nach dem Wechsel nach Oldenburg. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Grundlage des Geschehenen ist letztlich das enorme Machtgef\u00e4lle zwischen der totalen Institution Krankenhaus und hilflosen, geschw\u00e4chten, isolierten PatientInnen, an Interventionen ohne Begr\u00fcndung gew\u00f6hnt, ganz besonders auf der Intensivstation, wo sie von Kabeln und Apparaten umgeben sind, narkotisiert, oft sogar im k\u00fcnstlichen Koma.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Klassenjustiz<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Klassenjustiz muss man es nennen, wenn die Staatsanwaltschaft Oldenburg sich lange weigert, zu ermitteln, wenn Angeh\u00f6rige abgewimmelt werden oder Exhumierungen zum Nachweis der Taten abgelehnt werden. Auch hier: Der Wille zum Nicht-Wissen! <\/span><span lang=\"de-DE\">Angst vor \u201eNegativ-Presse\u201c haben heute alle Organisationen, die immer bem\u00fcht sind, nur ihre Botschaften als \u201e\u00d6ffentlichkeitsarbeit\u201c unterzubringen und nur Erfolge zu \u201ekommunizieren\u201c, \u00fcbrigens auch intern, das soll die Motivation der MitarbeiterInnen st\u00e4rken. 2005 wurden die Morde entdeckt, der Prozess gegen KlinikmitarbeiterInnen und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung soll demn\u00e4chst, also nach 14 Jahren, beginnen. Niels H\u00f6gels Aussagen k\u00f6nnen einige Personen, aber auch ein System belasten, die \u00f6konomisierte, betriebswirtschaftlich optimierte Intensivmedizin. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wie immer er sich einl\u00e4sst, es kann als Entschuldigungs- und Verteidigungsstrategie gelten. <\/span><span lang=\"de-DE\">Man darf sogar fragen, ob er sich selbst gegen\u00fcber ehrlich \u00fcber seine Motive reflektieren kann. Er hat bisher gelogen oder sich selektiv erinnert, wird er nun aber aussagen? <\/span><span lang=\"de-DE\">Die vielleicht wichtigste Frage nach seiner ersten Tat, die Aufschluss geben kann wie alles anfing, welchen Ausl\u00f6ser es gab, hat er jedenfalls auch am 21. November nicht beantworten wollen oder k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Einen Todesfall leugnete H\u00f6gel vehement, obwohl die Patientin an dem Medikament Ajmalin verstorben ist, das H\u00f6gel benutzte. Er deutete an, selbstverst\u00e4ndlich nachdem er versichert hatte, niemanden beschuldigen zu wollen, dass eine Kollegin get\u00f6tet haben k\u00f6nnte, denn diese hatte den Ruf \u201esich um bestimmte Patienten zu k\u00fcmmern\u201c (HAZ 22.11.2018). Eine Sprache, wie sie Victor Klemperers \u201eLTI\u201c oder Orwells \u201eNewspeak\u201c kennen! Niemand richtet sich gegen das Wohl der PatientInnen, wenn man \u201esich k\u00fcmmert\u201c &#8211; und niemand wird eine Kollegin beschuldigen!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wie immer bei solchen Taten bleibt manches unaufgekl\u00e4rt und Ratlosigkeit. Aber soziale Situationen, die solche Taten f\u00f6rdern, lassen sich benennen und ver\u00e4ndern; sie sind auch nicht nur in Kliniken zu finden: Autorit\u00e4t, Konformismus, b\u00fcrokratische Unverantwortlichkeit, Karrierismus, betriebswirtschaftliche Optimierung und Sch\u00f6nf\u00e4rberei \u2013 und mangelnde Kontrolle.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Johann Bauer<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Niels H\u00f6gel ist nicht der erste \u201eTodespfleger\u201c; aber er ist der spektakul\u00e4rste Fall, der bisher \u00f6ffentlich verhandelt wird. Warum tut jemand so etwas? Oft haben die entdeckten T\u00e4terInnen \u201eMitleid\u201c als Motiv genannt, aber auch Stress oder Langeweile. Vielleicht sind ihre Motive individuell, aber sind die sozialen Situationen, die ihre Taten erm\u00f6glichen, nicht \u00e4hnlich? K\u00f6nnen andererseits &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/11\/gnade-des-nichtwissens\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":18780,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Gnade des Nichtwissens - graswurzelrevolution","description":"Niels H\u00f6gel ist nicht der erste \u201eTodespfleger\u201c; aber er ist der spektakul\u00e4rste Fall, der bisher \u00f6ffentlich verhandelt wird. Warum tut jemand so etwas? 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