{"id":18892,"date":"2018-12-08T01:04:16","date_gmt":"2018-12-07T23:04:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=18892"},"modified":"2022-07-26T13:49:48","modified_gmt":"2022-07-26T11:49:48","slug":"grundeinkommen-kontrovers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/12\/grundeinkommen-kontrovers\/","title":{"rendered":"Grundeinkommen kontrovers"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) findet immer mehr Pr\u00e4senz im \u00f6ffentlichen Raum; so nun auch am 06.12.2018 im Haus am Dom in Frankfurt. In diesem Streitgespr\u00e4ch traten vonseiten der Bef\u00fcrworter*innen des BGE der Wirtschaftswissenschaftler und Gr\u00fcnen-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Strengmann-Kuhn und die Frankfurter Caritas-Direktorin Gaby Hagmans auf. Von der Kritikerseite sa\u00dfen der Ungleichheitsforscher Christoph Butterwegge und der Frankfurter DGB-Chef Philipp Jacks auf dem Podium.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_18898\" aria-describedby=\"caption-attachment-18898\" style=\"width: 475px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/10577477765_75a77306bd_z-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-18898\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/10577477765_75a77306bd_z-1.jpg\" alt=\"\" width=\"475\" height=\"317\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/10577477765_75a77306bd_z-1.jpg 640w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/10577477765_75a77306bd_z-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/10577477765_75a77306bd_z-1-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 475px) 100vw, 475px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-18898\" class=\"wp-caption-text\">Schweizer Grundeinkommensbef\u00fcrworter verteilen &#8222;F\u00fcnferli&#8220; auf dem Bundesplatz in Bern &#8211; Foto: Generation Grundeinkkommen, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/2.0\/legalcode\">NoDerivs 2.0 Generic (CC BY-ND 2.0)<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Eingangspl\u00e4doyer f\u00fcr das BGE hielt der Wirtschaftswissenschaftler Strengmann-Kuhn, welcher gleich zu Beginn klarstellte, dass ein Umdenken erforderlich sei, sodass nicht mehr die Erwerbsarbeit Bedingung eines Einkommens sei, sondern ein gesichertes Einkommen erst Erwerbs- oder andersartige Arbeit erm\u00f6gliche. Er betonte dabei die destruktive Kraft der Bed\u00fcrftigkeitspr\u00fcfung im Sinne von Hartz-IV, mit der nur das BGE konsequent brechen will: So liege die Dunkelziffer der verdeckt Armen schon aktuellen Sch\u00e4tzungen zufolge bei 4 bis 5 Mio. Menschen in Deutschland, Tendenz steigend. Dies liege vor allem an der Stigmatisierung, die Bed\u00fcrftige erfahren. Er sprach sich daf\u00fcr aus, nicht nur das bestehende Sozialsystem, welches aus dem vorletzten Jahrhundert stamme, zu renovieren, sondern die Gerechtigkeitsfrage von Grund auf neu zu stellen.<\/p>\n<p>Der Ungleichheitsforscher Butterwegge entgegnete ihm in seiner leidenschaftlichen Widerrede, das Sozialsystem werde durch ein BGE zerschlagen, indem beispielsweise Mindestlohnstandards, Gewerkschaften und andere Errungenschaften des Sozialstaats aufgegeben w\u00fcrden. Er begriff das BGE als ein undifferenziertes Gie\u00dfkannenprinzip, welches alle gleich behandle, so den Million\u00e4r und die Multijobberin. Hiermit nahm er auf eine Variante des BGEs Bezug, n\u00e4mlich die Auszahlung als Sozialdividende an alle Staatsb\u00fcrger*innen. Hingegen \u00e4u\u00dferte er sich nicht zur alternativen Variante, der Auszahlung als Negative Einkommenssteuer, also einer Verrechnung mit der Einkommenssteuer, wie sie unter anderem vonseiten der Linken diskutiert wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/b5I9NYKTesA\" width=\"100%\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Pro &amp; Contra BGE mit Katja Kipping und Ulrike Herrmann, Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=b5I9NYKTesA\">Youtube<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Frage der Auszahlung und Finanzierbarkeit besch\u00e4ftigte auch den DGB-Chef Jacks: Eine Billionen Euro wird f\u00fcr die Finanzierung eines BGE veranschlagt. Diese Summe sei zwar nur unwesentlich h\u00f6her als die bestehenden Kosten des deutschen Sozialstaats, doch auch die Differenz im zweistelligen Milliardenbereich sei nur durch eine Steuererh\u00f6hung zu realisieren. Dass es f\u00fcr solche Umw\u00e4lzungen in der Bev\u00f6lkerung eine bef\u00fcrwortende Mehrheit gebe, bezweifelte er.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_18907\" aria-describedby=\"caption-attachment-18907\" style=\"width: 236px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/599px-Strengmann-Kuhn_Wolfgang-0360.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-18907\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/599px-Strengmann-Kuhn_Wolfgang-0360.jpg\" alt=\"\" width=\"236\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/599px-Strengmann-Kuhn_Wolfgang-0360.jpg 599w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/599px-Strengmann-Kuhn_Wolfgang-0360-300x451.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/599px-Strengmann-Kuhn_Wolfgang-0360-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-18907\" class=\"wp-caption-text\">BGE-Bef\u00fcrworter Wolfgang-Strengmann-Kuhn &#8211; Foto: Foto-AG Gymnasium Melle [<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\">CC BY-SA 4.0)<\/a>,<\/figcaption><\/figure>Zur Frage der Finanzierbarkeit brachte die Caritas-Direktorin Hagmans ein, dass der derzeitige Sozialstaat schon jetzt nicht ohne die vielf\u00e4ltigen Formen unbezahlter Arbeit zu finanzieren w\u00e4re. So entfalle nur ein Drittel der volkswirtschaftlich geleisteten Arbeitsstunden auf Erwerbsarbeit; hingegen w\u00fcrden Erziehungsarbeit, Pflegearbeit, kreative und politische Arbeit sowie Ehren\u00e4mter zumeist gar nicht ber\u00fccksichtigt. Das BGE erm\u00f6gliche immerhin eine Wertsch\u00e4tzung dieser Arbeitsformen und sichere jeder und jedem die Freiheit zu, nicht allein dem Broterwerb verpflichtet zu sein.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Dissens zeigte sich in der Frage, ob das BGE mehr leiste, als eine Umverteilung von Einkommens- und Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnissen, wie sie auch durch andere, leider nicht n\u00e4her beleuchtete Alternativen zu erreichen sei. W\u00e4hrend Butterwegge zwar eine Beendigung absoluter Armut durch das BGE zugestand, zeigte er sich skeptisch, ob ein BGE auch die relative Armut, insbesondere durch prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse, bek\u00e4mpfe. Er bef\u00fcrchtete sinkende L\u00f6hne, und dass sich das Einkommensniveau somit f\u00fcr viele durch ein BGE nicht wesentlich \u00e4ndere. Strengmann-Kuhn und Hagmans \u00e4u\u00dferten vielmehr die gegenteilige Erwartungshaltung: Dadurch, dass Arbeitnehmer*innen nicht mehr gezwungen seien, Arbeit um jeden Preis anzunehmen, werde die Verhandlungsposition auf dem Arbeitsmarkt gest\u00e4rkt, was insbesondere f\u00fcr prek\u00e4re Arbeit und sogenannte Bullshit-Jobs ver\u00e4nderte L\u00f6hne und zudem bessere Arbeitsbedingungen bewirke.<\/p>\n<p>Als das Wort ins Publikum \u00fcbergeben wurde, kam man endlich auch auf die mentalen Effekte des BGE zu sprechen: Beim BGE ginge es nicht nur um Geld, sondern vor allem um ein gesellschaftliches Umdenken, frei von Zw\u00e4ngen und Sanktionen. Es wurde dabei auf die Resultate von Modellversuchen verwiesen sowie auf die bekannte Initiative mein-grundeinkommen.de, welche regelm\u00e4\u00dfig durch Crowdfunding einzelnen Personen ein Grundeinkommen erm\u00f6glicht und die positiven Erfahrungen der Gewinner*innen dokumentiert.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wurden einige kritische Stimmen bez\u00fcglich der Gespr\u00e4chsf\u00fchrung laut; manche dem BGE gegen\u00fcber aufgeschlossene B\u00fcrger*innen bem\u00e4ngelten Unkonkretheit und Fehlinformation. Dies betraf einerseits die Frage der Finanzierbarkeit, welche stets als ungel\u00f6st ausgegeben wird, anstatt sich auf eines der 24 Modelle mit verschiedenen Finanzierungen (MwSt., FinanztransaktionsSt., MikroSt., \u2026) konkret zu beziehen. Auch die Aufl\u00f6sung des Sozialstaats durch Aufhebung des Mindestlohns oder \u00e4hnliche<\/p>\n<figure id=\"attachment_18900\" aria-describedby=\"caption-attachment-18900\" style=\"width: 259px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Butterwegge.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-18900\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Butterwegge.jpg\" alt=\"\" width=\"259\" height=\"259\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Butterwegge.jpg 800w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Butterwegge-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Butterwegge-100x100.jpg 100w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Butterwegge-600x600.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Butterwegge-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Butterwegge-768x768.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 259px) 100vw, 259px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-18900\" class=\"wp-caption-text\">BGE-Kritiker Christoph Butterwegge &#8211; Foto: Raimond Spekking \/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/\">CC BY-SA 4.0<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>arbeitspolitische Ma\u00dfnahmen werde heute kaum mehr von jemandem gew\u00fcnscht. Insbesondere Butterwegges Rhetorik fand nicht nur Zustimmung; es war von \u201aSchattenk\u00e4mpfen\u2018 die Rede und davon, dass er diffuse \u00c4ngste sch\u00fcre anstelle sich einer sachlichen Argumentation zu \u00f6ffnen. Butterwegge entgegnete, dass umgekehrt BGE-Bef\u00fcrworter*innen taub f\u00fcr seine Argumente seien; er unterstellte ihnen \u201aMobbing\u2018 und verglich die \u201aBGE-Community\u2018 mit Rechtsextremisten \u2013 auf ein emp\u00f6rtes Raunen im Saal hin konkretisierte er, es ginge um die ideologische Verblendung beider Gruppen.<\/p>\n<p>Angesichts der hitzigen Wortmeldungen suchte Jacks einen vers\u00f6hnlichen Schluss, indem er daran erinnerte, wir k\u00f6nnten insbesondere im internationalen Vergleich zufrieden mit unserem althergebrachten Sozialsystem sein und sollten etwas mehr Dankbarkeit daf\u00fcr aufbringen. Doch dieses Statement befriedete wenig, sondern zeigte einmal mehr, aus welch r\u00fcckw\u00e4rtig gewandter Perspektive das BGE abgelehnt wurde. Wenngleich das BGE nat\u00fcrlich nicht alle sozialen Probleme l\u00f6st, wurde zumindest in diesem Streitgespr\u00e4ch kein grunds\u00e4tzlicher Gegenvorschlag vorgebracht, der es mit den Anforderungen der Gegenwart und der Zukunft aufnimmt.<\/p>\n<p>In Anbetracht der deutschlandweit wachsenden Zustimmung zum BGE bleibt abzuwarten, ob die n\u00e4chste Diskussion noch immer unter der gleichen Frage gef\u00fchrt wird, ob wir ein BGE brauchen, oder nicht vielmehr unter der Frage, welches BGE-Modell wir brauchen. Im Fokus st\u00fcnde dann die Frage, welchen Gerechtigkeitsanspr\u00fcchen ein BGE gen\u00fcgen m\u00fcsse, um emanzipatorische Konzepte gegen\u00fcber neoliberal motivierten Ans\u00e4tzen zu st\u00e4rken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) findet immer mehr Pr\u00e4senz im \u00f6ffentlichen Raum; so nun auch am 06.12.2018 im Haus am Dom in Frankfurt. In diesem Streitgespr\u00e4ch traten vonseiten der Bef\u00fcrworter*innen des BGE der Wirtschaftswissenschaftler und Gr\u00fcnen-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Strengmann-Kuhn und die Frankfurter Caritas-Direktorin Gaby Hagmans auf. 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