{"id":18981,"date":"2018-12-20T14:35:49","date_gmt":"2018-12-20T12:35:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=18981"},"modified":"2022-07-26T13:02:31","modified_gmt":"2022-07-26T11:02:31","slug":"100-jahre-raeterepublik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/12\/100-jahre-raeterepublik\/","title":{"rendered":"100 Jahre R\u00e4terepublik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span lang=\"de-DE\">Im Fr\u00fchjahr 2019 j\u00e4hrt sich die bayerische R\u00e4terepublik zum hundertsten Mal. Im Zuge dessen kommt es zu einigen neuen Publikationen zu diesem Thema, die durch eine interessante \u00dcbereinstimmung auffallen. In mehreren dieser B\u00fccher wird das Bild von der R\u00e4terepublik als Phantasieprodukt einer Handvoll spleeniger Literaten verbreitet. Bereits die Titel der entsprechenden Werke sprechen dabei B\u00e4nde. Allen voran: \u201eTr\u00e4umer. Als die Dichter die Macht \u00fcbernahmen\u201c (Weidermann 2017). <\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><span lang=\"de-DE\">These I: Die Revolution war ein Produkt der Selbstorganisation der Proletarisierten, nicht der Phantasie von Dichtern<\/span><\/h5>\n<figure id=\"attachment_19103\" aria-describedby=\"caption-attachment-19103\" style=\"width: 409px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Bundesarchiv_Bild_146-2004-0048_Revolution_in_Bayern_Gefangener.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19103\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Bundesarchiv_Bild_146-2004-0048_Revolution_in_Bayern_Gefangener.jpg\" alt=\"\" width=\"409\" height=\"633\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Bundesarchiv_Bild_146-2004-0048_Revolution_in_Bayern_Gefangener.jpg 505w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Bundesarchiv_Bild_146-2004-0048_Revolution_in_Bayern_Gefangener-300x464.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Bundesarchiv_Bild_146-2004-0048_Revolution_in_Bayern_Gefangener-194x300.jpg 194w\" sizes=\"auto, (max-width: 409px) 100vw, 409px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19103\" class=\"wp-caption-text\">Der Eisendreher Johann Lehner wurde am 3. Mai 1919 von Regierungssoldaten verhaftet und ohne Prozess erschossen, da er mit dem M\u00f6rder der Geiseln im Luitpold-Gymnasium Seidl\/Seidel verwechselt wurde, obwohl er sich ausweisen konnte. Die Postkarte wurde mit der Bildunterschrift &#8222;Der Geiselm\u00f6rder Seidl&#8220; verbreitet. (Text \u00fcbernommen von <a href=\"https:\/\/www.historisches-lexikon-bayerns.de\/Lexikon\/Wei%C3%9Fer_Terror,_1919\">Historisches Lexikon Bayerns<\/a>) &#8211; Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2004-0048 \/ CC-BY-SA [<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\">CC BY-SA 3.0<\/a>]<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eigentlich versteht sich von selbst, dass die Vorstellung abwegig ist, die Schriftsteller h\u00e4tten die Revolution, die als historisches Ereignis ja nicht abgestritten werden kann, quasi herbeigedichtet. <\/span><span lang=\"de-DE\">Einen wichtigen Grund hat diese immer wiederkehrende Implikation aber in der unausgewogenen Quellenlage, in der Schriftsteller_innen weit \u00fcberproportional vertreten sind. Der Hauptgrund daf\u00fcr liegt in eben jenen Umst\u00e4nden, welche die Revolution zu beseitigen suchte: Der immensen materiellen und kulturellen Ungleichheit. <\/span><span lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend am Anfang des 20. Jahrhunderts die Abk\u00f6mmlinge des B\u00fcrgertums unvergessliche Kulturwerke schaffen, k\u00f6nnen die Proletarisierten oft noch nicht einmal lesen und schreiben. Und selbst wenn sie es k\u00f6nnen, dann bleibt nach einem zehnst\u00fcndigen Arbeitstag kaum mehr die Zeit Memoiren zu verfassen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Tatsache, dass also fast alle Augenzeugenberichte aus der Zeit der R\u00e4terepublik aus b\u00fcrgerlichen Quellen stammen, f\u00fchrt, zusammen mit dem endg\u00fcltigen Vers\u00e4umnis einer systematischen Befragung proletarischer Zeitzeugen, zu ernsthaften Problemen in der Geschichtsschreibung. <\/span><span lang=\"de-DE\">Denn der Gro\u00dfteil des B\u00fcrgertums bringt, wie es zum Beispiel in den immer wieder neuaufgelegten Tageb\u00fcchern des Privatgelehrten Viktor Klemperer hei\u00dft, der Revolution \u201enicht die geringste Sympathie\u201c entgegen (Klemperer 1919, S. 25). <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eine politisch-historische Untersuchung der R\u00e4terepublik kommt dagegen nicht um ein gewisses Ma\u00df an Sozialgeschichte herum. Bei einer solchen Analyse k\u00f6nnen die Proletarisierten nicht nur als Statist_innen im Hintergrund dienen, sondern m\u00fcssen als die wesentlichen politischen Akteure der Ereignisse ins Zentrum ger\u00fcckt werden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Ein zentraler Faktor f\u00fcr das Revolution\u00e4r-Werden dieser Massen ist ihre materielle Not am Ende des Ersten Weltkriegs. Sp\u00e4testens seit dem sogenannten \u201aKohlr\u00fcbenwinter 1916\/17\u2018 herrschen in ganz Europa Hungersn\u00f6te. Ein Gro\u00dfteil der verf\u00fcgbaren Nahrungsmittel wird zur Verpflegung der Armeen an der Front reserviert, so dass f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung in den St\u00e4dten nur wenig \u00fcbrigbleibt. Das Gesundheitsministerium registrierte bis Ende 1918 im Deutschen Reich 763.000 Todesf\u00e4lle aufgrund von Hunger und Unterern\u00e4hrung. <\/span><span lang=\"de-DE\">Zum Hunger kommt jedoch eine weitere Plage hinzu, die insbesondere die Proletarisierten trifft: Die \u201aSpanische Grippe\u2018. Allein in M\u00fcnchen werden zwischen 25.000 und 30.000 Infizierte gez\u00e4hlt. Sogar die Schulen bleiben aufgrund der Spanischen Grippe zeitweise geschlossen. Die Pandemie fordert im Deutschen Reich etwa 300.000 Todesopfer. Aufgrund des Krieges verbreitet sich die Seuche rasch \u00fcber den gesamten Erdball. Weltweit erliegen ihr zwischen 25 und 50 Millionen Menschen. Damit ist die Seuche mit dem Ausbruch der Pest von 1348 vergleichbar. Die US-amerikanische Armee hat im Ersten Weltkrieg ungef\u00e4hr die gleiche Zahl an Infanterie-Soldaten durch die Grippe wie durch Kampfhandlungen verloren und allein in Indien sind mehr als 17 Millionen Menschen daran gestorben (Hieronimus 2006).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nicht zuletzt die Hungersnot und die Seuchen sind es, die den Proletarisierten Europas die Begeisterung f\u00fcr den Krieg endg\u00fcltig austreibt. Sie haben genug von der Verschwendung von Menschenleben und Wohlstand, von Krankheit und Tod. <\/span><span lang=\"de-DE\">So kommt es ab 1916 zu immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Hungerdemonstrationen, die teilweise in gewaltsame Ausschreitungen ausarten. In dieser Situation versuchen Pazifist_innen und Linke den Zorn auf den Obrigkeitsstaat und dessen Krieg zu lenken, in dem sie die Ursache f\u00fcr die Not ausmachen. So agitieren sie im Januar 1918 f\u00fcr einen reichsweiten Streik der Munitionsarbeiter_innen, um einen sofortigen Frieden zu erzwingen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Im Zuge der Vorbereitung des \u201eJanuarstreiks\u201c werden in den M\u00fcnchner R\u00fcstungsbetrieben unter Anf\u00fchrung von Sarah Sonja Lerch und Kurt Eisner \u2013 beide von der sozialistischen Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) \u2013 Massenversammlungen der Arbeiter_innen abgehalten. <\/span><span lang=\"de-DE\">Gegen den Widerstand der Sozialdemokratie entscheiden sich die Arbeiter_innen f\u00fcr den Streik, der eine einzige Forderung stellt: sofortigen Frieden. Damit kommt es zur ersten Form einer revolution\u00e4ren Selbstorganisation der Proletarisierten. <\/span><span lang=\"de-DE\">Der Streik, an dem im gesamten Deutschen Reich hunderttausende Arbeiter_innen teilnehmen, wird unter Einsatz von Polizei und Milit\u00e4r niedergeschlagen. Sarah Sonja Lerch stirbt nach ihrer Verhaftung unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden im Gef\u00e4ngnis. <\/span><span lang=\"de-DE\">Viele der f\u00fcr die Beendigung des Krieges Streikenden werden zur Strafe zum Milit\u00e4r eingezogen. Die entstehenden Strukturen der Selbstorganisation, revolution\u00e4re Obleute und erste Arbeiter_innen-R\u00e4te bleiben jedoch erhalten und agieren trotz der Repression weiter (Gerstenberg 2018). <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die zweite Stufe der Selbstorganisation wird erreicht als sich Soldaten massenhaft den Revolution\u00e4r_innen anschlie\u00dfen. Aufgrund dieses Zusammenschlusses wird eine Friedensdemonstration am 7. November 1918 nicht niedergeschlagen, sondern m\u00fcndet in den Sturz der Wittelsbacher Monarchendynastie, die zuvor \u00fcber 738 Jahre in Bayern regiert hat. Noch in derselben Nacht konstituieren sich formelle Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te und w\u00e4hlen Kurt Eisner zum Ministerpr\u00e4sidenten. <\/span><span lang=\"de-DE\">Sofort nach dem Umsturz versuchen die Revolution\u00e4r_innen, die Selbstorganisation auf eine dritte zentrale Gruppe auszuweiten: Die Bauernschaft. Aus dem Bayerischen Bauernbund soll ein Bauernrat hervorgehen. Hier kommt die Selbstorganisation jedoch bald an ihre Grenzen. Die Industriearbeiter_innen und die Soldaten haben den Vorteil, dass sie ihrer T\u00e4tigkeit ohnehin in riesigen Massenorganisationen nachgehen, in denen Agitation und revolution\u00e4re Organisierung einigerma\u00dfen leicht sind. Die Bauernschaft ist dagegen \u00fcber weite Distanzen verteilt, was die Kommunikation und damit auch die Organisierung deutlich erschwert. <\/span><span lang=\"de-DE\">Eisner strebt in seiner Regierung, an der er auch seine Feinde aus der SPD an zentralen Stellen beteiligt, einen Kompromiss zwischen Parlamentarismus und R\u00e4tedemokratie an. Die Sozialdemokratie versucht jedoch systematisch, die Selbstorganisation der Proletarisierten auszuhebeln und den alten monarchistischen Staatsapparat zu erhalten. Als Eisner von einem Rechtsextremen ermordet wird, eskaliert der Konflikt. Der Landtag flieht, wodurch der R\u00e4tekongress die Regierungsmacht faktisch allein in den H\u00e4nden h\u00e4lt. Als auffliegt, dass die Sozialdemokratie in N\u00fcrnberg eine gegenrevolution\u00e4re Koalition mit den rechten Parteien DDP und BVP schmiedet, wird der Bruch vollst\u00e4ndig vollzogen. Mit massiven Demonstrationen und Ank\u00fcndigung eines Generalstreiks, erzwingen revolution\u00e4re Arbeiter_innen und Soldaten die Ausrufung einer reinen R\u00e4terepublik am 7. April 1919. <\/span><span lang=\"de-DE\">Eine Woche sp\u00e4ter wagt die Sozialdemokratie im Bund mit b\u00fcrgerlichen und rechtsextremen Kr\u00e4ften einen Putsch. Die provisorische R\u00e4teregierung ist weitgehend paralysiert. Wieder sind es die Betriebs- und Soldatenr\u00e4te, die in spontaner Selbstorganisation eine revolution\u00e4re Selbstverteidigung aufstellen und den Putsch niederschlagen (Schaupp 2017). <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In zeitgen\u00f6ssischen Texten wird das Modell der R\u00e4tedemokratie immer wieder dem \u201eParteif\u00fchrertum\u201c entgegengestellt. Anstelle professioneller Politiker_innen sollen die Proletarisierten aus ihren Betrieben oder Kasernen Delegierte w\u00e4hlen, die sie pers\u00f6nlich kennen. Diese werden zwar meist nicht mit imperativen Mandaten ausgestattet, k\u00f6nnen aber jederzeit abberufen werden, wenn sie sich von ihrer Basis entfremden. Nach demselben Prinzip delegieren die jeweiligen R\u00e4te dann weitere Beauftragte f\u00fcr spezifische Angelegenheiten oder h\u00f6here Koordinationsebenen. Das einzige Mal, dass dieses Prinzip bundesweit angewendet wird, ist der Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te, der vom 16. bis zum 21. Dezember 1918 in Berlin tagt. Die Art und Weise wie die Delegierten bestimmt werden, bleibt dabei den lokalen R\u00e4ten \u00fcberlassen. Als Faustregel gilt, dass auf etwa 200.000 Einwohner_innen ein Delegierter kommt. Aus den Soldatenr\u00e4ten soll ein Delegierter auf jeweils 100.000 Milit\u00e4rangeh\u00f6rige gew\u00e4hlt werden (Vollzugsrat 1918). Da jedoch die Mehrheit der Delegierten Sozialdemokraten sind, bleibt der aus der Versammlung gew\u00e4hlte Zentralrat w\u00e4hrend der folgenden Wochen der revolution\u00e4ren K\u00e4mpfe in ganz Deutschland inaktiv. Er erhebt auch keinerlei Einspruch gegen die sukzessive Zerschlagung der R\u00e4testrukturen. Am 4. Februar 1919 \u00fcbertr\u00e4gt er seine nominelle Macht dann vollends an die Weimarer Nationalversammlung und wird aufgel\u00f6st. In Bayern existieren allerdings f\u00fcr ungef\u00e4hr ein halbes Jahr tats\u00e4chlich funktionierende R\u00e4testrukturen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bez\u00fcglich der Akteure der Revolution l\u00e4sst sich also folgendes feststellen: <\/span><span lang=\"de-DE\">Richtig ist, dass unter den f\u00fchrenden K\u00f6pfen der R\u00e4terepublik eine erstaunlich hohe Anzahl von Literaten vertreten war. Da man in diesen Positionen sonst eher an Gro\u00dfindustrielle und Milit\u00e4rs gewohnt ist, war diese Tatsache damals \u2013 und scheint es heute noch \u2013 irritierend. <\/span><span lang=\"de-DE\">Diese Literaten, zu denen Kurt Eisner, Ernst Toller, Gustav Landauer, Erich M\u00fchsam und andere z\u00e4hlen, h\u00e4tten die Revolution aber kaum herbeischreiben k\u00f6nnen. Stattdessen st\u00fctzen sie sich auf eine Basis von k\u00e4mpfenden Arbeiterinnen und Arbeitern, die diesen Intellektuellen genau deshalb vertrauen, weil sie sich in deren Schriften besser verstanden f\u00fchlten als in den Erlassen des besiegten Obrigkeitsstaates. Die R\u00e4terepublik war also keine Phantasie von Literaten, sondern Produkt der Selbstorganisation der Proletarisierten.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><span lang=\"de-DE\">These II: Frauen waren an wichtigen Stellen an der Revolution beteiligt, wurden dann aber zur\u00fcckgedr\u00e4ngt<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mehr noch als M\u00e4nner waren Frauen von den materiellen N\u00f6ten des Krieges betroffen. Zu den allgemeinen Gefahren kommt bei ihnen noch eine besondere Arbeitsbelastung hinzu: Erwerbslose Frauen und M\u00e4dchen, Hausfrauen und M\u00fctter sind an die \u201eArbeitsfront\u201c beordert worden. Das Verbot von Frauenarbeit im Bergbau war zwischenzeitlich aufgehoben worden. Besonders stark hat der Anteil von Arbeiterinnen in der R\u00fcstungsindustrie zugenommen. Die Munitionsarbeiterinnen drehen Patronenh\u00fclsen und fr\u00e4sen Gewinde f\u00fcr Granaten und Sprengminen. Ihr Lohn ist dabei im Durchschnitt um die H\u00e4lfte niedriger als derjenige ihrer Kollegen. Hinzu kommt freilich nach wie vor die Reproduktionsarbeit im Haushalt. Einige Frauen in den R\u00fcstungsbetrieben ver\u00fcben kleine Sabotageakte. Sie f\u00fcllen zu wenig Sprengstoff in die Granaten, sodass die Z\u00fcnder nicht heranreichen, sie machen die Z\u00fcnder unbrauchbar oder lassen aufr\u00fchrerische Flugbl\u00e4tter auf den Toiletten liegen (Gerstenberg 2018). Immer wieder finden in M\u00fcnchen Frauendemonstrationen f\u00fcr den Frieden statt, w\u00e4hrend des Januarstreiks waren sie ma\u00dfgeblich an der revolution\u00e4ren Agitation beteiligt.<\/span><\/p>\n<figure style=\"width: 256px\" class=\"wp-caption alignright\"><a title=\"Historical museum [CC BY-SA 4.0 (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0)]\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Photograph_of_Tony_Sender_4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/5\/5a\/Photograph_of_Tony_Sender_4.jpg\/256px-Photograph_of_Tony_Sender_4.jpg\" alt=\"Photograph of Tony Sender 4\" width=\"256\" height=\"381\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Toni Sender<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am 16. Dezember 1918 wird in M\u00fcnchen die str\u00f6mungs\u00fcbergreifende linke Frauenplattform \u201eBund sozialistischer Frauen\u201c (BSF) gegr\u00fcndet. Auf Initiative des BSF hin wird dem Ministerium f\u00fcr soziale F\u00fcrsorge am 11. Feburar 1919 ein eigenes Referat f\u00fcr Frauenrecht angegliedert. Es nimmt im Wittelsbacher Palais seine Arbeit auf. Der Bund schl\u00e4gt f\u00fcr die Leitung des Referates die parteilose Sozialistin Gertrude Baer vor. Unter ihr besch\u00e4ftigt sich das Referat haupts\u00e4chlich mit der Arbeitssituation von Frauen, die aufgrund der zahlreichen m\u00e4nnlichen Frontheimkehrer mit Massenentlassungen konfrontiert sind. Baer ger\u00e4t immer wieder in Konflikt mit ihrem Vorgesetzten, dem Sozialminister Unterleitner. Sie hat es nicht nur schwer weil sie eine Frau ist, sondern auch ihre Parteilosigkeit ist dem Sozialdemokraten ein Dorn im Auge. So wird das Referat bereits Anfang April 1919 wieder aufgel\u00f6st (Sternsdorf-Hauck 1989).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auf Druck der Frauen wird zun\u00e4chst das Gesinderecht aufgehoben, das Hausher_innen die Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber die komplette Lebensf\u00fchrung ihrer Hausangestellten zugesprochen hatte. Dem BSF gehen die neuen Regelungen jedoch noch nicht weit genug. Er problematisiert den Status der Dienstm\u00e4dchen und der weiblichen Hausarbeit grunds\u00e4tzlich. Heymann schreibt in einem Artikel, dass es generell unter der W\u00fcrde des Menschen sei, einen anderen bedienen zu m\u00fcssen. Sie fordert \u201eZentralhaushaltungen\u201c mit vielen Familienwohnungen, in denen Essen, Heizung, W\u00e4sche und so weiter gemeinsam geregelt werden. Auch Krippen, Kinderg\u00e4rten und Horte sollten an diese Haushalte angeschlossen sein. Die Arbeiten sollen weiter von Hausangestellten ausgef\u00fchrt werden, allerdings unter geregelter Arbeitszeit und gegen gute Bezahlung. Au\u00dferdem m\u00fcsse der h\u00f6chste Stand der Technik eingesetzt werden, wie zum Beispiel \u201eVacuummaschinen zum Reinigen der Wohnungen.\u201c Die Vorschl\u00e4ge zielen darauf ab, dass Hausangestellte sich fortan weigern sollen, in Einzelhaushalten zu dienen. Neben dem Nutzen f\u00fcr alle Beteiligten sei ein solches Modell auch \u00f6konomisch wesentlich vern\u00fcnftiger, da es immense Kosten einspare. \u201eDer kapitalistische Staat hat abgewirtschaftet\u201c, schlie\u00dft sie ihren Artikel. \u201eWir gehen mit Riesenschritten der Sozialisierung entgegen.\u201c (zit. n. Sternsdorf-Hauck 1989, S. 33)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Feministische Erfolge gibt es auch auf einem anderen Gebiet. Als Ma\u00dfnahme gegen konterrevolution\u00e4re Aktivit\u00e4ten wird in der R\u00e4terepublik ein Revolutionstribunal eingerichtet. Darin werden erstmals Frauen als Richterinnen zugelassen. Bisher durften diese zwar Jura studieren, nicht aber als Juristinnen arbeiten. Das bayerische Revolutionstribunal ist damit das erste deutsche Gericht, in dem Frauen als Richterinnen arbeiten. Dar\u00fcber hinaus beantragt die Referentin f\u00fcr Frauenrecht im Ministerium f\u00fcr soziale F\u00fcrsorge bei Delikten, die von Frauen begangen worden sind oder in denen Frauen als Kl\u00e4gerinnen auftreten, eine parit\u00e4tische Besetzung des Gerichts mit M\u00e4nnern und Frauen. W\u00e4hrend seiner gesamten T\u00e4tigkeit verh\u00e4ngt das Tribunal kein einziges Todesurteil und nur wenige Freiheitsstrafen, weshalb es als relativ harmlos gilt. Ein weiterer Erfolg der Frauen wird bereits unter Eisner erzielt: Erstmals in der Geschichte Deutschlands erhalten Frauen das Wahlrecht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aber auch die R\u00e4testrukturen selbst haben ein Problem mit m\u00e4nnlicher Dominanz. Auf der Frauenkonferenz der USPD h\u00e4lt die Frankfurter Revolution\u00e4rin Toni Sender eine Rede, die die Rolle von Frauen in der Revolution anschaulich beschreibt: \u201eIn den Arbeiterr\u00e4ten selbst fanden wir nur eine ganz sp\u00e4rliche Anzahl weiblicher Vertreter, die in gar keinem Verh\u00e4ltnis stand zu der Anzahl der erwerbst\u00e4tigen Frauen. Aber gar erst in den Vollzugsaussch\u00fcssen: Dort war nur in den allerseltensten F\u00e4llen eine weibliche Delegierte aufzufinden.\u201c Eine solche patriarchale Struktur der R\u00e4te widerspreche jedoch ihrem demokratischen Grundgedanken. So wirft sie ihren ebenfalls anwesenden m\u00e4nnlichen Genossen vor: \u201eDie R\u00e4te k\u00f6nnen nur dann Ausdruck des Massenwillens werden, was sie ja sein sollen, wenn das Recht der Mitwirkung und Mitbestimmung nicht f\u00fcr eine ganze H\u00e4lfte des Proletariats toter Buchstabe bleibt. Als Sozialisten verlangen wir ja grunds\u00e4tzlich das Recht der sozialen und menschlichen Gleichberechtigung, \u00fcber das Recht politischer Gleichberechtigung hinaus. Wie wollten wir das verkennen, dass die Frauen am besten selbst die Sachverwalter ihrer eigenen Interessen sein werden.\u201c Deshalb, erkl\u00e4rt Sender, m\u00fcsse es eigene Frauenr\u00e4te geben (Sender 1920).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auch auf einer Sitzung des Gesamtr\u00e4tekongresses in M\u00fcnchen fordert der BSF die Errichtung eigener Frauenr\u00e4te. Der Antrag wird aber nur von den Linksradikalen unterst\u00fctzt, so dass es zu keiner formalen Repr\u00e4sentation der Frauen kommt. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dar\u00fcber hinaus gibt es in der vierten Phase der Revolution einen regelrechten antifeministischen Backlash unter den Linken. W\u00e4hrend vorher Frauen an f\u00fchrenden Stellen in den revolution\u00e4ren Organisationen vertreten waren, werden sie nun wieder zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. So setzt Eugen Levin\u00e9 in der M\u00fcnchner KPD durch, dass Frauen keine Parteiverlautbarungen mehr unterzeichnen d\u00fcrfen und aus F\u00fchrungsposten entfernt werden (Schaupp 2017). Zusammenfassend kann festgehalten werden: Frauen waren, insbesondere in der Fr\u00fchphase, f\u00fchrend an der Revolution beteiligt und wurden sp\u00e4ter gezielt zur\u00fcckgedr\u00e4ngt.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><span lang=\"de-DE\">These III: Die R\u00e4terepublik war nicht auf M\u00fcnchen beschr\u00e4nkt, sondern erstreckte sich \u00fcber ganz Bayern<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">F\u00fcr die bayerische Revolution hat sich Gro\u00dfteils der Name \u201eM\u00fcnchner R\u00e4terepublik\u201c eingeb\u00fcrgert. Dadurch wird der Eindruck vermittelt, die Revolution habe nur in M\u00fcnchen stattgefunden. Tats\u00e4chlich war M\u00fcnchen unbestreitbar das Zentrum der revolution\u00e4ren Aktivit\u00e4ten, aber die R\u00e4terepublik erstreckte sich de facto \u00fcber ganz Bayern. Es gab R\u00e4testrukturen bis in die kleinsten Provinzd\u00f6rfer. Orte wie Bad Aibling, Kolbermoor oder Urfeld waren revolution\u00e4re Hochburgen. Insgesamt l\u00e4sst sich festhalten, dass die R\u00e4tebewegung vor allem an denjenigen Orten stark ist, in denen Arbeiter_innen in Industriebetrieben massenhaft zusammenarbeiten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bereits am ersten Tag nach dem Sturz der Monarchie erkl\u00e4ren nicht nur alle bayerischen Gro\u00dfst\u00e4dte ihre Unterst\u00fctzung des sozialistischen \u201eVolksstaats\u201c. <\/span><span lang=\"de-DE\">Auch aus 32 kleineren St\u00e4dten treffen begeisterte Telegramme ein. In den folgenden Tagen wird sich die R\u00e4tebewegung in allen Regierungsbezirken noch bis in die kleinsten Ortschaften ausbreiten \u2013 und zwar ohne \u00e4u\u00dferes Eingreifen, sondern durch spontane revolution\u00e4re Aktionen der Arbeiter_innen, sowie lokalen sozialistischen Parteien und Gruppen. In kaum einer dieser Ortschaften werden dabei die M\u00fcnchner Deklarationen einfach kopiert. Die lokalen Machtverh\u00e4ltnisse werden auf je eigene Weise gegen die Widerst\u00e4nde der \u00f6rtlichen Eliten ge\u00e4ndert. Die bis zu diesen Tagen so gut wie gar nicht politisch repr\u00e4sentierten proletarisierten Massen halten pl\u00f6tzlich die Macht in den H\u00e4nden. Allerdings bleiben die kommunalen Verwaltungsapparate unter Eisner weitgehend unangetastet und die monarchistischen Beamten walten weiter ihres Amtes (Seligmann 1998). <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Sp\u00e4ter ist es die Nachricht von der Ermordung Eisners, die in ganz Bayern eine Art zweite Revolution ausl\u00f6st. In unterfr\u00e4nkischen W\u00fcrzburg besetzt der Soldatenrat das Rathaus und ruft die R\u00e4teregierung aus. <\/span><span lang=\"de-DE\">In Rosenheim wird die rote Fahne auf dem Rathaus gehisst und von einer mehrere tausend Menschen umfassenden Menge der R\u00fccktritt des B\u00fcrgermeisters erzwungen. Das Rathaus wird von zweihundert Mann Republikanischer Schutztruppe besetzt. Im oberbayerischen Ingolstadt \u00fcbernimmt der Arbeiter- und Bauernrat die Kontrolle \u00fcber die Verwaltung. In Schweinfurt werden Post- und Telegrafenamt durch Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrats. Im oberpf\u00e4lzischen Leonberg zieht die Trauerdemonstration zum Schloss des verhassten Grafen von der M\u00fchle-Eckhart. Sein Schloss wird vollst\u00e4ndig gepl\u00fcndert und verw\u00fcstet. Der dazugeh\u00f6rige Park wird enteignet und f\u00fcr die Bebauung mit kostenlosen Wohnungen f\u00fcr Arbeitslose vorgesehen. Die Polizei wird vollst\u00e4ndig entwaffnet. Im schw\u00e4bischen Augsburg verw\u00fcstet noch am Tag des Mords eine w\u00fctende Menge die Redaktionen der b\u00fcrgerlichen Zeitungen, das Bischofspalais und das Justizgeb\u00e4ude. Au\u00dferdem st\u00fcrmen die aufgebrachten Arbeiter_innen das Gef\u00e4ngnis und befreien alle Gefangenen. Der lokale Arbeiter- und Soldatenrat besetzt alle \u00f6ffentlichen Geb\u00e4ude und stellt die b\u00fcrgerlichen Zeitungen unter Zensur (Seligmann 1998).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die letztendliche Ausrufung der R\u00e4terepublik geschieht nicht etwa auf Initiative M\u00fcnchens, sondern vor allem auf Druck der Industriearbeiterschaft in N\u00fcrnberg und Augsburg. Letztere droht an, in den Generalstreik zu treten, bis die R\u00e4terepublik ausgerufen sei. Zuvor hatten vor allem die Vereinigungen der Arbeitslosen diese Forderung in t\u00e4glichen Demonstrationen zum Ausdruck gebracht. Nun schlie\u00dfen sich viele Arbeiter_innen- und Soldatenr\u00e4ten an. <\/span><span lang=\"de-DE\">Besonders wichtig f\u00fcr die Ausbreitung der R\u00e4terepublik in der Provinz ist die Rolle der Bauernschaft. Diese war \u00fcber die gesamte Zeit der Revolution durch den Bayerischen Bauernbund (BBB) in den verschiedenen Regierungen vertreten. Als am 4. April 1919 \u00fcber die Ausrufung der R\u00e4terepublik beraten wird, erkl\u00e4rt der Vertreter des BBB, dass die Bauernschaft einer R\u00e4terepublik nur dann zustimmen werde, wenn b\u00e4uerlicher Grundbesitz vorerst nicht sozialisiert werden w\u00fcrde. Da die Teilnahme der Bauernschaft f\u00fcr alle Anwesenden zwingende Voraussetzung ist, sieht sich die Versammlung gezwungen, die Forderungen der Bauern anzunehmen. W\u00e4hrend der R\u00e4terepublik selbst stellt die Bauernschaft die Revolution\u00e4r_innen immer wieder vor Probleme. <\/span><span lang=\"de-DE\">Viele Bauern haben Angst, dass die Kommunist_innen ihnen ihre H\u00f6fe wegnehmen wollen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Durch die Kontrolle \u00fcber die Nahrungsmittel stellen die Bauern eine ernstzunehmende politische Macht dar, zudem ist nur eine Minderheit von ihnen revolution\u00e4r eingestellt. So werden in der vierten Phase der Revolution \u00fcber M\u00fcnchen von einem Flugzeug aus Flugbl\u00e4tter der sozialdemokratischen Gegenregierung abgeworfen. Diese verk\u00fcnden, dass die Bauernschaft von Franken, der Oberpfalz und dem Ries eine Lebensmittelsblockade gegen M\u00fcnchen verh\u00e4ngt haben. Der Vorsitzende der M\u00fcnchner KPD, Eugen Levin\u00e9, fordert, dass dieses Problem nach dem russischen Vorbild gel\u00f6st werden m\u00fcsse und Strafexpeditionen die Bauern dazu zwingen sollen, wieder Lebensmittel zu liefern. Tats\u00e4chlich wird von diesem Vorgehen aber wieder Abstand genommen. So herrscht im revolution\u00e4ren M\u00fcnchen bald eine Hungersnot (Schaupp 2017). <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im M\u00fcnchner R\u00e4tekongress wird die r\u00e4tedemokratische Repr\u00e4sentation der Provinz immer wieder diskutiert. Einerseits sieht man sich aufgrund der angespannten Lage, die immer schneller auf einen B\u00fcrgerkrieg zusteuert, dazu gezwungen, im Zweifelsfall schnelle Entscheidungen zu treffen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Andererseits mahnen die R\u00e4te aus der Provinz immer wieder ihr Mitbestimmungsrecht an. Meist wird dann versucht, einen Kompromiss zwischen Agilit\u00e4t und Inklusivit\u00e4t zu finden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Auch nach der Niederschlagung der R\u00e4tebewegung in M\u00fcnchen wird die Rolle der Provinzst\u00e4dte noch einmal deutlich: Die Reste der Roten Armee ziehen sich ins s\u00fcd\u00f6stlich der Landeshauptstadt gelegene Rosenheim und nach Kolbermoor zur\u00fcck, wo es jeweils eine starke revolution\u00e4re Basis gibt. Dort k\u00e4mpfen sie noch mehrere Tage weiter. Insgesamt l\u00e4sst sich also festhalten: Die R\u00e4terepublik war nicht auf M\u00fcnchen beschr\u00e4nkt, sondern erstreckte sich \u00fcber ganz Bayern.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><span lang=\"de-DE\">These IV: Mit der Gegenrevolution\u00e4ren Koalition erweckte die Sozialdemokratie eine bereits besiegte Rechte wieder zum Leben<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zentraler Gegner der Revolution war in allen f\u00fcnf Phasen die F\u00fchrung der Sozialdemokratie. (2) Die politische Rechte hat zu dieser Zeit ihre Macht fast vollst\u00e4ndig eingeb\u00fc\u00dft. Ihre zentrale Organisation war im monarchistischen Deutschland das preu\u00dfische Milit\u00e4r. Das aber hat nach der deutschen Niederlage im Weltkrieg nicht nur seine materielle Macht verloren, sondern auch sein Ansehen in der Bev\u00f6lkerung fast vollst\u00e4ndig verspielt. Die SPD-Spitze um Erhard Auer sieht jedoch nach dem Sturz der Monarchie in den \u00dcberbleibseln des monarchistischen Verwaltungsapparats seinen zentralen Verb\u00fcndeten f\u00fcr sein Anliegen, Bayern in parlamentarische Bahnen zu lenken und die R\u00e4tedemokratie auszuhebeln. Die Tatsache, dass Eisner nichts daf\u00fcr tut, die monarchistischen Beamten aus ihren Positionen zu ersetzen, gibt Auer dabei den entscheidenden Vorteil. So schickt das Innenministerium beispielsweise Antworten auf Anfragen und Beschwerden der lokalen R\u00e4te in der Provinz nie an die anfragenden R\u00e4te selbst zur\u00fcck, sondern auf dem herk\u00f6mmlichen Verwaltungsweg an die jeweiligen Magistrate. <\/span><\/p>\n<figure style=\"width: 267px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a title=\"Fer1997 [CC BY-SA 3.0 (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0) oder GFDL (http:\/\/www.gnu.org\/copyleft\/fdl.html)], von Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:SPD_logo_1969.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/b7\/SPD_logo_1969.png\" alt=\"SPD logo 1969\" width=\"267\" height=\"161\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Damals wie heute zwischen Reaktion und Elend: Die&#8230; ihr wisst schon.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Von Anfang an bereitet Auer aber auch schon die gewaltsame Niederschlagung der R\u00e4tebewegung vor. Zu diesem Zweck gr\u00fcndet er Weihnachten 1918 gemeinsam mit monarchistischen Milit\u00e4rs und Vertretern des M\u00fcnchner B\u00fcrgertums eine B\u00fcrgerwehr. Beteiligt sind auch die M\u00fcnchner Sektion des Deutschen Alpenvereins, sowie der Turnerverein und verschiedene Studentenverbindungen. Erzbischof Faulhaber will die B\u00fcrgerwehr zu gegebener Zeit durch das L\u00e4uten der M\u00fcnchner Kirchenglocken zum Kampf zu rufen lassen. Auer erkl\u00e4rt, dass er als Innenminister die Polizei unter Kontrolle habe und sogar die Polizeireviere zu Waffendepots f\u00fcr die B\u00fcrgerwehr umfunktionieren k\u00f6nne. Es wird ein detaillierter Plan zur Besetzung wichtiger \u00f6ffentlicher Geb\u00e4ude vorbereitet. Die SPD-Anf\u00fchrer Auer und Buttmann scheuen sich nicht einmal davor, den Aufruf zur Bildung einer gegenrevolution\u00e4ren B\u00fcrgerwehr eigenh\u00e4ndig zu unterzeichnen und \u00fcberall in M\u00fcnchen plakatieren zu lassen. Sp\u00e4ter zwingt Eisner die beiden Sozialdemokraten zwar dazu, ihre Unterschriften zu widerrufen, die B\u00fcrgerwehr arbeitet aber im Geheimen weiter. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auch vor einer Zusammenarbeit mit der pr\u00e4faschistischen Thule-Gesellschaft schreckt die SPD-F\u00fchrung nicht zur\u00fcck. Dabei handelt es sich um einen vor allem antisemitisch motivierten Geheimbund um den Esoteriker Rudolf Glauer. Dieser gr\u00fcndet sich zum Kampf gegen den Linksruck in Bayern, f\u00fcr den sie eine j\u00fcdische Verschw\u00f6rung verantwortlich machen. Zun\u00e4chst beschr\u00e4nkt sie sich auf antisemitische Propaganda, dann gr\u00fcndet sie den \u201eKampfbund Thule\u201c als milit\u00e4rischen Arm ihrer Geheimgesellschaft. Sp\u00e4ter wird aus dieser Terrorgruppe das Freikorps Oberland hervorgehen, das sich der Bek\u00e4mpfung von Revolution\u00e4r_innen in ganz Deutschland verschreibt. Ihr erstes Ziel ist die Entf\u00fchrung Kurt Eisners und die Installation von Erhard Auer als Ministerpr\u00e4sident. Bei einer Rede Eisners in Bad Aibling unternehmen sie den entsprechenden Versuch. Es ist jedoch eine gro\u00dfe Zahl linker Arbeiter aus dem nahen Kolbermoor anwesend, die Eisner sch\u00fctzen. So misslingt die erste Gewaltaktion (Gilbhard 2015). <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Sp\u00e4ter f\u00fchrt das ehemalige Thule-Mitglied Anton von Arco Valley ein Attentat auf Eisner aus. Arco Valley wurde zuvor aus der Thule-Gesellschaft ausgeschlossen, nachdem man dort herausgefunden hatte, dass seine Gro\u00dfmutter J\u00fcdin ist. Um seine antisemitische Gesinnung zu beweisen, erschie\u00dft Arco Valley den Ministerpr\u00e4sidenten. Zu diesem Zeitpunkt ist die Spaltung zwischen Sozialdemokratie und Linken bereits so weit fortgeschritten, dass letztere davon sofort davon ausgehen, dass hinter der Ermordung Eisners nur Auer stecken k\u00f6nne. Ein Linker st\u00fcrmt in den Landtag und er\u00f6ffnet das Feuer. Auer wird schwer verwundet. Seinen Platz nimmt der nicht minder gegenrevolution\u00e4r gesinnte Johannes Hoffmann ein. W\u00e4hrend dieser einerseits mit den Vertretern des R\u00e4tekongresses \u00fcber eine neue sozialistische Regierung verhandelt, leitet er gleichzeitig die Bildung einer b\u00fcrgerlichen Gegenregierung mit den bereits ausgeschalteten rechten Parteien BVP und DDP ein. Nach der Ausrufung der R\u00e4terepublik bildet er mit diesen in Bamberg eine Gegenregierung, deren prim\u00e4res Ziel der Sturz der R\u00e4te ist. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zun\u00e4chst reaktiviert Hoffmann die Pl\u00e4ne eines Putsches in M\u00fcnchen. Auch hier koordiniert sich die Sozialdemokratie mit der Thule-Gesellschaft, die versucht, die R\u00e4te zu infiltrieren und Informationen zu beschaffen. Der Putsch scheitert jedoch an einem Koordinierungsfehler. Eigentlich h\u00e4tte gleichzeitig mit dem Losschlagen der Putschisten in M\u00fcnchen gegenrevolution\u00e4re Truppen von Ingolstadt aus auf die Landeshauptstadt vorsto\u00dfen sollen. Diese Truppen werden dann aber nie in Bewegung gesetzt (Schaupp 2017). <\/span><span lang=\"de-DE\">Daraufhin fragt Hoffmann beim Reichsmilit\u00e4rminister, seinem Parteigenossen Noske, um Entsendung der Reichswehr an. Da die Reichswehr weitgehend demobilisiert wurde und die verbleibenden Soldaten zu gro\u00dfen Teilen Revolution\u00e4re sind, verb\u00fcndet sich die Sozialdemokratie f\u00fcr ihre Konterrevolution zudem mit den rechtsextremen Paramilit\u00e4rs der Freikorps. Der wichtigste Freikorpsverband ist dabei der \u201eGrenzschutz Ost\u201c. <\/span><span lang=\"de-DE\">Der Kommandant des Verbandes ist Oberst Franz Xafer von Epp, der bereits als Kolonialsoldat in China an der Niederschlagung des Boxeraufstandes und in Deutsch-S\u00fcdwestafrika am Genozid an den Nama und Herero teilgenommen hat. <\/span><span lang=\"de-DE\">Nun zieht er auf dem Truppen\u00fcbungsplatz Ohrdruf in Th\u00fcringen mit der Unterst\u00fctzung des sozialdemokratischen Milit\u00e4rministers immer mehr reaktion\u00e4re Milizion\u00e4re zusammen. Er findet seine Rekruten vor allem unter den Bauern und Studenten (Seligmann 1998).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Finanziert werden die Freikorps vor allem mittels Spenden aus dem B\u00fcrgertum. So wird es m\u00f6glich, dass der Sold bei den reaktion\u00e4ren Truppen doppelt so hoch ist wie bei der Roten Armee, was schlussendlich f\u00fcr viele hungernde M\u00e4nner den Ausschlag gibt, sich ihnen anzuschlie\u00dfen. F\u00fcr jeden \u201eBereitschaftstag\u201c wird au\u00dferdem eine zus\u00e4tzliche Pr\u00e4mie von f\u00fcnf Mark gezahlt, f\u00fcr jeden \u201eKampftag\u201c zehn Mark. Au\u00dferdem gibt es Pr\u00e4mien f\u00fcr jeden Gefangenen. Dieses Provisionssystem tr\u00e4gt mit zur Brutalit\u00e4t der wei\u00dfen Truppen bei. Um gefahrlos zu \u201eKampftagen\u201c zu kommen, beschie\u00dfen sie immer wieder unbewaffnete Arbeiter_innen oder nehmen wahllos Gefangene. Trotzdem halten die Gener\u00e4le die meisten ihrer Truppen f\u00fcr unzuverl\u00e4ssig, da es immer wieder zu Desertionen kommt. Ein geheimer Befehl ordnet deshalb strenge Kasernierung und h\u00e4ufiges Quartierwechseln in den besetzten St\u00e4dten an, um die \u201ezersetzende Wirkung des Verkehrs mit der Arbeiterbev\u00f6lkerung\u201c zu vermeiden (Wollenberg 1929, S. 95). <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">So kommt es w\u00e4hrend des Vorr\u00fcckens der Reichswehr und Freikorps immer wieder zu Massakern an der Zivilbev\u00f6lkerung. Dies wird durch die Regierung Hoffmann dadurch \u201alegalisiert\u2018, dass den gegenrevolution\u00e4ren Truppen befohlen wird, Revolution\u00e4r_innen an Ort und Stelle zu erschie\u00dfen. <\/span><span lang=\"de-DE\">In einem Offiziers-Handbuch zur Bek\u00e4mpfung von \u201eSpartakisten\u201c hei\u00dft es zudem: \u201eDie Gruppen haben ihre Auftr\u00e4ge mit Gewalt durchzuf\u00fchren, jedes Verhandeln mit dem Feinde oder mit der Bev\u00f6lkerung ist verboten. Milde wird als Schlappheit, Gutm\u00fctigkeit als Unzuverl\u00e4ssigkeit der Truppen gedeutet.\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Deshalb m\u00fcsse den Truppen auch, wann immer m\u00f6glich, der Einsatz von schwerem Kriegsger\u00e4t wie Flammenwerfern erlaubt werden. Am Ende wird zusammengefasst: \u201eJe sch\u00e4rfer die Mittel desto schneller der Erfolg.\u201c Nach der Niederschlagung der R\u00e4terepublik und \u00fcber tausend Toten res\u00fcmiert ein Kommandeur, diese Richtlinien h\u00e4tten sich \u201evoll bew\u00e4hrt.\u201c (zit. n. Jones 2017, S. 311) Die B\u00fcrgerschaft zeigt sich den gegenrevolution\u00e4ren Truppen dankbar: ganze 690.000 Mark werden gesammelt und sollen unter den Soldaten verteilt werden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Zusammenfassend l\u00e4sst sich also festhalten: Die Rechte war mit der Niederlage des Deutschen Reichs im Weltkrieg weitgehend besiegt, wurde aber von der Sozialdemokratie im gegenrevolution\u00e4ren B\u00fcndnis wieder in den Sattel gehoben.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">These V: Die Niederschlagung der R\u00e4terepublik war die Geburtsstunde des Nationalsozialismus<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mit den Freikorps und der Thule-Gesellschaft hat die SPD Kr\u00e4ften zur Auferstehung verholfen, die eigentlich bereits besiegt schienen. Im Falle der Thule-Gesellschaft geht die politische Ausrichtung jedoch weit \u00fcber das hinaus, was vor dem Ersten Weltkrieg im Deutschen Reich an rechter Ideologie kursierte. Ziel der Gesellschaft ist es, der \u201ej\u00fcdischen Weltverschw\u00f6rung\u201c mit eigenen konspirativen Mitteln das Handwerk zu legen. Zu diesem Zweck wollen die Geheimb\u00fcndler eine nationale Diktatur errichten, unter der schlie\u00dflich alle Juden aus dem Deutschen Reich vertrieben werden sollen \u2013 ein Vorhaben, das in der bayerischen Bev\u00f6lkerung einigen Anklang findet. Passend dazu bestimmt der Bund die folgenden Wahlspr\u00fcche: \u201eHalte dein Blut rein\u201c und \u201eBedenke, da\u00df du ein Deutscher bist\u201c. Als Erkennungszeichen verordnet Rudolf Glauer das von einem Strahlenkranz eingefasste Hakenkreuz und das blanke Schwert. Der Gru\u00df der Mitglieder bei ihren Treffen soll \u201eHeil und Sieg\u201c lauten. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zun\u00e4chst macht sich die Thule-Gesellschaft antisemitische Propaganda zu ihrer zentralen Aufgabe. Zu diesem Zweck kauft Glauer mit dem Verm\u00f6gen seiner Frau die Zeitung M\u00fcnchner Beobachter. Unter seiner Chefredaktion wird das Boulevardblatt zum Zentralorgan der Thule-Gesellschaft, in dem diese gegen Juden und Revolution\u00e4re hetzt. Von den Beh\u00f6rden des jungen \u201eVolksstaats\u201c bleiben sie in ihren Umtrieben zun\u00e4chst ungest\u00f6rt. Als f\u00fcr den 12. Januar 1919 Landtagswahlen festgesetzt werden, sehen die Reaktion\u00e4re ihre Chance wieder die politische Oberhand zu gewinnen. So beauftragt der Thule-F\u00fchrer Glauer den Sportredakteur des M\u00fcnchner Beobachters, Karl Harrer, sich in einem obskuren \u201eFreien Arbeiterausschuss\u201c zu engagieren, aus dem dann unter Harrers Vorsitz die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) entsteht. Wenig \u00fcberraschend sind ihre politischen Eckpfeiler, der v\u00f6lkische Nationalismus und der Antisemitismus (Gilbhard 2015).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Als am 26. April 1919 das Versteck der Thule-Gesellschaft im Hotel Vier Jahreszeiten auffliegt, wird unter anderem Rudolf Glauer verhaftet. Im Hotel sind Dokumente und Ausweise der R\u00e4teregierung gef\u00e4lscht worden. Mehrere Thule-Agenten haben die kommunistische Partei und die Rote Armee infiltriert und bespitzelt. Die Erkenntnisse wurden direkt an die Gegenregierung in Bamberg weitergeleitet. Au\u00dferdem sind systematisch K\u00e4mpfer f\u00fcr die Freikorps rekrutiert worden. Einer der Verhafteten gibt an, Thule habe allein aus M\u00fcnchen 400 bis 500 rechte K\u00e4mpfer mobilisiert und mit gef\u00e4lschten Papieren nach Bamberg geschmuggelt. Nun werden Thule-Mitglieder und Spitzel im M\u00fcnchner Luitpoldgymnasium eingesperrt und sollen vor das Revolutionstribunal gestellt werden. Damit ist es in M\u00fcnchen zur ersten aktiven Auseinandersetzung der revolution\u00e4ren Arbeiterbewegung mit dem entstehenden Faschismus gekommen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/QPY2Pi5hn_o\" width=\"100%\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><span data-mce-type=\"bookmark\" style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/iframe><\/p>\n<p align=\"justify\">Mehrteilige 3sat-Serie zu den revolution\u00e4ren Vorg\u00e4ngen 1918\/19 &#8211; Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=QPY2Pi5hn_o\">Youtube<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Als am 30. April 1919 Reichswehr und Freikorps auf M\u00fcnchen vormarschieren und immer wieder Nachrichten von Massakern in der Stadt kursieren, entschlie\u00dfen sich die Rotgardisten in der Luitpoldkaserne, zehn dort festgehaltene Gefangene zu erschie\u00dfen. Die meisten von ihnen geh\u00f6ren zu den festgesetzten Thule-Mitgliedern. Sp\u00e4ter wird diese einzige belegte Hinrichtung der R\u00e4terepublik als \u201eGeiselmord\u201c firmieren. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Gegenregierung l\u00e4sst verk\u00fcnden, man habe die Leichen verst\u00fcmmelt aufgefunden und die abgeschnittenen Geschlechtsteile in M\u00fclleimern entdeckt. Als zwei Tage sp\u00e4ter herauskommt, dass es sich um eine L\u00fcge handelt, hat die Nachricht bereits ihre Wirkung getan. Besonders die Freikorps, die sich der Thule-Gesellschaft verbunden f\u00fchlen, werden in ihrem Hass noch weiter angestachelt. Vermutlich auch um ihre Verbindung zu Thule zu demonstrieren, marschieren viele Freikorps in M\u00fcnchen mit Hakenkreuzen auf ihren Stahlhelmen ein (Jones 2017). Am 4. August 1919 wird unter dem Namen Thule-Gesellschaft zur Erforschung deutscher Geschichte und F\u00f6rderung deutscher Art e.V. die Geheimorganisation der rechtsextremen Konterrevolution\u00e4re ins M\u00fcnchner Vereinsregister eingetragen. Fortan kann sie offiziell und legal ihrer reaktion\u00e4ren Hetze nachgehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am 1. Dezember 1919 wird das Kriegsrecht \u00fcber M\u00fcnchen aufgehoben, aber Bayern bleibt zun\u00e4chst von einer reaktion\u00e4ren Milit\u00e4rjunta beherrscht. Ein gro\u00dfer Teil der Freikorps wird in die Reichswehr \u00fcbernommen. So auch das Freikorps Epp, das bei der Niederschlagung der R\u00e4terepublik am blutigsten vorgegangen ist und eine Vielzahl von Zivilisten und Gefangenen wie Gustav Landauer ermordet hat. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wenig sp\u00e4ter bekommt das Freikorps erneut die Chance, gegen die verhassten Kommunisten vorzugehen, als es in der M\u00e4rzrevolution 1920 gegen die Rote Ruhrarmee eingesetzt wird. <\/span><span lang=\"de-DE\">Als in Bayern der Aufstieg des Nationalsozialismus beginnt, r\u00fchmen sich Franz Xafer von Epp und seine Offiziere R\u00f6hm, He\u00df, Dietl, Frank und Strasser, dass das Freikorps Epp eine der \u201eGeburtszellen der Bewegung\u201c gewesen sei. Andere Freikorpseinheiten bilden sogenannte Wehrverb\u00e4nde oder sie kommen bei paramilit\u00e4rischen Verb\u00e4nden wie dem Stahlhelm oder der SA unter. Ehemalige Angeh\u00f6rige von Freikorps bet\u00e4tigen sich zudem in \u201eEinwohnerwehren\u201c und machen mit politischen Morden \u2013 unter anderem an Finanzminister Erzberger und Reichsau\u00dfenminister Rathenau \u2013 von sich reden (Schaupp 2017). <\/span><span lang=\"de-DE\">Diejenigen Freikorpsverb\u00e4nde, die tats\u00e4chlich aufgel\u00f6st werden, sehen sich von Arbeitslosigkeit bedroht und in ihrem militaristischen Stolz gekr\u00e4nkt. Unter anderem deshalb kommt es im M\u00e4rz 1920 zum Kapp-Putsch, der aber nach f\u00fcnf Tagen angesichts des erfolgreichen Generalstreiks der Arbeiter_innen wieder zusammenbricht. <\/span><span lang=\"de-DE\">Im Nachklang dessen sorgt das Freikorps Epp gemeinsam mit der rechtsextremen Einwohnerwehr Georg Escherich und dem M\u00fcnchner Polizeichef in Bayern f\u00fcr den Sturz der Sozialdemokratischen Regierung unter Johannes Hoffmann. Neuer Ministerpr\u00e4sident wird der rechte Monarchist Gustav von Kahr. Dieser schlie\u00dft alle Sozialdemokraten aus der Regierung aus, startet eine Kampagne zur Ausweisung sogenannter \u201eOstjuden\u201c und weitet die Repressionen gegen Linke aus. So will er aus Bayern eine \u201eOrdnungszelle des Deutschen Reiches\u201c machen. Zur selben Zeit \u00fcberf\u00fchrt Adolf Hitler die von der Thule-Gesellschaft ins Leben gerufene DAP in die NSDAP. Aus der Thule-Zeitung <\/span><span lang=\"de-DE\">M\u00fcnchner Beobachter<\/span><span lang=\"de-DE\"> wird der <\/span><span lang=\"de-DE\">V\u00f6lkische Beobachter<\/span><span lang=\"de-DE\">, das Zentralorgan der Nazis. Zusammenfassend kann also festgestellt werden: Die Niederschlagung der R\u00e4tebewegung war die Geburtsstunde des deutschen Faschismus.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Simon Schaupp<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Fr\u00fchjahr 2019 j\u00e4hrt sich die bayerische R\u00e4terepublik zum hundertsten Mal. Im Zuge dessen kommt es zu einigen neuen Publikationen zu diesem Thema, die durch eine interessante \u00dcbereinstimmung auffallen. In mehreren dieser B\u00fccher wird das Bild von der R\u00e4terepublik als Phantasieprodukt einer Handvoll spleeniger Literaten verbreitet. Bereits die Titel der entsprechenden Werke sprechen dabei B\u00e4nde. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/12\/100-jahre-raeterepublik\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":19101,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"100 Jahre R\u00e4terepublik - graswurzelrevolution","description":"Im Fr\u00fchjahr 2019 j\u00e4hrt sich die bayerische R\u00e4terepublik zum hundertsten Mal. 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