{"id":18993,"date":"2018-12-20T14:50:56","date_gmt":"2018-12-20T12:50:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=18993"},"modified":"2022-07-26T13:30:51","modified_gmt":"2022-07-26T11:30:51","slug":"die-uniform-in-die-jauchegrube-geworfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/12\/die-uniform-in-die-jauchegrube-geworfen\/","title":{"rendered":"\u201eDie Uniform in die Jauchegrube geworfen\u201c"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_19119\" aria-describedby=\"caption-attachment-19119\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_8754.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-19119\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_8754-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"565\" height=\"317\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_8754-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_8754-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_8754-600x338.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_8754-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_8754.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 565px) 100vw, 565px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19119\" class=\"wp-caption-text\">Rainer Schepper im Gespr\u00e4ch mit GWR-Redakteur Bernd Dr\u00fccke &#8211; Foto: Lothar Hill (M\u00fcnsterTube)<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>Bernd Dr\u00fccke: Ich finde es toll, dass Du bereit bist, uns Deine Geschichte zu erz\u00e4hlen. <\/strong><\/span><strong><span lang=\"de-DE\">Anfangen m\u00f6chte ich aber nicht mit einer Frage zum Zweiten Weltkrieg, sondern zum Ersten. Du hast viele B\u00fccher publiziert. (4) Das Buch \u201eErinnerungen aus zwei Weltkriegen\u201c (5) hast Du 2015 herausgegebenen. In dem Kapitel \u201eKriegserinnerungen 1914-18 der Rote-Kreuz-Schwester Tine Schulte-Lippern\u201c geht es um die Erlebnisse Deiner Tante. Es handelt sich dabei um das Tagebuch, das sie als Krankenschwester an der Front geschrieben hat. Das Ende des Ersten Weltkrieges hat sich gerade [im November 2018] zum einhundertsten Mal gej\u00e4hrt. In diesem Krieg wurden \u00fcber 17 Millionen Menschen get\u00f6tet und \u00fcber 20 Millionen verletzt. Der Schrecken dieses Massenmordens ist trotzdem kaum ein Thema in der \u00d6ffentlichkeit, sondern weitgehend in den Geschichtsb\u00fcchern verschwunden. Was war das Res\u00fcmee Deiner Tante? Warum hast Du dieses Buch herausgegeben?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Erstens, weil es eine Dokumentation der gesamten Zeit des Ersten Weltkriegs ist. Meine Tante Christine Schulte-Lippern, kurz: Tine, hat w\u00e4hrend des ganzen Krieges als Krankenschwester des Roten Kreuzes gearbeitet, an der Front in Frankreich. Dieser Bericht ist einzigartig, jedenfalls auch individuell. Sie ist mit gro\u00dfer Begeisterung in den Krieg 1914 hinein gegangen, hell begeistert f\u00fcrs Vaterland, und sie hat lange noch auch an den Sieg geglaubt. Nachher kam die gro\u00dfe Entt\u00e4uschung, die Resignation, und damit endet auch dieses Tagebuch. Dazu gibt es Fotografien aus der damaligen Zeit, die auch interessant sind. Ich habe das Buch im Elsinor und Longinius Verlag herausgegeben, kombiniert mit meinen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg als Wehrmachtsdeserteur. Ich halte das f\u00fcr eine naheliegende Gegen\u00fcberstellung: hier die damalige heilige Vaterlandsbegeisterung und der Patriotismus und nachher die gro\u00dfe, nochmalige Entt\u00e4uschung w\u00e4hrend der Hitler-Zeit mit alldem, was sich da ereignete.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Du wurdest am 23. M\u00e4rz 1927 in M\u00fcnster geboren und bist aufgewachsen in einer katholischen Familie. Mittlerweile bist Du 91 Jahre alt, aber geistig immer noch sehr fit\u2026<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: \u2026 wird behauptet\u2026<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: \u2026 \u201ewird behauptet\u201c. Das ist auch so, das kann ich best\u00e4tigen. Du hast in Deinem \u201eLebensreport\u201c, der 2016 herausgekommen ist, beschrieben, wie Du die Nazizeit in M\u00fcnster, zun\u00e4chst als Kind, erlebt hast. Zum Beispiel als Elfj\u00e4hriger am 9. November 1938 die Reichspogromnacht, da sind in der Nacht \u00fcber 1.400 j\u00fcdische Gottesh\u00e4user im gesamten Reichsgebiet angez\u00fcndet und zerst\u00f6rt wurden. Allein im heutigen Nordrhein-Westfalen wurden dabei mindestens 127 Menschen get\u00f6tet. Die tats\u00e4chlichen Zahlen sind immer noch nicht gekl\u00e4rt. Die Nazis haben die Zahl der reichsweiten Todesopfer des von ihnen als \u201eReichskristallnacht\u201c gefeierten Pogroms mit 97 angegeben. Die Bundesrepublik hat diese Zahl \u00fcbernommen. Die jetzt ver\u00f6ffentlichten Forschungsergebnisse f\u00fcr NRW zeigen aber, dass es wahrscheinlich wesentlich mehr Todesopfer gab&#8230;<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: \u2026 aber es ist ja nicht wichtig, wie viele Menschen da get\u00f6tet wurden, sondern, dass \u00fcberhaupt Menschen get\u00f6tet wurden\u2026<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: \u2026 das war der Auftakt oder ein Vorbote f\u00fcr die im Zweiten Weltkrieg organisierte massenhafte Vernichtung der Juden. Du hast die Reichspogromnacht 1938 als Kind in M\u00fcnster erlebt.<\/span><\/strong><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Ja und nein. Ich war damals in Burgsteinfurt. Ich lebte bei meinem Vater mit meinem vier Jahre j\u00fcngeren Bruder. Die Reichspogromnacht war von den Nazis einheitlich im ganzen Reich organisiert worden, wie man heute wei\u00df, und mein Vater hatte nichts Besseres zu tun, als uns Kindern das zu zeigen. Der ist mit uns nach M\u00fcnster gereist, und da sahen wir gleich die brennende Synagoge. Er hat uns die zerst\u00f6rten j\u00fcdischen Gesch\u00e4fte gezeigt, wo zum Beispiel in der Salzstra\u00dfe \u2013 daran erinnere ich mich deutlich \u2013 Scheiben zertr\u00fcmmert und Sachen aus den Gesch\u00e4ften heraus gerissen worden waren. Auf der R\u00fcckfahrt haben wir in Borghorst Station gemacht. Da haben auch einige Juden gelebt. Und auch da wurden die H\u00e4user, die Wohnungen zertr\u00fcmmert, Scheiben eingeschlagen. Ich erinnere mich an eine j\u00fcdische Frau, die kreischend und schreiend, verzweifelt auf der Stra\u00dfe stand, und mein Vater l\u00e4chelte h\u00e4misch dazu. Ich fand das ganz furchtbar, ich durfte kein Wort sagen. In der Nazizeit hatte man ja den Mund zu halten, das war \u00fcberall zu tun. Und der Abschluss war der Besuch des zerst\u00f6rten und verw\u00fcsteten j\u00fcdischen Friedhofs am Bagno in Burgsteinfurt. Heute ist nichts mehr davon da. Es ist eine Gedenkst\u00e4tte. Grabsteine von damals gibt es da nicht mehr. Ich bin vor einigen Jahren da gewesen. Es wird noch als Gedenkst\u00e4tte erhalten, aber nicht mehr als Friedhof genutzt. Das war also ein grauenhaftes Erlebnis, zumal ich zu schweigen hatte. Ich war elf Jahre alt. Mein Vater war Nazi und stand voll dahinter. Sp\u00e4ter, nach dem Krieg, ist er mit mir zum Anne-Frank-Haus in Amsterdam gegangen und hat Krokodiltr\u00e4nen geweint. Das habe ich nie verstanden.<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/J5Ls_AfrAcE\" width=\"100%\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><span data-mce-type=\"bookmark\" style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/iframe><\/p>\n<p>Das ganze Gespr\u00e4ch zum Ansehen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Du hast in Deinem \u201eLebensreport\u201c auch beschrieben, wie Du die Verhetzung gegen die Juden erlebt hast, und dass das eben nicht nur von den Nazis ausgegangen ist, sondern dass dabei auch der Katholizismus eine gro\u00dfe Rolle gespielt hat. Das M\u00fcnsterland war damals stark katholisch gepr\u00e4gt, st\u00e4rker als heute. Wie hast Du das erlebt?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Wir wurden ja schon im Religionsunterricht und anhand der biblischen Geschichte und der Abbildungen darin gegen die Juden eingenommen; das waren dann die \u201eGottesm\u00f6rder\u201c. Und die verdienten angeblich nichts Besseres, als bestraft zu werden. Hitler war sozusagen ein sp\u00e4ter Vollstrecker dessen, was die Kirche Jahrhunderte hindurch getan hat. <\/span><span lang=\"de-DE\">Bei der Inquisition haben sie quasi auch noch die eigenen Leute verbrannt. Aber die Judenverfolgung ist durch die Geschichte belegt. Im Religionsunterricht wurde uns indoktriniert, dass die Juden \u201eGottesm\u00f6rder\u201c seien. Es tut mir leid, dass ich kein Exemplar mehr von den Schulb\u00fcchern habe. Da wurden die Juden bildlich dargestellt als Folterknechte, mit ihren Nasen, mit den Juden zugewiesenen Physiognomien, wie man das damals so darstellte, \u00fcbrigens auch in der Nazizeitung \u201eDer St\u00fcrmer\u201c. Das war eigentlich nicht anders als in der Bibel und im Religionsunterricht. Ich hatte von vorne herein schon in der Schule von Geistlichen einen Hass, nein, das w\u00e4re zuviel gesagt, eine Angst und eine Aversion gegen die Juden indoktriniert bekommen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Im Januar 1945 warst Du 17 Jahre alt, da solltest Du an die Ostfront geschickt werden. Was ist da passiert?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Ja, das ist eine lange Geschichte: Ich hatte mich zun\u00e4chst einmal der Sache entzogen, dadurch, dass ich gefastet hatte. Wer keine hundert Pfund gewogen hat, also keinen Zentner, der wurde auch nicht eingezogen. Meine Mutter litt darunter, ich sollte mehr essen, schlie\u00dflich habe ich es getan. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dann wurde ich zun\u00e4chst zum Reichsarbeitsdienst einberufen, noch nicht sofort zur Wehrmacht. Aber das war insofern kein gro\u00dfer Unterschied, als dass auch der Reichsarbeitsdienst ziemlich nah an der Front eingesetzt wurde. Das war eine scheu\u00dfliche Geschichte. Wir mussten uns abends am Hauptbahnhof in M\u00fcnster stellen. Dann wurden wir mit der Eisenbahn an die Front verfrachtet und wussten zun\u00e4chst gar nicht, wohin es gehen sollte. Es war sehr sp\u00e4t, und wir guckten durch die Fenster, in welche Richtung das ginge. Hoffentlich nicht nach Osten, nach Russland, sondern nach Westen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Nein, wir fuhren durch Berlin, da wussten wir Bescheid. Da war alles klar, wohin die Fahrt ging, und zwar nach Turek nordwestlich von Litzmannstadt, wie Lodz damals hie\u00df. Da war das Reichsarbeitsdienstlager, und da sollten wir dann \u201eDeutschland gegen die Russen verteidigen\u201c. Man bewaffnete uns mit der Panzerfaust. An der wurden wir nicht einmal ausgebildet, sondern nur dar\u00fcber instruiert, sie habe einen so starken R\u00fcckschlag, dass der Mann, der sie abfeuerte, umgeworfen werden konnte. So sollten wir russische Panzer abknallen, wenn die k\u00e4men. Schon bald wurde aber das Lager ger\u00e4umt, um dem russischen Angriff auszuweichen. Die Front r\u00fcckte n\u00e4her und da habe ich einen Kranken gespielt, ich hatte einen Ohnmachtsanfall vorget\u00e4uscht. Das ist eine lange Geschichte. Ich bin dadurch der Sache entgangen. Aber wenn ich das alles erz\u00e4hle, wird es wahrscheinlich zu viel.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Ach n\u00f6, erz\u00e4hl mal.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Jedenfalls bin ich bei der n\u00e4chsten Gelegenheit desertiert. Ein anderer, wirklicher Kranker, ich bin ja nur so ein Simulant gewesen [lacht], und ich marschierten dann in Richtung Liegnitz. Und der Feldmeister, der uns begleitete, so nannte er sich, vielleicht so etwas wie ein Unteroffizier, fuhr auf dem Rad oder lie\u00df uns Kranke oder Simulanten abwechselnd auf dem Fahrrad fahren. Inzwischen war die Bev\u00f6lkerung auf der Flucht. Die Stra\u00dfen waren verstopft und \u00fcberf\u00fcllt von Menschen und Pferdewagen. Die flohen vor den Sowjets. Wegen der Hitler-Propaganda, in der es hie\u00df, dass \u201ejeder, der den Russen in die H\u00e4nde f\u00e4llt, verloren ist\u201c. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wir sind zu Fu\u00df oder per Fahrrad unterwegs gewesen. Dann fand ich im Stra\u00dfengraben ein herrenloses Fahrrad und habe das da herausgefischt. So konnten wir Beide dann auf dem Fahrrad fahren, durften auch ein St\u00fcck voraus fahren, sollten aber immer in Sichtweite des Feldmeisters bleiben. Da wurde es neblig [schmunzelt], und der Feldmeister war inzwischen vom langen Marsch etwas erm\u00fcdet. Irgendwann haben wir gesagt: \u201eSo, jetzt treten wir in die Pedalen und hauen ab.\u201c Das war nat\u00fcrlich h\u00f6chst riskant.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_19126\" aria-describedby=\"caption-attachment-19126\" style=\"width: 595px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/stadtsrchiv_2_M\u00fcnsterVor-80-Jahren-Reichspogromnacht-in-Muenster-Die-Nacht-als-die-Hoelle-losbrach_image_1024_width.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-19126\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/stadtsrchiv_2_M\u00fcnsterVor-80-Jahren-Reichspogromnacht-in-Muenster-Die-Nacht-als-die-Hoelle-losbrach_image_1024_width-1024x681.jpg\" alt=\"\" width=\"595\" height=\"396\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/stadtsrchiv_2_M\u00fcnsterVor-80-Jahren-Reichspogromnacht-in-Muenster-Die-Nacht-als-die-Hoelle-losbrach_image_1024_width.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/stadtsrchiv_2_M\u00fcnsterVor-80-Jahren-Reichspogromnacht-in-Muenster-Die-Nacht-als-die-Hoelle-losbrach_image_1024_width-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/stadtsrchiv_2_M\u00fcnsterVor-80-Jahren-Reichspogromnacht-in-Muenster-Die-Nacht-als-die-Hoelle-losbrach_image_1024_width-600x399.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/stadtsrchiv_2_M\u00fcnsterVor-80-Jahren-Reichspogromnacht-in-Muenster-Die-Nacht-als-die-Hoelle-losbrach_image_1024_width-768x511.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 595px) 100vw, 595px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19126\" class=\"wp-caption-text\">9. November 1938 Reichspogromnacht Foto der zerst\u00f6rten Synagoge in M\u00fcnster &#8211; Foto: Stadtarchiv M\u00fcnster<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am n\u00e4chsten Ort haben wir eine Unterkunft bei freundlichen Schlesiern gefunden und konnten dort \u00fcber Nacht bleiben. Wo der Feldmeister geblieben ist, das wei\u00df ich nicht [lacht]. Der stand nun wohl da auf weiter Flur ohne Fahrrad. Wir haben einen der vielen Z\u00fcge nach Westen erwischt. Das war ganz schwierig. Denn die Z\u00fcge waren \u00fcberf\u00fcllt mit Fl\u00fcchtlingen. Sogar auf den Trittbrettern, die es damals noch gab und die au\u00dfen entlang der Eisenbahnwaggons angebracht waren, standen die Menschen und hielten die Fahrt durch Eisesk\u00e4lte und schneidenden Fahrtwind aus. Es waren Minus 14 Grad K\u00e4lte, nach meiner Erinnerung. In einem dieser Z\u00fcge gab es einen Waggon, auf dem ein FMG stand, ein Funkmessger\u00e4t, das kannten wir schon von der Flak, von der Fliegerabwehr her, zu der wir als Luftwaffenhelfer eingezogen worden waren. Wir haben uns einfach dazu gesetzt, das war meine Idee, so dass jeder auf den ersten Blick denken musste, wir w\u00e4ren die Mannschaft zu dem Ger\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir hatten zwei Wolldecken, und der wirklich Kranke, Friedhelm Jasser, aus Siegburg war er, glaube ich, schnatterte vor K\u00e4lte; da habe ich ihm noch meine Decke gegeben. Irgendwann war es jedenfalls so schlimm, dass ich meine Beine nicht mehr f\u00fchlte, wegen der Eisesk\u00e4lte bis zu den Knien. Da habe ich gesagt: \u201eDas mache ich nicht mehr, ich gehe jetzt runter.\u201c Ich meine, dass es in Sagan oder Liegnitz gewesen ist, so genau erinnere ich mich nicht mehr, da haben wir den Zug verlassen. Ich habe mich nur noch auf den Bahnsteig fallen lassen k\u00f6nnen, weil ich zun\u00e4chst gar keine Kraft mehr in den Beinen hatte. Wir haben uns da im Wartesaal an einer warmen Suppe gest\u00e4rkt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dann war aber die Schwierigkeit, wie wir da wieder heraus kommen konnten. Die Sperre war von Wachhabenden besetzt. Jeder, der uniformiert war, musste durch einen seitlich gelegenen Raum und sich da ausweisen und kontrollieren lassen. Wir mussten auch in diesen Raum, und ich dachte schon: \u201eNun sind wir verloren. Die werden Dich jetzt wahrscheinlich vor ein Standgericht stellen.\u201c Dann gelang es uns aber doch, ganz schnell hinter dem R\u00fccken des Wachhabenden hinaus auf den Bahnsteig zu gelangen. Wir erwischten dann einen Zug Richtung Leipzig. Da trennten sich unsere Wege.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">So kam ich dann nach Warendorf, wo meine Mutter und mein Bruder als Evakuierte lebten, mit angefrorenen F\u00fc\u00dfen. Ich habe dann ganz dumm getan und mich beim Wehrmeldeamt gestellt: \u201eWir wurden versprengt. Ich melde mich hier.\u201c \u2013 \u201eWarum bist Du dann nicht Zuhause geblieben?\u201c, wurde ich sp\u00e4ter gefragt. \u2013 \u201eNein.\u201c Ich habe mich da ganz vorschriftsm\u00e4\u00dfig gestellt und so getan, als sei ich versprengt worden, obwohl ich nat\u00fcrlich ganz genau wusste, dass es Bl\u00f6dsinn ist, ausgerechnet in Warendorf als Versprengter aus dem Osten anzukommen. Aber dort war man hochinteressiert und betroffen, meinen Bericht von der Front zu erhalten. Alle bebten ja: \u201eJetzt kommt der Russe, und das ist das Ende des Krieges.\u201c Und da konnte ich ihnen eine Menge erz\u00e4hlen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Sie haben mich dann ins RAD (Reichsarbeitsdienst)-Krankenhaus nach Clarholz geschickt. Da waren zwar noch \u00c4rzte, aber kein Kranker mehr da. Ich war der einzige Patient in diesem Lazarett in der Schule von Clarholz. Ich hatte einen ganzen Stab von \u00c4rzten und Personal um mich, als der einzige Patient [lacht]. Da meine F\u00fc\u00dfe nicht mehr in Schuhe und Stiefel passten, bin ich in Pantoffeln durchs Dorf gegangen, zum Friseur oder so, und fand bei einer sehr netten Lehrerin, die betulich um mich besorgt war und unter dem Dach der Schule wohnte, eine Zuflucht. Die hat mich dann bemuttert und betreut, hat mir herrliche Sachen zu essen gegeben, was damals im Krieg wirklich eine Ausnahme war. Auf dem Lande gab es das noch.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bis dann der Gestellungsbefehl kam; inzwischen war meine Einheit nach Regensburg verlegt worden. Nun bekam ich den Befehl, nach Regensburg zu fahren. Ich dachte mir, dass, wenn ich da angekommen w\u00e4re, sie genau w\u00fcssten, dass ich desertiert bin. Dann w\u00fcrde ich abgeurteilt. Da durfte ich nie ankommen. Man wartete immer, dass der Krieg endlich zu Ende w\u00e4re. Ich bin dann erst einmal ganz dummdreist nach Warendorf gefahren und habe mich von meiner Mutter und meinem Bruder verabschiedet, dann nach Vorhelm zu Augustin Wibbelt und habe ihm meine ganze Geschichte erz\u00e4hlt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es ging weiter zu meiner Tante Tine Schulte-Lippern nach Gladbeck, die bekam es mit der Angst zu tun, dass ich da nicht bleiben d\u00fcrfte, \u201ewenn die dich erwischen\u201c. Im Nebenhaus w\u00e4re die Familie Riemer, und der Sohn w\u00e4re im Krieg, wenn die mich hier s\u00e4hen, die zeigten mich an, ich sollte zusehen, dass ich weiter k\u00e4me. Sie schob mich sozusagen ab, wenn auch widerwillig und in gr\u00f6\u00dfter Sorge.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dann bin ich erst einmal Richtung Kassel gefahren, um Verwandte zu besuchen und m\u00f6glichst die Weiterfahrt nach Regensburg zu verz\u00f6gern. Ich war im Zug nach Kassel, und da kam auf einmal eine SS-Streife, die sogenannten \u201eKettenhunde\u201c, mit Totensch\u00e4deln an einer Kette. Die kontrollierten mich, und da war ich dran. Ich wurde verhaftet und in Kassel vor das Standgericht gestellt. Und das hie\u00df in der Regel: R\u00fcbe ab. Ich rechnete also mit allem, ob Strick oder Erschie\u00dfen, die machen mich dort kaputt. Dann habe ich ihnen sch\u00f6ne M\u00e4rchen erz\u00e4hlt. Ich war allerdings mit einem Fahrschein ausgestattet, nach meiner Erinnerung DIN-A-4 gro\u00df. Auf dem gab es, f\u00fcr den Fall, dass man nicht weiter konnte, Stempelfelder, auf denen bescheinigt werden konnte: \u201eWeiterfahrt wegen Bombenangriff und Gleiszerst\u00f6rung unm\u00f6glich.\u201c. Dann bin ich immer zu solchen Bahnh\u00f6fen gekommen \u2013 ich wei\u00df nicht, wie ich das geschafft habe \u2013, wo ich diese Stempel kriegte. Ich konnte l\u00fcckenlos meine Stempel auf diesem Fahrschein nachweisen. \u201eBittesch\u00f6n, tut mir Leid, ich bin nicht durchgekommen.\u201c Das glaubten die nicht. Ich sagte: \u201eWenn Sie mir nicht glauben, kann ich nichts daf\u00fcr. Aber Sie m\u00fcssen das glauben, es liegt doch deutlich vor Ihnen. Warum glauben Sie das nicht?\u201c Ja, dann bin ich auf die Weise da heraus gekommen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aber ich kam in ein Strafkommando nach Frankfurt am Main, um dort zu helfen, die Stadt zu verteidigen. Unter Bewachung. Ich wei\u00df nicht mehr, ob da noch mehr wie ich waren, oder nur ich. Den ganzen Tag mussten wir im Fl\u00fcchterner Tunnel stehen, wegen der Tieffliegerangriffe. Der Zug musste in Sicherheit bleiben, dann kam er am 23. M\u00e4rz 1945, meinem 18. Geburtstag, in Frankfurt an. Da ging es zur Kaserne, und dort waren chaos\u00e4hnliche Verh\u00e4ltnisse. Man wusste genau, dass Frankfurt bald eingezingelt wurde. Da war gar kein Entkommen mehr. Die Stadt wurde st\u00e4ndig bombardiert. Die Kaserne war \u00fcberf\u00fcllt. Es waren nicht mehr ausreichend Betten vorhanden. Zum Gl\u00fcck waren es sehr warme Fr\u00fchlingsn\u00e4chte. Und ich musste mit anderen drau\u00dfen kampieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wenn Fliegeralarm kam, mussten wir die Kaserne verlassen und in die umliegenden B\u00fcsche und W\u00e4lder rennen und uns dort verstecken, um dann danach wieder zur\u00fcck zu kommen. Da war ein vern\u00fcnftiger Offizier, der Kommandant dieser Kaserne war, genaueres \u00fcber die milit\u00e4rische Organisation dort wei\u00df ich nicht, ich wei\u00df nur noch, dass dort ein Landser lag, der sich mit Schnaps oder \u00e4hnlichem hat volllaufen lassen, der lag da ganz aufgedunsen, halb blau auf dem Rasen, das interessierte \u00fcberhaupt keinen mehr. Jedenfalls sagte dann bald dieser kommandierende Offizier: \u201eJungs, Frankfurt ist eingekreist. Hier ist nichts mehr zu machen.\u201c Verteidigung w\u00e4re Unsinn. \u201eBeim n\u00e4chsten Fliegeralarm: haut ab! Seht zu, dass Ihr nach Hause kommt!\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das habe ich dann auch gemacht. Nur ich war ja noch in Uniform, und Frankfurt stand kurz vor der Besetzung durch die Amis. Ich wollte ja nicht in Gefangenschaft. Ich war nun irgendwo in einem Bauernkotten, da hingen im Stall alte Klamotten, wahrscheinlich vom Knecht oder von einem Landarbeiter; da habe ich also kurzentschlossen meine Uniform in die Jauchegrube geworfen, die gab es damals noch \u00fcberall auf den H\u00f6fen, und habe diese alten Klamotten angezogen und bin losmarschiert. Ich sah nat\u00fcrlich aus wie ein Clochard. Oder wie nennt man das? Wie ein Landstreicher. Das war mir aber auch ganz egal. Jedenfalls war ich nun Zivilist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Frankfurt wurde beschossen. Inzwischen gab es nicht mehr nur Bombardements, sondern auch Artilleriebeschuss. Es war gef\u00e4hrlich, sich drau\u00dfen aufzuhalten. Ich bin darum in einen \u201eStra\u00dfenbunker\u201c gegangen. \u201eStra\u00dfenbunker\u201c nannte man Unterst\u00e4nde, die f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung gemacht wurden, f\u00fcr die Nachbarschaft sozusagen, eingegraben in den Boden. Wer also keinen Luftschutzkeller aufsuchen konnte, der konnte in diesen Unterstand. Da bin ich dann also unbedarft hinein gegangen. Ich dachte, dass ich da jedenfalls vor Beschuss sicher w\u00e4re. Genau das aber war gef\u00e4hrlich. Denn ich fiel auf in meinen ollen Klamotten. Das konnte ja nun nicht sein. \u201eWas ist denn das f\u00fcr Eener? Das kann ja nur ein Deserteur sein.\u201c Und in diesem Unterstand war dann auch ein Parteifunktion\u00e4r, also ein Ortsgruppenleiter oder wie sich diese Leute nannten, und der wurde auf mich aufmerksam. Er stellte mich zur Rede, wer ich denn sei, ich w\u00e4re doch wahrscheinlich Wehrmachtsangeh\u00f6riger, warum ich diese komischen Klamotten anh\u00e4tte. Dann habe ich ihm gesagt: \u201eIch bin immer wieder vom Wehrdienst zur\u00fcck gestellt worden.\u201c Was damals auch gestimmt hatte. \u201eIch hatte meine Cousine in Kassel besucht. Und da kam ein n\u00e4chtlicher Bombenangriff. Wir mussten ganz schnell in den Keller. Das ganze Haus ist mitsamt meiner Kleidung \u00fcber uns zusammen gebrochen.\u201c Da habe ich ihm dieses sch\u00f6ne M\u00e4rchen erz\u00e4hlt. \u201eIch hatte nichts mehr. Und dann habe ich mir nur noch diese alten Klamotten besorgen k\u00f6nnen. Es gibt ja Kleidung nur auf Bezugschein. Was blieb mir \u00fcbrig?\u201c <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der glaubte mir das nat\u00fcrlich nicht, was ich ihm auch ehrlich zugestehen muss. Jedenfalls wurde die Sache brenzlig. Der wollte mich also verhaften, das konnte er ja. Ich sagte zu ihm: \u201eK\u00f6nnen wir mal gleich alleine sprechen und einen Augenblick nach drau\u00dfen gehen? Ich habe Ihnen etwas zu sagen.\u201c \u2013 \u201eJaja, bittesch\u00f6n.\u201c Dann standen wir also vor dem Bunker. Die Granaten schlugen in Frankfurt ein. Dann habe ich ihn angepfiffen: \u201eWas f\u00e4llt Ihnen eigentlich ein? Wie kommen Sie dazu, hier die Leute zu verunsichern? Nat\u00fcrlich bin ich Soldat. Nat\u00fcrlich habe ich meine Uniform weggeworfen. Wir haben Befehl, das zu tun. Wissen Sie nicht, dass Frankfurt eingekesselt ist? Wir haben Befehl, uns durch die feindlichen Linien durchzuschlagen, zu unserer Truppe. Und Sie verunsichern hier die Leute. Das ist Wehrkraftzersetzung! Ich zeige Sie an!\u201c \u2013 \u201eNein, um Gottes willen, nein. Das habe ich doch nicht gewusst.\u201c \u2013 \u201eDas haben Sie als Ortsgruppenleiter nicht gewusst? Das k\u00f6nnen Sie mir doch nicht erz\u00e4hlen.\u201c \u2013 \u201eNein, also bitte, bitte, bitte, nein.\u201c \u2013 \u201eJa, dann sagen Sie mir wenigstens, wie ich auf den n\u00e4chsten Weg zu meiner Truppe kommen kann. Ich muss ja erst einmal hier den Artilleriebeschuss abwarten.\u201c Und so weiter. \u2013 \u201eDa geht es da lang, und da lang&#8230;\u201c \u2013 \u201eJa? Dankesch\u00f6n. Heil Hitler!\u201c \u2013 \u201eHeil Hitler!\u201c Puh. Da war ich raus [lacht].<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_19120\" aria-describedby=\"caption-attachment-19120\" style=\"width: 576px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/640px-USArmyGermanCity.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19120 \" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/640px-USArmyGermanCity.jpg\" alt=\"\" width=\"576\" height=\"405\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/640px-USArmyGermanCity.jpg 640w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/640px-USArmyGermanCity-300x211.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/640px-USArmyGermanCity-600x422.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19120\" class=\"wp-caption-text\">Januar 1945: Baseler Platz in Frankfurt am Main &#8211; Foto: D Thompson [<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0\">CC BY 2.0<\/a>], via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Was machste, was machste, was machste? Da gab es noch die gro\u00dfen Bunker, die hatten wir auch hier in M\u00fcnster stehen, wo mehr Leute rein passten, und dann str\u00f6mte die Bev\u00f6lkerung aus der Umgebung bei Fliegeralarm in diese Bunker. Ich dachte mir, da w\u00e4re ich dann anonymer, wenn ich in so einen Bunker ginge. Das habe ich auch getan. Und ich habe mich in die dunkelste Ecke gesetzt, um nicht aufzufallen. Dann dauerte es aber doch nicht lange, und es kamen wohlmeinende Leute zu mir, es waren ja l\u00e4ngst nicht alles Nazis, die sagten zu mir: \u201ePassen Sie auf! Sie werden beobachtet. Seien Sie vorsichtig!\u201c Da dachte ich: \u201eDonnerwetter! Hier kannst Du auch nicht bleiben.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich war damals ja gut-katholisch, und dann war Gr\u00fcndonnerstag. Und ich bin am Gr\u00fcndonnerstag in die n\u00e4chste katholische Kirche gegangen, zum Gottesdienst, auch zur Kommunion, und ich habe mir da die Leute genauer angeguckt und habe einen Mann angesprochen, der mir sicher schien, und ich habe ihm meine Situation geschildert. Und ob er mich wohl bis zur Besetzung Frankfurts vielleicht bei sich zu Hause aufnehmen k\u00f6nnte. \u201eJa, selbstverst\u00e4ndlich. Klar, mache ich.\u201c Seine Frau war auch dabei. \u201eAber folgen Sie mir bitte unauff\u00e4llig, in einiger Entfernung. Ich habe\u201c, erz\u00e4hlte der, \u201eim Kriege n\u00e4mlich Juden, die hier abtransportiert werden sollten, die kurz hierher kamen, Nahrungsmittel zugesteckt und bin daf\u00fcr beinahe ins KZ gekommen. Ich m\u00f6chte so eine Situation nicht nochmal haben.\u201c Und ich sagte: \u201eDas kann ich gut verstehen.\u201c Da bin ich in entsprechender Entfernung gefolgt. Ich bin bei der Familie Gr\u00e4ff geblieben, bis Frankfurt besetzt war.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es gab riesige Nahrungsmittellager, ich glaube, dass sie f\u00fcr das Milit\u00e4r waren. Dann ging es los, man pl\u00fcnderte diese Lager. Und ich habe der Familie Gr\u00e4ff dabei geholfen. Die hatten einen Bollerwagen, auch wenn es f\u00fcr Frankfurt unglaubw\u00fcrdig klingt, aber die hatten so etwas. Jedenfalls sind wir losgezogen und haben den Wagen mit Lebensmitteln, Zigaretten und anderem vollgepackt. Ich bin einige Tage da geblieben, bis die Luft sozusagen rein war. Es blieb mir nichts anderes \u00fcbrig, es fuhr selbstverst\u00e4ndlich kein Zug mehr, gar nichts. Da war gar keine Aussicht, als den Weg nach Hause zu Fu\u00df anzutreten. Das habe ich also getan. Diese Fu\u00dfwanderung hat zwanzig Tage gedauert. Ich bin, glaube ich, am 31. M\u00e4rz abmarschiert und kam am 19. April nach meiner Erinnerung morgens in Warendorf an.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich bin zweimal sehr bedroht worden von ehemaligen Kriegsgefangenen. Einmal von Polen auf einsamer Rheinstra\u00dfe nach Assmannshausen, die wahrscheinlich durch ihre miesen Erlebnisse in der Gefangenschaft so wuterf\u00fcllt waren, dass sie mich lynchen und dann wahrscheinlich in den Rhein schmei\u00dfen wollten. Es war jedenfalls h\u00f6chstgef\u00e4hrlich. Ich konnte mich dann auch mit denen nicht weiter verst\u00e4ndigen, die glaubten mir nichts. Zum Gl\u00fcck oder aus Zufall \u2013 ich wei\u00df nicht, ob es den Zufall gibt, ich glaube nicht daran \u2013 kam ein Konvoi mit amerikanischen schwarzen Soldaten. Die Polen stellten sich an den Stra\u00dfenrand und jubelten denen zu. Und ich habe mich daneben gestellt und mitgejubelt [lacht]. Und da waren die Polen auf einmal um 180 Grad gedreht. Sie sahen, dass ich nun kein Nazi sein konnte, wie ich so den Amis da so zujubelte. Da war alles in Ordnung. Ich hatte auf meinem R\u00fccken einen Karton mit Lebensmitteln f\u00fcr unterwegs und mit allen m\u00f6glichen Sachen meiner Habe geschnallt; mein kleines, gr\u00fcnes Lackk\u00f6fferchen hatte ich auch immer noch, von meiner Mutter. Wo es geblieben ist, wei\u00df ich nicht (ganz unm\u00f6glich aus heutiger Sicht). Da boten sie mir sogar Zigaretten an, da habe ich gesagt: \u201eWisst Ihr was? Ich habe auch noch Zigaretten.\u201c Die hatte ich von der Pl\u00fcnderung in Frankfurt. Die wollte ich ihnen geben. \u2013 \u201eNein, nein, nein\u201c, die wollten sie gar nicht. Da waren sie auf einmal nichts als Freunde. So bin ich aus dieser heiklen Situation ganz gut heraus gekommen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die zweite Situation war viel sp\u00e4ter, als ich durch das Sauerland zog, und zwar von Meschede aus, \u00fcber den Stimmstamm. Ich wurde gewarnt, da her\u00fcber zu gehen, weil der ganze Stimmstamm, das ist ein Berg, voller russischer Kriegsgefangener l\u00e4ge, die jedem Deutschen die Gurgel durchschneiden w\u00fcrden. Das war damals ja tats\u00e4chlich nicht ganz unwahrscheinlich. Was sollte ich machen? Ich hatte keine Lust, gro\u00dfe Umwege zu gehen. Ich dachte: \u201eGeh mal los. Das wird schon nicht so dolle sein.\u201c Na, von wegen. Es war ja wirklich ein sehr warmer Fr\u00fchling. Viele ehemals gefangene Russen lagerten dort im Walde, und sobald ich dort hinkam, mit meinem Paket auf dem R\u00fccken und meinem K\u00f6fferchen, da ging das los. Ich habe das immer verglichen mit so einer G\u00e4nseherde. Schon als Kind habe ich mich davor gef\u00fcrchtet. Wie die G\u00e4nse auf einmal von allen Seiten auf einen zukamen, es liefen ja welche frei herum, zum Beispiel in Th\u00fcringen, und wenn die G\u00e4nse einen mit ihren Schn\u00e4beln zerhacken. Jedenfalls war ich nun pl\u00f6tzlich in der Mitte von diesen auf mich bedrohlich zukommenden Russen. Dann habe ich fr\u00f6hlich gewunken und gesagt: \u201eHollander, na Huis heen gaan!\u201c Dann habe ich ein bisschen plattdeutsch, ein bisschen holl\u00e4ndisch gesprochen. \u201eHollander, Hollander!\u201c Und es ging wie ein Lauffeuer durch das Lager. \u201eDas ist ein Holl\u00e4nder!\u201c Ach, dann habe ich das also auch hinter mich gebracht [lacht]. Das waren die beiden heiklen Situationen mit ehemaligen Kriegsgefangenen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es gab aber auch heikle Situationen mit den Amis, die mich aufgriffen. Das erste Mal war im Westerwald. Da kam ich an einen jungen amerikanischen Offizier, dessen Eltern urspr\u00fcnglich Deutsche, Deutschst\u00e4mmige waren, der aber interessiert war, auch deutsch zu lernen. Ich kam mit ihm in ein seltsames, l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch. Er versuchte, deutsch zu sprechen; ich versuchte, englisch zu sprechen. Das war ganz lustig. Der stellte mir dann aus Sympathie einen Passierschein aus. Da wurde bescheinigt, dass ich mit Wissen und Billigung der amerikanischen Milit\u00e4rregierung unterwegs w\u00e4re, und man m\u00f6ge mich \u00fcberall durchlassen. Mit dieser Bescheinigung kam ich dann tats\u00e4chlich durch alle Wachen. Da passierte gar nichts.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bis ich bei Bad Fredeburg war. Da zeigte ich auch das Ding vor. Die kassierten das aber und lie\u00dfen sich auf nichts ein. Ich musste also auf einen Jeep steigen, und der fuhr mich nach Fredeburg in die Stadt. Auf der Treppe stand der Kommandant. Der lie\u00df sich auf nichts ein und hat mich in einen Stollen einsperren lassen. In dem Stollen waren auch andere eingesperrt, ich wei\u00df nicht, was das f\u00fcr Leute waren, da waren auch Frauen, da stand eine Wache davor. Ich war also erst einmal mehr oder weniger inhaftiert. Das kann ja heiter werden. Kein Ausweis, nichts mehr. Was machste? Wir mussten die Nacht auf Stroh schlafen. Dann habe ich es tats\u00e4chlich geschafft, am anderen Morgen, ich wei\u00df auch nicht wie, wie schon davor in Kassel, hinter dem R\u00fccken der Wache ganz schnell weg zu schleichen. Ich bin in Richtung S\u00fcden gegangen. Ich wei\u00df auch nicht, warum. Es war an dem Tag Markt in Fredeburg. Ein altes M\u00fctterchen aus Gleidorf schleppte ihre Taschen, und ich habe ihr vorgeschlagen, dass ich ihre Taschen zu tragen helfen k\u00f6nnte. Dann m\u00fcsste sie mich nur bitte bei der Wache als ihren Sohn ausgeben. Das hat sie auch gemacht. Ich war also ihr Sohn und trug M\u00fctterchen die Tasche. So bin ich da durch die Wache gekommen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Man musste sich ja immer etwas Neues einfallen lassen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und ich wieder durch die W\u00e4lder \u00fcber die Berge, auf den H\u00f6henweg. Da kamen mir wieder Amis entgegen. Die hatten damals dieses bl\u00fctendwei\u00dfe Wei\u00dfbrot, was ja eigentlich gar nichts taugt, nahrungsm\u00e4\u00dfig, aber das war f\u00fcr uns etwas Gro\u00dfartiges, so etwas hatten wir ja jahrelang nicht gehabt, so etwas. Und ich habe so etwas gefunden. Ich biss gerade kr\u00e4ftig in so ein Wei\u00dfbrot hinein, als da wieder die Amis waren. Nun dachte ich mir: \u201eDu machst die Flucht nach vorne.\u201c Und ich sagte: \u201eDas ist tolles Brot. Damit kann man den Krieg wohl gewinnen.\u201c Und solche Spr\u00fcche. Das fanden die lustig und haben mich durchgelassen. Das war, glaube ich, das letzte gef\u00e4hrliche Hindernis.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Kurz vor Warendorf, bei Westkirchen, hat mich ein Bauer mit seinem Pferdefuhrwerk ein St\u00fcckchen Weges mitgenommen. Das war die einzige, kurze Strecke auf meiner langen Wanderung, die ich gefahren bin. Sonst bin ich gelaufen. Ich kam in Warendorf an, und dann kam wieder eine heikle Situation, denn die Milit\u00e4rregierung beorderte an einem Tag alle M\u00e4nner auf den Marktplatz, um ihnen einen Passierschein oder Ausweis zu geben; das m\u00fcsse jeder haben, sonst k\u00e4me er in Gefangenschaft. Die sind dann alle arglos dahin gestr\u00f6mt. Ich sagte: \u201eDa gehe ich nicht hin!\u201c Meine Mutter meinte: \u201eDas musst Du! Da musst Du hingehen!\u201c Und ich: \u201eNee, das tue ich nicht!\u201c Die sind also reihenweise auf Lastwagen geladen und ab in franz\u00f6sische oder belgische Bergwerke transportiert worden. Und oft jahrelang weg gewesen. Ein Nachbar von uns, J\u00fcrgens hie\u00df er, Fahrradh\u00e4ndler, ist zwei Jahre lang weg geblieben und musste in einem Bergwerk schuften. Danach war nie wieder von dem Schein, den angeblich jeder haben musste, die Rede gewesen. Die haben also einmal abkassiert da, und dann war das vorbei.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dann habe ich mich dem amerikanischen \u201e\u00dcberfallkommando\u201c zur Verf\u00fcgung gestellt. Als Dolmetscher. Soviel Englisch konnte ich. \u201e\u00dcberfallkommando\u201c deswegen, weil die ehemaligen Kriegsgefangenen, haupts\u00e4chlich Russen und Polen herum streunten, so war es ja, die hatten ja keine Bleibe. Was blieb ihnen anderes \u00fcbrig zum \u00dcberleben? F\u00fcr sie sorgte zun\u00e4chst ja niemand. Sie haben also nachts Bauernh\u00f6fe \u00fcberfallen und da abkassiert, und wenn Bauern Widerstand leisteten, haben sie diese auch schon mal erschossen. Das ist zum Beispiel in Augustin Wibbelts Nachbarschaft in Vorhelm passiert. Da ist ein Verwandter von ihm \u00fcberfallen und \u2013 ich glaube, es waren Polen \u2013 erschossen worden. Und da habe ich mit den Amis gearbeitet. Und das Nachbarst\u00f6chterchen Lore, die mochte ich so gerne, die habe ich dann mitgenommen, das war dann nat\u00fcrlich f\u00fcr die Amis auch eine sch\u00f6ne Sache [lacht]. Da fuhren wir los zu irgendwelchen Bauernh\u00f6fen, klopften die Bauern heraus, und die machten gerne auf. Die Bauern tischten auf, Schinken, Butterbrote, Eier und was es damals alles so gab, das war f\u00fcr uns m\u00e4rchenhaft nach diesen Jahren des Darbens. Hunger w\u00e4re zuviel gesagt. Die Amis spendierten Zigaretten und vielleicht abends auch etwas zum Trinken, das wei\u00df ich nicht mehr. Da haben wir so die N\u00e4chte verbracht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das war der Mai 1945, ein wundersch\u00f6ner Monat. Herrliche Main\u00e4chte. Das habe ich also genossen. Ich bin mit den Amis losgefahren, wir haben Russen und Polen gefangen, die kamen dann ins Gef\u00e4ngnis, ins Rathaus.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und am anderen Tag lie\u00df man sie wieder laufen. So war das.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Bis kurz vor Kriegsende wurden Wehrmachtsdeserteure hingerichtet. F\u00fcr Hitler waren sie die Staatsfeinde Nummer eins. \u201eDer Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben\u201c, lautete sein Befehl. Nach dem Krieg war \u201eDeserteur\u201c f\u00fcr viele Deutsche immer noch ein Schimpfwort. Deserteure wurden oft als \u201eVolkssch\u00e4dlinge\u201c diffamiert. Auch Du wurdest nach Ver\u00f6ffentlichung Deines Buches \u201eIch war Deserteur\u201c (6) als \u201eVaterlandsverr\u00e4ter\u201c beschimpft.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Richtig, richtig. Mein Bericht ist sehr viel sp\u00e4ter erschienen; ich habe ihn erst 50 Jahre nach Kriegsende verfasst, aus meiner Erinnerung. Ich habe dann auch Vortr\u00e4ge in vielen Orten, St\u00e4dten, D\u00f6rfern, in Volkshochschulen oder Lokalen gehalten. Und dann wurde ich oft \u00fcbelst angegriffen, von Zuh\u00f6rern als \u201eVaterlandsverr\u00e4ter\u201c, als \u201eFeigling\u201c, als \u201eDr\u00fcckeberger\u201c, als \u201eunkameradschaftlich\u201c beschimpft, als einer, der seine Kameraden ins Feuer habe laufen lassen und sich selbst entzogen h\u00e4tte. Hei\u00dfe Diskussionen und \u00fcbelste Angriffe, damals noch, lange nach Kriegsende.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: In Deinem \u201eLebensreport\u201c schreibst Du auch viel \u00fcber Deine Kindheit und die starke katholizistische Pr\u00e4gung. Du bist dann erst mit 43 Jahren aus der Kirche ausgetreten?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Ja, vorher ging es nicht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Das w\u00fcrde mich interessieren, wie dieser Abl\u00f6sungsprozess vom Katholizismus stattgefunden hat?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Das ist nat\u00fcrlich nicht von heute auf morgen gewesen. Das ist ein langer Abl\u00f6seprozess gewesen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Was mich zun\u00e4chst beunruhigt, gequ\u00e4lt oder als Problem besch\u00e4ftigt hat, das war das Leiden in der Tierwelt. Also, wie kann ein allgerechter, allg\u00fctiger, allm\u00e4chtiger Gott Tiere so leiden lassen? Warum das Leid in der Tierwelt? Noch dazu das Leid der Menschen. Unter dem Kreuz Christi. All diese Geschichten. Das habe ich damals noch akzeptiert. Aber ich konnte mich nicht damit zufrieden geben, dass Tiere leiden, unschuldige Tiere. Und dass sie noch zus\u00e4tzlich vom Menschen gequ\u00e4lt werden. Und das wird dann noch von der Kirche abgesegnet. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das war der Ansatzpunkt. Und dann ging das nat\u00fcrlich immer so weiter. Ich habe die Bibel nochmal sehr sorgf\u00e4ltig gelesen und die vielen Widerspr\u00fcche darin gesehen, die ungeheuren Blutr\u00fcnstigkeiten des sogenannten Alten Testaments. Dieser von Blut triefende, blutsaufende Gott, \u201atschuldigung, war bald f\u00fcr mich ein Ungeheuer. (7) So kam schrittweise der Denkprozess, ein kritisches \u00dcberlegen und durch Lesen diese innere Abl\u00f6sung von der Kirche zustande, von der ich mich auch \u00e4u\u00dferlich schon viel eher getrennt h\u00e4tte, wenn das nicht zur Folge gehabt haben w\u00fcrde, dass ich M\u00fcnster h\u00e4tte verlassen m\u00fcssen. Es gab damals, ich war ja Lehrer, in M\u00fcnster nur Bekenntnisschulen. Und zu Bekenntnisschulen gibt es ja inzwischen ein ganz neues Urteil, ganz interessant, das kennst Du bestimmt. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Ja.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Jedenfalls h\u00e4tte ich also M\u00fcnster verlassen m\u00fcssen, um an einer Gemeinschaftsschule t\u00e4tig zu sein. <\/span><span lang=\"de-DE\">Und ich wollte nicht aus M\u00fcnster heraus, aus verschiedenen Gr\u00fcnden. Ich bin hier durch die Mundart, durch die Sprache, durch die Dichtung, durch den westf\u00e4lischen Mundartdichter Augustin Wibbelt und andere Dinge eigentlich verwurzelt, wenn man das so nennen soll, beheimatet, und ich hatte hier meine Wiese, auf der ich grasen konnte [lacht]. Ich hielt Vortr\u00e4ge mit plattdeutschen, niederdeutschen Texten, landauf, landab. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das ging nachher bis nach Flensburg rauf. Ich konnte also erst offiziell aus der Kirche austreten, nachdem es in M\u00fcnster eine Gemeinschaftsschule gab. <\/span><span lang=\"de-DE\">Es sei denn, wie gesagt, dass ich M\u00fcnster verlassen h\u00e4tte. Solange habe ich dann warten m\u00fcssen, und das war 1970. Dann habe ich es sofort gemacht, und dann kam nat\u00fcrlich auch sofort die Reaktion. Ich habe es zwar nicht an die gro\u00dfe Glocke geh\u00e4ngt. Aber es sickerte durch. Entsprechend setzte ein Kesseltreiben, auch auf beruflichem Gebiet, gegen mich ein, das dann schlie\u00dflich zu meiner vorzeitigen, von mir selber initiierten Pensionierung gef\u00fchrt hat. Ich bin mit 51 Jahren, das war eine ganz h\u00fcbsche Sache, aus der Schule raus gegangen, mit Ruhegehalt. Das war zwar reduziert, aber ich konnte es durch Vortr\u00e4ge im Fernsehen und Rundfunk, durch B\u00fccherschreiberei und Journalismus aufbessern. Ich hatte mehr als meine Kollegen. Das war schon goldrichtig.<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/MawO9m6ELsE\" width=\"100%\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p align=\"justify\">Euronews-Beitrag vom 11. 1. 2018 zu Minderj\u00e4hrigen in der Bundeswehr &#8211; Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MawO9m6ELsE\">Youtube<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Heute erleben wir eine Zeit, wo finstere Geister wieder st\u00e4rker zum Vorschein kommen. Rechtsnationalismus und faschistische Bewegungen haben weltweit Zulauf. Zudem erleben wir auch in Deutschland eine Remilitarisierung. Der deutsche Milit\u00e4retat soll in den n\u00e4chsten Jahren peu \u00e0 peu auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also 80 Milliarden Euro j\u00e4hrlich, erh\u00f6ht werden. Die Bundeswehr soll von derzeit 180.000 bis 2025 auf 203.000 Soldaten anwachsen. <\/span><\/strong><strong><span lang=\"de-DE\">Es gibt heute so viele minderj\u00e4hrige Soldaten beim Bund wie noch nie. Das ist eine traurige Entwicklung. Seit der Aussetzung der \u201eWehrpflicht\u201c 2011 hat die Armee mehr als 10.000 Minderj\u00e4hrige rekrutiert, allein 2017 waren es 2126. UNICEF definiert alle Soldaten unter 18 Jahren als Kindersoldaten. Was w\u00fcrdest Du den jungen Leuten sagen, die an den Schulen rekrutiert werden und sich freiwillig bei der Bundeswehr melden?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Freiwillig?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Ja, das sind alles Freiwillige. Die Bundeswehr ist ja seit Aussetzen der \u201eWehrpflicht\u201c eine reine Freiwilligen- und Berufsarmee.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Ja? Bescherbelt! Was soll ich denen sagen? [beide lachen] Haben die denn keine Vorstellung?! Man muss doch mal nachdenken, was man tut. Ich bin doch f\u00fcr das, was ich tue, selber verantwortlich. <\/span><span lang=\"de-DE\">Ist doch jeder. Das ist doch klar. Schon als Kind ist man das. Jeder auf seiner Ebene, auf seiner Stufe. Ich kann ja auch nicht das machen, was ich will. Irgendwo sind Grenzen. Nat\u00fcrlich sind auch im Denken Grenzen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wir erleben doch \u00fcberall das gleiche. Die ganze Geschichte durch. Da d\u00fcrfen wir uns auch keine Illusionen machen. Nat\u00fcrlich betrachte ich diese Entwicklungen mit gro\u00dfer Sorge. Aber was nutzt das alles? <\/span><span lang=\"de-DE\">Wir waren doch im Gro\u00dfen und Ganzen, also nach dem Krieg, alle froh, dass jetzt Frieden ist. Frie-den, das ist ja m\u00e4rchenhaft. Und dann gab es wieder etwas zu essen. Dann kam die W\u00e4hrungsreform. Und dann hatte man wieder etwas, und man konnte wieder etwas, und jetzt ging es los. Jetzt ging der Wohlstand los, jetzt kriegte man die Schnauze nicht voll, jetzt muss jeder den gr\u00f6\u00dften und dicksten Wagen fahren, jetzt fing der ganze Schei\u00df wieder von vorne an. \u201eIch, ich, ich, ich komme zuerst.\u201c Ist das gesellschaftliches Denken? Ist das Ethos? Also, ich finde, das ist keine sch\u00f6ne Entwicklung. Ich \u00fcberlege auch die ganze Zeit, was ich dazu sagen m\u00fcsste. Aber wo gibt es denn erfreuliche Entwicklungen? <\/span><span lang=\"de-DE\">Wenn ich hier die Lokalzeitung aufschlage, die Todesanzeigen sind noch beim Durchbl\u00e4ttern das Interessanteste [lacht], denke ich, dass es doch geradezu faschistoid ist, was man da liest. <\/span><span lang=\"de-DE\">Was soll ich dazu viel sagen? <\/span><span lang=\"de-DE\">Ich finde die Entwicklungen h\u00f6chst bedauerlich und traurig. Was soll ich den jungen Leuten und Kindern heute sagen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Bedient Euch Eures Verstandes und widersetzt Euch.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Ja, das A und O. Das A und O ist eine saubere Ethik. Und was ist Ethik? Ethik ist nichts anderes als der sogenannte Rechtsg\u00fcterschutz. Das kann das kleine Kind schon lernen. Das braucht nicht beten zu lernen und \u201eLieber Gott, mach mich fromm\u201c, sondern: Da bist Du, und da bin ich. So. Da sind Deine Rechte, das ist Dein Bezirk. Und da sind meine Rechte, da ist mein Bezirk. Wichtig ist, dass kein \u00dcbergriff geschieht. <\/span><span lang=\"de-DE\">Weder Du \u2013 das Kind oder wer auch immer \u2013 noch ich greifst, greife in den Bezirk des anderen ein. Jeder hat seine eigenen Rechte, nat\u00fcrlich auch seine eigenen Pflichten. Das war\u2018s. Das ist der Rechtsg\u00fcterschutz. Nichts anderes brauchen wir. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dann m\u00fcsste es funktionieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: \u2026 und die Solidarit\u00e4t.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Ja, nat\u00fcrlich. Das war\u2018s aber auch. Das ist es aber auch. <\/span><span lang=\"de-DE\">Ich habe fr\u00fcher einmal meiner Geliebten gesagt: \u201eDas Erste ist: I am I, das hei\u00dft: ich bin ich.\u201c Ich habe ein hohes Selbstverst\u00e4ndnis. Da kann so leicht keiner dran ticken. Und, nebenbei gesagt: Eifersucht finde ich eine schreckliche Geschichte, finde ich idiotisch. Eifersucht ist erstens Minderwertigkeitsgef\u00fchl, das hei\u00dft, dass ich nur eifers\u00fcchtig sein kann, wenn ich meine, dass der andere mehr wert ist als ich; und zweitens Besitzanspruch, das ist auch ein \u00dcbergriff. Also, Eifersucht ist ethisch wertlos und abzulehnen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Aber ich wollte eigentlich etwas anderes sagen. Was war das denn gerade?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Zur Solidarit\u00e4t? Zur Gegenseitigen Hilfe?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rainer Schepper: Ja. Richtig. Solidarit\u00e4t. Die ergibt sich aus dem ethischen Verst\u00e4ndnis, ganz klar. Mich einbegriffen, selbstverst\u00e4ndlich. Das habe ich nie anders verstanden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke: Ich finde es toll, dass Du bereit bist, uns Deine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Anfangen m\u00f6chte ich aber nicht mit einer Frage zum Zweiten Weltkrieg, sondern zum Ersten. Du hast viele B\u00fccher publiziert. (4) Das Buch \u201eErinnerungen aus zwei Weltkriegen\u201c (5) hast Du 2015 herausgegebenen. In dem Kapitel \u201eKriegserinnerungen 1914-18 der Rote-Kreuz-Schwester Tine Schulte-Lippern\u201c &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/12\/die-uniform-in-die-jauchegrube-geworfen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":19118,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u201eDie Uniform in die Jauchegrube geworfen\u201c - graswurzelrevolution","description":"Rainer Schepper im Gespr\u00e4ch mit GWR-Redakteur Bernd Dr\u00fccke - Foto: Lothar Hill (M\u00fcnsterTube) Bernd Dr\u00fccke: Ich finde es toll, dass Du bereit bist, uns Deine Ges"},"footnotes":""},"categories":[1016,1025,1032],"tags":[],"class_list":["post-18993","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-435-januar-2019","category-die-waffen-nieder","category-spurensicherung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18993","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18993"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18993\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/19118"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18993"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18993"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18993"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}