{"id":19026,"date":"2018-12-21T10:43:49","date_gmt":"2018-12-21T08:43:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19026"},"modified":"2022-07-26T14:21:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:21:58","slug":"soziale-bewegungen-in-athen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/12\/soziale-bewegungen-in-athen\/","title":{"rendered":"Soziale Bewegungen in Athen"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Ex\u00e1rchia, das Zentrum des griechischen Anarchismus<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ex\u00e1rchia ist nach wie vor ein einzigartiges Athener Stadtviertel. Diesmal bin ich hier doch tats\u00e4chlich der Polizei begegnet. In einer Stra\u00dfe parkte ein dunkelblauer Polizeibus am Stra\u00dfenrand. Jeweils an der Kreuzung vor und hinter dem Bus stand je ein hochbewaffneter Polizist mit Schutzschild. Ich dachte mir, was ist denn hier Gr\u00f6\u00dferes im Gange. Bis mir klar wurde, dass das stimmt, was ich bisher nur geh\u00f6rt hatte: Die Polizei traut sich nach Ex\u00e1rchia nur in Mannschaftsst\u00e4rke hinein. Das ist mindestens seit den schweren Ausschreitungen Ende 2008 so. Damals, als ein Jugendlicher von der Polizei erschossen worden ist (die GWR berichtete). In einer der Fu\u00dfg\u00e4ngergassen kann man auch eine Gedenktafel finden, auf der steht: \u201eHier erlosch am 6. Dezember 2008 v\u00f6llig grundlos das kindliche L\u00e4cheln des unschuldigen f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Alexandros Grigoropoulos durch die Kugeln der unreum\u00fctigen M\u00f6rder.\u201c Bei einem weiteren Streifzug durch Ex\u00e1rchia sehe ich, wie ein w\u00fctender junger Mann mit einer Art von Kn\u00fcppel auf ein altes Auto einschl\u00e4gt. Die Scheiben zersplittern, der Au\u00dfenspiegel f\u00e4llt ab, das Blech beult sich. Der Mann zieht lautstark von dannen. Die beiden Besitzer des Autos stehen ratlos daneben. Sie werden sich vielleicht nicht ganz korrekt verhalten haben. Aber auch das ist Ex\u00e1rchia. An einem Samstagabend gehe ich auf die Plat\u00eda Exarch\u00edon. Auf selbstgemalten Pappschildern war zu einem \u201eFestival to Live\u201c eingeladen worden. Aber das Bild, das dieser dreieckige Platz unter den n\u00e4chtlichen B\u00e4umen liefert, ist nicht anders wie an anderen Abenden auch: Ein Gro\u00dfteil der meist m\u00e4nnlichen Besucher sitzt in den Nischen und im Halbdunkel herum und ist vornehmlich mit Kiffen besch\u00e4ftigt. Die angek\u00fcndigte Livemusik entpuppt sich als eine Jam Session mehrerer Musiker, spontan begleitet von abwechselndem Gesang auf Griechisch, aber das ist recht gut.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_19070\" aria-describedby=\"caption-attachment-19070\" style=\"width: 372px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030011.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19070 \" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030011-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"372\" height=\"496\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030011-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030011-300x400.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030011.jpg 420w\" sizes=\"auto, (max-width: 372px) 100vw, 372px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19070\" class=\"wp-caption-text\">Gedenktafel f\u00fcr Alexandros. Foto: Peter Oehler<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mitten in Ex\u00e1rchia liegt ein mittlerweile mit dichtem Gr\u00fcn zugewachsener kleiner Park in dem ansonsten dicht bebauten Stadtteil. Dagegen wirken die B\u00e4ume der Plat\u00eda Exarch\u00edon geradezu kahl und hager. Aufmerksam geworden auf diesen Park bin ich durch den Film \u201eParko\u201c (1), der auf einer Werkschau neuer griechischer Filme 2017 im Kino des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt gezeigt worden war. Dieser Dokumentarfilm thematisiert, wie ein urspr\u00fcnglich asphaltierter Parkplatz von Nachbar*innen und Aktivist*innen zu einem belebten Park umgestaltet worden ist. Dies ist w\u00e4hrend der Aufst\u00e4nde in 2008 passiert. Auf einem Parkschild mit dem griechischen Titel \u201eSelbstverwalteter Navarino Park\u201c steht (nur teilweise zu lesen, da das Schild durch ein gro\u00dfes anarchistisches \u201eA\u201c \u201everziert\u201c worden ist): \u201eOn March 7, 2009, the self-managed Parko Navarino was born in the heart of Exarcheia&#8230;\u201c Unterschrieben mit einem: \u201eSolidarity is our weapon.\u201c<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Leben in der Krise \/ AirBnb<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Lage ist schlimmer geworden. Gerade in der Gro\u00dfstadt Athen schlagen sich viele mit teilweise zwei oder drei (schlecht bezahlten) Jobs durchs Leben. Ein Grieche sprach mir gegen\u00fcber sogar von einem Genozid an den Griechen. Fr\u00fcher ging das durch Krieg, heute durch Aushungern. Einem Schulden f\u00fcr irgendetwas anh\u00e4ngen, und dann nach und nach ausnehmen. Er meinte pessimistisch, dass in 30 Jahren nur noch drei Millionen Griechen in Griechenland leben werden. Aber er sagte auch, dass die meisten Griechen der Meinung sind, dass zu viele Fl\u00fcchtlinge im Land seien. Meinen Vorwurf wies er barsch zur\u00fcck: Sie seien keine Rassisten, wenn sie sagen, es sind zu viele. Wie dem auch sei, aber Schulden fallen auch nicht so einfach vom Himmel.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Trotzdem schleppen eine ganze Reihe von Griechen Schulden vor sich her. Entweder durch einen alten Kredit, oder mal das Problem gehabt, Strom, Wasser, Telefon oder die Krankenkasse nicht p\u00fcnktlich bezahlen zu k\u00f6nnen, und schon h\u00e4uft sich ein kleiner Schuldenberg auf. <\/span><span lang=\"de-DE\">Den man dann m\u00fchsam und oft jahrelang versucht, wieder abzubezahlen. Und so spielt die Plattform AirBnb f\u00fcr viele Athener eine wichtige Rolle, um zus\u00e4tzliche Eink\u00fcnfte zu generieren. Viele bieten nicht oder nur teilweise genutzte R\u00e4ume als Privatunterkunft an. <\/span><span lang=\"de-DE\">Manche Wohnungen werden ausschlie\u00dflich f\u00fcr AirBnb genutzt, was im Sinne einer Wohnraumzweckentfremdung durchaus kritisch zu sehen ist. Und dadurch, dass es hier viele solcher Angebote gibt, geh\u00f6rt Athen konkurrenzbedingterweise zu den Gro\u00dfst\u00e4dten mit den preiswertesten Privatunterk\u00fcnften.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bei einem meiner abendlichen Streifz\u00fcge bin ich auch an dem niedrigen Geb\u00e4ude der Obst- und Gem\u00fcseh\u00e4ndler gegen\u00fcber der zentralen Markthalle vorbeigekommen. Direkt davor steht ein neuer, wei\u00dfer Lieferwagen mit zwei Waschmaschinen auf der Ladefl\u00e4che hinten, die bei ge\u00f6ffneter Heckklappe in Betrieb sind. Leute stehen herum und warten. Zur Unterhaltung l\u00e4uft auf einer Leinwand ein Laurel-und-Hardy-Film. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dies ist eine mobile Laundry for Homeless, sie unterst\u00fctzt also Obdachlose in Athen. Dazu passt, dass mir eine Frau in Pir\u00e4us eine kleine Geschichte erz\u00e4hlt hat. Sie war vor 40 Jahren in Paris gewesen, und hat dort zum ersten Mal in ihrem Leben Clochards gesehen, die bei Schnee im Januar sogar drau\u00dfen geschlafen haben. Das war ihr neu, denn so etwas gab es damals nicht in Griechenland. Aber heutzutage sieht man hier in den Gro\u00dfst\u00e4dten \u00fcberall Obdachlose. Aber oftmals verbirgt sich die Armut bei den Griechen auch einfach hinter einer Fassade des Wohlergehens. Zum Beispiel wenn 26-J\u00e4hrige gezwungen sind, bei ihren Eltern wohnen zu bleiben, weil sie kein oder zu wenig Geld verdienen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich habe mich auch wieder mit Alexandra Pavlou getroffen, die in M\u00fcnchen aufgewachsen ist, aber schon lange in Athen lebt. Sie versucht, mit dem \u00dcbersetzen von B\u00fcchern vom Deutschen ins Griechische und der Untervermietung eines Teils ihrer Wohnung \u00fcber AirBnb \u00fcber die Runden zu kommen. Ab und zu unterst\u00fctzt sie Besuchergruppen aus Deutschland als Dolmetscherin. Das ist auch der Fall, wenn Wolfgang Reinke, mit dem sie befreundet ist, und seinem Team vorbeikommt. Die Fertigstellung seines Films, der jetzt \u201eKrisis\u201c hei\u00dft (2), hat sich verz\u00f6gert (siehe auch meinen Artikel in der GWR 413). <\/span><span lang=\"de-DE\">Dieser Film begleitet \u00fcber einen gewissen Zeitraum drei Menschen, die bei einer sozialen Klinik in Pir\u00e4us mitarbeiten. Der Film hatte im Mai 2018 in Berlin Premiere, und wurde seitdem auch in Leipzig und Dresden gezeigt. Eine Vorf\u00fchrung in Frankfurt ist f\u00fcr Anfang 2019 geplant. Alexandra war auch bei der Vorpremiere in Athen dabei gewesen. Im Oktober soll Wolfgang nach Athen gekommen sein, n\u00e4mlich zur offiziellen Premiere. Der Film wurde bei einem gro\u00dfen Filmfestival in Thessaloniki abgelehnt, wahrscheinlich aus politischen Gr\u00fcnden: Es gibt Syriza-kritische \u00c4u\u00dferungen in diesem Film.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eldorado &#8211; The Struggle for Skouries<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich habe auch wieder das alternative Zentrum Nosotros in Ex\u00e1rchia und das nach wie vor von K\u00fcnstlerInnen besetzte freie und selbstverwaltete Theater Embros in Psirri besucht. Aber nach der Sommerpause l\u00e4uft im September in diesen Zentren noch recht wenig. Im Nosotros war ich einmal oben auf der sch\u00f6nen Dachterrasse gewesen. Im Embros habe ich an einem Sonntagabend das w\u00f6chentlich und \u00f6ffentlich stattfindende Plenum besucht, aber recht wenig verstanden. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bemerkenswert fand ich ein Plakat am Eingang des Nosotros. Beworben wurde die Vorf\u00fchrung des Films \u201eEldorado &#8211; The Struggle for Skouries\u201c (3) am 9. September im Nosotros und am 10. September 2018 im Embros. Der Termin war zwar schon vorbei, zeigte mir aber doch, dass dieses Thema nicht nur in der Chalkidiki und in Thessaloniki (ich berichtete dar\u00fcber in der GWR 424) nach wie vor wichtig ist, sondern auch in Athen. In Deutschland h\u00f6rt man dar\u00fcber ja so gut wie nichts mehr.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">18. September 2018: F\u00fcnf Jahre nach der Ermordung von Killah P. Pavlos Fyssas<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auch einen anderen Termin habe ich verpasst. Erst sp\u00e4ter habe ich das Plakat in Athen gesehen, das zu einer Demonstration zum 5. Todestag von Pavlos Fyssas nach Pir\u00e4us am 18. September aufrief. Der Hip-Hop-Musiker und antifaschistische Aktivist Pavlos Fyssas mit dem K\u00fcnstlernamen Killah P. war am 17. September 2013 von einem Mitglied der faschistischen Partei \u201eGoldene Morgenr\u00f6te\u201c in Pir\u00e4us ermordet worden (vgl. GWR 433). Auch in deutschen Medien wurde damals dar\u00fcber berichtet. (4)<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Solidarit\u00e4t Pir\u00e4us<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eine der Hauptaktivit\u00e4ten der Gruppe \u201eSolidarit\u00e4t Pir\u00e4us\u201c ist, an vier Tagen in der Woche auf einem kleinen Platz in Pir\u00e4us mittags f\u00fcr Bed\u00fcrftige zu kochen. Dieser Platz ist in der N\u00e4he des Hauptquartiers dieser Gruppe, und wird mittlerweile inoffiziell \u201ePlat\u00eda Allilegg\u00edis\u201c genannt, also \u201ePlatz der Solidarit\u00e4t\u201c. <\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_19071\" aria-describedby=\"caption-attachment-19071\" style=\"width: 534px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030018.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19071 \" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030018-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"534\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030018-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030018-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030018.jpg 747w\" sizes=\"auto, (max-width: 534px) 100vw, 534px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19071\" class=\"wp-caption-text\">\u201eSolidarit\u00e4t Pir\u00e4us\u201c-Secondhand-Laden. Foto: Peter Oehler<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich habe diese Gruppe im Sommer 2015 kennengelernt. Damals kam die Idee auf, warme Mahlzeiten nicht nur an diesem einen Platz, sondern auch an anderen Stellen in Pir\u00e4us anbieten zu k\u00f6nnen. Daf\u00fcr w\u00fcrde sich eine mobile K\u00fcche eignen, was man in Deutschland landl\u00e4ufig Feldk\u00fcche oder Gulaschkanone nennt. Deswegen habe ich im Oktober 2016 eine Spendenaktion gestartet. Als Privatperson ist das in Deutschland nicht so ohne weiteres m\u00f6glich, weswegen ich sie offiziell \u00fcber den gemeinn\u00fctzigen Berliner Verein \u201eRespekt f\u00fcr Griechenland\u201c habe laufen lassen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nach mehr als einem Jahr ging es sehr schleppend voran. Als ein untersch\u00e4tztes Problem haben sich die unterschiedlichen Sprachen herausgestellt. Denn als dann ein mit Leuten von \u201eRespekt f\u00fcr Griechenland\u201c befreundeter Grieche, der in Berlin lebt, Anfang 2018 nach Pir\u00e4us reiste und mit den Leuten von \u201eSolidarit\u00e4t Pir\u00e4us\u201c sprach, lief es auf einmal wunderbar. Innerhalb k\u00fcrzester Zeit hatten wir alle f\u00fcrs deutsche Finanzamt notwendigen Unterlagen, insbesondere die Bescheinigung, dass die \u201eSolidarit\u00e4t Pir\u00e4us\u201c ein nach griechischem Recht anerkannter gemeinn\u00fctziger Verein ist. Die n\u00e4chste H\u00fcrde war die Anschaffung der mobilen K\u00fcche. F\u00fcr die gespendeten 3.300 Euro kam nach genauer Pr\u00fcfung nur eine gebrauchte mobile K\u00fcche der Firma Progress in die engere Auswahl. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dieses Modell ist aber so schwer, dass es nur mit einer nicht serienm\u00e4\u00dfig vorgesehenen Auflaufbremse von einem PKW gezogen werden darf. Eine Nachr\u00fcstung h\u00e4tte den finanziellen Rahmen gesprengt. Au\u00dferdem h\u00e4tte der Transport mit einer Speditionsfirma von Deutschland nach Griechenland mindestens 1.000 Euro gekostet. Deswegen wurde in enger Absprache mit der \u201eSolidarit\u00e4t Pir\u00e4us\u201c entschieden, dass solch eine mobile K\u00fcche zwar prinzipiell sinnvoll w\u00e4re, dass aber das Spendengeld besser f\u00fcr Ger\u00e4tschaften eingesetzt werden k\u00f6nnte, die die Kochaktivit\u00e4ten der Gruppe als Ganzes unterst\u00fctzen. Und so wurden, nachdem alle Spender*innen, von denen die Kontaktdaten vorlagen, befragt worden sind, K\u00fchl- und Tiefk\u00fchltruhen, ein Computer und andere K\u00fcchenutensilien von dem Geld vor Ort gekauft. Au\u00dferdem konnten noch offenstehende Stromschulden beglichen werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Als ich im Sommer 2018 also die \u201eSolidarit\u00e4t Pir\u00e4us\u201c wieder besucht habe, war die Spendenaktion l\u00e4ngst erfolgreich abgeschlossen. Erfreulich dabei war auch, dass der Verein \u201eSolidarit\u00e4t Pir\u00e4us\u201c einen sehr guten Eindruck auf die Leute von \u201eRespekt f\u00fcr Griechenland\u201c gemacht hat. Deswegen gibt es eine weiterf\u00fchrende Kooperation zwischen den beiden Vereinen. (5) <\/span><span lang=\"de-DE\">Daraus entstand wiederum ein Freundeskreis, der bis auf weiteres monatlich einen Teil der Basiskosten, zum Beispiel f\u00fcr Wasser, Strom und Gas, \u00fcbernimmt. <\/span><span lang=\"de-DE\">In der Zwischenzeit waren auch Vertreter*innen von \u201eRespekt f\u00fcr Griechenland\u201c zu Besuch in Pir\u00e4us. Aber auch der Vorsitzende und seine Frau von \u201eSolidarit\u00e4t Pir\u00e4us\u201c haben mittlerweile \u201eRespekt f\u00fcr Griechenland\u201c in Berlin besucht. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Aktivit\u00e4ten von \u201eSolidarit\u00e4t Pir\u00e4us\u201c haben sich ausgedehnt. Im Keller unter dem Hauptquartier befindet sich jetzt ein Lager f\u00fcr Kleider, die gespendet worden sind. Es gibt auch eine eigene Schule, in der J\u00fcngere und \u00c4ltere Sprachen lernen: In Englisch, Griechisch und Spanisch. F\u00fcr Deutsch gibt es Bedarf, aber es fehlt eine Lehrperson. Au\u00dferdem gibt es in einem anderen Teil von Pir\u00e4us einen zweist\u00f6ckigen Laden voll mit M\u00f6beln. Hier werden M\u00f6bel und andere Sachen repariert und restauriert. Diese Second-Hand-M\u00f6bel werden gegen Lebensmittel oder Kleidung abgegeben. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es handelt sich also um eine \u00d6konomie ohne Geld. Bei meinen drei Besuchen der \u201eSolidarit\u00e4t Pir\u00e4us\u201c habe ich diese Gruppe als lebhaft, sehr aktiv und engagiert erlebt, dabei auch viele bekannte Gesichter gesehen. Stellenweise geht es im Hauptquartier zu wie in einem Taubenschlag: Ein Kommen und Gehen von den einzelnen Aktiven, die hier mit unterschiedlichen Aufgaben besch\u00e4ftigt sind. Ich merke, dass hier ein solidarischer und liebevoller Umgang untereinander herrscht. Auch Zeit f\u00fcr eine Unterhaltung ist immer vorhanden. Ich habe wieder tatkr\u00e4ftig bei den Kochaktionen mitgeholfen: Beim Auf- und Abbau, sowie bei der Essensausgabe. <\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Gefl\u00fcchtete in Athen<\/span><\/h5>\n<figure id=\"attachment_19069\" aria-describedby=\"caption-attachment-19069\" style=\"width: 420px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030002.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19069 size-full\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030002.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030002.jpg 420w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030002-300x400.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/gwr435_P1030002-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19069\" class=\"wp-caption-text\">Refugee\u2018s Village for Freedom, Athen 2018. Foto: Peter Oehler<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es ist kaum zu sagen, wie viele Fl\u00fcchtlinge sich in Athen aufhalten. Das Fl\u00fcchtlingslager in den Abfertigungshallen des ehemaligen Flughafens Ellinik\u00f3 mit 3.000 Gefl\u00fcchteten, das ich 2016 auch besucht hatte, ist verwaist. Es gibt offiziell nur noch ein Lager im Stadtgebiet: Das Eleonas Camp in der Agiou Polikarpou 87 (in einer Industriezone), das ich 2015 besucht hatte. Die meisten Camps befinden sich 50 bis 60 Kilometer au\u00dferhalb von Athen. Und doch sieht man im Stadtbild von Athen viele Fl\u00fcchtlinge. Das liegt daran, dass es im Stadtgebiet viele Squats gibt, also besetzte H\u00e4user, in denen Gefl\u00fcchtete leben.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">City Plaza: Das beste Hotel Europas<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ganz in der N\u00e4he vom Viktoria-Platz liegt das City Plaza, vormals ein leerstehendes Hotel. Es wurde im April 2016 besetzt. Nachdem ich dort im Sommer 2016 gewesen war, habe ich ihm diesmal wieder einen Besuch abgestattet. Unten im Eingangsbereich unterhalte ich mich mit Jorgos, der gut Englisch kann. In den letzten zwei Jahren hat sich wenig ver\u00e4ndert. Im Moment leben hier weniger als 400 Fl\u00fcchtlinge, aber ab Oktober wird es wieder voll sein. Es gab eine Aufforderung zur R\u00e4umung vom Besitzer, aber die Polizei scheint den Status \u201ebesetzt\u201c zu tolerieren. Das \u201eBest Hotel\u201c(6) ist keine Nichtregierungsorganisation (NGO), kann auch keinen legalen Status bekommen, da eine Absprache mit dem Besitzer nicht m\u00f6glich ist. Hier arbeiten aber zahlreiche Leute von anderen Einrichtungen. Jorgos zum Beispiel ist bei dem Netzwerk Diktyo. Es werden auch vermehrt Fl\u00fcchtlinge selbst f\u00fcr organisatorische Aufgaben eingesetzt. Die Finanzierung erfolgt \u00fcber Spenden, die haupts\u00e4chlich \u00fcber eine entsprechende Initiative von Medico International aus Deutschland kommen. (7) <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es gibt einen steten Wechsel, das hei\u00dft es gibt nur noch ganz wenige Fl\u00fcchtlinge, die seit zwei Jahren hier leben. Zum zweiten Jahrestag der Besetzung wurde zur Dokumentation eine Brosch\u00fcre herausgegeben, die ich f\u00fcr eine Spende von zehn Euro erwerbe. (8) <\/span><span lang=\"de-DE\">Sie enth\u00e4lt Interviews mit Fl\u00fcchtlingen, die hier gelebt haben, und Fotos. Das \u201eBest Hotel\u201c wird \u00fcbrigens von vielen Griechen, insbesondere Syriza-Anh\u00e4ngern, kritisch gesehen, da sie das H\u00e4userbesetzen nicht gut finden.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">WelCommon Hostel<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das WelCommon Hostel ist ein siebenst\u00f6ckiges, ehemaliges Krankenhaus in Ex\u00e1rchia. Dort wurden ab Herbst 2016 Fl\u00fcchtlinge, insbesondere solche mit Gesundheitsproblemen und psychischen Belastungen, untergebracht. Im Februar 2016 wurden die Zahlungen der UNHCR eingestellt, so dass das Projekt vor dem Aus stand. Deswegen hat man sich f\u00fcr eine Umstellung entschieden: In dem Geb\u00e4ude wohnen keine Fl\u00fcchtlinge mehr, sondern es wird als Hostel, also als G\u00e4stehaus f\u00fcr Tourist*innen, betrieben. In zwei Etagen sind jedoch soziale Projekte f\u00fcr Gefl\u00fcchtete untergebracht. Es ist angedacht, dass der Hostel-Betrieb dabei diese sozialen Projekte finanziell mit tragen soll.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">An einem Abend treffe ich mich mit zwei Studenten, die hier als Volunteers arbeiten. Der eine studiert soziale Arbeit (er kann sich seine T\u00e4tigkeit hier als Praktikum f\u00fcr sein Studium anrechnen lassen), der andere internationale Politik. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die beiden betreuen zusammen eine (Fl\u00fcchtlings-)Kindergruppe (7 bis 15 Jahre). Am Anfang waren es nur drei Kinder, aber durch Mund-zu-Mund-Propaganda sind es jetzt 20. Es sei zun\u00e4chst wichtig, den Kindern eine Struktur, und damit einen Halt im Leben zu geben. Die beiden Studenten geben ihnen auch Deutsch-Unterricht, teils auch Englisch. Eine ihrer Aktivit\u00e4ten gemeinsam mit den Kindern war es, hier am Geb\u00e4ude ein verm\u00fclltes Hinterhofgrundst\u00fcck zu entm\u00fcllen, und dann im Sinne eines Urban Gardenings zu bepflanzen. Auch Recycling ist ein Thema. Sie gehen mit den Kindern auch hinaus, in Parks, wobei es wichtig ist, dass es dort Wasser und eine Kirche gibt. Einer der beiden hat ein weiteres Projekt angefangen, n\u00e4mlich die Betreuung von Kindern in einem nahegelegenen Squat. Diese Kinder seien dort aber weit unten, im Vergleich zu denen, die zu WelCommon kommen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Respekt f\u00fcr Griechenland\u201c entsendet Volunteers nach Athen ins WelCommon Hostel. (9) <\/span><span lang=\"de-DE\">Zu meiner Zeit in Athen waren sieben bis acht Volunteers dort t\u00e4tig, die dann auch kostenlos im Hostel wohnen k\u00f6nnen. Da \u201eRespekt f\u00fcr Griechenland\u201c auch eine Kooperation mit \u201eSolidarit\u00e4t Pir\u00e4us\u201c hat, kam die Idee auf, dass eventuell auch Volunteers zur Unterst\u00fctzung nach Pir\u00e4us entsendet werden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Zu diesem Zweck habe ich diese Idee sowohl mit den beiden Studenten besprochen, als auch mit den Leuten der \u201eSolidarit\u00e4t Pir\u00e4us\u201c. W\u00e4hrend meiner Woche in Athen\/Pir\u00e4us gelang es aber noch nicht, dass es zu einem gegenseitigen Kennenlernen gekommen ist.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Refugee\u2018s Village for Freedom<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In der Themistokl\u00e9ous Stra\u00dfe, also mitten in Ex\u00e1rchia und ganz in der N\u00e4he vom Nosotros, bin ich auf einen kleinen Laden gesto\u00dfen. Auf dem Eingangsschild steht \u201eRefugee\u2018s village for freedom\u201c. Es geht um \u201eDie Felder der Solidarit\u00e4t\u201c. (10) <\/span><span lang=\"de-DE\">Der Mann, der hier bedient, erz\u00e4hlt mir, dass sie, also Fl\u00fcchtlinge, au\u00dferhalb von Athen auf einem St\u00fcck Land leben, und dort die Felder bewirtschaften. Gem\u00fcse und Obst, nur wenige Produkte, sowie ein paar andere Sachen werden hier im Laden angeboten. Ich kaufe ein bisschen Gem\u00fcse, und werde aufgefordert, so viel zu geben, wie ich meine.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Fazit<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Krise in Griechenland ist noch lange nicht vorbei. Auch wenn es dem Staat anscheinend besser geht, so sagt das nichts \u00fcber die Bev\u00f6lkerung aus. Aber viele Griechen haben gelernt, mit der Krise zu leben, sich also nicht unterkriegen zu lassen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dazu geh\u00f6ren ganz wesentlich die vielen selbstorganisierten bzw. selbstverwalteten Projekte, die ja auch immer ein Moment der Selbsthilfe beinhalten. In \u00e4hnlicher Weise sind auch die sozialen Projekte f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge zu sehen. Sie sind ein Teil dieser Gesellschaft.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Peter Oehler<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ex\u00e1rchia, das Zentrum des griechischen Anarchismus Ex\u00e1rchia ist nach wie vor ein einzigartiges Athener Stadtviertel. Diesmal bin ich hier doch tats\u00e4chlich der Polizei begegnet. In einer Stra\u00dfe parkte ein dunkelblauer Polizeibus am Stra\u00dfenrand. Jeweils an der Kreuzung vor und hinter dem Bus stand je ein hochbewaffneter Polizist mit Schutzschild. 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