{"id":19036,"date":"2018-12-21T02:37:32","date_gmt":"2018-12-21T00:37:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19036"},"modified":"2022-07-26T14:11:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:48","slug":"praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/12\/praxis\/","title":{"rendered":"Praxis"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und warum? Weil wir einen Anspruch an unser Leben haben, einen gemeinsamen Anspruch. Einige nennen diese Haltung anarchistisch. Das bedeutet, wir treffen uns nicht nur in linken Lesezirkeln und auf Demos, sondern wir setzen die \u00dcberzeugungen auch im Alltag um. Oder versuchen es zumindest. Das war in den 1990er Jahren. Aber das Primat der Praxis \u2013 gegen\u00fcber der Theorie, dem Denken, der Konzeption \u2013 ist ein Kern fast aller anarchistischen Ans\u00e4tze, auch heute noch. Die herrschaftslose Gesellschaft soll im Prinzip schon im Hier und Jetzt vorweggenommen werden. Das erfordert pers\u00f6nlichen Einsatz. Begeistert von deren Aufstrich und Ernsthaftigkeit schreibt die Schriftstellerin Stefanie Sargnagel nach ihrem Besuch bei einem anarchistischen Sommercamp \u00fcber die Anarchos: \u201eSie sind so lieb, aber so streng.\u201c (1) Das Strenge r\u00fchrt daher, dass die Umsetzung im Hier und Jetzt in einer total verherrschafteten Welt selbstverst\u00e4ndlich alles andere als einfach ist. Anstrengend. Die Strenge ist dem Versuch geschuldet, m\u00f6glichst wenig falsch zu machen, m\u00f6glichst wenige Kompromisse einzugehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aber politische Praxis ist immer kontaminiert. So klug sie auch geplant, so aufrichtig sie auch durchgef\u00fchrt wird, jeder Einkauf, jede Sozialversicherungsabgabe, jede Weihnachtsfeier mit den Eltern ist ein Kompromiss. Praxis kann da nur widerspr\u00fcchlich sein, inkonsequent, kompromisslerisch. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das muss keine deprimierende Erkenntnis sein. Denn auch aus Widerspr\u00fcchen entsteht Konstruktives, auch Kompromisse k\u00f6nnen Emanzipation bef\u00f6rdern. Aber erkennen sollte man es schon. Auch AnarchistInnen sollten zur Kenntnis nehmen, dass es unter kapitalistisch-heteronormativen Verh\u00e4ltnissen kein pur anarchistisches Verhalten gibt. (2) Es ist nicht nur praktisch kaum zu verwirklichen, auch theoretisch ist die Vision einer Reinheit des Tuns abzulehnen! Denn die g\u00e4ngelt mehr als sie befreit. Das ist ein postanarchistisches Argument.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Andere Anarchismen teilen es nicht. So etwa der wieder in Mode kommende insurrektionalistische Anarchismus. Insurrektion bedeutet Aufstand und der soll, geht es nach Alfredo M. Bonanno, ohne Kompromisse und sogar bewaffnet durchgef\u00fchrt werden. Bonanno hat seit den 1990er Jahren einige B\u00fccher verfasst, die jetzt in der Reihe Konterband Editionen (\u201eNeue Beitr\u00e4ge f\u00fcr eine anarchistische Revolution\u201c) in Z\u00fcrich auch auf Deutsch ver\u00f6ffentlicht werden. Darin erkl\u00e4rt er unter anderem die Grundprinzipien des insurrektionalistischen Anarchismus\u2018: Konfliktualit\u00e4t, Selbstverwaltung und Angriff. Der Konflikt soll gegen\u00fcber allen Dingen und Personen gesucht werden, die die Klassenherrschaft aufrechterhalten. Unter Angriff wird \u201edie Verweigerung jeglicher Abmachung, Vermittlungen, Befriedigung und Kompromiss mit dem Klassenfeind\u201c verstanden. (3) Da fragt man sich, in welcher Welt Bonanno lebt. Denn in den westlichen Gegenwartsgesellschaften ist der Klassenfeind doch recht h\u00e4ufig nicht so leicht zu erkennen. Wo f\u00e4ngt er an, wo h\u00f6rt er auf? Au\u00dferdem wird er wohl begleitet vom komplexen Geflecht namens Sexismus, nicht zu vergessen die verschiedenen Formen und Konjunkturen rassistischer Herrschaft. Klasse ist nicht alles, wenn es um Herrschaft geht. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wenn es weiter hei\u00dft, das Aktionsfeld des insurrektionalistischen Anarchismus best\u00fcnde in den \u201eMassenk\u00e4mpfen\u201c, muss man sich wohl auch fragen, wo diese Massen sind und f\u00fcr was sie \u2013 bei gegenw\u00e4rtig zwischen 30 und 60 Prozent Zustimmung zu ultrarechten Positionen \u2013 eigentlich k\u00e4mpfen. Kurz, der Insurrektionalismus konzipiert die Herrschaft, gegen die er den Aufstand machen will, doch \u00e4u\u00dferst simpel: Der Klassenfeind herrscht, die Massen werden unterdr\u00fcckt. Dass es seit \u00c9tienne de la Boeti\u00e9 (1530-1563) auch eine Debatte um das Mitmachen, Partizipieren und Kooperieren der Beherrschten gibt, um die \u201efreiwillige Knechtschaft\u201c (de la Boeti\u00e9), wird ignoriert. All die Versuche, diese Formen der aktiven oder passiven Beteiligung in eine anarchistische Theorie der Herrschaft zu integrieren, werden in den Wind der aktivistischen Tat geschlagen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Aber nicht nur die Analyse des Insurrektionalismus ist vereinfachend, weltfremd und falsch. Auch seine politischen Schlussfolgerungen sind es. Vielleicht l\u00e4sst sich der \u201eAffinit\u00e4tsgruppe\u201c noch etwas abgewinnen, die Bonanno vorschl\u00e4gt, weil die Gewerkschaften \u2013 die anarchosyndikalistischen Kleingruppen der FAU mal ausgenommen \u2013 sich in den letzten Jahrzehnten nicht gerade als die Speerspitze der Revolution hervorgetan haben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Affinit\u00e4tsgruppe beschreibt Bonanno als eingeschworenen kleinen Kreis von Genossinnen und Genossen, mit denen gemeinsam man eben zum \u201erevolution\u00e4rem Handeln\u201c schreitet. Aber wenn es darum geht, was dieses Handeln ausmachen soll, ist es mit dem Abgewinnen schnell vorbei. Bonanno schreibt: \u201eDer soziale bewaffnete Aufstand ist der einzige Weg, der zum Ziel der sozialen Befreiung fu<\/span><span lang=\"de-DE\">\u0308<\/span><span lang=\"de-DE\">hrt: die Scho<\/span><span lang=\"de-DE\">\u0308<\/span><span lang=\"de-DE\">pfung der Anarchie.\u201c Was soll man dazu sagen? Es ist grotesk. Als k\u00f6nnte Gewalt je eine gute (ethische) Vorwegnahme der erstrebten gesellschaftlichen Ordnung bieten; als k\u00f6nnte Gewaltanwendung je Argumenten, Streiks, Blockaden, Besetzungen etc. als (politisches) Mittel \u00fcberlegen sein; als k\u00f6nnte heute von irgendjemandem (strategisch) erreicht werden, was seinerzeit nicht einmal Che Guevara mit Charisma und bewegungskonjunkturellem R\u00fcckenwind gelungen ist, n\u00e4mlich \u201edie Massen\u201c mit Gewalt f\u00fcr emanzipatorische Ver\u00e4nderungen gewinnen! Ethisch, politisch, strategisch \u2013 es gibt keine Ebene, auf der Bonannos insurrektionalistischer Vorschlag, der kein Vorschlag sondern ein Imperativ ist, diskutabel w\u00e4re.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Klar, die Investoren und die Hedge-Fonds-Manager verdienen unseren Abscheu. Ebenso wie die Harvey Weinsteins und die Steve Bannons dieser Welt. Sie versch\u00e4rfen soziale Ungleichheit, diskriminieren, entw\u00fcrdigen, beuten aus. Sie bringen wissentlich Leid und Elend in die Welt. <\/span><span lang=\"de-DE\">Gegen sie und die Strukturen, die sie hervorbringen, brauchen wir Strategien und B\u00fcndnisse. Die erfordern eine differenzierte Herrschaftsanalyse und das praktische Eingest\u00e4ndnis, dass es ohne Kompromisse nicht geht. Sie erfordern auch eine eindeutig emanzipatorische Massenbewegung, wenn den Herrschenden Zugest\u00e4ndnisse abgerungen oder sogar Diktaturen gest\u00fcrzt werden sollen, wie im Mai in Armenien praktisch geschehen. F\u00fcr solche B\u00fcndnisse und Strategien ist das insurrektionalistische Sektierertum nur hinderlich. <\/span><span lang=\"de-DE\">Aber wahrscheinlich sind die meisten Anarchas und Anarchos heute doch ohnehin eher so, wie Stefanie Sargnagel sie beim Sommercamp kennengelernt hat: \u201eSie sind eigentlich insgesamt sehr vital und kr\u00e4ftig, weniger Suffpunks. Sie stehen relativ fr\u00fch auf und machen irgendwas mit ihren Muskeln, Boxen \u00fcben oder Parcours, und dann diskutieren sie stundenlang \u00fcber eine gerechte Welt und ihre PHDs und so was und bauen eine Dusche aus Holz.\u201c (4)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Oskar Lubin<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und warum? Weil wir einen Anspruch an unser Leben haben, einen gemeinsamen Anspruch. Einige nennen diese Haltung anarchistisch. Das bedeutet, wir treffen uns nicht nur in linken Lesezirkeln und auf Demos, sondern wir setzen die \u00dcberzeugungen auch im Alltag um. Oder versuchen es zumindest. Das war in den 1990er Jahren. 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