{"id":1913,"date":"1998-04-01T00:00:39","date_gmt":"1998-03-31T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1913"},"modified":"2022-07-26T13:11:55","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:55","slug":"maulwurf-und-andere-jagden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/04\/maulwurf-und-andere-jagden\/","title":{"rendered":"Maulwurf- und andere Jagden"},"content":{"rendered":"<p>Das Aktionsb\u00fcndnis Castor-Widerstand Neckarwestheim hatte sich darauf geeinigt, am Tag X zu einer Blockade vor dem Tor II des AKW aufzurufen. Hier m\u00fcssen alle Transporte rausfahren, und wir wollten diesmal eine gemeinsame Aktion von allen. Wegen des &#8211; nach unserer Planung &#8211; um einen Tag vorgezogenen Stra\u00dfentransporttermins entfiel das f\u00fcr den &#8222;Tag X minus 1&#8220; vorgesehene Progamm am Vortag. Am Donnerstag, den 19.3. 98 fand bereits der Transport statt.<\/p>\n<p>Trotzdem waren morgens um 6 Uhr an diesem Tag die ersten AtomkraftgegnerInnen vor dem Tor II des AKW. Um 8 Uhr waren es bereits ca. 150, bis um 13 Uhr dann 500 Personen &#8211; die meisten davon bei der Sitzblockade. Die Polizei befand sich mit den ersten Hundertschaften und der Hundestaffel vor dem Tor II. Ab 13.30 Uhr r\u00fcckten dann die Mannschaftswagen der &#8218;Castor-Hundertschaften&#8216; an, ebenso die Gefangenenbusse, Wasserwerfer und die Pferdestaffel. Diese &#8222;Deeskalationsstrategie&#8220; der Polizei wurde von den AKW-GegnerInnen lautstark begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<h3>Maulw\u00fcrfe im Tunnel, Blockade am Tor<\/h3>\n<p>Seit 10 Uhr war bekannt, da\u00df die B 27 zwischen Kirchheim und Walheim durch einen Tunnel, in dem sich zwei AKW-Gegner befanden, f\u00fcr den Castor-Transport nicht mehr befahrbar war. Der Polizei gelang es bis zum Nachmittag nicht, den Tunnel zu r\u00e4umen. Dar\u00fcber wurde bei der Blockade laufend berichtet. Als die Poliztei alle AKW-GegnerInnen massiv von den Maulw\u00fcrfen fernhielt, die Presse abdr\u00e4ngte und sogar den Demo- Sanit\u00e4tern der Kontakt verwehrt wurde, gingen aus der Blockade ca. 40 Personen vor Ort zur Tunnelaktion. Denn inzwischen versuchte das eingeflogene Sondereinsatzkommando (das sind die mit den schwarzen Gesichtsmasken) mittels Seilen und Ketten die beiden Maulw\u00fcrfe gewaltsam aus dem Tunnel zu ziehen.<\/p>\n<p>Vor dem Tor II begann der Aufmarsch der herbeigekarrten Hundertschaften. Um die Sitzblockade wurde ein Kessel gebildet. Einsch\u00fcchtern lie\u00df sich jedoch niemand. Die drei Aufforderungen der Polizei, den Platz zu r\u00e4umen, wurden mit Pfiffen und Sprechch\u00f6ren gegen die Atompolitik beantwortet. Die zahlreichen Fernsehkameras und FotografInnen konnten dann ab 16 Uhr den Beginn der Ingewahrsamnahme von AtomkraftgegnerInnen filmen, die von der Polizei weggetragen wurden. Nach der Personalienfeststellung wurden die meisten mit auf den R\u00fccken gefesselten H\u00e4nden in den Gefangenenbussen abtransportiert. Diese erste von der Polizei noch ohne k\u00f6rperliche Gewalt durchgef\u00fchrte Gefangennahme hatte einen Fehler: in 50 Minuten konnten nur drei Gefangenentransporter mit ca. 70 AKW-GegnerInnen gef\u00fcllt werden (An diesem Tag wurden insgesamt \u00fcber 120 Personen in Gewahrsam genommen)! Dabei hatte der Castor-Transport durch die Tunnelaktion bereits \u00fcber zwei Stunden Versp\u00e4tung, das weitere Wegtragen der BlockiererInnen zur Ingewahrsamnahme h\u00e4tte den Zeitplan vollends gekippt.<\/p>\n<p>Als um 17.15 Uhr die beiden Maulw\u00fcrfe aus dem Tunnel waren, verst\u00e4rkte die Polizei den Kessel um die BlockiererInnen. Gleichzeitig ritt eine Pferdestaffel in die dahinter stehenden Menschen, um sie mit Gewalt abzudr\u00e4ngen. Die &#8222;Eingreiftrupps&#8220; der zus\u00e4tzlich aufmarschierenden Polizei begannen nun mit k\u00f6rperlicher Gewalt, die Blockade von hinten zu r\u00e4umen. Dabei wurden zwei AKW-GegnerInnen so schwer verletzt, da\u00df sie nach der Erstversorgung durch die Sanit\u00e4tergruppe mit Rettungswagen weggefahren werden mu\u00dften. W\u00e4re die Presse nicht so zahlreich vor Ort gewesen, h\u00e4tte es bestimmt noch den Schlagstockeinsatz und noch mehr Gewalt seitens der Polizei gegeben.<\/p>\n<p>Das Aktionsb\u00fcndnis Castor-Widerstand Neckarwestheim bewertet diesen Widerstandstag als einen Erfolg f\u00fcr die Anti-AKW-Bewegung in S\u00fcddeutschland. Trotz des vorgezogenen Transporttermines waren insgesamt ca. 700 Personen vor Ort, um ihre Ablehung der Atomenergie direkt zum Ausdruck zu bringen.<\/p>\n<h3>Verhaftungen und juristische Nachspiele<\/h3>\n<p>Zwei am Transporttag von der Polizei verhaftete AKW-Gegner wurden bereits am n\u00e4chsten Tag vor dem Amtsgericht Heilbronn im &#8222;Schnellverfahren&#8220; zu sechsmonatigen Haftstrafen verurteilt, zus\u00e4tzlich noch zu 1 000 bzw. 600 DM Geldstrafe. Die Haftstrafen wurden f\u00fcr drei Jahre zur Bew\u00e4hrung ausgesetzt. Beide waren wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt angeklagt worden. Bei einem der AKW-Gegner erhob die Staatsanwaltschaft diese Vorw\u00fcrfe im Zusammenhang mit dessen Festnahme. Diese war durch mehrere Polizisten mit brutalen Mitteln durchgef\u00fchrt worden. Dabei soll der Beschuldigte einen Polizisten getreten und einen in den kleinen Finger gebissen haben! Vor Gericht sagte einer der &#8222;schwer&#8220; verletzten Polizisten aus, da\u00df er wegen des Tritts habe kurz husten m\u00fcssen und sonst keine k\u00f6rperliche Beschwerden habe. Der andere Polizist schlo\u00df nicht aus, da\u00df der Angeklagte den Mund bei der Festnahme deshalb ge\u00f6ffnet habe, weil er ihn mit seinen behandschuhten H\u00e4nden am Kopf gepackt habe und er eventuell keine Luft mehr bekommen habe. Dabei sei er in den kleinen Finger gebissen worden! Beide AKW-Gegner lassen sich diese Verurteilungen nicht gefallen und gehen in die Berufung!<\/p>\n<p>Interessant an dieser Verurteilung ist der politische Hintergrund. Ein Schnellverfahren nach Paragraph 417ff der Strafproze\u00dfordnung kann nur durchgef\u00fchrt werden, wenn erstens die Beweislage eindeutig und zweitens der Sachverhalt klar ist. In beiden F\u00e4llen war dies nicht so, ja es lagen sogar unterschiedliche Zeugenaussagen von Polizisten vor. Deshalb lie\u00df der Richter in einem Verfahren nur den Polizisten vereidigen, der den AKW-Gegner beschuldigte, den zweiten jedoch nicht. Nachdem drei Zeugen den Angeklagten unter Eid entlasteten, wurden sie noch im Gerichtssaal wegen Meineid verhaftet!<\/p>\n<p>Die Atomindustrie und ihre Politiklobby versuchen durch solche Prozesse, die Anti-AKW-Bewegung zu kriminalisieren, denn unserer inhaltlichen Kritik an der Atompolitik k\u00f6nnen sie nichts entgegenhalten.<\/p>\n<h3>Ein Verbot und seine \u00dcberwindung durch den Druck der Masse<\/h3>\n<p>Das Aktionsb\u00fcndnis Castor-Widerstand Neckarwestheim hatte am Sonntag vor dem Transport, am 15.3.98, die &#8222;Auftaktdemonstration gegen den Castor-Transport&#8220; durchgef\u00fchrt. Am Freitag-Nachmittag wurde uns f\u00fcr die bereits seit langem angemeldete Demonstration die Auflage erteilt, die Abschlu\u00dfkundgebung nicht vor dem Tor II des AKW durchf\u00fchren zu d\u00fcrfen! Alle bisherigen Demos und die Sonntagsspazierg\u00e4nge hatten immer dieses Tor als Ziel. Jetzt pl\u00f6tzlich war die angebliche Behinderung des Stra\u00dfenverkehres h\u00f6her zu bewerten als das Grundrecht auf Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit! Da zu dieser Auftaktdemonstration trotz Regenwetters 3 000 AKW-GegnerInnen kamen, konnte in einem &#8222;Polizeigespr\u00e4ch&#8220; vor Ort der urspr\u00fcngliche Kundgebungsort doch noch durchgesetzt werden.<\/p>\n<p>Die Castoren wurden nach Ahaus verschoben. Die Atomindustrie will durch die jahrzehntelange &#8222;Zwischenlagerung&#8220; als Ersatz f\u00fcr den Entsorgungsnachweis den weiteren Betrieb der AKWs sichern. Ein sicheres Endlager wird es f\u00fcr den hunderttausende von Jahren strahlenden Atomm\u00fcll nie geben. Der Ausstieg aus der Atomkraft mu\u00df \u00fcber unseren politischen Druck und unsere Aktionen endg\u00fcltig durchgesetzt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Aktionsb\u00fcndnis Castor-Widerstand Neckarwestheim hatte sich darauf geeinigt, am Tag X zu einer Blockade vor dem Tor II des AKW aufzurufen. Hier m\u00fcssen alle Transporte rausfahren, und wir wollten diesmal eine gemeinsame Aktion von allen. 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