{"id":1921,"date":"1998-04-01T00:00:00","date_gmt":"1998-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1921"},"modified":"2022-07-26T13:06:11","modified_gmt":"2022-07-26T11:06:11","slug":"machtiger-als-wir-ahnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/04\/machtiger-als-wir-ahnen\/","title":{"rendered":"M\u00e4chtiger, als wir ahnen"},"content":{"rendered":"<p>Gewaltfreie AktivistInnen sind Menchen, die einen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Teil ihrer Selbst &#8211; ihres Lebens, ihrer Energie, ihres Gef\u00fchls &#8211; in den Versuch stecken, eine Situation zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Der t\u00fcrkische Kriegsgegner Osman Murat \u00dclke, der wiederholt gefangen genommen wurde, k\u00f6nnte m\u00f6glicherweise seiner Einberufung leise entgehen, und dabei sicherlich auch vermeiden jemanden t\u00f6ten zu m\u00fcssen. Stattdessen nutzt er all seine Macht und die seines sozialen Umfeldes, eine Ver\u00e4nderung zu erreichen.<\/p>\n<p>Wir w\u00e4hlen keine &#8222;pers\u00f6nliche L\u00f6sung&#8220;, sondern wir streben nach einer sozialen oder sogar universalen L\u00f6sung. Und so passiert es, da\u00df wir beispielsweise eingesperrt werden oder manchmal ein k\u00f6rperliches Risiko eingehen um ein t\u00f6tliches Programm zu blockieren &#8211; nur f\u00fcr wenige Stunden oder Minuten &#8211; und wir tun unz\u00e4hlige andere Dinge, die, in einem gro\u00dfen Zusammenhang gesehen, vielleicht gesellschaftlich nebens\u00e4chlich erscheinen, die wir aber bei Gelegenheiten als eine Sache um Leben und Tod betrachten.<\/p>\n<p>Gewaltfreie Aktion &#8211; sei es Ziviler Ungehorsam oder konstruktive Arbeit &#8211; zielt normalerweise darauf hin, z\u00fcndend zu sein. Schlie\u00dflich hoffen wir Katalysatoren f\u00fcr ein breiteres Empowerment zu sein, andere zu ermutigen, sich nicht wie Opfer zu verhalten, sondern sich als aktive B\u00fcrgerInnen wahrzunehmen, einen Prozess zu initiieren um soziale Macht von unten neu aufzubauen.<\/p>\n<p>Gewaltfreie Macht ist nicht Dominanz, es ist die.Macht zu sein und die Macht zu handeln. Sie verbindet ein pers\u00f6nliches Verst\u00e4ndnis von Macht &#8211; innere Macht &#8211; mit einem Willen zur kollektiven Aktion &#8211; Macht zusammen mit &#8211; und einem Begehren bestimmte Ziele zu erreichen &#8211; Macht in Beziehung zu.<\/p>\n<h3>Innere Macht<\/h3>\n<p>Sie beginnt bei Dir selbst. Die meisten Menschen haben sich damit abgefunden, da\u00df Ereignisse unabh\u00e4ngig von ihnen passieren, und die meisten haben sich auch an ihre Unterdr\u00fcckung angepa\u00dft. Was immer gewaltfreie AktivistInnen dazu f\u00fchrt zu rebellieren, ihre eigene innere Macht zu finden und sich auf den Weg zu machen, es kann bei anderen Menschen auf Verst\u00e4ndnis sto\u00dfen und eine Diskussion Wert sein.<\/p>\n<p>Unsere Motive k\u00f6nnen Herz und Kopf, Liebe und Ha\u00df, Frust und Hoffnung verbinden. Manchmal gelingt es Menschen einen guten Mittelweg zu finden, aber gewaltfreie AktivistInnen sind keine Engel &#8211; wir sind rebellische Menschen und wir k\u00f6nnen uns das Leben, sogar gegenseitig, sehr schwer machen. Jede Gruppe w\u00fcrde von einem Brainstorming zu den folgenden zwei Fragen profitieren.<\/p>\n<ul>\n<li>was bewegt uns, uns diesen \u00c4rger einzuhandeln?<\/li>\n<li>warum machen wir trotzdem weiter?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die pers\u00f6nliche Einstellung ist das Zentrum von Gewaltfreiheit, egal ob es Alltagsentscheidungen \u00fcber eher banale Sachen wie Lebensmittel, Kleidung und Mobilit\u00e4t betrifft, oder einen Anla\u00df, wo Du Gef\u00e4ngnis oder mehr riskierst. Und Gelegenheiten ergeben sich, wenn wir uns gen\u00f6tigt sehen, eine bestimmte Aktion ungeachtet irgendeiner Kalkulation ihrer Wirkung zu ergreifen.<\/p>\n<p>Trotzdem, in der Arbeit f\u00fcr Ver\u00e4nderung mu\u00df unsere innere Macht von der Macht zusammen mit begleitet sein, im Zusammensein mit anderen Menschen. es kann sonst wirklich hart sein, die innere Macht auszudr\u00fccken, ohne die Verbindung zu anderen Menschen zu haben.<\/p>\n<h3>Macht zusammen mit<\/h3>\n<p>Die Struktur von Bewegungen &#8211; und im Westen w\u00fcrde ich besonders die Praxis, sich in kleinen Gruppen zu organisieren hervorheben &#8211; kann eine wichtige Rolle dabei spielen, da\u00df jedeR von uns seine\/ihre Stimme findet, sein\/ihr pers\u00f6nliches Gleichgewicht halten und den Kampf durchstehen kann. Das bedeutet den Beziehungen und Strukturen in Bewegungen Aufmerksamkeit entgegenzubringen.<\/p>\n<p>Indem wir zusammenarbeiten, haben wir viele M\u00f6glichkeiten \u00c4ngste, Hemmungen und andere Blockaden zu \u00fcberwinden und unsere innere Macht zu finden, aber auch das Verlangen bis an unsere Grenze zu gehen auszugleichen, indem wir uns umeinander k\u00fcmmern und auf uns selber achtgeben.<\/p>\n<p>In harten Zeiten &#8211; wenn wenig Grund auf Hoffnung besteht und wir uns isoliert f\u00fchlen &#8211; brauchen wir einander, um weitergehen zu k\u00f6nnen. Allgemein tendieren Bewegungen dazu einen zyklischen Charakter zu besitzen: AktivistInnen sind ausgepowert, oder andere Bereiche des Lebens m\u00fcssen mehr Beachtung finden. Dies erscheint unvermeidlich, aber Bewegungen k\u00f6nnen ihren Niedergang beschleunigen, und ihr eigenes Potential verschwenden, indem sie ihre Strukturen vernachl\u00e4ssigen, indem sie es vers\u00e4umen zur Teilnahme auf verschiedenen Ebenen zu ermutigen und indem sie es vers\u00e4umen Menschen zu helfen sich in Zeiten der Ver\u00e4nderung umzustellen. F\u00fcr viele von uns ist es auch wichtig Alternativen zum Oben-Unten der typischen konventionellen Machtmodelle aufzuzeigen.<\/p>\n<p>Eine gemeinsame Identit\u00e4t sorgt f\u00fcr Zusammenhalt in der Bewegung, egal ob dies \u00fcber gemeinsame Werte oder \u00fcber gemeinsame Unterdr\u00fcckungserfahrung geschieht. Manchmal nimmt dies \u00e4u\u00dfere Erscheinungsformen an. F\u00fcr InderInnen bedeutete das Tragen der handgesponnenen Kleidung &#8211; Khadi -, die Nehru als die Kleidung der Freiheit bezeichnete, ein Symbol der Einigkeit im Kampf und eine freiwillig aufgenommene Selbstdisziplin. Manchmal ist es eine Form der Selbstbehauptung. Slogans wie &#8222;black is beautiful&#8220; oder &#8222;glad to be gay&#8220; haben die Macht Selbstunterdr\u00fcckung zu \u00fcberwinden. Wenn eine Gruppe von Menschen &#8211; sei es ein Geschlecht oder eine Nation &#8211; marginalisiert werden und ihre Errungenschaften unsichtbar gemacht werden, sind ihr Bewu\u00dftsein \u00fcber ihre Identit\u00e4t und ihre eigene Geschichte und Kultur lebenswichtig, um ihren Selbstwert zu erhalten.<\/p>\n<p>Identit\u00e4t kann nat\u00fcrlich zweischneidig sein. Trotzdem, f\u00fcr Bewegungen, die auf einer Philosophie der Gewaltfreiheit basieren, ist Identit\u00e4t nicht auf Ausschlie\u00dfung gegr\u00fcndet, sondern im Zusammenbringen von Selbstachtung mit Respekt vor anderen, oder in Gandhis Worten: Arbeiten f\u00fcr Unabh\u00e4ngigkeit, w\u00e4hrend wechselseitige Abh\u00e4ngigkeit gehegt wird. Eine Quelle der Identit\u00e4t einer Bewegung kann der Weg sein, wie gearbeitet wird, die Aktionsmethoden und die Art und Weise zu organisieren, ihre Sorge daf\u00fcr, einschlie\u00dfend und teilnehmend zu sein.<\/p>\n<h3>Macht in Beziehung zu<\/h3>\n<p>Wenn wir \u00fcber die Macht zusammen mit nachdenken, m\u00fcssen wir auch dar\u00fcber nachdenken, mit wem und wie wir Allianzen bilden k\u00f6nnen. F\u00fcr einige reicht es aus, die innere Macht mit der Macht zusammen mit zu verbinden und sich darauf zu konzentrieren die eigene Kraft auzubauen. Aber die meisten Bewegungen tendieren dazu, sich in Konflikten zu engagieren: unsere wirklichen Ziele stehen im Konflikt zu den herrschenden Machtstrukturen und zu konventionellen Einstellungen. Also hat Macht mit mit strategischen Fragen zu tun: von welcher sozialer Basis aus k\u00f6nnen Aktionen ausgehen? Wessen Unterst\u00fctzung k\u00f6nnen wir f\u00fcr bestimmte Ziele gewinnen? Welche Stellen der Macht in der Gesellschaft sind am ehesten beeindruckbar, um Druck f\u00fcr Ver\u00e4nderung zu erzeugen?<\/p>\n<p>Also, Macht in Beziehung zu bedeutet in Beziehung zu unseren Zielen und zu den dominanten Machtbeziehungen. Welchen Einflu\u00df hat eine gewaltfreie Bewegung gegen die Politik der allgemein eingeb\u00fcrgerten und institutionellen M\u00e4chte? Die klassisch gewaltfreie Antwort ist darauf: die Macht einer Bev\u00f6lkerung, die ihre Zusammenarbeit verweigert &#8211; und Bewegungen sollten niemals vergessen, da\u00df Systeme regieren, weil die Menschen gehorchen. Zu der Zeit, als es noch \u00fcblicher war von einer &#8222;anderen Gesellschaft&#8220; zu sprechen, haben wir auch davon gesprochen, den Staat \u00fcberfl\u00fcssig zu machen &#8211; und das ist immernoch keine schlechte Perspektive f\u00fcr eine konstruktive Aktion.<\/p>\n<p>Welche G\u00fcltigkeiten diese klassischen Antworten auch immer innehaben, trotzdem sind sie zu allgemein f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse der Bewegungen. Grundlegender sozialer Wandel kann kaum so einfach erreicht werden. Stattdessen m\u00fc\u00dfte es eine Kombination der Methoden geben: Dialog ohne kleinbeizugeben, \u00dcberzeugung mit Druck, selbstorganisierter Aufbau von Alternativen mit gewaltfreiem Widerstand &#8211; und Rhythmen der Aktivit\u00e4t, mit ruhigen Phasen und dramatischen H\u00f6hepunkten, Risiko mit Vorsicht aufsichnehmen.<\/p>\n<h3>Ein strategisches Basiswissen<\/h3>\n<p>Hier wird es wichtig f\u00fcr eine Bewegung einen Sinn f\u00fcr die eigene Effektivit\u00e4t zu haben, und dieser Sinn ist am besten in einer Strategie gegr\u00fcndet, die gut definierte Themen und klare Ziele beinhaltet.<\/p>\n<p>Ohne dieses strategische Basiswissen ist es leicht, einen Irrglauben bez\u00fcglich der eigenen Effektivit\u00e4t zu entwickeln:<\/p>\n<ul>\n<li>Aktionen und Ereignisse zu wiederholen, weil sie sich gut anf\u00fchlen, und dann zu entdecken, da\u00df sie aufgeh\u00f6rt haben sich gut anzuf\u00fchlen, da\u00df ein netter Kreis von Leuten kreiert wurde, die sich zwar wohlf\u00fchlen, aber die es nicht geschafft haben, etwas zu erreichen, die sich verausgaben, aber die die Situation nicht ver\u00e4ndern k\u00f6nnen.<br clear=\"none\"\/><br clear=\"none\"\/><\/li>\n<li>Sich auf falsche Kriterien f\u00fcr eine Bewertung verlassen, zum Beispiel quantitative Kriterien: die Anzahl der Teilnehmenden, die Menge der Pressemitteilungen, die Kosten, die einem Gegner beigebracht wurden, die Dauer der Verz\u00f6gerung, die f\u00fcr ein Projekt erreicht werden konnte, die dazugewonnenen Resourcen;<br clear=\"none\"\/><br clear=\"none\"\/><\/li>\n<li>Sich nur noch der Technik hinzugeben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Allerdings gibt es auch die entgegengesetze Gefahr, den eigenen<br \/>\nErfolg nicht zu erkennen. Wenn eine Bewegung ihr endg\u00fcltiges Ziel noch nicht erreicht hat, bedeutet das nicht, da\u00df sie bisher noch gar nichts erreicht hat. Eine Strategie mu\u00df untergeordnete Ziele kennzeichnen, Schritte auf dem Weg zur Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p>Bewegungen sollten sich auch der Zeitspannen gewahr sein, die zwischen einer Aktion und ihrer offensichtlichen Wirkung liegen. Dies setzt eine Mikro- und eine Makro-Ebene voraus. Bewegungen k\u00f6nnen untergehen gerade dann, wenn sie ihrem Ziel am n\u00e4chsten sind. Solidarnosc in Polen war ein solcher Fall; sie waren daran beteiligt ein Abbr\u00f6ckeln der Staatsmacht in Gang zu setzen, was dazu f\u00fchrte, da\u00df das System sp\u00e4ter zusammenbrach, aber zu dem Zeitpunkt hatte die Bewegung ihre Kraft verloren.<\/p>\n<p>Wie Barbara Deming feststellte, haben wir mehr Macht, als wir ahnen. Eine zentrale Rolle f\u00fcr Organisationen wie den War Resisters&#8216; International und einer Zeitung wie der Peace News ist es, uns selber und anderen die Quellen und die Wirkung gewaltfreier Macht zu enth\u00fcllen &#8211; von der Person zur Gruppe auf die gesellschaftliche Ebene. Und da k\u00f6nnen einige Kriterien wichtiger sein eine gewaltfreie Bewegung zu beurteilen, als unsere Effektivit\u00e4t im Entfesseln der gewaltfreien Potentiale der Gesellschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewaltfreie AktivistInnen sind Menchen, die einen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Teil ihrer Selbst &#8211; ihres Lebens, ihrer Energie, ihres Gef\u00fchls &#8211; in den Versuch stecken, eine Situation zu ver\u00e4ndern. Der t\u00fcrkische Kriegsgegner Osman Murat \u00dclke, der wiederholt gefangen genommen wurde, k\u00f6nnte m\u00f6glicherweise seiner Einberufung leise entgehen, und dabei sicherlich auch vermeiden jemanden t\u00f6ten zu m\u00fcssen. 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