{"id":19259,"date":"2019-01-30T20:30:11","date_gmt":"2019-01-30T18:30:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19259"},"modified":"2019-03-16T18:50:02","modified_gmt":"2019-03-16T16:50:02","slug":"wir-organspender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/01\/wir-organspender\/","title":{"rendered":"Wir Organspender"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Seit September 2018 wird wieder in einer breiteren \u00d6ffentlichkeit diskutiert, in Deutschland sollte jede Person als Organspender gelten, die nicht ausdr\u00fccklich widerspricht oder deren Angeh\u00f6rige kein Veto geltend machen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dabei ist die derzeit geltende Regelung erst im Mai 2012 vom Bundestag verabschiedet worden: Alle Krankenversicherten werden von ihren Krankenkassen regelm\u00e4\u00dfig angeschrieben und erhalten einen Organspenderausweis zugeschickt mit der Aufforderung, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich zu entscheiden (deshalb \u201eEntscheidungsl\u00f6sung\u201c), dass der ausdr\u00fcckliche Zweck des Gesetzes die F\u00f6rderung der Organspende ist, gleichzeitig aber gefordert wird, \u201eergebnisoffen\u201c solle die Information sein, hat zu vielen Diskussionen gef\u00fchrt. Jedenfalls wurde das Ziel nicht erreicht. Deshalb fordern immer mehr \u00c4rztefunktion\u00e4re und GesundheitspolitikerInnen, die \u201eEntscheidungsl\u00f6sung\u201c durch eine \u201eWiderspruchsl\u00f6sung\u201c zu ersetzen, die alle Menschen als SpenderInnen voraussetzt, es sei denn sie hinterlegen einen Widerspruch.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Manche Verf\u00fcgung \u00fcber den eigenen K\u00f6rper wurde in den letzten Jahrzehnten scheinbar liberalisiert: Abtreibungsrecht, pr\u00e4natale Diagnostik, Verf\u00fcgung \u00fcber Drogen zur Selbstverbesserung, Sch\u00f6nheitsoperationen, Tattoos, \u2026 um nur einige \u201eAnwendungsfelder\u201c der Individualisierung zu nennen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aber keine dieser Verf\u00fcgungen ist ohne Widerspr\u00fcche, so werden Schwangerschaftsabbr\u00fcche von evangelikalen FundamentalistInnen kriminalisiert, gleichzeitig werden Menschen beargw\u00f6hnt, die trotz vorgeburtlicher Diagnostik ein m\u00f6glicherweise behindertes Kind gerade nicht abtreiben. Au\u00dferdem f\u00fchrt das scheinbare Selbstbestimmungsrecht zunehmend zu Kommerzialisierungen des K\u00f6rpers und dadurch zu Fremdzugriffen wie zum Beispiel Leihmutterschaft. <\/span><span lang=\"de-DE\">Gleichzeitig sind Tendenzen der Normierung st\u00e4rker geworden: Was ein \u201egesunder K\u00f6rper\u201c ist, wie er gef\u00f6rdert werden sollte und welche Sanktionen vielleicht sogar angedroht werden k\u00f6nnten (Krankenkassenbeitr\u00e4ge!), wenn jemand sich \u201eunvern\u00fcnftig\u201c verh\u00e4lt. K\u00f6rper und \u201eGesundheit\u201c sind also Kampfpl\u00e4tze \u00f6ffentlicher Auseinandersetzungen. Oder auch von Klassenauseinandersetzungen, denken wir nur an den K\u00f6rper der Unterschichten, die gerne als \u00fcbergewichtig, ungepflegt, von Fastfood, Alkohol und Zigaretten geformt vorgestellt werden, unsportlich, nachl\u00e4ssig und irgendwie ungesund. <\/span><span lang=\"de-DE\">Ganz anders die Mittelklassen, hier wird \u2013 wie beim \u201eSelf-Tracking\u201c \u2013 in eigener Regie betrieben, was auch ein chinesisches Punktesystem selbstverantwortlichen Verhaltens nicht besser regulieren k\u00f6nnte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Beim Thema Organspende entsteht eine Biopolitik, die Verf\u00fcgungen \u00fcber Leben und Tod tendenziell gerade aus dem Belieben der Individuen l\u00f6sen will. Und w\u00e4hrend bei jedem Arztbesuch etliche Einwilligungs-Formulare zu unterschreiben sind (sogar, ob man mit Namen aufgerufen werden darf!) und umfassende Aufkl\u00e4rung dokumentiert wird, soll ausgerechnet der gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Eingriff durch Schweigen und Nichtwissen legitimiert sein. Das geht nur, wenn die Regulierung der Organtransplantation den Individuen mehr Verf\u00fcgungsrechte verspricht: \u00dcber Spenderorgane, die ihnen sonst entzogen w\u00e4ren.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Organspende \u2013 eine nationale Aufgabe\u201c<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">So ist das Pl\u00e4doyer des Bundesgesundheitsministers Spahn in der FAZ vom 6.9.2018 betitelt. Wie auch der SPD-Talkshow-Dauergast Karl Lauterbach, zahlreiche \u00c4rztefunktion\u00e4re und der Pausenclown des Gesundheitswesens Eckhart von Hirschhausen wird er nicht m\u00fcde, folgende \u201eFakten\u201c aufzulisten: \u00dcber 10.000 Menschen warten in Deutschland auf Spenderorgane, w\u00e4hrend die Zahl der OrganspenderInnen sinkt. Dabei bef\u00fcrworten \u00fcber 80 % der in Umfragen Interviewten die Organspende. Die Fragestellung wird allerdings nicht mitgeliefert, es geht ja auch nur darum, den demokratischen Mehrheitswillen zu demonstrieren, wie dieser hergestellt wird bleibt Betriebsgeheimnis. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">36 Prozent der Bev\u00f6lkerung haben einen Spenderausweis; dennoch gab es 2017 nur 797 Organspender, 2018 immerhin 955, was schon als erster Erfolg der Debatte begriffen wird (HAZ vom 12.1.2019). 2015 gab es 27.258 \u201eHirntote\u201c, 2.780 Menschen, die nach allen medizinischen Kriterien als SpenderInnen geeignet gewesen w\u00e4ren, aber nur 877 Transplantationen (FAS vom 9.9.18). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Zun\u00e4chst\u201c diskutiert der Bundestag organisatorische Vorbereitungen, die ohnehin notwendig werden, um eine \u201eKultur der Organspende\u201c als Voraussetzung zu schaffen. Ge\u00e4ndert werden muss zun\u00e4chst, dass es f\u00fcr Kliniken zu teuer ist, OrganspenderInnen zu identifizieren, Zeit, R\u00e4ume, Personal daf\u00fcr bereitzustellen, die nicht angemessen verg\u00fctet werden und f\u00fcr \u201erentablere\u201c Operationen fehlen. Dass es keine systematische Suche nach \u201eOrganspendern\u201c durch freigestellte \u201eTransplantationsbeauftragte\u201c gibt, soll nun durch ein \u201eGesetz f\u00fcr bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende\u201c ge\u00e4ndert werden. Materielle Anreize sollen die Kliniken belohnen, wenn sie eine Infrastruktur f\u00fcr die Suche nach Organspendern schaffen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es ist aber absehbar, dass das nicht ausreichen wird. Die \u00c4rzte scheuen auch die zeitaufwendigen und schwierigen Gespr\u00e4che mit den Angeh\u00f6rigen. Und sp\u00e4testens nach einigen Jahren wird Bilanz gezogen und die \u201eWiderspruchsl\u00f6sung\u201c durchgesetzt. Denn \u2013 wie wir noch beim \u201eMangel an Spenderorganen\u201c sehen werden \u2013 es k\u00f6nnte sich um einen \u201eexpandierenden Markt\u201c handeln.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und es geht f\u00fcr Gesundheitsminister Jens Spahn und andere Funktion\u00e4re des Systems der Krankenverwaltung auch noch um etwas andres: <\/span><span lang=\"de-DE\">\u201eIch sehe in dieser Debatte eine gro\u00dfe Chance auch f\u00fcr unser Selbstbild als demokratische Nation.\u201c (FAZ 6.9.18). Schon die Debatte \u00fcber \u201eeinen nicht geringen Eingriff des Staates in die Freiheit des Einzelnen\u201c mache Hoffnung \u201eauf eine weitere Sternstunde unserer parlamentarischen Demokratie\u201c. Nat\u00fcrlich ist dabei ebenso wahr wie geschickt, dass auch eine Niederlage in der Sache noch staatstragend ausgeschlachtet werden kann und Jens Spahn sich als Organisator der Diskussion f\u00fcr H\u00f6heres empfiehlt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wird einerseits der Zugriff des Staates und des medizinisch-industriellen Komplexes auf den potentiellen Organspender gefeiert und mit Unterstellungen und Diffamierungen der Z\u00f6gernden Druck ausge\u00fcbt, so wird vom Gesundheitsminister andererseits die \u201eL\u00f6sung also, bei der man der Organspende automatisch zustimmt, solange man nicht \u201anein\u2018 sagt\u201c heruntergespielt, das sei ja wohl nicht zuviel verlangt, sich damit auseinanderzusetzen und zu entscheiden: \u201eEine Pflicht, zu der man konsequenzlos \u201anein\u2018 sagen kann, ist keine Pflicht. Was stimmt: Es w\u00e4re eine Pflicht zu aktivem Freiheitsgebrauch.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und w\u00e4hrend Spahn sich also noch ganz offen gibt, zetern in den Leserbriefspalten Interessierte, es sei \u201eunterlassene Hilfeleistung\u201c (m\u00fcsste also bestraft werden) wenn jemand \u201eNein\u201c zur Organspende sagt. Solche Positionen sind durch \u201eMedizinethiker\u201c wie Nikolas Kn\u00f6pffler oder Dieter Birnbacher vorbereitet worden, die den Diskurs des \u201eOrganmangels\u201c befeuert haben und es \u201eVerschwendung\u201c und \u201eunterlassene Hilfeleistung\u201c nennen, wenn Hirntote nicht f\u00fcr Organspenden zur Verf\u00fcgung stehen. <\/span>\u201e<span lang=\"de-DE\">T\u00e4glich sterben Menschen, weil f\u00fcr sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan zur Verf\u00fcgung steht\u201c, wird in endlosen Varianten und auf verschiedene PatientInnengruppen \u201eheruntergebrochen\u201c berichtet. Der einfachste Einwand: Sie sterben an ihren Krankheiten! Nicht am \u201eMangel an Spenderorganen\u201c. Und es gibt auch kein \u201eRecht auf Spenderorgane\u201c, das sind alles ganz irre Konzepte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Leber-doc-04.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19385 alignright\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Leber-doc-04-687x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"379\" height=\"566\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Leber-doc-04-687x1024.jpg 687w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Leber-doc-04-300x447.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Leber-doc-04-600x894.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Leber-doc-04-201x300.jpg 201w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Leber-doc-04-768x1144.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Leber-doc-04.jpg 1074w\" sizes=\"auto, (max-width: 379px) 100vw, 379px\" \/><\/a>Der \u201eMangel an Spenderorganen\u201c hat mehr als einen Grund; eigentlich geht es um einen \u201eMangel an Hirntoten\u201c (dazu mehr im Artikel \u201eWenn die Zustimmung ausbleibt, macht der Staat selbst, dass zugestimmt wird\u201c). Denn nur Hirntote sind \u2013 von den m\u00f6glichen Lebendspenden hier einmal abgesehen \u2013 potentielle OrganspenderInnen. \u201eEine Medizin, die gelernt hat, auf aussichtslose Behandlung zu verzichten\u201c, produziert aber weniger Hirntote, wie Stephan Sahm in der FAZ vom 30.10.2018 gezeigt hat, \u201esonst w\u00e4re die Republik angesichts von achthunderttausend Sterbef\u00e4llen im Jahr in Deutschland eine einzige Intensivstation, auf der Menschen dem Tod mit den Mitteln modernster Technologie eine Weile vorenthalten w\u00fcrden\u201c. Es gibt die Furcht vor \u201e\u00dcbertherapie\u201c (und deren Kosten!) und die jahrelange F\u00f6rderung von Patientenverf\u00fcgungen, die die Behandlung verbindlich begrenzen. Weiterbehandlung bis zum Hirntod kann dann K\u00f6rperverletzung sein. Das \u201eArtefakt\u201c Hirntod wird seltener, weil vorher bereits die Behandlung beendet wird, wenn keine Besserung zu erwarten ist. \u201eDenn den Hirntod kann man machen. Man fragt, ob so die neue Ausrichtung der T\u00e4tigkeit der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken zu verstehen ist &#8230;\u201c! Sie sollen potentielle SpenderInnen identifizieren und f\u00fcr die Spende vorbereiten! \u00dcbrigens wird in viele PatientInnenverf\u00fcgungen nun eine Passage eingesetzt, die beinhaltet, dass f\u00fcr den Zweck der Organspende der Wunsch nach Beendigung der Behandlung suspendiert wird, auch hier darf der medizinisch-industrielle Komplex darauf vertrauen, dass die PatientInnen das \u00fcberlesen oder gar nicht ahnen, dass ihr Anliegen, nicht \u00fcber bestimmte Erfahrungen hinaus behandelt zu werden, damit gerade au\u00dfer Kraft gesetzt wird! \u201eDie Therapie muss dabei nicht nur weitergef\u00fchrt, sie muss verfeinert werden, um die Organe tauglich f\u00fcr eine Transplantation zu halten.\u201c (Sahm) Die Fortf\u00fchrung der Intensivtherapie kann dabei zum Wachkoma, nicht zum Hirntod f\u00fchren. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In anderen L\u00e4ndern wird der \u201eMangel\u201c durch die \u201eAusdehnung des Kreises der Spender\u201c behoben: In Belgien und den Niederlanden gilt der Zusammenbruch des Kreislaufs als Kriterium, man wartet nicht bis zum Hirntod (Sahm). Dementsprechend fordert Dieter Birnbacher, man m\u00fcsse die Tote-Spender-Regel aufgeben, auch Hirntote lebten noch.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der \u201eHirntod\u201c als Feststellung des Todes hat auch eine Nebenwirkung, die sich f\u00fcr die \u00d6konomie der Organspende bislang fatal auswirken konnte: \u201eWenn eine Klinik beginnt, bei jemanden, der verstorben ist, die Hirntod-Diagnostik durchzuf\u00fchren, dann sagt die Krankenkasse: Das zahlen wir nicht mehr. Das hei\u00dft, da liegt jemand auf der Intensivstation, was per se schon teuer ist, und die Kasse zahlt nicht mehr. Die Klinik bekommt zwar einen Teil der Kosten durch die deutsche Stiftung Organspende finanziert, aber auf einem gro\u00dfen Teil der Kosten bleibt sie sitzen. In so einem betriebswirtschaftlich aufgezogenen Markt, wie es der Gesundheitsmarkt mittlerweile ist, ist das nat\u00fcrlich kein Anreiz.\u201c (FAS, 4. November 2018, Zitat J\u00fcrgen Graf, \u00c4rztlicher Direktor des Uniklinikums Frankfurt). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der \u201eMangel an Organen\u201c wird auch niemals beseitigt werden, sondern eher wachsen, aus folgenden Gr\u00fcnden: Es werden mehr Menschen auf die Wartelisten gesetzt, denn auch hohes Alter oder eine Krebserkrankung gelten nicht mehr als Ausschlussgrund. Auch S\u00e4uglinge und Kleinkinder werden immer h\u00e4ufiger transplantiert oder auf die Liste gesetzt. Last not least: Die Transplantierten! Sie werden mehrfach neue Organe ben\u00f6tigen. Die Verbreitung der Techniken und der in den Kliniken \u201enotwendigen\u201c Fallzahlen f\u00fchren zwangsl\u00e4ufig dazu, dass f\u00fcr immer mehr PatientInnen die Transplantation zur \u201eTherapie der Wahl\u201c erkl\u00e4rt wird. So kann der Mangel niemals enden. Dies ist bei diagnostizierten Mangelzust\u00e4nden \u00fcbrigens die Regel, nicht die Ausnahme!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die \u201eEthiker\u201c unterscheiden sich als \u201eNationaler\u201c oder \u201eDeutscher\u201c \u201eEthikrat\u201c von anderen InteressentInnen dadurch, dass sie den Diskurs von \u201eVerwertung\u201c zu \u201eSolidarit\u00e4t\u201c verschieben. Solidarit\u00e4t kann dabei ganz unaltruistisch so konzipiert werden, dass der B\u00fcrger sich gegen das \u201eRisiko\u201c (klassische versicherungsmathematische Kategorie!) des Organversagens versichert, indem er Teil eines staats-gesellschaftlichen Organpools ist.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Oder: es falle in den Verantwortungsbereich staatlichen Handelns, die Individuen bestm\u00f6glichst zu sch\u00fctzen, also auch gegen Organversagen (was sie nicht bedenken: Es entstehen Legitimationsprobleme, wenn der Staat beansprucht, das effektiv zu organisieren. Tut er es nicht, wird wieder die Alternative \u201eMarkt\u201c, Deregulierung angerufen). Anton Leist, der gegen die Widerspruchsl\u00f6sung argumentiert hat, hat vertreten, die Krankenkassenbeitr\u00e4ge k\u00f6nnten f\u00fcr Nicht-Spender h\u00f6her sein als f\u00fcr Organspender. In der Bundestagsdebatte am 28. November 2018 wollten alle Parteien \u201eHandlungsbedarf\u201c erkennen, zum guten Ton geh\u00f6rte schon die Aussage, dass man selbstverst\u00e4ndlich einen Organspenderausweis bei sich habe. Unterschiede zeigten sich in den phantasievollen Beitr\u00e4gen, durch welche Ma\u00dfnahmen Organspender \u201egewonnen\u201c werden k\u00f6nnen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die AfD fordert, die Bereitschaft zur Organspende als Ehrenamt anzuerkennen und entsprechend zu f\u00f6rdern. Aus ihrer Sicht w\u00e4ren dabei \u00f6ffentliche Ehrungen, Urkunden oder Ehrennadeln denkbar, nat\u00fcrlich nur solange es nicht \u201ezum \u00c4u\u00dfersten\u201c (aber das war eine Formulierung aus einer anderen Partei) gekommen ist. Potenzielle Organspender k\u00f6nnten auch Ehrenamtskarten erhalten, wie sie bereits von einigen Bundesl\u00e4ndern ausgegeben werden. Die Inhaber erhalten Preisnachl\u00e4sse beim Kauf von bestimmten Waren, Dienstleistungen oder Eintrittskarten. <\/span><span lang=\"de-DE\">Klar wird hier der \u201eWert\u201c der Organe in Rechnung gestellt. Und \u201eMangel\u201c ist ja das geradezu klassische Thema der \u00d6konomie! An jeder Stelle der \u201eethischen\u201c Argumentationen schleicht sich die \u00d6konomie ein.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nat\u00fcrlich, ist ein Hintergrund des \u201eMangel\u201c-Diskurses die Vorstellung, es sei Transplantationsmedizin mittel- und langfristig kostensparend im Vergleich zu jahrelanger Behandlung etwa mit Dialyse (und besonders die Nierenkranken stehen f\u00fcr dieses Kalk\u00fcl ein). <\/span><span lang=\"de-DE\">Das kann mit guten Gr\u00fcnden auch bezweifelt werden, das Sozialprestige von Chirurgen (sogar im Unterschied zu anderen Fach\u00e4rzten) d\u00fcrfte eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen, auch die Gewinne, die Krankenh\u00e4user mit prestigetr\u00e4chtigen Operationen einfahren, gehen ins Kalk\u00fcl sicherlich st\u00e4rker ein als der Nutzen f\u00fcr die Lebensqualit\u00e4t der PatientInnen. Wie so oft ist die Frage, welche \u201eKosten\u201c eingerechnet werden und welche unber\u00fccksichtigt bleiben.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nur kurz erw\u00e4hnt sei, dass als Alternative zu staatlicher Verwaltung und Zuteilung wie auf jedem Gebiet die \u00f6konomisch-privatwirtschaftliche Alternative diskutiert wird: Organhandel. Und wie bei Drogen oder Prostitution: Besser ein legaler und regulierter Markt als ein krimineller Schwarzmarkt, so manche EthikerInnen. Oder: Warum sollte die Selbstinstrumentalisierung und Selbst-Vermarktung hier Halt machen? <\/span><span lang=\"de-DE\">Bisher ist das \u201eunternehmerische Selbst\u201c auf diesem Feld aber auf die \u00c4rmsten der Armen beschr\u00e4nkt, au\u00dferhalb der Metropolen, in den Bloodlands der Organspende, wenn nicht gar direkter Zwang angewandt wird.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Johann Bauer<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit September 2018 wird wieder in einer breiteren \u00d6ffentlichkeit diskutiert, in Deutschland sollte jede Person als Organspender gelten, die nicht ausdr\u00fccklich widerspricht oder deren Angeh\u00f6rige kein Veto geltend machen. 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