{"id":19262,"date":"2019-01-30T20:27:49","date_gmt":"2019-01-30T18:27:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19262"},"modified":"2019-03-17T19:10:02","modified_gmt":"2019-03-17T17:10:02","slug":"und-bist-du-nicht-willig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/01\/und-bist-du-nicht-willig\/","title":{"rendered":"\u201eUnd bist Du nicht willig,&#8230;\u201c"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach ist ebenso wie der Gesundheitsminister Spahn ein gl\u00fchender Bef\u00fcrworter der \u201eWiderspruchsl\u00f6sung\u201c. Bei \u201eAnne Will\u201c sagte er, man solle zumindest dar\u00fcber nachgedacht haben, es sei zumutbar, dass Menschen eine Entscheidung abverlangt werde. Aber genau das geschieht ja bei der bisherigen Regelung, allerdings l\u00e4sst diese den Gefragten auch die M\u00f6glichkeit sich eben nicht zu entscheiden! Auch das ist ja eine m\u00f6gliche Entscheidung! Das soll aber ausgeschlossen und eingeschr\u00e4nkt werden, alle sollen \u201eautomatisch\u201c zun\u00e4chst als Spender gelten, gerade wenn sie sich nicht auseinandergesetzt haben! \u201eAutomatisch\u201c wird unterstellt, dass Menschen ohne Spenderausweis und GegnerInnen der Organspende bisher nicht nachgedacht haben oder zu bequem sind. Dabei will gerade das Widerspruchs-Verfahren vermeiden, sie zu fragen und auf ihre Entscheidung zu warten. Um die Probleme des Verfahrens zu legitimieren, muss Lauterbach erkl\u00e4ren, die meisten Menschen w\u00fcssten Bescheid und wollten auch ihre Organe spenden, seien aber eben zu bequem, das deutlich auszudr\u00fccken, deshalb im Sinne des Gemeinwohls und sogar im aufgekl\u00e4rten Selbstinteresse, dass der Staat sie \u201estupst\u201c. Gesundheitliche \u201eAufkl\u00e4rung\u201c zeigt sich als platteste Demagogie (Entschuldigung, die alten \u201eDemagogen\u201c waren ja Demokraten!), wenn nicht als Massenbetrug, das ist \u201eevidenz-basiert\u201c.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es ist eine sch\u00f6ne \u201eAufkl\u00e4rung\u201c, die Schweigen als Zustimmung wertet und voraussetzt, dass ein rationales, aufgekl\u00e4rtes Verhalten ausschlie\u00dflich in ein \u201eja\u201c zur Organspende m\u00fcnden kann. Lauterbach m\u00f6chte auch die Angeh\u00f6rigen eher wenig mitreden lassen, bei \u201eAnne Will\u201c verk\u00fcndete er: Doppelte Widerspruchsl\u00f6sung hei\u00dft auch f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen, dass er (dass Spender und Empf\u00e4nger fast immer als M\u00e4nner vorgestellt werden, w\u00e4re ein eigenes Thema!) nicht widersprochen hat, also Spender ist.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Erfahrungen mit der \u201eWiderspruchsl\u00f6sung\u201c in anderen L\u00e4ndern zeigen ein anderes als das suggerierte Bild. So muss der \u00f6sterreichische Transplantationsmediziner Eschertzhuber, ein gl\u00fchender Anh\u00e4nger dieser \u201eL\u00f6sung\u201c, einr\u00e4umen: \u201eEs ist davon auszugehen, dass die allermeisten Menschen die Regelung nicht kennen.\u201c (FAZ vom 8.9.18); in \u00d6sterreich sind nur 0,5 % der Bev\u00f6lkerung im Widerspruchsregister eingetragen. Dieses Register wird relativ fr\u00fch befragt, ob der potentielle Organspender dort registriert ist, seit 1995 waren 18 potentielle Spender dort zu finden, haben also widersprochen. Wenn Angeh\u00f6rige \u2013 wie in \u00d6sterreich \u2013 gefragt werden, ob der potentielle Spender sich f\u00fcr oder gegen die Organspende ge\u00e4u\u00dfert habe, dann mit so interessanten Fragestellungen wie \u201eWie wichtig waren ihm Hilfsbereitschaft und Solidarit\u00e4t?\u201c (FAZ 8.9.2018). Dass die Angeh\u00f6rigen dann wie aus der Pistole geschossen antworten \u201eDer alte Geizkragen?! Der hat doch nicht mal &#8230;\u201c oder \u201eSein Lebensmotto war \u201aMir g\u00e4bet nix\u2018\u201c kann man sich vorstellen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und dabei m\u00fcsste man sich an die Aussagen der Angeh\u00f6rigen gar nicht gebunden f\u00fchlen: \u201eWir haben theoretisch die Rechtssicherheit f\u00fcr eine Organspende.\u201c Aber man versucht, nicht gegen die Angeh\u00f6rigen diese Rechtssicherheit durchzusetzen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dies wiederum hat entscheidend mit den Legitimationsproblemen zu tun, die das Verfahren zeigt: Auf Youtube kann man Aussagen von Eltern anh\u00f6ren, die \u2013 ohne sich der Konsequenzen und konkreten Geschehnisse bewusst zu sein \u2013 in die Organspende ihrer Kinder eingewilligt haben, sich daf\u00fcr anklagen und Initiativen gegen Organspende gegr\u00fcndet haben. Oft waren sie schockiert wie der Prozess tats\u00e4chlich verlief.<\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span lang=\"de-DE\"><strong>Eine \u201eSpende\u201c, die auf gesetzlicher Grundlage automatisiert ist<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u2026 <span lang=\"de-DE\">w\u00fcrde man vielleicht eher \u201eSteuer\u201c oder \u201eAbgabe\u201c nennen m\u00fcssen, vielleicht auch \u201eBereitstellungspflicht\u201c. Sie hat die Tendenz zum Winterhilfswerk. Formal freiwillig, aber wer nicht spendet, stellt sich au\u00dferhalb der Wohlgesinnten. <\/span><span lang=\"de-DE\">Es liegt auch nicht etwa an der Organisation der Organspende durch eine Stiftung. <\/span><span lang=\"de-DE\">Auch die KritikerInnen der g\u00e4ngigen Praxis gehen in ihrer Kritik der Bundes\u00e4rztekammer und der geltenden Regeln in die falsche Richtung, wenn etwa der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz Eugen Brysch meint: \u201eSolange der Staat nicht die Verteilung von Lebenschancen \u00fcbernimmt, stolpern wir von einem Skandal in einen anderen und die Vertrauenskrise der Bev\u00f6lkerung wird immer tiefer.\u201c (FAZ 6.9.18) Nat\u00fcrlich \u00fcbernimmt der Staat schon lange die Verteilung von Lebenschancen, man nennt das Sozialpolitik, Bildungspolitik usw. und es hat dabei noch immer zuverl\u00e4ssig das \u201eMatth\u00e4us-Prinzip\u201c gegolten: Wer hat, dem wird gegeben!<br \/>\n<\/span><span lang=\"de-DE\">Bei jeder Bewerbung (so auch um Spenderorgane!) kann man beobachten wie die \u201eKriterien\u201c so formuliert werden und so lange gedehnt und interpretiert werden, bis gew\u00fcnschte Ergebnisse dabei herauskommen; darf das niemand wissen \u2013 wenn es doch alle wissen?<\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><strong><span lang=\"de-DE\">Die Krise der Transplantationsmedizin<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Die PR-Aktion von Spahn und Co. wurde schwer beeintr\u00e4chtigt durch die zeitgleiche Nachricht \u00fcber nicht erforderliche Lebertransplantationen an der Uniklinik Essen: Sechs PatientInnen sollen medizinisch nicht notwendige Lebertransplantationen erhalten haben, die Richtlinien wurden missachtet, Wartelisten nicht korrekt gef\u00fchrt, Alkoholkranke h\u00e4tten eine Leber erhalten, obwohl sie nicht wie vorgeschrieben sechs Monate \u201etrocken\u201c waren. Eine der medizinisch nicht begr\u00fcndeten Transplantationen (der Gutachter sagt, es h\u00e4tte schonendere Behandlungen gegeben) f\u00fchrte zum Tod des Patienten (FAZ 6.9.18). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die gro\u00dfe Krise der Transplantation liegt erst wenige Jahre zur\u00fcck: 2012 kam heraus, dass ein G\u00f6ttinger Arzt Eurotransplant falsche PatientInnendaten geliefert hatte, um bestimmte PatientInnen bevorzugt mit Spenderorganen zu versorgen (die also anderen, m\u00f6glicherweise bed\u00fcrftigeren PatientInnen entzogen wurden). \u00c4hnliche Vorkommnisse in anderen Kliniken und die \u00f6ffentliche Debatte f\u00fchrten zum Einbruch der Transplantationszahlen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es folgten die \u00fcblichen Rituale der Skandalbew\u00e4ltigung: scha<\/span><span lang=\"de-DE\">\u0308<\/span><span lang=\"de-DE\">rfere Kontrollen, Beteiligung eines weiteren Arztes an der Entscheidung \u00fcber die Platzierung der PatientInnen auf der Warteliste und Strafversch\u00e4rfungen (\u00c4rzte, die Patientendaten ver\u00e4ndern, k\u00f6nnen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe sanktioniert werden). Ob solche Ma\u00dfnahmen die behauptete Sicherung gegen Manipulationen gew\u00e4hrleisten, darf bezweifelt werden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Seit \u00f6ffentlich bekannt wurde, wie Wartelisten f\u00fcr Organempf\u00e4nger manipuliert wurden, zweifeln viele Menschen auch in diesem Bereich an der Verteilungs-Gerechtigkeit (dass sie das in vielen anderen Lebensbereichen ohnehin tun, verst\u00e4rkt den Zweifel). <\/span><span lang=\"de-DE\">Letztlich bleibt das Definitionsrecht des Arztes zu diagnostizieren, wie krank\/bed\u00fcrftig\/gef\u00e4hrdet sein Patient ist, das Einfallstor f\u00fcr die Feststellung der Dringlichkeit. Der Glaube an \u201eobjektive\u201c, technisch erhobene Daten mag den Anteil von Entscheidung\/Politik daran verschleiern, im Skandal und den sich anschlie\u00dfenden Gerichtsverhandlungen mit Gutachten und Gegengutachten wird er sichtbar. <\/span><span lang=\"de-DE\">Man muss dabei keine Bereicherungsabsicht oder Korruption unterstellen, es gen\u00fcgt schon das N\u00e4heverh\u00e4ltnis zu \u201eihren\u201c PatientInnen, die \u00c4rzte \u201eschwach werden lassen\u201c, menschlich verst\u00e4ndlich.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dar\u00fcber hinaus entstehen durch die Transplantationszentren selbst falsche Anreize: Mindestens zwanzig Operationen im Jahr (und je mehr desto besser, wegen der Routine) sollten durchgef\u00fchrt werden, angesichts weniger Spenderorgane ist die Konkurrenz, welche PatientInnen so beschrieben werden, dass sie \u201edran\u201c sind, naheliegend. Es ist also sogar der medizinische \u201eSachzwang\u201c der Manipulationen nahelegt: Je mehr Operationen, desto besser werden die \u00c4rzte, desto gr\u00f6\u00dfere \u00dcberlebenschancen haben die PatientInnen \u2026 Und wenn PatientInnen \u201ekranker\u201c beschrieben werden, bekommen sie die \u201egespendeten\u201c Organe noch zu einer Zeit, in der Absto\u00dfungsreaktionen und andere Sch\u00e4digungen begrenzt sind so dass wiederum die Langzeit-\u00dcberlebenschancen wachsen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Prozesse um Aiman O., den G\u00f6ttinger Arzt, der die Akten manipuliert haben soll, zeigen au\u00dferdem, dass die \u201eObjektivit\u00e4t\u201c medizinischer Einsch\u00e4tzungen fraglich ist: Gutachter und Angeklagte stritten um zahllose Details der Erkrankungen und Behandlungen, ob eine Transplantation notwendig war oder nicht, woran die PatientInnnen gestorben sind \u2026 Es wurden bei 102 Transplantationen 79 Richtlinienverst\u00f6\u00dfe durch die Bundes\u00e4rztekammer moniert. Das st\u00e4rkt nicht das Vertrauen ins System. Der Vollst\u00e4ndigkeit halber stellen wir auch hier die Frage: W\u00e4re der Skandal anders verlaufen, wenn nicht ein \u201eAusl\u00e4nder\u201c \u201eAusl\u00e4nder\u201c bevorzugt h\u00e4tte? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und um die Sache richtig kompliziert zu machen: Doktor O. hat eine Alkoholikerin mit Leberzirrhose, bei der die Medizinische Hochschule Hannover sich regelgerecht geweigert hatte, sie auf die Wartelite f\u00fcr ein Spenderorgan zu setzen, transplantiert. Sie \u00fcberlebte und wurde \u201etrocken\u201c. Ein anderer Trinker kippte betrunken im Krankenhaus um \u2013 \u201ef\u00fcnf Tage sp\u00e4ter wachte er in G\u00f6ttingen wieder auf \u2013 mit neuer Leber.\u201c (FAZ vom 20.12.2013). \u201eWer heilt, hat Recht\u201c? Voraussetzung war Betrug: O. behauptete, die Patientin sei trocken. Aber ihm wurde auch vorgehalten, dass er Patienten ohne Not eine Leber verpflanzt hatte, und diese starben! Oder sind die Regeln gar verfassungswidrig, weil sie bestimmte Gruppen bevorzugen?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die immer gerne mit Umfragen argumentieren, d\u00fcrfen gerne einmal Allensbach repr\u00e4sentativ fragen lassen: Glauben Sie, dass der alkoholkranke Chefarzt keine neue Leber transplantiert bekommt, weil er die medizinischen Kriterien nicht erf\u00fcllt? <\/span><span lang=\"de-DE\">Und sicherlich f\u00fcrchten manche Kranke und Angeh\u00f6rige, dass es Interessen an Spenderorganen gibt, die dazu f\u00fchren k\u00f6nnen, dass nicht alles getan wird, das \u00dcberleben zu sichern. Deshalb mag man \u201eabstrakt\u201c bereit sein, aber &#8230;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es ist nicht nur das Problem der Manipulation, sondern auch eine generelle Vertrauenskrise der Medizin. Fast im Wochenrhythmus werden Probleme der industriellen Medizin aufgedeckt: Kunstfehler und Schlampigkeiten, Hygienem\u00e4ngel, gef\u00e4hrliche Medikamente wie Blutdrucksenker, die mit krebsf\u00f6rdernden Stoffen verunreinigt sind, Transplantate, die zerbr\u00f6ckeln und schwere Leiden und aufwendige Nachoperationen zur Folge haben, \u00fcberfl\u00fcssige Operationen bei gleichzeitigen schweren M\u00e4ngeln in weniger lukrativen Bereichen. Schlie\u00dflich sogar T\u00f6tungen wie im Fall des angeklagten Pflegers Niels H\u00f6gel (vgl. GWR 434: Der Wille zum Nichtwissen), das alles sind \u201eHintergrundger\u00e4usche\u201c, die das Vertrauen in die Kliniken nicht erh\u00f6hen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Und da schlie\u00dft sich der Kreis zur Organspende-Diskussion.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Probleme der Transplantationsmedizin<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\">\u2026 <span lang=\"de-DE\">werden im Zusammenhang der Diskussion selten erw\u00e4hnt. Lebensqualit\u00e4t und Lebenserwartung der Transplantierten sind h\u00f6chst unterschiedlich. Es ist nicht ganz fair, die Qualen der Dialyse und die scheinbar problemlose Existenz der Transplantierten gegen\u00fcberzustellen. Die psychischen und sozialen Folgen k\u00f6nnen betr\u00e4chtlich sein, aber auch die medizinischen rechtfertigen Einw\u00e4nde. Geh\u00f6rt nicht Niereninsuffizienz zu den Nebenwirkungen der Medikamente, die die Immunabwehr niederhalten, bis hin zur Dialyse? Hygienema\u00dfnahmen und Verhaltensregeln, engmaschige Kontrolluntersuchungen und fortgesetzte medizinische Interventionen geh\u00f6ren zum Alltag der Transplantierten. Allein die Medikamente, die notwendig sind, um Absto\u00dfungsreaktionen des K\u00f6rpers gegen das fremde Organ zu unterdr\u00fccken, verweisen auf die Probleme. Todesursachen sind neben schweren Infektionen h\u00e4ufig auch Krebs, Schlaganf\u00e4lle, Herzinfarkt, oft im Zusammenhang mit immunsuppressiven Medikamenten. 20 Jahre nach einer Lebertransplantation sind in Europa noch 43 % der Transplantierten am Leben. <\/span><span lang=\"de-DE\">Bei einer Lungentransplantation sterben innerhalb von f\u00fcnf Jahren mehr als die H\u00e4lfte der Transplantierten.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die \u00dcberlebensraten sind wiederum ein Problem, weil schon die Auswahl der PatientInnnen die Raten ver\u00e4ndern kann (Frauen \u00fcber 55 haben eine entschieden k\u00fcrzere \u00dcberlebenszeit als junge Menschen (FAZ vom 2.10.13). Den alarmierenden Zahlen zum Tod auf der Warteliste m\u00fcssten auch Statistiken und lebensnahe Beschreibungen zu den Transplantationen hinzugef\u00fcgt werden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aber nicht einmal, dass der erst 38j\u00e4hrige Fu\u00dfballprofi Ivan Klasnic inzwischen die dritte Niere gespendet bekommen hat, war bei \u201eAnne Will\u201c eine Nachfrage wert. Zuerst wurde die Niere, die ihm seine Mutter gespendet hatte, abgesto\u00dfen, dann konnte auch die von seinem Vater gespendete ihn nicht mehr vor der Dialyse bewahren, \u00fcber die dritte Niere sagte er der \u201eWelt\u201c \u201eWie lange meine Niere h\u00e4lt, steht in den Sternen.\u201c (21.09.18) Dabei ist die Absto\u00dfungsreaktion bei nahen Verwandten am geringsten. Und die Nierenempf\u00e4nger haben die besten Ergebnisse aller Transplantierten! Klasnic f\u00fchrt einen Millionenprozess gegen Werder Bremen um Schmerzensgeld, Behandlungskosten und Verdienstausfall, weil der Sportarzt seine Erkrankung nicht rechtzeitig diagnostiziert hatte: <\/span>\u201e<span lang=\"de-DE\">Am ersten Verhandlungstag des Berufungsprozesses berichtete der 38 Jahre alte Klasnic nun von seiner t\u00e4glichen Medikamenten-Einnahme und der Schwierigkeit, ein weiteres passendes Spenderorgan zu bekommen, falls seine aktuelle Niere versage.\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Alles kein Thema, nur wie qu\u00e4lend er die Dialyse fand und wie wichtig es ist, f\u00fcr Organspende zu werben! Anna Bergmann nennt so etwas \u201edie naive Vorstellung von der simplen Lebensrettung durch Organspende\u201c. Solche F\u00e4lle wie auch die oft gar nicht besonders eindrucksvolle Bilanz der Transplantationen bezogen auf gewonnene Lebensjahre und Lebensqualit\u00e4t erlauben die Frage, ob die Gelder in eine bessere Ausstattung der Grundversorgung nicht sinnvoller angelegt w\u00e4ren.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Was 1968 wirklich geschah<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Vom Temperament her hatten die Chirurgen etwas Verwegenes. Ein Kollege des Texaners Denton Cooley kommentierte in den neunziger Jahren: \u201aVor 25 Jahren fand [Cooley] es erst lohnend, ins Krankenhaus zu kommen, wenn er mindestens zehn Patienten zu operieren hatte.\u2018 Solche M\u00e4nner lie\u00dfen sich durch Fehlschl\u00e4ge nicht entmutigen: Von 17 Transplantationen, die Cooley 1968 durchf\u00fchrte, \u00fcberlebten nur drei Patienten l\u00e4nger als sechs Monate.\u201c (Roy Porter: Die Kunst des Heilens. Berlin 2007, S. 621\/622). Diese heroische Phase der Transplantationschirurgie, \u201ein der Nieren-, Leber-, Herz-, Herz-Lungen- und andere Verpflanzungen den Forschern mehr einbrachten als den Patienten\u201c (Porter), wurde erst mehr als zehn Jahre sp\u00e4ter beendet, als die Absto\u00dfungsreaktionen durch das Medikament Ciclosporin \u00fcberwunden werden konnten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In den 1990er Jahren wurden die erfolgsbesessenen Chirurgen immer k\u00fchner, Robert White verpflanzte sogar K\u00f6pfe; Andreas Tzakis lie\u00df einen jugendlichen Patienten, der die Behandlung wegen qu\u00e4lender \u201eNebenwirkungen\u201c abbrechen wollte, \u201ein Handschellen auf eine Trage geschnallt wieder ins Krankenhaus\u201c (Porter S. 622) schaffen. Soviel zum Thema \u201eVertrauen und Gewalt\u201c. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die bedeutendste Innovation war jedoch die neue Definition von Leben und Tod durch die Harvard-Kommission 1968. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Die \u201aneurologische\u2018 Todesdefinition wurde 1968 vorgeschlagen. Anlass war die Verurteilung eines Arztes in Japan, der einem hirntoten Patienten Organe zur Transplantation entnommen hatte, wegen Mordes. Dadurch war das Problem der Rechtssicherheit in der Organbeschaffung akut geworden. Das daraufhin gegr\u00fcndete Ad Hoc Committee of the Harvard Medical School to Examine the Definition of Brain Death schlug vor, das \u201airreversible Koma\u2018 als neues Todeskriterium zu definieren. (&#8230;) Das Komitee hielt diese neue Todesdefinition aus zwei Gr\u00fcnden f\u00fcr notwendig: Erstens sei die Belastung durch nicht mehr zu rettende, k\u00fcnstlich beatmete Patienten sehr hoch, sowohl f\u00fcr die Patienten als auch f\u00fcr deren Angeh\u00f6rige und die Krankenh\u00e4user; zweitens f\u00fchrten obsolete Kriterien f\u00fcr die Todesdefinition zu einer Kontroverse \u00fcber die Beschaffung von Transplantationsorganen.\u201c (1)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Durch technische Fortschritte greift die Medizin oft auf Lebensprozesse zu, die fr\u00fcher als \u201enat\u00fcrlich\u201c galten, ganz besonders am Anfang und Ende des Lebens. Seit Patientinnen einen Herz- und Atemstillstand auch \u00fcberleben und auch Todkranke noch lange k\u00fcnstlich am Leben erhalten werden k\u00f6nnen, stellen sich ganz neue Fragen in Bezug auf das Lebensende.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Tod tritt erst durch das Abschalten der Beatmungsger\u00e4te ein, ist also kein \u201enat\u00fcrlicher\u201c, sondern Sterben durch Menschenhand. Wenn ein Mensch \u201ejuristisch\u201c tot ist, sind \u201eeigentlich\u201c auch keine Pflegekr\u00e4fte zust\u00e4ndig. Viele Berichte zeigen, dass Angeh\u00f6rige, aber auch Krankenpflegekr\u00e4fte \u201e\u00fcberfordert\u201c sind, weil die \u201eToten\u201c ja atmen, Reflexe zeigen, letztlich wie andere PatientInnen der Intensivstation wirken. Noch auf dem OP-Tisch k\u00f6nnen Kreislaufprobleme der \u201eSpenderIn\u201c eine \u201eWiederbelebung\u201c der Toten notwendig machen, um den Herztod zu unterdr\u00fccken. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die SpenderInnen bekommen meist eine Narkose, muskelentspannende Medikamente, Arme und Beine werden festgebunden, um Reflexe zu unterdr\u00fccken. \u201eBeim Einschnitt in den K\u00f6rper der \u201aSpenderIn\u2018 kann es zu Blutdruck-, Herzfrequenz und Adrenalinanstig kommen. Auch R\u00f6tungen des Gesichts, fl\u00e4chenhafte Hautr\u00f6tungen und Schwitzen k\u00f6nnen eintreten. Bei \u201anormalen\u2018 Operationen werden diese Zeichen als Schmerzreaktionen gewertet. Nicht jedoch bei \u201aHirntoten\u2018. Um diese Reaktionen zu unterdr\u00fccken, werden auch Schmerzmittel gegeben.\u201c (2) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die logischen Widerspr\u00fcche des Konzepts wurden nat\u00fcrlich durch immer weitere ausgefeilte Definitionen und juristische Winkelz\u00fcge gegl\u00e4ttet, sorgen aber f\u00fcr fortw\u00e4hrende Zweifel. Denn es handelt sich um einen Bruch mit kulturellen Traditionen, mit intuitiver Wahrnehmung, mit K\u00f6rperbildern und mit weltanschaulichen \u00dcberzeugungen. <\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die \u201eHirntod\u201c-Definition<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es ist ein furchtbares Paradox: Organe Toter kann man nicht verpflanzen. Die Vitalfunktionen m\u00fcssen also erhalten werden. Daf\u00fcr gibt es die Definition Hirntod, die feststellt, dass ein Mensch nicht mehr wie fr\u00fcher und ohne von medizinischen Apparaten am Leben erhalten zu werden, leben kann: Gro\u00dfhirn, Kleinhirn und Hirnstamm sind ausgefallen, zwei \u00c4rzte haben das diagnostiziert und durch Unterschrift best\u00e4tigt, damit gilt der Mensch als tot und als Organspender. Er ist aber gerade noch nicht tot, denn sonst k\u00f6nnten keine Organe verpflanzt werden. In gewisser Weise also ein \u201elebender Leichnam\u201c oder ein sterbender Mensch? Wird der Sterbende instrumentalisiert f\u00fcr die Therapie Dritter? Und f\u00fcr Fallzahlen von \u00c4rzten und Krankenh\u00e4usern? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es geh\u00f6rt zu den Problemen der modernen Medizin, dass sie den \u201enat\u00fcrlichen Tod\u201c abgeschafft hat. Mit k\u00fcnstlicher Ern\u00e4hrung, Beatmung und zahlreichen Ger\u00e4ten kann ein Mensch Jahre am Leben erhalten werden, obwohl er bewusstlos ist und au\u00dferhalb der Apparate nicht lebensf\u00e4hig. Die Person ist tot, der K\u00f6rper lebt noch. muss man diese Aufspaltung f\u00fcr unproblematisch halten?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vor allem zeigt der tote K\u00f6rper noch Reflexe, der sinnlichen Wahrnehmung ist er kein Leichnam, das ist alles nicht einfach, hat sich erst allm\u00e4hlich durchsetzen k\u00f6nnen \u00fcber die Versuche an Hingerichteten, so wie heute noch China sie ausschlachtet. Auch dass christliche N\u00e4chstenliebe sich in Organspende ausdr\u00fcckt, ist ja noch ziemlich neu. Immerhin ist das ganze Verfahren mit dem Warten auf den Tod eines potenziellen Spenders kontaminiert.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und au\u00dferhalb der schon verd\u00e4chtig vehement \u00dcberzeugten (Spahn, Lauterbach, Hirschhausen, das hohnlachende Selbstbewusstsein gegen die Bedenkentr\u00e4ger l\u00e4sst erkennen, dass \u201eAufkl\u00e4rung\u201c als milit\u00e4rischer Begriff in un\u00fcbersichtlichem Gel\u00e4nde zu verstehen ist; dass sie eine Dialektik der Aufkl\u00e4rung nicht erkennen k\u00f6nnen ist bei soviel platter \u00dcberzeugtheit schon selbstverst\u00e4ndlich) stehen die Menschen, deren kulturelles Verst\u00e4ndnis von Leben und Tod, K\u00f6rper und Person widerspr\u00fcchlich und in Aufl\u00f6sung begriffen sein mag, die aber ein Unbehagen nicht loswerden. Oder eine Ahnung von einem Verlust. Mit welchem Recht will der hohnlachende Mediziner-Staat sie zwingen?<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">PatientInnenverf\u00fcgung<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es wird oft vorkommen, dass in einer \u201ePatientenverf\u00fcgung\u201c lebensverl\u00e4ngernde Ma\u00dfnahmen ausgeschlossen werden, wenn bestimmte Krankheitsbilder vorliegen und Behandlungen drohen. Die Bereitschaft zur Organspende zu erkl\u00e4ren oder \u2013 falls die geplante \u201eWiderspruchsl\u00f6sung\u201c Gesetz wird \u2013 Spenderin von Staats wegen zu sein, schlie\u00dft genau solche Verf\u00fcgungen aber aus! Bis zur Feststellung des Hirntods und bis zur Organentnahme m\u00fcssen s\u00e4mtliche lebenserhaltenden Funktionen, besonders die Beatmungstherapie, aufrechterhalten werden. Gegen den in einer \u201ePatientenverf\u00fcgung\u201c ausgedr\u00fcckten Willen? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die ersten Textbausteine sind im Netz, etwa: \u201eEs ist mir bewusst, dass Organe nur nach Feststellung des unumkehrbaren Ausfalls der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) bei aufrechterhaltenem Kreislauf-System und unter k\u00fcnstlicher Beatmung entnommen werden k\u00f6nnen. Deshalb gestatte ich ausnahmsweise f\u00fcr den Fall, dass bei mir eine Organspende medizinisch infrage kommt, die kurzfristige (ca. 72 Stunden) Durchf\u00fchrung intensivmedizinischer Ma\u00dfnahmen zur Bestimmung des Hirntods nach den Richtlinien der Bundes\u00e4rztekammer und zur anschlie\u00dfenden Entnahme der Organe.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Au\u00dferdem stimme ich der Durchf\u00fchrung von intensivmedizinischen Ma\u00dfnahmen zu, die zum Schutz der Organe bis zu ihrer Entnahme erforderlich sind. Entsprechendes soll auch f\u00fcr den Fall gelten, dass zu erwarten ist, dass der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) in wenigen Tagen eintreten wird.\u201c (3)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Totgeschwiegen wird also das Problem, dass Sterbende in Hinblick auf die Interessen der m\u00f6glichen Organempf\u00e4nger medizinisch behandelt werden. Nur weil sie nicht widersprochen haben und deshalb \u201eautomatisch\u201c Spender sind? Ist das mit dem Gedanken inhaltlich bestimmter Selbstbestimmung vereinbar? \u00dcbrigens gibt es sogar mit den \u201ePatientenverf\u00fcgungen\u201c, die jemand ja bewusst festgelegt hat, das Problem, dass gerade die Situation schwerer Krankheit oder Verletzung auch zu einer \u00c4nderung von \u00dcberzeugungen f\u00fchren kann. \u00dcberall schlichte \u201eL\u00f6sungen\u201c f\u00fcr unl\u00f6sbare Probleme. Darf aber eine Gesellschaft unl\u00f6sbare Probleme kennen? Oder muss sie sie, so oder so, l\u00f6sen? Vielleicht sagt auch das etwas \u00fcber diese Gesellschaft.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es m\u00fcssen aber nicht alle die seltsame Versachlichung und Verdinglichung der Sterbenden mitmachen, die eben doch sehr kalt angeschaut werden. Das ist in Einklang mit den sich \u00fcberall durchsetzenden \u201eVerwertungsinteressen\u201c. Verschieden sind sicherlich die Sensibilit\u00e4ten, wo Menschenw\u00fcrde verletzt wird oder wie sehr ein medizinischer, \u00f6konomischer, staatlicher Zugriff als \u00dcbergriff empfunden wird. Es verschieben sich Grenzen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dabei sind schon die Patientenverf\u00fcgungen im Verdacht, den Diskurs von einem w\u00fcrdigen Leben zu verschieben zum \u201ew\u00fcrdigen Sterben\u201c oder \u201eselbstbestimmten\u201c Tod. So sieht Michael Skambraks, ein erfahrener Arzt, das starke wirtschaftliche Interesse im Vordergrund, Kranke und Behinderte, die nicht mehr viel leisten, sondern Kosten verursachen, davon zu \u00fcberzeugen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Verf\u00fcgungen dienen der juristischen Absicherung der \u00c4rzte gegen den Vorwurf unterlassener Hilfeleistung, das ist in seiner Sicht die Funktion. Seine erfahrungsges\u00e4ttigte Textanalyse typischer Patienten-Verf\u00fcgungsprosa ist lesenswert, auch wenn man nicht allen seinen Alternativen zustimmt. Er kann zeigen, dass wohl den wenigsten die Inhalte und Konsequenzen ihrer \u201eVerf\u00fcgung\u201c tats\u00e4chlich klar sind. Ich bin allerdings der Ansicht, dass es tats\u00e4chliche Dilemmata gibt, etwa dass starke Schmerzmittel, die oft aber sinnvoll sind und von den Patientinnen gew\u00fcnscht werden, nat\u00fcrlich auch massive Nebenwirkungen haben und letztlich zum Tod f\u00fchren, so dass sein Alternativvorschlag \u201eIch m\u00f6chte auf keinen Fall, dass mein Leben durch Medikamente oder andere medizinische Ma\u00dfnahmen verk\u00fcrzt wird\u201c das Problem leugnet.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Fliege im Urinal<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\">\u2026 <span lang=\"de-DE\">soll dazu f\u00fchren und tut das auch, dass M\u00e4nner weniger den Boden benetzen. Die \u201eWiderspruchsl\u00f6sung\u201c \u201ereiht sich nahtlos ein\u201c (um die bedeutendste sprachliche Hinterlassenschaft des KBW einmal zu bem\u00fchen) in das paternalistische \u201eNudge\u201c-Konzept, das ein \u201esozial erw\u00fcnschtes\u201c Verhalten nahelegt, es m\u00fchsam oder kostspielig macht, sich nicht so zu verhalten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das ist keineswegs so neu wie die Autoren einschl\u00e4giger B\u00fccher glauben, sondern es handelt sich letztlich um \u201eAngebote, die sie nicht ablehnen k\u00f6nnen\u201c (im Mafia-Jargon) oder um die schlichte Interessenlogik, der der gesamte Kapitalismus bis zur letzten Marxistischen Gruppe ohnehin folgt. Hier von einem \u201elibert\u00e4rem\u201c Paternalismus zu sprechen, wie es oft geschieht, hei\u00dft eben, wie im Beispiel der Organspende: Man kann ja widersprechen, es ist nur etwas aufw\u00e4ndiger \u2026; man wird nicht gezwungen, wenn man diesen Aufwand betreibt. Dabei ist es bei jedem Zwang (Gesetz) so, dass es nicht tats\u00e4chlich zwingt, wenn man bereit ist, die Kosten und Probleme auf sich zu nehmen, die ein Zuwiderhandeln als Sanktionen dann erzeugt. Man m\u00fcsste im Fall von \u201eNudge\u201c also eher von \u201eschwachen Sanktionen\u201c ausgehen oder von gro\u00dfen praktischen Problemen des Zuwiderhandelns. Jedenfalls ist die Widerspruchsl\u00f6sung bei der Organspende von Thaler und Sunstein ausdr\u00fccklich empfohlen worden, ein Beispiel des von ihnen propagierten \u201elibert\u00e4ren Paternalismus\u201c. Dabei wollten sie es den Objekten \u201elibert\u00e4r\u201c leicht machen, sich gegen das nahegelegte Verhalten zu entscheiden, und sie wollten gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Transparenz, nur ein \u201eStupsen\u201c eben. Die etatistische Tradition deutscher Gesundheits- und Sozialpolitik ist da weniger zimperlich.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wie bei jeder Meinungsforschung gen\u00fcgt \u201eschon die Ver\u00e4nderung der Beschreibung einer Entscheidungssituation\u201c, \u201eeine einfache Umformulierung des Aufrufs\u201c, um das gew\u00fcnschte Ergebnis zu erreichen (so propagieren es Sandro Ambuehl und Axel Ockenfels: Die Vorteile einer Entscheidungspflicht, FAZ 2.11. 2018): \u201eMenschen tendieren dazu, dem gesetzten Standard zu folgen\u201c, wird hier das Gesch\u00e4ftsgeheimnis ausgeplaudert. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Man k\u00f6nnte auch sagen, die Menschen werden von \u201eVoreinstellungen\u201c manipuliert, denen sie nur m\u00fchsam ausweichen k\u00f6nnen, alle haben sich l\u00e4ngst daran gew\u00f6hnt, dass technische Ger\u00e4te sich nur mit betr\u00e4chtlichem Zeit-und intellektuellem Aufwand neu \u201eeinstellen\u201c lassen. Als \u201eStandard\u201c oder \u201eNormalit\u00e4t\u201c definiertes Verhalten wird tats\u00e4chlich von den meisten Menschen sogar angestrebt, sie sind sich der Probleme von \u201eAbweichung\u201c wohl bewusst. Zugeh\u00f6rigkeit wird belohnt. Deshalb beutet die \u201eWiderspruchsl\u00f6sung\u201c die Normalit\u00e4tsw\u00fcnsche der Menschen aus. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wenn es eine \u201elibert\u00e4re\u201c Variante vor der Unsterblichkeit gibt (Godwin war der Meinung, in der Herrschaftslosigkeit w\u00fcrden wir solchen Unsinn wie das Sterben nat\u00fcrlich unterlassen!), dann ist es nur Gegenseitigkeit: Ich m\u00f6chte Organe gespendet erhalten und verf\u00fcge, dass nach meinem Tod meine Organe anderen spendenbereiten Menschen zur Verf\u00fcgung stehen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das w\u00e4re zu akzeptieren. Aber auch: Wir wollen uns der Medikalisierung des Lebens entziehen!<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Johann Bauer<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach ist ebenso wie der Gesundheitsminister Spahn ein gl\u00fchender Bef\u00fcrworter der \u201eWiderspruchsl\u00f6sung\u201c. Bei \u201eAnne Will\u201c sagte er, man solle zumindest dar\u00fcber nachgedacht haben, es sei zumutbar, dass Menschen eine Entscheidung abverlangt werde. 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