{"id":19277,"date":"2019-01-30T19:32:31","date_gmt":"2019-01-30T17:32:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19277"},"modified":"2022-07-26T14:11:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:48","slug":"minderheiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/01\/minderheiten\/","title":{"rendered":"Minderheiten"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Oder mit Didier Eribons \u201eR\u00fcckkehr nach Reims\u201c (2016). Oder jetzt mit Francis Fukuyamas \u201eIdentit\u00e4t. Wie der Verlust der W\u00fcrde unsere Demokratie gef\u00e4hrdet\u201c (2018). Im Grunde ist das Thema so alt wie die Linke selbst, inklusive Anarchismus. Sogenannte Minderheiten fordern ihre Rechte, fordern Teilhabe, klagen Mitgenanntsein ein \u2013 und nicht nur Mitgemeintsein. Damit stellen sie den Alleinvertretungsanspruch einer dominanten Gruppe infrage. Bei solchen Dominanzgruppen handelt es sich um solche, die gar nicht als eine Gruppe unter vielen wahrgenommen werden (am wenigsten von den Gruppenmitgliedern selbst): M\u00e4nner, die f\u00fcr die Menschheit stehen, Arbeiter, die alle Ausgebeuteten repr\u00e4sentieren. Identit\u00e4tspolitik zweifelt also, wenn sie von links kommt, Repr\u00e4sentationsanspr\u00fcche an. Und sie klagt Auslassungen ein.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Gegen Stellvertretung und gegen Ausgrenzung zu sein, das klingt beides durchaus kompatibel mit anarchistischen Haltungen. Dennoch sind Minderheiten und ihre Identit\u00e4tspolitiken nicht gerade ein Steckenpferd des Anarchismus. In seinem viel diskutierten Manifest \u201eTempor\u00e4re Autonome Zone\u201c stellt der Anarcho-Taoist Hakim Bey beispielsweise fest: \u201eDie heutige anarchistische \u201aBewegung\u2018 kennt in ihren Reihen praktisch keine Schwarzen, Hispanics, Native Americans oder Kinder &#8230; obwohl diese wirklich unterdr\u00fcckten Gruppen von jeglicher antiautorit\u00e4ren Revolte theoretisch das meiste zu erwarten haben. K\u00f6nnte es sein\u201c, fragt Bey weiter, \u201eda\u00df der AnarchISMUS kein konkretes Programm zu bieten hat, mit dem die Erniedrigten und Beleidigten ihre Bed\u00fcrfnisse &amp; W\u00fcnsche durchsetzen (oder zumindest realistisch f\u00fcr deren Durchsetzung k\u00e4mpfen) k\u00f6nnen?\u201c (1) Das Buch erschien 1994 auf Deutsch, der Teil des Manifests, aus dem das Zitat stammt, ist aus dem Jahr 1987.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Viel hat sich wohl nicht getan in den letzten drei\u00dfig Jahren. Die Kinder t\u00fcrkischer \u201eGastarbeiterInnen\u201c, Schwarze und People of Color oder queer-feministische Frauen* haben sich nur selten unter der schwarzen Fahne des Anarchismus organisiert. Das liegt einerseits ganz praktisch am konkreten Programm, dessen Fehlen Bey schon moniert. Das liegt andererseits aber auch daran, dass der traditionelle Anarchismus kein theoretisches Gesp\u00fcr f\u00fcr Minderheiten hat. Im Gros des Anarchismus wird universalistisch gedacht, partikulare Erfahrungen und kulturelle Differenzen spielen keine Rolle. Auf der einen Seite steht da der Staat als \u201eGarantie aller Ausbeutungen zum Nutzen einer kleinen Zahl gl\u00fccklicher Privilegierter\u201c, schreibt Michail Bakunin. (2) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auf der anderen Seite die \u201eVolksmassen\u201c, die den Schaden haben. Dass unter den Volksmassen wei\u00dfe Menschen eher an Privilegien beteiligt werden als Schwarze, M\u00e4nner bessere Chancen im Berufsleben haben als Frauen, Erwachsenen mehr Geh\u00f6r zukommt als Kindern usw., wird nicht ber\u00fccksichtigt. Verschiedene Teile der \u201eVolksmassen\u201c werden aber sehr unterschiedlich unterdr\u00fcckt, ausgebeutet und diskriminiert. Frauen anders als M\u00e4nner, Schwarze Frauen anders als wei\u00dfe Frauen usw. Diese verschiedenen Ausbeutungs- und Diskriminierungsformen beruhen auf kulturellen Differenzen: Merkmale, die eine Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit anzeigen oder solche, die Gruppen ethnisch voneinander unterscheiden, f\u00fchren dazu, dass Menschen in Gruppen eingeteilt und je nach Einteilung sehr verschieden behandelt werden. Kulturell sind diese Differenzen insofern sie nichts mit Natur zu tun haben, sondern Ergebnis und Effekt von kollektiver Wahrnehmung (eben der Einteilung) sind. Kollektive Identit\u00e4t ist immer ein \u201eEffekt diskursiver Praktiken\u201c, wie Judith Butler es nannte. (3)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">An diesen Unterschieden jedenfalls sollte auch der Kampf gegen Ausbeutung und soziale Ungleichheit ansetzen. Das meinen Feministinnen seit rund 150 Jahren und auch in anderen sozialen Bewegungen seit den 1960ern ist darauf bestanden worden. Im Anarchismus hat man diese Debatten weitgehend verpennt. Dabei war es schon im Kontext der Spanischen Revolution 1936, die f\u00fcr AnarchistInnen ja zu Recht ein wichtiger Bezugspunkt ist, zu Verwerfungen gekommen, weil die Genossen (in m\u00e4nnlicher Schreibweise) sich auf dem Differenzauge blind gestellt haben. Die sp\u00e4ter anarchafeministisch genannte Organisation der Anarchistinnen, \u201eMujeres Libres\u201c (Freie Frauen), w\u00e4re wohl ohne Machotum und Sexismus in der eigenen Bewegung gar nicht entstanden. Darauf hat zuletzt Martin Baxmeyer in der sch\u00f6nen Biographie einer ihrer Gr\u00fcnderinnen, Amparo Poch y Gasc\u00f3n, noch einmal hingewiesen. Gr\u00fcndung und politisches Selbstverst\u00e4ndnis der Mujeres Libres blieben unverstanden, so Baxmeyer, \u201ewenn man sie nicht als Reaktion auf den Widerspruch zwischen M\u00f6glichkeit und Wirklichkeit innerhalb der anarchistischen Bewegung Spaniens begreift.\u201c (4) <\/span><span lang=\"de-DE\">Die M\u00f6glichkeit war die Befreiung aller, die Wirklichkeit das Bel\u00e4cheln, das Ausbeuten, das Reduzieren der Frauen aufs Kochen und Pflegen, selbst innerhalb der Bewegung. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">So produzieren alle Formen der Vergesellschaftung ihre strukturellen Minderheiten. Und dabei geht es nicht um ein paar Leute, die unterm Strich der Revolution zu vernachl\u00e4ssigen w\u00e4ren. Das Wort Minderheit sollte selbstverst\u00e4ndlich quantitativ und qualitativ gelesen werden. Quantitativ ist klar: die, die weniger sind (Schwarze in den USA im Vergleich zu Leuten, die als wei\u00df gelten). Qualitativ: Diejenigen, die weniger gelten, die weniger M\u00f6glichkeiten haben, die als weniger Wert erachtet werden (Schwarze in S\u00fcdafrika, Arme in der Welt). Identit\u00e4tspolitik als Minderheitenpolitik kann dann auch eine Politik sein, die f\u00fcr die zahlenm\u00e4\u00dfig allergr\u00f6\u00dfte Mehrheit gemacht wird. Aber trotzdem: Wie gro\u00df auch immer, nie umfassen die Gemeinten alle und jeden, nie haben alle die gleichen Diskriminierungs-, Ausbeutungs- und Unterdr\u00fcckungserfahrungen. Auf diese vermeintlich gleichen Erfahrungen setzt aber der traditionelle Anarchismus von Bakunin seine Revolutionshoffnung. (Und selbst Hakim Bey hofft auf eine \u201eLebenskunst des fortgesetzten Aufbegehrens\u201c (5) aller.)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">An die Gleichheit in der Erfahrung zu appellieren, ist aber, wenn soziale Gleichheit erk\u00e4mpft werden soll, ein Holzweg. Die Unterschiede m\u00fcssen, auch wenn es paradox erscheint, erkannt und zum Ausgangspunkt genommen werden, um von ihnen aus solidarische Bezugnahmen zu erm\u00f6glichen. <\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Oskar Lubin<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder mit Didier Eribons \u201eR\u00fcckkehr nach Reims\u201c (2016). Oder jetzt mit Francis Fukuyamas \u201eIdentit\u00e4t. Wie der Verlust der W\u00fcrde unsere Demokratie gef\u00e4hrdet\u201c (2018). Im Grunde ist das Thema so alt wie die Linke selbst, inklusive Anarchismus. 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