{"id":19499,"date":"2019-03-05T02:08:53","date_gmt":"2019-03-05T00:08:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19499"},"modified":"2019-03-08T10:45:44","modified_gmt":"2019-03-08T08:45:44","slug":"die-mentale-gymnastik-des-rassistischen-postfeminismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/die-mentale-gymnastik-des-rassistischen-postfeminismus\/","title":{"rendered":"Die mentale Gymnastik des rassistischen Postfeminismus"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Jede feministische Forderung, die diesen rassistischen und sexistischen Deutungsrahmen des \u201eSchutz[es] der eigenen Frauen vor den Fremden\u201c verl\u00e4sst, wird diskreditiert und f\u00fcr nicht relevant erkl\u00e4rt. Der echte, der relevante Sexismus ist ein importiertes Problem. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wissenschaftlerinnen wie Gabriele Dietze, Estelle B. Freedman oder Joanna Bourke haben \u00fcbereinstimmend aufgezeigt, dass historisch gewachsene und politisch umk\u00e4mpfte Vorstellungen \u00fcber Herkunft und Hautfarbe beeinflussen, wer als bedrohlicher Vergewaltiger imaginiert und wer als Opfer \u00fcbersehen wird. Die feministischen K\u00e4mpfe gegen sexualisierte Gewalt seien besonders dann an die Mehrheitsgesellschaft und Politik anschlussf\u00e4hig gewesen, wenn es darum ging, wei\u00dfe Frauen vor schwarzen bzw. fremden T\u00e4tern zu sch\u00fctzen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die rechtsnationalistische Instrumentalisierung von tats\u00e4chlichen und angeblichen Sexualstraftaten durch Geflohene sind so anschlussf\u00e4hig an die Mehrheitsgesellschaft, weil auch jenseits des rechten Randes eine \u201eEthnisierung von Sexismus\u201c stattfindet. Yasemin Shoomann zeigt in ihrer Dissertation \u201e&#8230; weil ihre Kultur so ist: Narrative des antimuslimischen Rassismus\u201c, dass sich antimuslimischer Rassismus durch das Ankn\u00fcpfen an emanzipativen bzw. feministischen Diskursen auszeichnet. Dabei stehen sich die stereotypen Figuren der unterdr\u00fcckten Muslimin mit Kopftuch und des gef\u00e4hrlichen, (sexuell) \u00fcbergriffigen Muslims gegen\u00fcber. Die Ursachen daf\u00fcr werden in einer als einheitlich postulierten islamischen Kultur bzw. Religion verortet. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Diese Ethnisierung von Sexismus dient gleichzeitig dazu, Feminismus jenseits eines rassistischen Deutungsrahmens zu verwerfen. Ein anschauliches Beispiel hierf\u00fcr ist ein Tweet von Andr\u00e9 Poggenburg (Aufbruch deutscher Patrioten, ehemals AfD) im Januar 2018: \u201eV\u00f6llig richtig, die #metoo-Kampagne ist zu einer reinen Farce verkommen. Nur noch peinlich und \u00fcberfl\u00fcssig. Als ob es keine wirklichen Probleme gibt, wie bspw. t\u00e4gliche sexuelle \u00dcbergriffe durch sog. Fl\u00fcchtlinge!\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die rechte Gruppierung \u201eIdentit\u00e4re\u201c startete dieser Logik folgend ihr eignes #metoo \u2013 die Internetkampagne \u201e120 Dezibel\u201c. 120 Dezibel deshalb, weil es die Lautst\u00e4rke eines handels\u00fcblichen Taschenalarms, den viele europ\u00e4ische Frauen angeblich mittlerweile mit sich tr\u00fcgen, sei. Die Kampagne bedient sich unter rassistischen Vorzeichen an feministischen Forderungen und weist Feminismus gleichzeitig zur\u00fcck. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im Video berichten Frauen \u00fcber (sexualisierte) Gewalt, die Frauen allt\u00e4glich widerfahre und die mit ihrer Erfahrung nicht ernst genommen werden. Laut Polizeistatistik wurden 2016 149 Frauen von ihrem jeweiligen Partner ermordet oder totgeschlagen \u2013 davon ist hier nicht die Rede. \u201eWir stehen bald einer Mehrheit von jungen M\u00e4nnern aus archaischen, frauenfeindlichen Gesellschaften gegen\u00fcber.\u201c, warnt eine der Frauen, \u201eWir sind nicht sicher, wenn ihr uns nicht sch\u00fctzt\u201c, eine andere. So ist der (vermeintliche) Anti-Sexismus auch ganz zentral ein Rollenangebot f\u00fcr M\u00e4nner, sich als \u201eBesch\u00fctzer\u201c ihrer Frauen zu f\u00fchlen. Bj\u00f6rn H\u00f6cke (AfD) appellierte auf dem AfD-Parteitag Ende November 2015: \u201eWir m\u00fcssen unsere M\u00e4nnlichkeit wiederentdecken. Denn nur, wenn wir unsere M\u00e4nnlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft.\u201c Entsprechend sind nur wei\u00dfe, junge, schlanke Frauen zu sehen, die allesamt in das Bild der \u201eradikal femininen\u201c Frau passen, das von den Identit\u00e4ren u.a. propagiert wird. \u201eSch\u00fctzenswert\u201c sind nur bestimmte Frauen. Feminismus wird in dieser stereotypen Bildsprache durch die \u00dcberbetonung des Femininen abgelehnt. Dass auch Feministinnen \u201esch\u00f6n\u201c sein k\u00f6nnen, sich schminken oder lange Haare haben k\u00f6nnen, daran musste Margarete Stokowski erinnern. (1)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dieser rassistische Postfeminismus ist allerdings kein genuin rechtes Ph\u00e4nomen. Poggenburgs Tweet bezog sich auf einen Artikel von Focus Online. Er ist ebenfalls keine m\u00e4nnliche Angelegenheit \u2013 im Gegenteil. <\/span><span lang=\"de-DE\">2012 brachte die ehemalige Familienministerien Kristina Schr\u00f6der (CDU) das Buch \u201eNein Danke! Emanzipiert sind wir selbst\u201c heraus. Nach der Silvesternacht in K\u00f6ln forderte sie, dass \u201egewaltlegitimierende M\u00e4nnlichkeitsnormen\u201c im Islam diskutiert werden m\u00fcssen. 2017 wiederum mahnte sie im Interview, auf #metoo angesprochen, es mit dem Anti-Sexismus nicht zu \u00fcbertreiben, schlie\u00dflich wolle sie nicht in einer \u201ekomplett sterilen Arbeitswelt leben, in der sich M\u00e4nner und Frauen wie rohe Eier behandeln. [\u2026] Daf\u00fcr ertrage ich auch gerne, wenn mal ein Spruch danebengeht\u201c (2) <\/span><span lang=\"de-DE\">2018 sagte sie in einem Interview mit der Bild-Zeitung nach dem Bekanntwerden eines Mordfalls einer 14-j\u00e4hrigen durch einen Geflohenen: \u201eMan muss aber klar sagen, dass unter 1000 muslimischen M\u00e4nnern eine h\u00f6here Gewaltneigung vorhanden ist als unter 1000 nicht muslimischen M\u00e4nnern mit dem gleichen sozialen Hintergrund.\u201c Die Politik m\u00fcsse sich klar \u201ebewusst machen, dass christliche Zuwanderer leichter zu integrieren sind als muslimische Zuwanderer\u201c. (3)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dieses Muster findet sich auch bei ihrer Partei-Kollegin Julia Kl\u00f6ckner. 2016 schickte die CDU-Politikerin Kl\u00f6ckner Gru\u00dfworte an die Abtreibungsgegner*innen-Demonstration \u201eMarsch f\u00fcr das Leben\u201c und forderte \u201ekonsequenten Lebensschutz in allen Bereichen\u201c. Gerade das ungeborene Leben brauche eine Lobby. Ein vorbehaltloses Asyl f\u00fcr schwangere Geflohene hat sie nicht gefordert. (4) 2018 erschien ihr Buch \u201eNicht verhandelbar. Integration nur mit Frauenrechten\u201c. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">2016 wurde die umfassende Versch\u00e4rfung des Asylrechts, das sogenannte Asylpaket II, verabschiedet. Z\u00fclfukar \u00c7etin verweist darauf, dass die Debatte um die Silvesternacht in K\u00f6ln ma\u00dfgeblich zur Verabschiedung und Legitimation dieser Gesetze beitrug. Es sei leichter, Menschen zur\u00fcck in Armut, Hunger, Elend und Krieg zu schicken, wenn sie als \u201earchaische M\u00e4nnerhorden\u201c statt als schutzsuchende Opfer innerhalb einer humanit\u00e4ren Katastrophe gezeichnet werden (5). Im selben Jahr wurde hingegen der Antrag der Fraktion Die Linke abgelehnt, der forderte, Sexismus \u201edie rote Karte zu zeigen\u201c. Der linke Aktionsplan sah unter anderem Ma\u00dfnahmen der geschlechtersensiblen P\u00e4dagogik wie bundesweit abrufbare Angebote zur schulischen Weiterbildung und Projekte der Jugendhilfe, um Rollenklischees fr\u00fchzeitig aufzubrechen, Ma\u00dfnahmen im Bereich der medialen Darstellung, eine dezentrale Unterbringung von Gefl\u00fcchteten und eine bedarfsgerechte und bundeseinheitliche Finanzierung des gesamten Hilfe- und Schutzsystems f\u00fcr von Gewalt betroffene Frauen, gleichg\u00fcltig welchen Aufenthaltsstatus sowie Fortbildungen von Polizei und Justiz zum Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt vor. Anders als die Einschr\u00e4nkung des Menschenrechts auf Asyl, h\u00e4tte der Aktionsplan gegen Sexismus tats\u00e4chlich gegen Sexismus geholfen. Er setzt beim sexistischen Alltag an und bezieht sich auf alle Frauen. Im Gegensatz zur konservativen Variante des rassistischen Postfeminismus.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Wenn im Jemen eine Frau nicht alleine aus dem Haus darf, in Nigeria M\u00e4dchen wie Vieh verkauft werden oder in Syrien und Ostanatolien minderj\u00e4hrige M\u00e4dchen von ihren Familien verheiratet werden, dann will ich Protest h\u00f6ren.[\u2026] Das sind die wirklichen Probleme. Wir m\u00fcssen genau darauf achten, dass wir diese Probleme nicht in unser Land importieren\u201c, f\u00fchrte Silva Pantel (CDU) in ihrer Rede zur Abstimmung aus. (5) Eben weil Sexismus kein allt\u00e4gliches, sondern ein importiertes Problem sei, k\u00f6nnen Ma\u00dfnahmen, die beim allt\u00e4glichen und strukturell verankerten Sexismus ansetzen, als \u201eIdeologie, Bevormundung und Umerziehung\u201c diskreditiert werden. \u201eIch sage, wir m\u00fcssen solchen Antr\u00e4gen wie dem Ihren die Rote Karte zeigen, damit nicht mehr relativiert wird, damit Geld nicht mehr in absurde Gender-Mainstreaming-Projekte flie\u00dft, damit vielmehr Opfern geholfen wird, damit T\u00e4ter verfolgt und damit Frauen gef\u00f6rdert werden.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenh\u00e4user wies im M\u00e4rz 2018 darauf hin, dass in drei Bundesl\u00e4ndern kein einziger freier Frauenhausplatz zu finden war. W\u00e4re 2016 anders abgestimmt worden, w\u00e4re es wahrscheinlich nicht zu dieser Situation gekommen. <\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Anna Schiff<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jede feministische Forderung, die diesen rassistischen und sexistischen Deutungsrahmen des \u201eSchutz[es] der eigenen Frauen vor den Fremden\u201c verl\u00e4sst, wird diskreditiert und f\u00fcr nicht relevant erkl\u00e4rt. Der echte, der relevante Sexismus ist ein importiertes Problem. Wissenschaftlerinnen wie Gabriele Dietze, Estelle B. 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