{"id":19508,"date":"2019-02-28T23:51:22","date_gmt":"2019-02-28T21:51:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19508"},"modified":"2019-03-06T13:06:38","modified_gmt":"2019-03-06T11:06:38","slug":"abschussfahrt-in-die-gewaltdynamik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/02\/abschussfahrt-in-die-gewaltdynamik\/","title":{"rendered":"Abschussfahrt in die Gewaltdynamik"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/TheHateUGive_Poster_CampA_1400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19511 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/TheHateUGive_Poster_CampA_1400-723x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"291\" height=\"412\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/TheHateUGive_Poster_CampA_1400-723x1024.jpg 723w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/TheHateUGive_Poster_CampA_1400-300x425.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/TheHateUGive_Poster_CampA_1400-600x849.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/TheHateUGive_Poster_CampA_1400-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/TheHateUGive_Poster_CampA_1400-768x1087.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/TheHateUGive_Poster_CampA_1400.jpg 989w\" sizes=\"auto, (max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><\/a>Die Bewegung begann 2013 nach der Freilassung des schwarzen Polizisten George Zimmerman, der den 17 Jahre alten und unbewaffneten afrikanisch-amerikanischen Sch\u00fcler Trayvon Martin nach einem Handgemenge erschoss. Auch in diesem Film geht es um einen Mord, diesmal allerdings von einem wei\u00dfen Polizisten, wie das eher \u00fcblich ist, an einem schwarzen Jugendlichen. Der war als Fahrer eines Autos zum Opfer der Polizeigewalt geworden, zusammen mit der Filmheldin, Beifahrerin \u201eStarr\u201c, die \u00fcberlebt und deren politischer Reifeprozess als Zeugin der Tat geschildert wird.<\/p>\n<p>George Tillman Jr. verfilmte hier den gleichnamigen Roman der afrikanisch-amerikanischen Autorin Angie Thomas (1), die f\u00fcr die deutsche \u00dcbersetzung ihres Romans den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 bekommen hatte. (2) Eine wichtige Rolle sowohl f\u00fcr den Film wie die literarische Vorlage spielt die Gangsta-Rap-Gruppe \u201eThug Life\u201c (ein Akronym f\u00fcr &#8222;The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody&#8220;) vom Rapper \u201eTupac\u201c, sowie dessen gleichnamiger Song \u00fcber das Leben eines jugendlichen schwarzen Drogendealers und die allt\u00e4gliche Polizeigewalt, dessen Lyrics so granatenhaft sexistisch sind (z.B.: \u201eCan\u2019t stand bitches now fuck a wife\u201c), dass ich mir hier den Link zum Songtext erspare. Die Verfilmung konzentriert sich aber auf den Polizeirassismus und die Drogenproblematik in den verarmten Schwarzenvierteln.<\/p>\n<p>Allein im Jahr 2017 wurden in den USA 987 Menschen durch Polizeisch\u00fcsse get\u00f6tet, davon ein \u00fcberproportional hoher Anteil schwarzer M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Eine 16-j\u00e4hrige afrikanisch-amerikanische Sch\u00fclerin mit dem Spitznamen \u201eStarr\u201c lebt noch mit ihrer vielk\u00f6pfigen Familie in einem schwarzen Armenviertel, geht aber auf eine gehobene Privatschule mit vielen wei\u00dfen Sch\u00fcler*innen und ist auch in einen wei\u00dfen Sch\u00fcler verliebt. Auf einer Party trifft sie \u00fcberraschend ihren fr\u00fcheren schwarzen Jugendfreund Khalil wieder und vor einer beginnenden Partyschl\u00e4gerei rennen beide davon und fahren dann in Khalils Wagen weg. Auf einsamer Stra\u00dfe werden sie von einer Polizeistreife angehalten. Der wei\u00dfe Polizist wird schnell aggressiv, will den Pass von Khalil kontrollieren, als Khalil zu einer Haarb\u00fcrste greift. Der Polizist h\u00e4lt das f\u00fcr eine Waffe und erschie\u00dft Khalil sofort und ohne jede Vorwarnung. Starr sitzt nebendran und bekommt mit, wie Khalil zuckend und nach minutenlangem Todeskampf stirbt.<\/p>\n<p>Der Film verfolgt nun parallel die weitere Entwicklung mehrerer Protagonist*innen im Umfeld von Starr sowie von Starr selbst. Starrs Vater ist ein alter Black Panther-K\u00e4mpfer, der seine Kinder mit der Malcolm-X-Maxime erzieht, die Rechte \u201eby all means necessary\u201c zu erk\u00e4mpfen. Erst will er sich zur\u00fcckhalten, kann aber nicht anders, als schlie\u00dflich zu versuchen, sowohl gegen die Polizei als auch gegen die schwarzen Drogendealer gewaltsam anzugehen. Eine Aktivistin von Black Lives Matter kommt der Familie zu Hilfe, die wiederum f\u00fcr gewaltfreien Widerstand agitiert.<\/p>\n<p>Die Familie hat \u2013 was f\u00fcr ein Zufall \u2013 in der Verwandtschaft einen schwarzen Polizisten, der ihr einerseits hilft, andererseits in einen Rollenkonflikt ger\u00e4t, weil er die Polizeigewalt aus dem eigenen Berufsalltag kennt, aber irgendwie doch dazu geh\u00f6rt und auch die nervliche Anspannung der Polizisten vor dem Schuss nachvollziehen kann. In einer der besten Szenen des Films konfrontiert ihn aber Starr mit der unterschiedlichen Herangehensweise im entscheidenden Moment einer Festnahme. Und selbst der schwarze Polizist muss nun zugeben, dass gegen\u00fcber einem Schwarzen, wenn er einen Gegenstand in der Hand h\u00e4lt, erst geschossen wird, w\u00e4hrend bei einem Wei\u00dfen zun\u00e4chst \u201eHande hoch\u201c vor dem potentiellen Schuss gerufen wird. Genau das macht den erfahrungsges\u00e4ttigten Unterschied im entscheidenden Moment aus, der Rassismus als systematische Ungleichbehandlung in solch lebensentscheidenden Situationen blo\u00dflegt.<\/p>\n<p>Der Film wird zunehmend spannender, weil die Hauptprotagonistin Starr einen beschleunigten politischen Reifeprozess durchmacht. Anfangs will sie ihre eigene traumatische Erfahrung selbst unter den Tisch kehren. Immer wieder wird Starr jedoch damit konfrontiert, dass Khalil doch letztlich selbst schuld daran sei, dass er erschossen wurde, schon weil er als jugendlicher Drogendealer gearbeitet hatte.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/4l-twUQhNkg\" width=\"100%\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><em>Deutscher Trailer zum Film &#8211; Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4l-twUQhNkg\">Youtube<\/a><\/em><\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sagt sie vor den Medien und auch vor Gericht aus, muss aber erleben, dass der Polizistenm\u00f6rder von einer mehrheitlich von Wei\u00dfen besetzten Geschworenen-Jury freigesprochen wird, wie in 99 Prozent solcher Verfahren in den USA. Starr wird nun die Dimension des Rassismus erst selbst klarer, dass etwa hinter der Ignoranz ihrer besten wei\u00dfen Schulfreundin ebenfalls Rassismus steckt, ja dass sogar ihr wei\u00dfer Freund nicht frei von Rassismen ist. Dieser hinterfragt sich jedoch selbst, h\u00f6rt zu, unters\u00fctzt seine Freundin auch in schwerer Situation und l\u00e4\u00dft die M\u00f6glichkeit gemischter Schwarz-Wei\u00df-Liebesbeziehungen offen. Es ist damit kein Pl\u00e4doyer des Regisseurs f\u00fcr schwarz-identit\u00e4ren Nationalismus, obwohl Black Lives Matter von manchen Interpretator*innen als ein Revival der Black Liberation-Bewegung beschrieben wurde. (3)<\/p>\n<p>Als Starr entschlossen an die \u00d6ffentlichkeit geht, denunziert sie auch den Dealerchef aus der Gangsta-Gruppe \u201eKing Lords\u201c, die nun ihrerseits Anschl\u00e4ge auf die Familie durchf\u00fchrt. Am Schluss ger\u00e4t Starr in einen Riot mit der Polizei, endet aber in einem Showdown zwischen der Familie und den King Lords, bei dem sogar der f\u00fcnfj\u00e4hrige Junge der Familie pl\u00f6tzlich eine Waffe zieht und schie\u00dfen will. Starr stellt sich pl\u00f6tzlich zwischen den bewaffneten Jungen und die bewaffneten King Lords und gibt in dem Film damit das entscheidende Statement ab, dass die sich immer schneller drehende Spirale der Gewalt durchbrochen werden muss und dabei das Prinzip der Gerechtigkeit doch nie aus den Augen zu verlieren ist. Das bleibt ein Drahtseilakt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/7CGeNN8NiQE\" width=\"100%\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><em>Extended Preview &#8211; Die ersten 10 Minuten des Films in voller L\u00e4nge &#8211; Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=7CGeNN8NiQE\">Youtube<\/a><\/em><\/p>\n<p>Der Schluss-Showdown mit finaler Notbremse mag ein wenig zu melodramatisch geraten sein, aber ansonsten thematisiert Tillman Jr. rassistische Polizeigewalt in den USA und die unmittelbare Reaktion der Betroffenen auf authentische Weise, er thematisiert en passant die Gewaltdiskussion in solchen Bewegungen \u2013 und das alles aus der Perspektive von Jugendlichen, die auch als jugendliche Kinobesucher*innen von dieser Thematik so angesprochen werden, dass sie sicher noch einige Zeit \u00fcber den Film nachdenken werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bewegung begann 2013 nach der Freilassung des schwarzen Polizisten George Zimmerman, der den 17 Jahre alten und unbewaffneten afrikanisch-amerikanischen Sch\u00fcler Trayvon Martin nach einem Handgemenge erschoss. 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