{"id":19530,"date":"2019-03-05T15:26:29","date_gmt":"2019-03-05T13:26:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19530"},"modified":"2019-04-15T13:09:28","modified_gmt":"2019-04-15T11:09:28","slug":"die-scheinbar-natuerlichste-sache-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/die-scheinbar-natuerlichste-sache-der-welt\/","title":{"rendered":"Die scheinbar nat\u00fcrlichste Sache der Welt"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Schwangerschaft und Geburt geh\u00f6ren sicherlich zu den verkitschtesten sozialen Begebenheiten. Einerseits ist es eine einfache biologische Tatsache, dass neue Menschen nur auf die Welt kommen k\u00f6nnen, wenn sie im Bauch einer anderen Person neun Monate lang wachsen. Andererseits ist dieses Ph\u00e4nomen merkw\u00fcrdig doppelb\u00f6dig, n\u00e4mlich in seinen normierten Varianten unglaublich sichtbar und pr\u00e4sent, in seinen aus der Norm fallenden Varianten hingegen beinahe tabuisiert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_19658\" aria-describedby=\"caption-attachment-19658\" style=\"width: 291px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_54759394ab.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-19658\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_54759394ab-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"291\" height=\"399\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_54759394ab-219x300.jpg 219w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_54759394ab-300x410.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_54759394ab-600x820.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_54759394ab-768x1050.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_54759394ab-749x1024.jpg 749w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_54759394ab.jpg 1170w\" sizes=\"auto, (max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19658\" class=\"wp-caption-text\">Alisa Tretau (Hg): Nicht nur M\u00fctter waren schwanger, Edition Assemblag, M\u00fcnster 2018<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\">Fr\u00f6hliche Babys, die zu jungen, meist blonden, immer aber heterosexuellen Paaren geh\u00f6ren, bev\u00f6lkern die Werbung, das Kino, die Literatur, die Klatschspalten. Wenig sichtbar ist hingegen die Tatsache, dass in manchen L\u00e4ndern bereits bis zu vier Prozent aller Kinder heute bereits durch In-Vitro-Fertilisation gezeugt werden. Oder das Leid der Menschen mit Kinderwunsch, die trotz aller Versuche nicht schwanger werden. Oder die Herausforderungen, die sich auftun, wenn sich herausstellt, dass ein F\u00f6tus vielleicht mit einer schweren Behinderung zur Welt kommen w\u00fcrde. Die Trauer nach einer Fehlgeburt. Die Hindernisse, die Menschen in den Weg gelegt werden, die nicht in den \u00fcblichen und sozial akzeptierten Familienkonstellationen leben wollen. Und so weiter.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dieser Sammelband dokumentiert zahlreiche subjektive Erfahrungen mit dem Thema, teilweise auch in Form von Interviews oder Protokollen. Die St\u00e4rke dieser vielf\u00e4ltigen Perspektiven ist es, von dem jeweiligen pers\u00f6nlichen Erleben auszugehen und das Thema \u201eKinderkriegen\u201c nicht auf einen Nenner bringen zu wollen, sondern es als subjektive Erfahrung zu erz\u00e4hlen. Es kann n\u00e4mlich von der einen so, von dem anderen anders und von der dritten wiederum noch ganz anders erlebt werden \u2013 je nach Umfeld, je nach Kontext je nach M\u00f6glichkeiten, aber eben auch je nach eigener Pers\u00f6nlichkeit und je nach eigenem Begehren.<\/p>\n<p align=\"justify\">Und dann ist da noch die Verkn\u00fcpfung von Schwangerwerdenk\u00f6nnen mit Weiblichkeit. Dass in der traditionellen Logik \u201enur Frauen\u201c schwanger werden k\u00f6nnen, ist wohl einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass das Thema bislang nicht als politisches erkannt wird \u2013 au\u00dfer es geht um Abtreibungsverbote. Dass es vielmehr als \u201ePrivatsache\u201c gilt, wie eben alles, was \u201enur\u201c mit Frauen zu tun hat. Der Hinweis des Buchtitels, dass dieses Thema auch nicht-weibliche Geschlechter betrifft, bezieht sich daher nicht nur auf die Tatsache, dass \u201eMenschen mit Uterus\u201c und \u201eFrauen\u201c nicht dasselbe sind. Es hat auch nicht nur den Zweck, schwangere trans M\u00e4nner oder nicht bin\u00e4re Menschen einzubeziehen und so eine queere Leser*innenschaft anzusprechen. Sondern dass \u201enicht nur M\u00fctter schwanger waren\u201c (sondern auch M\u00e4nner, auch richtige, normale Menschen quasi) verschafft dem Thema des Buches auch eine Legitimation und Allgemeing\u00fcltigkeit, die es nicht h\u00e4tte, wenn es \u201enur\u201c um Frauen ginge.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ich selbst bemerkte diese Dynamik zum Beispiel, als ich den Erfahrungsbericht des langzeitstillenden trans Mannes Julien las. Er empfindet sich nicht als \u201eMutter\u201c, weil dieses Wort f\u00fcr ihn weiblich konnotiert ist, m\u00f6chte deshalb auch nicht von \u201eMuttermilch\u201c sprechen und benutzt stattdessen das Wort \u201eBrustmilch\u201c. Beim Lesen merkte ich, wie sich durch den geschlechtsneutralen Begriff meine innere Vorstellung vom Vorgang des Stillens ver\u00e4nderte. Im Unterschied zu dem Wort \u201eMuttermilch\u201c lenkt \u201eBrustmilch\u201c die Aufmerksamkeit n\u00e4mlich nicht auf das Geschlecht der Milch gebenden Person, sondern auf das dabei involvierte K\u00f6rperteil. Man denkt unweigerlich dar\u00fcber nach, ob Brustmilch Vor- oder Nachteile hat im Vergleich zu Kuhmilch oder Flaschenmilch, und nicht \u2013 wie beim Begriff \u201eMuttermilch\u201c \u2013 dar\u00fcber, ob Kinder besser von ihren M\u00fcttern oder von anderen Personen gestillt werden sollen, und ob Weiblichkeit in dem Zusammenhang ein relevanter Faktor ist.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es mag also zwar stimmen, dass die \u00fcberw\u00e4ltigend gro\u00dfe Mehrheit aller Menschen, die schwanger werden, tats\u00e4chlich Frauen sind. Und es gibt viele Kontexte, in denen eine \u201eGeschlechtsneutralisierung\u201c des Sprechens dar\u00fcber reale Verh\u00e4ltnisse verschleiern w\u00fcrde: So richten sich etwa Abtreibungsverbote gegen die reproduktive Selbstbestimmung von Frauen, und nicht von \u201eMenschen mit Uterus\u201c. Es \u00e4u\u00dfern sich dabei dezidiert frauenfeindliche Ordnungen; dass auch nichtweibliche Geschlechter betroffen sind, ist sozusagen ein Kollateralschaden. Von daher ist es auch verst\u00e4ndlich, dass manche Feministinnen bef\u00fcrchten, dass man dem Thema nicht gerecht wird, wenn man die den entsprechenden Kontroversen eingeschriebene Geschlechtsbezogenheit nicht benennt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Politischen andererseits hat es der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung dar\u00fcber in der Vergangenheit mehr geschadet als genutzt, dass Schwangerwerden und Geb\u00e4ren als genuin \u201eweibliche\u201c Erfahrung galt. Es muss vielleicht keine schlechte Sache sein, wenn wir uns an den Gedanken gew\u00f6hnen, dass nicht nur \u201eFrauen\u201c schwanger werden k\u00f6nnen, sondern generell Menschen. Nur halt nicht alle.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"left\"><strong>Antje Schrupp<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwangerschaft und Geburt geh\u00f6ren sicherlich zu den verkitschtesten sozialen Begebenheiten. 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