{"id":19536,"date":"2019-03-05T15:24:19","date_gmt":"2019-03-05T13:24:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19536"},"modified":"2022-07-26T13:56:28","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:28","slug":"wegbereiterinnen-der-emanzipation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/wegbereiterinnen-der-emanzipation\/","title":{"rendered":"Wegbereiterinnen der Emanzipation"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Im Jahr 2003 erschien der erste Frauen-Wandkalender \u201eWegbereiterinnen\u201c, deren Biografien Gisela Notz seither einmal im Jahr zusammen mit einer Gruppe Unentwegter in unerm\u00fcdlicher Kleinarbeit zusammengestellt hat. Soeben ist die 17. Ausgabe f\u00fcr 2019 erschienen. Die 192 Biografien der 16 Kalender bis 2018 sind nun in dem dicken Buchband \u201eWegbereiterinnen\u201c wieder abgedruckt, jeweils auf der linken Seite ein Foto und rechts der einf\u00fchrende Kurztext, eine Art lexikalisches Stichwort.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Buchband l\u00e4sst sich sowohl als Nachschlagewerk nach Suche im ausf\u00fchrlichen Anhang als auch direkt hintereinander lesen und er\u00f6ffnet ein beeindruckendes Kaleidoskop k\u00e4mpferischer Frauen f\u00fcr Frauenrechte bis hin zum revolution\u00e4rem Feminismus. Gisela Notz weist in ihrer Einleitung darauf hin, dass die Auswahl \u201esubjektiv\u201c ist, dass manche Leser*in den ein oder anderen Namen vermissen wird und es ihr darum ging, ein \u201ebreites Spektrum\u201c von Pionierinnen der Frauenk\u00e4mpfe abzubilden. So stehen im Sammelband allgemein bekannte Frauen und Feministinnen neben unbekannten, vergessenen, aber wieder entdeckten. Es werden Sozialdemokratinnen, Kommunistinnen oder auch allgemein Parteilose und Anarchistinnen vorgestellt, die den Leser*innen viele Anregungen bieten, sich mit der ein oder anderen Protagonistin n\u00e4her vertraut zu machen, ihr nachzusp\u00fcren oder ihre Schriften zu lesen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_19660\" aria-describedby=\"caption-attachment-19660\" style=\"width: 306px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19660 \" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_cover-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"306\" height=\"488\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_cover-188x300.jpg 188w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_cover-300x479.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_cover-600x957.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_cover-768x1225.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_cover-642x1024.jpg 642w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_cover.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 306px) 100vw, 306px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19660\" class=\"wp-caption-text\">Gislea Notz (Hg.): Wegbereiterinnen, Ag Spak B\u00fccher, Neu-Ulm 2018<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\">Die Biografien beginnen mit den beiden Vorreiterinnen noch im 18. Jahrhundert f\u00fcr die Zeit der Franz\u00f6sischen Revolution, Olympe de Gouges und Mary Wollestonecraft. In der Nachfolge werden die Lebensl\u00e4ufe vieler Vork\u00e4mpferinnen f\u00fcr das Frauenstimmrecht, von P\u00e4dagoginnen und Aktivistinnen f\u00fcr Frauenbildung dargestellt, des Weiteren dann von Pazifistinnen und Kriegsgegnerinnen zum und im Ersten Weltkrieg, an dessen Ausgang sich oft die Lebenswege schieden. So folgte h\u00e4ufig auf die Mitgliedschaft in der Sozialdemokratie der Weg \u00fcber die Unabh\u00e4ngige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) und dann entweder zur KPD, zur\u00fcck zur SPD oder eben zu den Weimarer Splitterorganisationen der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) oder des Internationalen Sozialistischen Kampfbunds (ISK). Frauenrechtlerinnen gr\u00fcndeten ihre eigenen Organisationen; fast alle hier vorgestellten Frauen wurden vom Nationalsozialismus verfolgt oder ins Exil vertrieben oder verloren gar im Widerstand ihr Leben, etwa im Konzentrationslager Ravensbr\u00fcck. Resistance- und Resistenzia-K\u00e4mpferinnen werden vorgestellt \u2013 und wenn sie den Zweiten Weltkrieg \u00fcberlebten, setzten sie sich sofort wieder f\u00fcr Frauenrechte, f\u00fcr das Recht auf Schwangerschaftsabbruch oder gegen die Wiederbewaffnung ein. Der Schwerpunkt liegt auf Biografien aus der BRD, der DDR, \u00d6sterreich und der Schweiz, aber es werden auch einige, noch vereinzelte Ausfl\u00fcge unternommen in andere L\u00e4nder, zu Schwarzen Frauen, j\u00fcdischen Aktivistinnen, T\u00e4nzerinnen, K\u00fcnstlerinnen, Fotografinnen, Bildhauerinnen, Poetinnen, ersten Vertreter*innen der Intersexualit\u00e4t oder auch zur Philosophin Hannah Arendt. Wie bei Letzterer geht es dabei nicht immer um Frauenrechte und Feminismus, sondern auch darum, in einer bisher m\u00e4nnlichen Dom\u00e4ne, wie etwa der Philosophie, Entscheidendes zur emanzipatorischen Weiterentwicklung geleistet zu haben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Buch liest sich leicht. Es ist wunderbar vielschichtig, fast immer st\u00f6\u00dft die Leser*in auf eine Person, von der sie vielleicht schon entfernt geh\u00f6rt hatte, auf die sie nun aber wieder mit der Nase gesto\u00dfen wird, sich doch endlich mal n\u00e4her mit ihr zu besch\u00e4ftigen \u2013 eine wahre Fundgrube.Einige bedeutende Anarchistinnen wie Emma Goldman, Andr\u00e9 L\u00e9o oder Louise Michel und hervorragende Vertreterinnen eines gewaltkritischen Anarchismus sind aufgenommen worden, darunter Clara Wichmann, Margarethe Hardegger, Rosika Schwimmer, Rirette Ma\u00eetrejean. Im Kalender 2019 wird nun Hedwig Landauer-Lachmann vorgestellt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Buch gut vertreten sind die Frauen aus den Organisationen \u201eInternationale Frauenliga f\u00fcr Frieden und Freiheit\u201c (IFFF) und pr\u00e4gende Aktivistinnen des ISK. Erkennbare L\u00fccken bleiben dennoch bestehen, so fehlen aus der fr\u00fchen radikalb\u00fcrgerlichen Frauenbewegung etwa Anita Augspurg oder Lida Gustava Heymann und es gibt auch keine Vertreterin aus dem Syndikalistischen Frauenbund der Zwanzigerjahre, auch nicht Milly Wittkop-Rocker. Ebenfalls gibt es keine Aktivistin aus den Mujeres Libres der spanischen Revolutionszeit. Doch der Kalender wird ja fortgef\u00fchrt \u2013 und das wird vielleicht noch nachgeholt, eine Vollst\u00e4ndigkeit kann es sowieso nie geben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es f\u00e4llt schwer, aus dem Gelesenen einfach eine Vork\u00e4mpferin herauszuheben, ich m\u00f6chte trotzdem den vielschichtigen Lebensweg von Josephine Baker (1906-1975) kurz in Erinnerung rufen, der mich beim Lesen besonders beeindruckt hat. Sie war nicht nur j\u00fcdisch-afrikanisch-amerikanische T\u00e4nzerin, sondern sie musste als Elfj\u00e4hrige ein Pogrom an ca. 100 afrikanisch-amerikanischen Menschen miterleben \u2013 ein traumatisches Kindheitserlebnis, das sie nie verga\u00df, aber in ihrem lebenslangen gewaltfreien Kampf gegen Rassismus konstruktiv verarbeiten konnte. Viele wissen nicht, dass sie im August 1963 neben Martin Luther King Jr. auf der Gro\u00dfdemo in Washington eine Rede hielt und dass sie, nachdem sie bereits ber\u00fchmt war, eine \u201eRegenbogenfamilie\u201c als verwirklichte Utopie gr\u00fcndete, als sie zw\u00f6lf verarmte Waisenkinder unterschiedlicher Hautfarbe adoptierte. Es war dies auch ein politisches Statement gegen nationalistisch-identit\u00e4re Abgrenzung und f\u00fcr radikale Vermischung als Gesellschaftsziel.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Lou Marin<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 2003 erschien der erste Frauen-Wandkalender \u201eWegbereiterinnen\u201c, deren Biografien Gisela Notz seither einmal im Jahr zusammen mit einer Gruppe Unentwegter in unerm\u00fcdlicher Kleinarbeit zusammengestellt hat. Soeben ist die 17. Ausgabe f\u00fcr 2019 erschienen. 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