{"id":19540,"date":"2019-03-05T15:23:14","date_gmt":"2019-03-05T13:23:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19540"},"modified":"2019-04-15T13:16:00","modified_gmt":"2019-04-15T11:16:00","slug":"eine-zweischneidige-waffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/eine-zweischneidige-waffe\/","title":{"rendered":"Eine zweischneidige Waffe"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Was immer sich die Programm-Chefs des Rowohlt-Taschenbuch Verlages so dabei gedacht haben, bleibt deren Geheimnis. Aber 73 Jahre nach Kriegsende \u201eDas kleine Sabotage-Handbuch von 1944\u201c zu ver\u00f6ffentlichen, scheint mir doch ein recht subversiver Akt zu sein, selbst wenn er unbewusst war. Und so sehr sich Anarchist*innen \u00fcber ein solches Handbuch freuen k\u00f6nnten, so zwiesp\u00e4ltig bis fad ist der Nachgeschmack dieser Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_300_9783499634161.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-19750 size-medium\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_300_9783499634161-191x300.jpg\" alt=\"\" width=\"191\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_300_9783499634161-191x300.jpg 191w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_300_9783499634161-300x472.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_300_9783499634161.jpg 318w\" sizes=\"auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px\" \/><\/a>Das Buch bleibt heute &#8211; nicht nur aufgrund einer ver\u00e4nderten technischen Welt &#8211; harmlos, wenn es etwa um Sabotage der \u201eTelegraphie\u201c geht usw. Das Nachwort von Kathrin Passig demonstriert eine bildhafte Belanglosigkeit. Zum einen ist es verwunderlich, dass dieses Handbuch erst 2008 in Amerika f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit freigegeben wurde. Auf der anderen Seite wundert es einen, dass die Amerikaner erst 1944 (!) zur Sabotage der deutschen Wirtschaft aufriefen, und sich ein Unterst\u00fctzerheer von \u201eB\u00fcrgersaboteuren\u201c herbei w\u00fcnschten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Neben dem \u00fcblichen Sabotieren von Maschinen durch falsche Behandlung etc. gibt es Tipps etwa wie: \u201eArbeiten Sie langsam\u201c oder \u201eWenn m\u00f6glich, schlie\u00dfen Sie sich einem Betriebsrat an oder gr\u00fcnden Sie selbst einen\u201c oder auch: \u201eWenn Sie mal m\u00fcssen, bleiben Sie etwas l\u00e4nger auf dem Klo.\u201c Aber der Gipfel ist unter der \u00dcberschrift \u201eZur Sachbesch\u00e4digung ermutigen\u201c: \u201eSofern die Umst\u00e4nde es erlauben, sollte dem Saboteur vermittelt werden, dass er in Notwehr gegen den Feind handelt beziehungsweise Vergeltung f\u00fcr dessen zerst\u00f6rerische Taten \u00fcbt. Ein gesundes Ma\u00df Humor beim Vorstellen der M\u00f6glichkeiten zu einfacher Sabotage wird helfen, ihm die Angst davor zu nehmen.\u201c Dies k\u00f6nnte auch aus einem Flugblatt der Spa\u00dfguerilla aus den 1970er, 80er Jahre stammen, aber aus dem Mund des CIA-Vorl\u00e4ufers, dem Office of Strategic Services (O.S.S.) klingt es doch ein wenig befremdlich.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Nachwort gibt es allerdings kein einziges Wort zur historischen Situation in Nazideutschland, kein Wort zu den 10.000en \u2013 zum Teil zum Tode verurteilten &#8211; ZivilistInnen und Armeeangeh\u00f6rigen, die bereits vor den amerikanischen Tipps aktiv Widerstand geleistet haben. Es dr\u00e4ngt sich auch die Frage auf, wer \u00fcberhaupt dieses so hoch geheime Papier in Deutschland 1944 zu Gesicht bekommen hat? Daf\u00fcr blickt Frau Passig in das heutige Amerika, wo \u201eSabotage\u201c anscheinend zum \u201eVolkssport\u201c verkommt, weil dort \u00fcberall in der Arbeitswelt Sabotage als pers\u00f6nliche Missfallenskundgebung gegen die Firma, gegen den Vorgesetzten etc. betrieben wird. Sabotage ist hier also weder ein Mittel des allgemeinen Arbeitskampfes noch eine Hoffnung darauf, falls die AfD demn\u00e4chst den Bundeskanzler stellt (was hoffentlich nie geschehen wird).<\/p>\n<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_26_0.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-19749 size-medium\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_26_0-176x300.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_26_0-176x300.jpg 176w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_26_0-300x510.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_26_0.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 176px) 100vw, 176px\" \/><\/a>Das \u201eHandbuch\u201c, ein kleines, niedliches B\u00fcchlein, zu konspirativen Zwecken auf das Format von 10,5 x 17 cm runter kopiert und vorsichtshalber zweisprachig, mag auch heute noch den einen oder anderen Tipp bereithalten, aber ansonsten eher ein m\u00fcdes L\u00e4cheln hervorrufen. Ich wei\u00df allerdings nicht, was passiert w\u00e4re, wenn ein kleiner linker Verlag den Text ver\u00f6ffentlicht h\u00e4tte, ob da nicht gleich wieder der Staatsanwalt auf der Matte gestanden h\u00e4tte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein ganz anderer Gewinn kann aus dem Pamphlet \u201eSabotage \u2013 Die bewusste Verringerung industrieller Effizienz\u201c von Elizabeth Gurley Flynn von 1916 gezogen werden. Diese bringt uns nicht nur die in Deutschland recht unbekannte IWW-Aktivistin Flynn n\u00e4her, die bereits mit 16 Jahren in der US-amerikanischen Arbeiter*innen-Bewegung aktiv und mit Emma Goldman befreundet war, sondern stellt die Sabotage hier als eine zweischneidige Waffe dar.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Sabotage als Kampfmittel der Arbeiterklasse wird vor dem Hintergrund gro\u00dfer Streiks in den USA als notwendig angesehen &#8211; was nicht ganz ungef\u00e4hrlich war, haben doch damalige Gerichte bereits Aufrufe zur Sabotage mit Gef\u00e4ngnis bestraft. Trotzdem lesen sich die Beispiele als recht \u201elustige\u201c Geschichten. Interessant allerdings ist auch der Blick von Flynn auf die Sabotage der Fabrikbesitzer, die ganz bewusst den Arbeiter*innen schlechtes Arbeitsmaterial zur Verf\u00fcgung stellen, um minderwertigere Waren herzustellen (was gegen die \u201eEhre\u201c der Arbeiter*innen ging). Heute ist es l\u00e4ngst ein Gesch\u00e4ftsmodell, billige Verschlei\u00dfteile etwa in Waschmaschinen einzubauen, damit diese keine zehn Jahre mehr halten, sondern eben schneller kaputt gehen. Dies l\u00e4sst sich heute auf fast alle Industrieprodukte anwenden. Sabotage ist und bleibt eine zweischneidige Waffe, ein legitimes Mittel in Arbeitsk\u00e4mpfen sowie in Zeiten staatlicher Repressionen oder des Krieges. Aber die Tatsache, dass die Sabotage ein Mittel ist, welches von allen benutzt werden kann, zeigt deutlich, dass sie als Kampfmittel hinterfragt und gut begr\u00fcndet werden muss. Letztlich bleibt die Sabotage als Kampfmittel aktuell, nur die Handb\u00fccher dazu m\u00fcssten mal auf den neuesten Stand gebracht werden.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Jochen Knoblauch<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was immer sich die Programm-Chefs des Rowohlt-Taschenbuch Verlages so dabei gedacht haben, bleibt deren Geheimnis. Aber 73 Jahre nach Kriegsende \u201eDas kleine Sabotage-Handbuch von 1944\u201c zu ver\u00f6ffentlichen, scheint mir doch ein recht subversiver Akt zu sein, selbst wenn er unbewusst war. 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