{"id":19542,"date":"2019-03-05T15:23:52","date_gmt":"2019-03-05T13:23:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19542"},"modified":"2019-04-15T13:15:07","modified_gmt":"2019-04-15T11:15:07","slug":"mythos-hambi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/mythos-hambi\/","title":{"rendered":"Mythos Hambi"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Zu einem Versuch, Widerstandsgeschichte aus der Sicht von Aktivist_innen zu machen, geh\u00f6ren ansprechende Fotos dazu. Und hiervon sind in \u201e\u201aMama, dieser Stock auch?\u2018 Von Barrikaden, Waldsch\u00fctzer*innen und Antikapitalismus\u201c gen\u00fcgend abgedruckt, f\u00fcr die allein es sich bereits lohnt, diese im Dezember 2018 erschienene Brosch\u00fcre in die Hand zu nehmen. Die \u201eAktion Unterholz\u201c, die zivilen Ungehorsam w\u00e4hrend der Rodungssaison organisiert hat und seit den Tagen im Herbst 2018 auch weiter gegen den Klimawandel k\u00e4mpft, hat eine wunderbare Brosch\u00fcre herausgebracht, die gegen Spende bei aktion-unterholz.org bestellt werden kann.<\/p>\n<p align=\"justify\">Hierin wird auf eindrucksvolle Weise einer der gr\u00f6\u00dften Polizeieins\u00e4tze NRWs aus unterschiedlichen Blickwinkeln, als ein weiterer Beweis der autorit\u00e4ren Formierung des Staates analysiert und der Widerstand gegen das Megaprojekt Hambacher Forst liebevoll und sympathisch dokumentiert. In diesem Versuch, die Geschichtsschreibung um einen bewegungsfreundlichen Blickwinkel zu erweitern, wird verdeutlicht, dass aktuelle und zuk\u00fcnftige politische Errungenschaften jenseits von Parlamenten und Parteien erk\u00e4mpft werden k\u00f6nnen und m\u00fcssen. Bei den K\u00e4mpfen gegen den Klimawandel geht es nicht nur um die Rettung der bedrohten Bechsteinfledermaus. Der Slogan \u201eSystem change not climate change\u201c stellt klar, dass eine Verkn\u00fcpfung mit anderen politischen K\u00e4mpfen wichtig ist. In dieser Situation hat die Klimabewegung eine besondere Rolle, weil sie es geschafft hat, unterschiedliche Akteurinnen und Akteure zusammenzuf\u00fchren und dadurch eine st\u00e4rkere gesellschaftliche Legitimation f\u00fcr politische K\u00e4mpfe, in denen es \u201eums Ganze\u201c geht, zu schaffen. Weil es eben nicht nur um ein paar alte B\u00e4ume geht, sondern um die \u201e\u00dcberwindung der kapitalistischen Logik der Zerst\u00f6rung der Natur\u201c. Diese Bewegung hat erreicht, dass sich Tausende der Macht der Herrschenden und der unmenschlichen Logik des Kapitalismus entgegensetzen und durch unterschiedliche Formen des Widerstands die Grenzen des gesetzlich Erlaubten bewusst \u00fcbertreten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Viele von uns kennen das aus den verschiedensten K\u00e4mpfen der Vergangenheit. Aber es ist erfrischend zu sehen, wie alte Konzepte neu belebt und erfolgreich erweitert werden. Hierbei ist insbesondere das Kapitel \u00fcber die Perspektive einer \u201eGruppe Waldbesetzer_innen\u201c zu nennen. Sie beschreiben eindrucksvoll den langen Kampf der im Wald lebenden Menschen und deren Strukturen. Die dort lebenden Einzelpersonen und Bezugsgruppen lebten eine \u201eKultur der gegenseitigen R\u00fccksichtnahme, des st\u00e4ndig neu Aushandelns gemeinsamer Regeln und des autonomen Initiativprinzips\u201c. Auch die sogenannte \u201eDiversity of Tactics\u201c ist hierzu von besonderer Bedeutung. Sie zeichnet sich aus durch eine Abkehr von der strikten Einteilung und der Unvereinbarkeit von gewaltfreiem und militantem Aktivismus, mit dem Ziel \u201everschiedene Taktiken nebeneinander existieren und sich gegenseitig erg\u00e4nzen\u201c zu lassen. Aus gewaltfreier Sicht w\u00e4ren konkrete Erfahrungen hierzu von gro\u00dfer Bedeutung. Wie hat das funktioniert? War die Diversity of Tactics erfolgreich? Das fehlt hier leider.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der b\u00fcrgerliche Demokratiebegriff wurde bei den Waldbesetzer_innen immer abgelehnt, zu Gunsten einer anarchistischen Idee. Hierin ist eine Weiterentwicklung von unterschiedlichen Konzepten von Autonomie und Selbsterm\u00e4chtigung aus der Vergangenheit zu erkennen. Dabei haben eben nicht &#8211; wie in vielen vergangenen K\u00e4mpfen &#8211; einige Tausend Aktivist_innen mit Bewegungsgeschichte und \u00e4hnlicher biografischer Pr\u00e4gung und politischer Sozialisation f\u00fcr einige Tage ein stimmiges Konzept f\u00fcr sich gefunden. Im Hambacher Forst lebten \u201eletztendlich ein Haufen Menschen, die von der Normalgesellschaft kaputt gemacht wurden\u201c, also Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Milieus, auch Drogenkonsumierende oder Straight-Edge-Punks. Unter diesen erschwerenden Bedingungen ein tragbares Konzept zu schaffen, wo Menschen trotz aller Unterschiede zusammenhalten und solidarisch miteinander umgehen k\u00f6nnen, ist aus der Distanz betrachtet beeindruckend. Spannend wird es auch, wenn die Kritik der Waldbesetzer_innen an einigen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Greenpeace oder Campact (\u201edie sich jahrelang nicht f\u00fcr uns interessiert haben\u201c) und einer Massenbewegung, die das Ganze zu einem medienwirksamen Ereignis mit Volksfestcharakter verkehrten, deutlich wird. Die Kritik richtet sich dagegen, dass die NGOs das entstandene gro\u00dfe Happening vor allem daf\u00fcr genutzt h\u00e4tten, Spenden zu sammeln und Mitglieder zu rekrutieren. Hier w\u00e4re in Zukunft eine gr\u00f6\u00dfere Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber wichtigen Tr\u00e4gern des Widerstandes vor Ort n\u00f6tig. Einschr\u00e4nkend sollte an dieser Stelle erw\u00e4hnt werden, dass dieses medienwirksame Spektakel letztlich mit zum Erfolg des Widerstands beigetragen hat. Dennoch sollte die formulierte Kritik f\u00fcr die Zukunft ernst genommen werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Abschlie\u00dfend muss festgestellt werden, dass solche Brosch\u00fcren im Nachgang zu bedeutenden Ereignissen sozialer Bewegungen von gro\u00dfer Bedeutung sind. Es geht darum, aus subjektiver Sicht von Aktivist_innen die Geschichte nachzuerz\u00e4hlen und zu reflektieren. Dies ist mit der Flugschrift der Aktion Unterholz gelungen. F\u00fcr Menschen, die dabei waren, ebenso zu empfehlen wie f\u00fcr andere, die sich ein Bild vom Widerstand im Hambacher Forst machen m\u00f6chten.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>markus beinhauer<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu einem Versuch, Widerstandsgeschichte aus der Sicht von Aktivist_innen zu machen, geh\u00f6ren ansprechende Fotos dazu. 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