{"id":19545,"date":"2019-03-05T15:22:22","date_gmt":"2019-03-05T13:22:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19545"},"modified":"2019-04-15T13:17:18","modified_gmt":"2019-04-15T11:17:18","slug":"eine-einladung-keine-party","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/eine-einladung-keine-party\/","title":{"rendered":"Eine Einladung, keine Party"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Letzten Samstag waren wir doch beim Geburtstag eingeladen. Aber wieso, entgegnet meine f\u00fcnfj\u00e4hrige Tochter, da waren wir doch im Urlaub! Beides stimmt, und ich erkl\u00e4re ihr, dass eine Einladung nicht bedeutet, auch anwesend gewesen sein zu m\u00fcssen. Die Einladung l\u00e4sst sich auch ausschlagen, ignorieren oder absagen. \u201eOuh!\u201c sagt sie nach kurzer \u00dcberlegung, und signalisiert mit dieser f\u00fcr ihre neuen Erkenntnisse typischen \u00c4u\u00dferung das Verst\u00e4ndnis dieser Differenz.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es handelt sich um eine Erkenntnis und eine Differenz, die der Philosoph Jacques Ranci\u00e8re nicht wahrhaben will. In seinem kleinen B\u00fcchlein \u00fcber das \u201eEreignis 68\u201c schreibt er \u00fcber die \u201eoffene Besetzung\u201c (32) der Sorbonne im Pariser Mai. \u201eNicht-Studenten, Arbeiter und Nichtarbeitende aller Art sind eingeladen, an ihr teilzunehmen\u201c (32) beschreibt Ranci\u00e8re die Offenheit der Aktion im begeisterten Pr\u00e4sens. Dass die Einladung kaum angenommen wurde und die Sorbonne-Bewegung sehr studentisch blieb, muss ausgeblendet werden. Sicher, der Mai 1968 ist auch ohne streikende Arbeiter*innen nicht zu denken. Aber die kurzzeitige Allianz mit Studierenden war eine Ausnahme und weder selbstverst\u00e4ndlich noch unproblematisch.<\/p>\n<p align=\"justify\">F\u00fcr Ranci\u00e8re symbolisiert und verwirklicht der Mai 68 aber sehr viel: Es ist die Revolte, die alle Grenzen zwischen den Klassen und alle statistisch wie strategisch vorgesehenen Abl\u00e4ufe sozialer Entwicklungen durchkreuzt. Der Mai 68 ist nach Ranci\u00e8re die \u201eBeseitigung der Vermittlung\u201c (27) und die Entstehung der \u201ePolitik als kollektive Erfindungskraft\u201c (33). Da passt es nicht ins Bild, dass der Anspruch sich nicht nur auf Dauer von der Wirklichkeit entfernt hat. Auch in der Situation selbst, w\u00e4hrend des Ereignisses f\u00fcr sich, blieb er nur rudiment\u00e4r verwirklicht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Eine Einladung ist keine Garantie daf\u00fcr, dass die Eingeladenen auch anwesend sind. Das \u201eOuh!\u201c bleibt bei Ranci\u00e8re aus, und zwar aus programmatischen Gr\u00fcnden. Denn er f\u00fcgt seine Interpretationsweise zu 1968 ein in seinen mittlerweile Jahrzehnte w\u00e4hrenden Kampf gegen die Soziologie Pierre Bourdieus auf der einen und den Parteikommunismus in der Gestalt Louis Althussers auf der anderen Seite. Gegen seinen ehemaligen Lehrer Althusser hatte Ranci\u00e8re schon 1974 \u201eDie Lektion Althussers\u201c (Dt. 2014) verfasst. Und in \u201eDer Philosoph und seine Armen\u201c (Dt. 2010) von 1983 gibt es eine hundertseitige Abrechnung mit dem \u201eSoziologenk\u00f6nig\u201c Bourdieu. Beide, Bourdieu wie Althusser, sind nach Ranci\u00e8re Ordnungsh\u00fcter des Bestehenden. Sie sind Theoretiker der Vermittlung (eben jener Vermittlung, die 68 angeblich ausgehebelt wurde): Die soziologische Sichtweise sieht gesellschaftliche Gruppen und identifiziert Subjekte in Bezug auf diese. Will man einer Gruppe entfliehen, bietet sich im Wesentlichen der Weg der Bildungsbiographie an.<\/p>\n<p align=\"justify\">Eine langwierige Vermittlung. Ein massenhaftes Aufbegehren bleibt unwahrscheinlich. Mit dieser Diagnose schreibe die Soziologie fest, was sie eigentlich zu beschreiben vorgebe, so Ranci\u00e8re. \u00c4hnlich hat ihm nach der kommunistische Akademismus Althussers gewirkt: Das wissenschaftliche Wissen habe gesch\u00fctzt und geh\u00fctet werden m\u00fcssen, um im richtigen \u2013 von der Partei vorgegebenen \u2013 Moment zur Anwendung zu gelangen. Auch dies war eine lange Vermittlungsarbeit, die nach Ranci\u00e8re mehr konserviert als revolutioniert hat. Eine Vermittlung, gegen die die Studierenden von 68 aufbegehrt h\u00e4tten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_19666\" aria-describedby=\"caption-attachment-19666\" style=\"width: 271px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Ranciere_Jacques_-UV_fRF02.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-19666\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Ranciere_Jacques_-UV_fRF02-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"271\" height=\"405\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Ranciere_Jacques_-UV_fRF02-201x300.jpg 201w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Ranciere_Jacques_-UV_fRF02-300x448.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Ranciere_Jacques_-UV_fRF02-600x896.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Ranciere_Jacques_-UV_fRF02-768x1147.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Ranciere_Jacques_-UV_fRF02-685x1024.jpg 685w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Ranciere_Jacques_-UV_fRF02.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 271px) 100vw, 271px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19666\" class=\"wp-caption-text\">JAcques Ranci\u00e8re. Foto: wikipedia<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\">Emphatisch zitiert Ranci\u00e8re ein 68er-Flugblatt, auf dem die \u201eAbschaffung der Pr\u00fcfungen und des Kapitalismus\u201c gefordert wird. (22) Eine Abk\u00fcrzung, die die Umgestaltung von Bildungsverl\u00e4ufen und Bildungssystem umgeht, die Vermittlungen ausschl\u00e4gt. Ein Handeln im Hier und Jetzt, das als ein libert\u00e4rer Impuls durchaus sympathisch ist. Bei Ranci\u00e8re allerdings wird es zur Blaupause f\u00fcr alle echte linke, revolution\u00e4re Politik.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es ist die Politik der kollektiven Erfindungen mit ihren eigenen Zeitlichkeiten, \u201edie losgel\u00f6st von der herrschenden Zeitlichkeit sind\u201c (34). Nur das z\u00e4hlt und nur von diesem politischen Standpunkt aus soll auch analysiert werden: So wird aus der einmal praktizierten Abk\u00fcrzung die fortan verbindliche Notwendigkeit abgeleitet, Politik nicht in Etappen zu denken und Gesellschaft nicht mehr in Strukturen zu verstehen. Es geht nur und soll gehen um Ansammlungen von \u201eOperatoren\u201c und ihre \u201eAkte\u201c (25).<\/p>\n<p align=\"justify\">Ranci\u00e8res Kampfschrift richtet sich damit nicht blo\u00df auf das Vergangene. Den Bruch mit der Zeitlichkeit sieht er auch in den Besetzungsbewegungen von 2011ff. Auch in diesen sozialen Bewegungen um Occupy Wall Street sei die \u201eF\u00e4higkeit jedes Beliebigen\u201c(43) zum Ausdruck gekommen, das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Immer ist alles m\u00f6glich, sollen wir glauben, Dispositionen sind nur die Schranken, die SoziologInnen sich ausdenken. Am Ende des Textes hei\u00dft es dann, die Br\u00fcche h\u00e4tten das Denken vom soziologischen Modell gel\u00f6st. Die Formen der \u201edauerhaften Einschreibung dieser emanzipierten Politik\u201c (46) m\u00fcssten hingegen erst noch erfunden werden. Wer sich aber, wie Ranci\u00e8re, den Gelingensbedingungen von emanzipatorischer Politik nicht widmen will \u2013 also Strukturen ausblendet und Dispositionen leugnet \u2013 die\/der wird auch \u00fcber ihre Verstetigung nichts sagen k\u00f6nnen. Warum wurden weder Pr\u00fcfungen noch Kapitalismus abgeschafft?<\/p>\n<p align=\"justify\">Und was 68 und die Soziologie betrifft: Bourdieus Analyse der 68er Bewegungen bleibt in \u201eHomo academicus\u201c (1984, Dt. 1992) sicherlich viel zu sehr auf das Feld der Wissenschaften beschr\u00e4nkt. Aber gerade in diesem Buch hat er immerhin auch auf das Problem der Repr\u00e4sentation hingewiesen, das Ranci\u00e8re nicht mehr sehen will. Der \u201eAkt des Wortergreifens\u201c, so Bourdieu, sei tendenziell \u201eimmer ein Ergreifen der Worte der anderen [\u2026] oder vielmehr: ihres Schweigens\u201c. Das habe sich selbst 1968 gezeigt, \u201edrastisch vor Augen gef\u00fchrt\u201c, schreibt der Soziologe, \u201ebei jenem Treffen zwischen Studenten und \u201aArbeitern\u2018, wo deren Schweigen von studentischen Wortf\u00fchrern in Szene gesetzt wurde.\u201c (300) Eine Einladung ist eben noch keine Party. Ouh!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"left\"><strong>Jens Kastner<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzten Samstag waren wir doch beim Geburtstag eingeladen. Aber wieso, entgegnet meine f\u00fcnfj\u00e4hrige Tochter, da waren wir doch im Urlaub! Beides stimmt, und ich erkl\u00e4re ihr, dass eine Einladung nicht bedeutet, auch anwesend gewesen sein zu m\u00fcssen. 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