{"id":19547,"date":"2019-03-05T15:21:44","date_gmt":"2019-03-05T13:21:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19547"},"modified":"2019-04-15T13:17:50","modified_gmt":"2019-04-15T11:17:50","slug":"augustin-souchys-russlandreise-1920","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/augustin-souchys-russlandreise-1920\/","title":{"rendered":"Augustin Souchys Russlandreise 1920"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Der Anarchosyndikalist Augustin Souchy (1892-1984) war zeit seines Lebens Revolutionsreisender. Er war oft einer der ersten Anarchisten, die der internationalen Bewegung ein ungeschminktes und aus libert\u00e4rer Perspektive betrachtetes Bild neuer Regimes \u00fcberbrachte. Wir erinnern uns da besonders an seine Beschreibungen aus der Nachkriegszeit, etwa aus Jugoslawien oder Kuba.<\/p>\n<p align=\"justify\">Noch als Delegierter der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union (FAUD) fuhr er von April bis November 1920 ins revolution\u00e4re Russland, wo die Bolschewiki im November 1918 die Staatsmacht ergriffen hatten, um am II. Kongress der Kommunistischen Internationale teilzunehmen. Doch nicht nur die Eindr\u00fccke Souchys rund um den Kongress beinhaltet das Buch. Souchy hat w\u00e4hrend dieser Zeit ausgedehnte Reisen unternommen: Er war in Petrograd und Moskau, besuchte die Wolgast\u00e4dte und die Ukraine. Er sprach mit Anarchist*innen wie Emma Goldman, Kropotkin, Volin, Bertrand Russell, Alexander Berkman, aber auch unbekannten Arbeiter*innen in Fabriken oder Bauern auf dem Land. Er diskutierte auch mit bolschewistischen Parteif\u00fchrern, Regierungsleuten, sogar mit Lenin \u2013 es war die Zeit, in der Lenin Anarchismus und Linkskommunismus als \u201eKinderkrankheit\u201c einstufte und Souchy dazu ausfragen wollte. Und mit Sinowjew, aus dessen Berichten zu Produktionsm\u00e4ngeln er gern zitierte, weil er sie als repr\u00e4sentativer empfand als ideologisch deutliche, aber f\u00fcr ihn weniger objektive anarchistische Berichte, die ja seine Sicht sowieso best\u00e4tigten.<\/p>\n<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_20190219_152023_1_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19753 alignright\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_20190219_152023_1_-202x300.jpg\" alt=\"\" width=\"310\" height=\"460\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_20190219_152023_1_-202x300.jpg 202w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_20190219_152023_1_-300x446.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_20190219_152023_1_-600x891.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_20190219_152023_1_-768x1140.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_20190219_152023_1_-690x1024.jpg 690w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_20190219_152023_1_.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 310px) 100vw, 310px\" \/><\/a>Der Kern des Buches (S. 103-285) ist Souchys ausf\u00fchrlicher Reisebericht \u201eWie lebt der Arbeiter und Bauer in Ru\u00dfland und in der Ukraine\u201c, der in Berlin im Januar 1921 im Verlag \u201eDer Syndikalist\u201c erschien &#8211; noch als \u201eEntwurf\u201c mit \u201estilistischen M\u00e4ngeln\u201c, wie er schrieb (S. 347), doch der allseitige Wunsch nach einem authentischen Bericht f\u00fchrte zur schnellen Ver\u00f6ffentlichung ohne \u00dcberarbeitung. Um diesen Kerntext herum gruppierte Herausgeber Wolfgang Haug seine eigene Einleitung, eine Einf\u00fchrung in die verschiedenen Phasen der Russischen Revolution von 1917 sowie die Ver\u00e4nderung der anarchosyndikalistischen Rezeption, von anf\u00e4nglicher Verteidigung zu immer st\u00e4rkerer und grunds\u00e4tzlicherer Kritik.<\/p>\n<p align=\"justify\">Haug platzierte um den Bericht verschiedene Artikel und Reden Souchys, meist aus dem anarchosyndikalistischen Organ \u201eDer Syndikalist\u201c, aber auch aus anderen anarchistischen Quellen, u.a. seinen Bericht vom Zusammentreffen mit Lenin, vom Besuch bei Kropotkin usw. An den Bericht schlie\u00dfen Texte an, die versuchen, aus dieser Erfahrung Lehren und Konsequenzen zu ziehen. Besonders gefallen hat mir der letzte Teil der Texte aus sp\u00e4ten Lebensjahren Souchys, die zeigen, dass ihn das Thema nie losgelassen hat und die Reise eine zentrale Erfahrung f\u00fcr ihn blieb. Haug, der mit Souchy im Alter befreundet war und ihn intensiv interviewt hat, ver\u00f6ffentlicht hier auch aus seinem Privatarchiv ein paar unver\u00f6ffentlichte Manuskripte Souchys, wovon ich besonders den Text \u201eDas rote Atom\u201c \u00fcber die Flucht des sowjetischen und DDR-Atomphysikers Heinz Barwich spannend fand. Er war tats\u00e4chlich der Sohn des FAUD-Aktivisten und gewaltlosen Anarchisten Franz Barwich aus den Zwanzigerjahren. Heinz machte also Atomforschung f\u00fcr den Ostblock, verleugnete aber seine ideelle Herkunft nie und floh schlie\u00dflich 1964 in den Westen (S. 341-344). So befinden sich in dem Band auch ein paar \u00fcberraschende \u201eJuwelen\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">Anfangs hatte Souchy in seinen Texten viel Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die externen Umst\u00e4nde des revolution\u00e4ren Russland und auch f\u00fcr die Situation der Bolschewiki. Das Land war verw\u00fcstet, der Erste Weltkrieg hatte die Mentalit\u00e4ten verroht, auf die Revolution folgten die internationale Wirtschaftsblockade, die Interventionen von Deutschen, \u00d6sterreichern, Polen, Westm\u00e4chten und wei\u00dfen Gener\u00e4len, der B\u00fcrgerkrieg. Da wusste auch Souchy, dass diese Umst\u00e4nde nicht gleich zu Gleichheit und Emanzipation f\u00fchren konnten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Er vergisst gerade deshalb nie, auf die anf\u00e4ngliche Wirkung des Friedens von Brest-Litowsk hinzuweisen, der von den Bauern willkommen gehei\u00dfen wurde. Diese hatten dann sogar eine Unterscheidung zwischen den Bolschewiki und der \u201eKommunistischen Partei Russlands\u201c gemacht, die sich auf dem Lande lange hielt. Dabei machte die Bauernschaft ausschlie\u00dflich die KPR f\u00fcr die Zwangsrequirierungen von Vieh und Ernte verantwortlich, die somit schnell gehasst wurde, w\u00e4hrend die Bolschewiki gleichzeitig noch verteidigt wurden. Dabei waren das dieselben Leute.<\/p>\n<p align=\"justify\">Als zentrales organisatorisches Problem der bolschewistischen Staatsmacht benennt Souchy dann den Zentralismus als An-sich-Rei\u00dfen jeder spontanen, regionalen und individuellen Initiative von unten. Die R\u00e4te wurden von Parteikommunisten dominiert, die funktionierenden Kooperativen, gewachsene handwerkliche Produktionsgenossenschaften (Artels) und Konsumvereinigungen verstaatlicht. Anstatt der zur Fassade verkommenen R\u00e4te wurden oft die fr\u00fcheren Unternehmer wieder als Betriebsleiter, sogenannte \u201eSpezialisten\u201c eingesetzt. Die st\u00e4dtische Konsumg\u00fcterindustrie litt unter Produktionseinbr\u00fcchen, konnte das Land nicht mehr mit Maschinen und gefertigten Waren versorgen. Dadurch verweigerten die Bauern und B\u00e4uerinnen Ernte-Abgaben an Staat und St\u00e4dte, wodurch die Bolschewiki durch ihre neue Rote Armee Zwangsrequirierungen durchf\u00fchrten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wieder und wieder beschreibt Souchy diesen Mechanismus, der zur Unpopularit\u00e4t und zur Ungerechtigkeit des bolschewistischen Systems f\u00fchrte. Technische Leiter in kriegswichtigen Betrieben oder B\u00fcrokratien bekamen mehr Geld; Korruption und Schieber-Systeme schossen ins Kraut. Schon 1920 gab es 35 (!) verschiedene Lohnstufen in der Sowjetunion, obwohl die Gro\u00dfbetriebe alle verstaatlicht waren \u2013 aber das Geld war nicht abgeschafft worden. Die Inflation bl\u00fchte durch nicht gedecktes simples Notendrucken der Staatsbank. Auf dem \u201eSchwarz\u201c-Markt waren wichtige Waren so teuer, dass sie f\u00fcr die Arbeiter aus den Staatsbetrieben unerschwinglich blieben. Die Bolschewiki \u201el\u00f6sten\u201c alle Probleme mit brutaler Repression.<\/p>\n<p align=\"justify\">Obwohl Souchy in einem Gebiet des Kriegs, des B\u00fcrgerkriegs und verrohter Mentalit\u00e4ten recherchierte, bricht in den Berichten und vor allem in den Schlussfolgerungen und Lehren, die f\u00fcr die westeurop\u00e4ische Arbeiterklasse zu ziehen waren, doch immer wieder auf sympathische Weise seine antimilitaristische, gewaltlos-anarchistische Grundhaltung durch: \u201eIn einem bewaffneten Kampf haben die Arbeiter nur in Russland gesiegt, w\u00e4hrend sie in Ungarn und Deutschland eine Niederlage erlitten. Wenn aber die Arbeiter mittels Waffengewalt sich die Staatsmacht erobern, dann m\u00fcssen sie diese auch durch Waffengewalt halten. Dies f\u00fchrt dann unwillk\u00fcrlich zu einer Unterdr\u00fcckungsorganisation nicht nur gegen die Bourgeoisie, sondern auch gegen die Teile der Arbeiterklasse, die auf eigene Weise selbst ihr Ideal verwirklichen wollen\u201c (S. 59).<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>N.O. Fear<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anarchosyndikalist Augustin Souchy (1892-1984) war zeit seines Lebens Revolutionsreisender. Er war oft einer der ersten Anarchisten, die der internationalen Bewegung ein ungeschminktes und aus libert\u00e4rer Perspektive betrachtetes Bild neuer Regimes \u00fcberbrachte. Wir erinnern uns da besonders an seine Beschreibungen aus der Nachkriegszeit, etwa aus Jugoslawien oder Kuba. 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