{"id":19550,"date":"2019-03-05T15:20:20","date_gmt":"2019-03-05T13:20:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19550"},"modified":"2019-04-15T13:20:13","modified_gmt":"2019-04-15T11:20:13","slug":"revolutionaere-poetik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/revolutionaere-poetik\/","title":{"rendered":"Revolution\u00e4re Poetik"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Die meisten Schriftsteller*innen in Deutschland bekommen Pickel am Arsch, wenn sie \u201eEngagierte Literatur\u201c h\u00f6ren, vor allem die Grauhaarigen. In Frankreich dagegen zeigt Edouard Louis, dass er sogar noch mehr will als das Sartre\u2018sche Konzept der Engagierten Literatur. Sartre ging davon aus, dass die Schriftstellerin die Dinge benennt, sie damit enth\u00fcllt und der Lesende in seiner Freiheit der Rezeption und damit in seinem Leben Verantwortung daf\u00fcr \u00fcbernimmt. Louis geht das nicht weit genug: Er m\u00f6chte den Lesenden zwingen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_m.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-19756 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_m-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" \/><\/a>Laura Mokrohs hat mit \u201eDichtung ist Revolution \u2013 Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich M\u00fchsam, Ernst Toller\u201c ein Buch vorgelegt, dass so etwas wie eine revolution\u00e4re Poetik der Revolution darstellt. Ein Buch, das nicht nur optisch \u00e4u\u00dferst ansprechend ist; Flugbl\u00e4tter, Briefe, Tagebucheintr\u00e4ge, Skizzen, Zeichnungen und Fotos. Nein, es entwickelt auf 117 Seiten einen Sog, der vor allem von den Pers\u00f6nlichkeiten und deren politisch-literarischem Ansatz ausgeht. Manchmal h\u00e4tten diese aus Gr\u00fcnden der Lesbarkeit allerdings etwas gr\u00f6\u00dfer sein sollen. Trotzdem entwickelt dieses Buch auf 117 Seiten einen Sog, der vor allem von den Pers\u00f6nlichkeiten und deren politisch-literarischen Ansatz ausgeht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Bereits in der Einleitung stellt die Autorin ihren ungew\u00f6hnlichen und darum auch so packenden Ansatz vor. \u201eBesonders im Hinblick auf die Frage nach der Rolle des literarischen und politischen Diskurses im Selbstverst\u00e4ndnis der Schriftsteller gilt es, deren weitreichende Bereitschaft f\u00fcr ihre politischen Ideen einzustehen zu beachten.\u201c So steht u.a. die Bedeutung der weit verbreiteten Flugbl\u00e4tter jener Tage f\u00fcr das Schreiben, wie auch die Haft im Mittelpunkt ihrer Betrachtung.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das zweite Kapitel f\u00fchrt an die Zeit und die Protagonisten in \u201eM\u00fcnchen um 1900\u201c, an \u201edie Luft einer Neuen Zeit\u201c heran, an die \u201eBoh\u00e9me und die Arbeiterbewegung\u201c. Kurt Eisners literarischer Anspruch an die SPD-Presse, um die Arbeiter*innen \u00fcberzeugen zu k\u00f6nnen, und auch sein Arbeiter-Feuilleton spiegeln seine Haltung wider: Die exorbitante Rolle der Kunst und Kultur f\u00fcr die Demokratie. So schreibt er sogar in der turbulenten Zeit als Minister einen Beitrag f\u00fcr die Revolutionsfeier, an der alle Klassen teilnehmen. Dass es hurtig gehen musste, ist seinem Text leider anzumerken. Wie bereits bei Eisner zeigt sich auch bei Gustav Landauer, dem \u201eMahner f\u00fcr Gewaltlosigkeit\u201c, dass er gerade in Haft \u00e4u\u00dferst produktiv war. Man k\u00f6nnte sogar sagen, er griff Sartre vor mit seinem Konzept der \u201eErgreifenden Literatur\u201c. Gerade der \u201esehende Moment der Dichter\u201c, wie er es nannte, kann f\u00fcr heutige, politische Autor*innen interessant sein, in seinem Prophetischen und erkennenden Moment. Denn \u201e\u201aVolk und Dichter\u00b4 sollen zusammenkommen, \u201abeide zusammen m\u00fcssen einander helfen`\u201c. Der Anarchist Landauer glaubte an die \u201epolitische F\u00e4higkeit der poetischen Sprache\u201c. Alle drei anderen Portraitierten hatten enge Verbindung zu ihm und wurden besonders gepr\u00e4gt von seinem \u201eAufruf zum Sozialismus\u201c. Auch f\u00fcr Erich M\u00fchsam, dem \u201eAnarchist, der Einigkeit fordert\u201c, war die N\u00e4he zu den Proletarier*innen von gro\u00dfer Bedeutung. F\u00fcr ihn war sie untrennbar verbunden mit seinem Leben als Bohemien. Das Tagebuch diente ihm als Hilfsmittel, um u.a. Widerspr\u00fcche in der Presse festzuhalten. Wie Toller und Landauer auch, verwendete er in seinen Texten Bilder des Erweckens und Erwachens. Ernst Toller, der \u201eArmeef\u00fchrer, der nicht schie\u00dfen will\u201c, sticht durch seine Biografie hervor. Als junger Mann freiwillig zum Milit\u00e4r verpflichtet, Zusammenbruch 1916, dann radikaler Pazifist. Gerade in seinen fr\u00fchen Gedichten schreibt er \u00fcber den Krieg, in welchen er beispielsweise Soldaten als Masse und als nicht eigenst\u00e4ndig darstellt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Laura Mokrohs analysiert die \u201eRevolutionsmethaphorik\u201c jener Tage gekonnt, anschaulich und eindringlich. Ihr Buch ist ein wichtiger Beitrag zum Verst\u00e4ndnis der Literatur der vier Revolution\u00e4re, die keine \u201eTr\u00e4umer\u201c waren, sondern damals schon wussten, dass ein Gespr\u00e4ch \u00fcber B\u00e4ume ein Verbrechen sein kann.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Leonhard F. Seidl<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"en-US\" align=\"left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten Schriftsteller*innen in Deutschland bekommen Pickel am Arsch, wenn sie \u201eEngagierte Literatur\u201c h\u00f6ren, vor allem die Grauhaarigen. In Frankreich dagegen zeigt Edouard Louis, dass er sogar noch mehr will als das Sartre\u2018sche Konzept der Engagierten Literatur. 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