{"id":19554,"date":"2019-03-05T15:19:58","date_gmt":"2019-03-05T13:19:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19554"},"modified":"2019-04-15T13:21:20","modified_gmt":"2019-04-15T11:21:20","slug":"hauptwiderspruch-identitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/hauptwiderspruch-identitaet\/","title":{"rendered":"Hauptwiderspruch Identit\u00e4t?"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Die Debatte um eine \u201eneue Klassenpolitik\u201c innerhalb der deutschsprachigen Linken wurde einerseits durch die Erfolge des sogenannten \u201eRechtspopulismus\u201c von Trump bis AfD und andererseits durch Didier Eribons \u201eR\u00fcckkehr nach Reims\u201c entfacht. Sie hat eine \u201eidentit\u00e4tspolitische\u201c Abwehrreaktion ausgel\u00f6st. Exemplarisch l\u00e4sst sich diese sicherlich aus dem Beitrag \u201eR\u00fcckkehr des Hauptwiderspruchs?\u201c von Emma Dowling, Silke van Dyk und Stefanie Graefe (Prokla 188\/2017) herauslesen, obwohl dieser Beitrag die Mankos einer tendenziell klassenvergessenen Identit\u00e4tspolitik durchaus benennt.<\/p>\n<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_320_kastnersusemichl_identitaetspolitiken__presse.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-19759 alignright\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_320_kastnersusemichl_identitaetspolitiken__presse-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"269\" height=\"404\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_320_kastnersusemichl_identitaetspolitiken__presse-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_320_kastnersusemichl_identitaetspolitiken__presse-300x450.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_320_kastnersusemichl_identitaetspolitiken__presse-600x899.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_320_kastnersusemichl_identitaetspolitiken__presse-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_320_kastnersusemichl_identitaetspolitiken__presse-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_320_kastnersusemichl_identitaetspolitiken__presse.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 269px) 100vw, 269px\" \/><\/a>Zu einem kleinen \u201eShitstorm\u201c von differenzfeministischer Seite kam es, als der Blog re:volt magazine den Beitrag \u201eDie Vergessenen. Industriearbeiterinnen und Feministinnen \u2013 zwei Welten ohne Verbindung\u201c (abgedruckt in dem Sammelband \u201eNeue Klassenpolitik\u201c) in den virtuellen Netzwerken ver\u00f6ffentlichte: Die Gewerkschaftssekret\u00e4rin Katja Barthold hatte die Abgeschlossenheit der (queer)feministischen Szene gegen\u00fcber aktiven Arbeiterinnen kritisiert. Die Kritik, die sie daraufhin \u00fcber sich ergehen lassen musste, resultiert aus der reichlich \u00fcberkommenen Annahme, es g\u00e4be ein politisches Subjekt \u201eFrau\u201c, dass \u00fcber Klassengrenzen hinweg zusammen k\u00e4mpfen m\u00fcsse. Die globale Frauen*streikbewegung hat seit 2016 diese Form der Identit\u00e4tspolitik \u00fcberwunden, indem sie den \u201eprogressiven Neoliberalismus\u201c (Nancy Fraser) deutlich von einem \u201eantikapitalistischen Feminismus\u201c differenziert (siehe dazu den Schwerpunkt dieser GWR 437 und den Sammelband 8M &#8211; Der gro\u00dfe feministische Streik). Eine bitter notwendige Distanzierung, die bislang in Deutschland leider noch kaum Tradition hat.<\/p>\n<p align=\"justify\">In den Kontext der Verteidigung m\u00f6chte man zuerst einmal auch die Einf\u00fchrung in \u201eIdentit\u00e4tspolitiken\u201c von Lea Susemichel und Jens Kastner einordnen, zumal sie dezidiert die Kritik Nancy Frasers zur\u00fcckweisen (S.22f.). Gegen Frasers These, dass f\u00fcr Trumps Erfolg eine \u201eanti-neoliberale Haltung wahlentscheidend gewesen sei\u201c, vermuten sie \u201eRassismus, Sexismus und Homofeindlichkeit\u201c als Wahlmotive. Ins Abseits geraten dabei leider jegliche Spekulationen dar\u00fcber, wie diese Einstellungen entstehen. Arlie Russell Hochschild hat in ihrem Buch \u201eFremd in ihrem Land: Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten\u201c eine massenpsychologische Erkl\u00e4rung ins Spiel gebracht, eine \u201eTiefengeschichte\u201c, die Klaus D\u00f6rre auch f\u00fcr eine Analyse des W\u00e4hler*innenpotentials der AfD nutzbar gemacht hat. Das zum einen, zum anderen halten Susemichel und Kastner Fraser entgegen, dass die \u201etonangebenden Str\u00f6mungen der neuen sozialen Bewegungen\u201c keineswegs ein B\u00fcndnis mit dem neoliberalen Establishment eingegangen w\u00e4ren.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auch hier muss man tiefer graben: Nat\u00fcrlich ist dies kein geplantes und gewolltes Zweckb\u00fcndnis, nichtsdestotrotz besteht die Linke \u2013 einschlie\u00dflich der radikalen \u2013 nun mal mittlerweile zu einem gro\u00dfen Teil aus Akademiker*innen, die es sich, auch bei antikapitalistischer Gesinnung, im progressiven Neoliberalismus relativ gem\u00fctlich machen k\u00f6nnen. Idealtypisch finden wir das bei den Gr\u00fcnen, der vermutlich klassenvergessensten Partei Deutschlands, die auch deshalb favorisiertes Hassobjekt der AfD-W\u00e4hlerschaft ist.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die kontr\u00e4re Gegen\u00fcberstellung von \u201eIdentit\u00e4tspolitik\u201c und (neuer) \u201eKlassenpolitk\u201c ist dennoch eine grundfalsche. Das zeigen Susemichel und Kastner \u00fcberzeugend in ihrer Darstellung von Identit\u00e4tspolitiken des Klassenkampfes (S.21 \u2013 28) und der Arbeiter*innenbewegung (S.39 \u2013 53). Etwas pauschalisiert lie\u00dfe sich behaupten, w\u00e4hrend die \u201eKlasse an sich\u201c eine Positionsbestimmung enth\u00e4lt, war die Politik mit einer \u201eKlasse f\u00fcr sich\u201c klassische Identit\u00e4tspolitik. Lenin steht daf\u00fcr paradigmatisch. Auch die Einf\u00fchrung der \u201eKlassismus\u201c-Theorie muss als (kulturelle) \u00dcbertragung der modernen (feministischen) Identit\u00e4tspolitik auf die Diskriminierungs-Aspekte der Klassengesellschaft heute verstanden werden. Die Politikwissenschaftlerin Jodie Dean etwa beschrieb gegen\u00fcber dem Rezensionsportal \u201ekritisch lesen\u201c im Interview: \u201eKlasse ist keine Identit\u00e4t, sondern eine Position. Und als eine Position kann Klasse von allen m\u00f6glichen Identit\u00e4ten besetzt werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Klasse durchschneidet diese \u201aidentit\u00e4ren Logiken\u2018\u201c. Wer also Klassenpolitik und Identit\u00e4tspolitik in eins setzt, vergleicht letztlich \u00c4pfel und Birnen, das gilt auch f\u00fcr die \u201etriple (oder multiple) oppression\u201c-Theorien, da sie \u201eoppression\u201c in den Mittelpunkt stellen und daher erstens Ausbeutung und Diskriminierung nicht analytisch trennen und zweitens kaum vom Handeln der Subjekte, sondern vom Behandeln derselben ausgehen. Dar\u00fcber hinaus ist der eingangs genannte Abwehrreflex aber schon deswegen unverst\u00e4ndlich, weil das \u201eNeue\u201c an der Debatte um die \u201eNeue Klassenpolitik\u201c ja gerade die Integration der verschiedenen identit\u00e4tspolitischen Themen ist (in dem entsprechenden Sammelband siehe zum Beispiel die Beitr\u00e4ge von Nelli T\u00fcgel, Ceren T\u00fcrkmen oder Martin Birkner).<\/p>\n<p align=\"justify\">Offenbar wird hier manchmal die Debatte um die Klassenpolitik in eins gesetzt mit der Wagenknechtschen Position der (\u201epopulistischen\u201c) Anbiederung an rechtes Gedankengut bei den W\u00e4hler*innenmassen. Das hat aber nichts zu tun mit einer neuen Klassenpolitik, wie sie auch in der Partei Die Linke (siehe das gleichnamige Buch von Bernd Riexinger) zunehmend formuliert wird. Gegen\u00fcber den politischen Vorstellungen des Lafontaine\/Wagenknecht-Fl\u00fcgels, den es so durchaus auch in den sozialen Bewegungen gibt, ist die kritische Einf\u00fchrung in die Identit\u00e4tspolitiken eine bitter notwendige Klarstellung.<\/p>\n<p align=\"justify\">Was dann aus klassenlinker Perspektive an den Identit\u00e4tspolitiken kritisiert wird, ist weniger eine Berufung auf eine geschlechtlich oder migrantisch gepr\u00e4gte Identit\u00e4t, sondern die Form dieser Politik. Deutlich und ausf\u00fchrlich machen Susemichel und Kastner das am Beispiel der sogenannten \u201ekulturellen Aneignung\u201c (S.76 \u2013 91). Leider nur angerissen werden weitere Aspekte dieser Kritik wie \u201eTrigger-Warnungen\u201c, \u201ePrivilegien verlernen\u201c oder \u201eMicroaggressions\u201c (S.131). Deutlich wird dennoch, dass die Autor*innen diese Kritik und vor allem das poststrukturalistische Unbehagen an Identit\u00e4tskategorien teilen, wobei sie die Form heutiger Identit\u00e4tspolitiken eher als Symptome denn als grunds\u00e4tzlich angelegtes Strukturproblem derselben verstehen. Seltsamerweise ist die Wendung der (radikalen) Linken zu einer Identit\u00e4tspolitik einhergegangen mit dem akademischen Hoch des Poststrukturalismus. Das ist deswegen befremdlich, weil die poststrukturalistischen Theorien \u2013 allen voran Judith Butler \u2013 eigentlich zu einer Kritik der Identit\u00e4tskategorie angetreten waren (S.120 \u2013 126).<\/p>\n<p align=\"justify\">Gerade diese Debatten f\u00fchrten, anders als intendiert, zu einem \u201eIdentit\u00e4tsfetisch\u201c, an dem der Poststrukturalismus mit seiner Betonung der \u201espezifischen K\u00e4mpfe\u201c (Foucault) und \u201eMikropolitiken\u201c vielleicht nicht ganz unschuldig ist: Das Augenmerk auf Differenz f\u00fchrt \u201eparadoxerweise auch dazu, dass die Gruppe, der man sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlt, nun immer spezifischer definiert und von anderen abgegrenzt wird\u201c (S.125). Daher ist auch die akademische Version der \u201emultiple oppression\u201c, die \u201eIntersektionalit\u00e4t\u201c letztlich zu problematisieren: \u201eMeiner Meinung nach\u201c, so Jodie Dean im zitierten Interview, \u201ef\u00fchrt eine intersektionale Analyse [\u2026] fast immer dazu, den Schnittpunkt, die \u201aintersection\u2018, im Individuum zu suchen\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">Diese Berufung auf eine immer engere Identit\u00e4t, die bei dem Individuum landet \u2013 eben dem vorrangigen Subjekt auch des Neoliberalismus \u2013 birgt wahrscheinlich einen Kern des Konflikts. Der andere, der die Klassenpolitik ebenso tangiert wie die aktuellen Formen des Feminismus, ist die Frage eines \u201ematerialist turn\u201c. Letzterer ist es, der hinter der Bef\u00fcrchtung eines neuen \u201eHauptwiderspruchsdenken\u201c steckt. Dabei war und ist ein materialistischer Feminismus jenseits eines solchen Denkens aktuell eine neue Hoffnung \u2013 das geht \u00fcbrigens durchaus auch im Bezug auf poststrukturalistische Denkweisen.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Torsten Bewernitz<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte um eine \u201eneue Klassenpolitik\u201c innerhalb der deutschsprachigen Linken wurde einerseits durch die Erfolge des sogenannten \u201eRechtspopulismus\u201c von Trump bis AfD und andererseits durch Didier Eribons \u201eR\u00fcckkehr nach Reims\u201c entfacht. Sie hat eine \u201eidentit\u00e4tspolitische\u201c Abwehrreaktion ausgel\u00f6st. Exemplarisch l\u00e4sst sich diese sicherlich aus dem Beitrag \u201eR\u00fcckkehr des Hauptwiderspruchs?\u201c von Emma Dowling, Silke van Dyk und &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/hauptwiderspruch-identitaet\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Hauptwiderspruch Identit\u00e4t? - graswurzelrevolution","description":"Die Debatte um eine \u201eneue Klassenpolitik\u201c innerhalb der deutschsprachigen Linken wurde einerseits durch die Erfolge des sogenannten \u201eRechtspopulismus\u201c von Trump"},"footnotes":""},"categories":[1024,1031],"tags":[],"class_list":["post-19554","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-437-maerz-2019","category-stichworte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19554","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19554"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19554\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19554"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19554"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19554"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}