{"id":19556,"date":"2019-03-05T15:19:36","date_gmt":"2019-03-05T13:19:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19556"},"modified":"2019-04-15T13:21:59","modified_gmt":"2019-04-15T11:21:59","slug":"lasst-mich-in-ruhe-mit-euren-gewissensbissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/lasst-mich-in-ruhe-mit-euren-gewissensbissen\/","title":{"rendered":"\u201eLasst mich in Ruhe mit Euren Gewissensbissen, &#8230;\u201c"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Meinhard Creydts Buch \u201eDie Armut des kapitalistischen Reichtums und das gute Leben\u201c liefert neue Impulse f\u00fcr die Diskussion \u00fcber zentrale Fragen der Nachhaltigkeitsdiskussion: Was sind die objektiven Ursachen f\u00fcr die \u00f6kologische Krise? Welche Mentalit\u00e4ten und Ideologien f\u00f6rdern sie? Warum kann sich Nachhaltigkeit so wenig durchsetzen? Zugleich wendet sich Creydt gegen die These z. B. von Naomi Klein und Sabine Leidig, der Klimawandel sei das Thema, das zur entscheidenden Ver\u00e4nderung der Welt f\u00fchren k\u00f6nne. \u201eWer sich auf die Bedingungen des Lebens fokussiert, tut sich oft schwer, die Ursachen f\u00fcr deren Ruinierung in den Blick zu bekommen. Denn daf\u00fcr ist es erforderlich, dem Inhalt eines solchen Lebens auf seinem eigenen Terrain zu Leibe zu r\u00fccken, der daf\u00fcr sorgt, dass \u2013 auch \u2013 seine Bedingungen unter die R\u00e4der kommen. Nicht nur die \u00dcbernutzung nat\u00fcrlicher Ressourcen ist zu thematisieren, sondern auch die soziale Energieverschwendung, nicht nur die Umweltverschmutzung, sondern auch die Innenweltverschmutzung, nicht nur die Erw\u00e4rmung der Erde, sondern auch das Klima in den Betrieben und Organisationen sowie in den sozialen Beziehungen. Gutes Leben ist nicht nur emissions\u00e4rmer und energiesparender\u201c (180).<\/p>\n<p align=\"justify\">Die vorliegende Darstellung der Zusammenh\u00e4nge zwischen kapitalistischer \u00d6konomie und Lebensweise unterscheidet sich von popul\u00e4ren Charakterisierungen wie \u201eHaben statt Sein\u201c, \u201eKonsumismus\u201c oder \u201eWachstumswahn\u201c. Creydt bringt die rationalen Momente und die massiven M\u00e4ngel dieser Problemdiagnosen fair auf den Punkt. Kapitalismuskritik beschr\u00e4nkt sich meist auf Klagen \u00fcber Ungerechtigkeit, Sozialstaatsabbau und \u201eUmverteilung von unten nach oben\u201c. Vorstellungen \u00fcber Alternativen zum Kapitalismus verbleiben oft im Horizont einer anderen Wirtschaftspolitik.<\/p>\n<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Creydt_Armut.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19763 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Creydt_Armut-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"316\" height=\"449\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Creydt_Armut-211x300.jpg 211w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Creydt_Armut-300x426.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_Creydt_Armut.jpg 352w\" sizes=\"auto, (max-width: 316px) 100vw, 316px\" \/><\/a>Creydts Buch geht andere Wege. Der Autor analysiert z. B. die Grenzen von Preisen. Als unterkomplexe Informationskonzentrate verm\u00f6gen sie die Sch\u00e4digungen menschlicher Physis und Psyche sowie der Natur nicht darzustellen. Um den Stellenwert von M\u00e4rkten zu verringern, sei das Wirtschaften mit Umweltbilanzen, Stoffstromanalysen und Technikfolgenabsch\u00e4tzungen zu durchziehen. Als Beispiele f\u00fcr die auszubauenden und weiter zu entwickelnden qualitativen Indikatoren nennt der Autor MIPS (Materialintensit\u00e4t pro Serviceeinheit) und den DGB-Index f\u00fcr gute Arbeit. Creydt l\u00e4sst sich auf die Argumente f\u00fcr die kapitalistische Marktwirtschaft ein und pr\u00fcft sie und ihre Ma\u00dfst\u00e4be. Beispiele daf\u00fcr sind Fragen wie \u201eErlahmen ohne Konkurrenz Motivationen f\u00fcr sinnvolle Neuerungen?\u201c und \u201eIst die kapitalistische \u00d6konomie effizient?\u201c Der Autor zeigt, dass nicht erst die Verteilung des Reichtums Anlass zu grundlegenden Zweifeln gibt, sondern bereits dessen stofflicher Inhalt. Viele der angebotenen und nachgefragten Waren, wie z. B. das Auto und das Eigenheim, sind nicht nur un\u00f6kologisch, sondern bef\u00f6rdern massiv problematische Entwicklungen der Lebensweise.<\/p>\n<p align=\"justify\">Creydt geht den Wirkungen des Marktes, der Konkurrenz, des Privateigentums, der betrieblichen Hierarchien und der Kapitalakkumulation nach. Er zeigt, wie der kapitalistischen Marktwirtschaft ihre Erfolge durch vergleichsweise preiswerte Produktion und Produkte nur deshalb gelingen, weil in ihrer Rechnungsweise viele ihrer problematischen Effekte nicht z\u00e4hlen. \u00d6kologisch sch\u00e4dliche Externalisierungen bilden die vielleicht prominenteste Teilmenge daf\u00fcr. Im Unterschied zur popul\u00e4ren Reduktion von Kapitalismuskritik auf Kritik an der \u201eDominanz des Finanzkapitals\u201c verortet Creydt die \u201eSchwindelbl\u00fcte\u201c der kapitalistischen \u00d6konomie tiefer. Ihm geht es um eine Bilanzierung des Wirtschaftens, die deren Wirklichkeit komplett in den Blick bekommt. Wirklich ist, was wirkt. Die Fragen lauten also: Was \u201emachen\u201c das Arbeiten, die Produkte, die mit Arbeit, Konsum und M\u00e4rkten verbundenen Marktbeziehungen mit der Subjektivit\u00e4t der Individuen und mit ihrer Lebensweise?<\/p>\n<p align=\"justify\">Wer die \u201eEffektivit\u00e4t\u201c des kapitalistischen Wirtschaftens lobe, lege sich keine Rechenschaft von ihren umfassend verstandenen und gegenw\u00e4rtig verschwiegenen Kosten ab. Um das zu vergegenw\u00e4rtigen unterscheidet der Autor sieben Dimensionen der Entfaltung von menschlichen Sinnen, F\u00e4higkeiten und Reflexionsverm\u00f6gen. Sie entwickeln sich z. B. im Arbeiten, in der Auseinandersetzung mit Gegenst\u00e4nden au\u00dferhalb der Arbeit (also im Umgang mit ihnen oder in ihrer Rezeption), in Sozialbeziehungen und in der Gestaltung der Gesellschaft durch ihre Mitglieder. Creydt beschreibt \u201edie Auswirkungen der kapitalistischen Marktwirtschaft auf zentrale Dimensionen des Lebens\u201c. Zum Thema wird z. B., \u201ewas den Individuen erschwert, sich ihre Realit\u00e4t zu vergegenw\u00e4rtigen\u201c, wie \u201edas gesellschaftliche Sein das Bewusstsein verstimmt\u201c und in welche \u201eGegens\u00e4tze und Widerspr\u00fcche die Individuen notwendigerweise im Kapitalismus geraten\u201c. Bei der Frage, \u201ewas die f\u00fcr die Menschen wesentliche Selbstwirksamkeit beeintr\u00e4chtigt\u201c, zeigt der Autor, wie problematisch die Konzentration vieler Menschen darauf ist, in ihrer Arbeit individuell Momente der \u201eSelbstverwirklichung\u201c erleben zu k\u00f6nnen, wenn daf\u00fcr die sozialen Kontexte der Arbeit ausgeblendet werden m\u00fcssen. Creydt zitiert hier als Extrembeispiel, \u201evon dem Licht und Schatten auf weniger radikale, aber weiter verbreitete Ph\u00e4nomene fallen\u201c (156), Enrico Fermi, einen der ma\u00dfgeblich an der Entwicklung der Atombombe beteiligten Wissenschaftler: \u201eLasst mich in Ruhe mit Euren Gewissensbissen, es ist so sch\u00f6ne Physik.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Dem Autor geht es nicht vorrangig um eine Ber\u00fccksichtigung der unterschlagenen Kosten, sondern um ein Wirtschaften, das die Sch\u00e4digungen nicht hervorbringt und schon gar nicht sie zum Anlass f\u00fcr Problemvermarktung macht. \u201eJe kranker eine Gesellschaft, um so gr\u00f6\u00dfer die Anzahl von Institutionen zur Behandlung der Symptome und umso weniger sorgt man sich um eine Ver\u00e4nderung des Lebens insgesamt\u201c (Tolstoi). Die Alternative dazu k\u00f6nne nur in einer Transformation des f\u00fcr die Gesellschaft praktisch ma\u00dfgeblichen Verst\u00e4ndnisses von Reichtum bestehen. Eine der \u201eKernspaltungen\u201c der Bev\u00f6lkerung, die Creydt beschreibt, besteht in der mit der Marktwirtschaft verbundenen Gleichg\u00fcltigkeit zwischen Produzenten und Konsumenten. Viele Linke beklagen die Grenzen des Lohns, die ihm insofern gesetzt sind, als er am Ma\u00dfstab der Kapitalverwertung gemessen wird. F\u00fcr die Entwicklung menschlicher Sinne, F\u00e4higkeiten und Reflexionsverm\u00f6gen in der Arbeit gelte in der kapitalistischen Moderne der Ma\u00dfstab: So wenig wie n\u00f6tig (insofern Qualifikationen kosten), so viel wie n\u00f6tig (um G\u00fcter und Dienstleistungen zu schaffen). Selbst ein hoher Lohn k\u00f6nne die Lohnabh\u00e4ngigen aber nicht f\u00fcr das entsch\u00e4digen, was ihnen die Lohnarbeit nimmt. Arbeit im Sinne des guten Lebens hei\u00dfe: Die Arbeit ist nicht allein Mittel zur Produktion eines Gebrauchswerts, sondern auch eine zentrale Realit\u00e4t, in der sich die Sinne, F\u00e4higkeiten und Reflexionsverm\u00f6gen der Arbeitenden bilden. Dieser Begriff von Arbeit als Moment des guten Lebens umfasst zudem die gemeinsame Auseinandersetzung dar\u00fcber, wie das Arbeiten und die Arbeiten die Lebensweise entwickelt. Gemeint ist die Lebensweise der Arbeitenden, Kunden und der von Arbeit und Konsum mittelbar Betroffenen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Creydt formuliert im letzten Teil seines Buches einen Begriff der anzustrebenden Lebensqualit\u00e4t. Die verschiedenen Momente des guten Lebens fordern und verst\u00e4rken sowie korrigieren sich gegenseitig. Der Autor vermag mit dem Begriff des guten Lebens instruktiv in verschiedene Debatten einzugreifen. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die These vom Gegensatz zwischen einem vermeintlich \u201em\u00e4nnlich-instrumentellen\u201c Arbeitsbegriff und einer angeblich eher konvivial-interaktiven \u201eweiblichen\u201c Sorget\u00e4tigkeit. Das Konzept der widerspruchsvollen Einheit der sieben Momente des guten Lebens bildet ein Modell daf\u00fcr, das auseinanderstrebende Ganze zu re-integrieren \u2013 ohne Trivialisierung und Simplifizierung. Die Partialtriebe der verschiedenen Rationalit\u00e4ten lassen sich einer \u00fcbergreifenden Aufmerksamkeit ein- und unterordnen, ohne das legitimer weise ausdifferenzierte Besondere einem reduktiven Allgemeinen zu opfern. Creydts These lautet: Ohne eine Integration der vielen Teilkritiken und ohne ihre positive Artikulation im Konzept des \u201eguten Lebens\u201c kann es keine grundlegende Ver\u00e4nderung geben. Die gegenw\u00e4rtige Gesellschaft an ihren Ma\u00dfst\u00e4ben und Idealen zu messen reiche nicht aus. Das Engagement f\u00fcr Nachhaltigkeit, so umfassend es ist, m\u00fcsse eine weiter reichende Aufmerksamkeit f\u00fcr die \u201eSt\u00e4rken\u201c der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft und f\u00fcr Hindernisse gegen\u00fcber ihrer Transformation entwickeln. Sonst bleibe es bei einem Ein-Punkt-Thema, das alles in der Gesellschaft auf den eigenen Dreh- und Angelpunkt bezieht. Nicht in den Blick geriete dann, warum das vermeintlich so Evidente \u2013 hier: Nachhaltigkeit (zur Zeit der gro\u00dfen Friedensbewegung war es die Abr\u00fcstung) \u2013 sich nicht durchsetzen l\u00e4sst. F\u00fcr alle substanziellen Ver\u00e4nderungen \u2013 auch in Richtung Nachhaltigkeit \u2013 sei entscheidend, wie sich nicht nur die Schadensursachen, sondern auch die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Akzeptanz der herrschenden Rechnungs- und Denkweisen \u00fcberwinden lassen. Daf\u00fcr m\u00fcssen gesellschaftliche Strukturen und Lebensweisen infrage gestellt werden. Dies werde nicht allein aus Motiven der Nachhaltigkeit geschehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Buch ist in 65 Kapitel gegliedert und kommt insofern Kurzstreckenlesern entgegen. Die Darstellungsweise entspricht der eines verst\u00e4ndlichen und alles andere als dr\u00f6gen Sachbuchs. Gut gew\u00e4hlte Beispiele lockern den Text auf und verdeutlichen die Argumentation. Creydt macht einleuchtend klar, warum grundlegend ver\u00e4ndertes Nachdenken \u00fcber vermeintlich Bekanntes nottut.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Wilhelm Eckardt<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meinhard Creydts Buch \u201eDie Armut des kapitalistischen Reichtums und das gute Leben\u201c liefert neue Impulse f\u00fcr die Diskussion \u00fcber zentrale Fragen der Nachhaltigkeitsdiskussion: Was sind die objektiven Ursachen f\u00fcr die \u00f6kologische Krise? Welche Mentalit\u00e4ten und Ideologien f\u00f6rdern sie? Warum kann sich Nachhaltigkeit so wenig durchsetzen? 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