{"id":19558,"date":"2019-03-05T15:19:17","date_gmt":"2019-03-05T13:19:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19558"},"modified":"2019-04-15T13:22:58","modified_gmt":"2019-04-15T11:22:58","slug":"gewaltfreie-revolution-gegen-den-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/gewaltfreie-revolution-gegen-den-kapitalismus\/","title":{"rendered":"Gewaltfreie Revolution gegen den Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">J\u00fcrgen Bruhn ist ein Fan des gewaltfreien Widerstands. Dieser habe eine Wichtigkeit, Bedeutung und \u201ehistorische Tradition, die untrennbar mit der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Demokratie und des Rechtsstaates verbunden ist\u201c. Aus diesem Grund besteht sein Buch zum gr\u00f6\u00dften Teil aus einem geschichtlichen Abriss, einer Ahnengalerie des zivilen Ungehorsams (Kapitel 1 bis 8): Henry David Thoreau, Mahatma Gandhi, Bertrand Russell, Albert \u201eChief\u201c Luthuli, Martin Luther King Jr., die Friedensbewegung, die NGOs (bei Bruhn: NROs) ab den 1970er Jahren, der indigene gewaltfreie Widerstand. Dabei verwendet Bruhn die Begriffe \u201egewaltfreier Widerstand\u201c und \u201eziviler Ungehorsam\u201c mehr oder weniger synonym. Es sei der \u201egewaltfreie Widerstand, der als Begriff und Aktion den zivilen Ungehorsam\u201c einschlie\u00dfe.<\/p>\n<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_weltweiter-ziviler-ungehorsam-248457883.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19765 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_weltweiter-ziviler-ungehorsam-248457883-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"330\" height=\"463\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_weltweiter-ziviler-ungehorsam-248457883-214x300.jpg 214w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_weltweiter-ziviler-ungehorsam-248457883-300x420.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_weltweiter-ziviler-ungehorsam-248457883-600x840.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_weltweiter-ziviler-ungehorsam-248457883-768x1075.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_weltweiter-ziviler-ungehorsam-248457883-732x1024.jpg 732w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/gwr437_weltweiter-ziviler-ungehorsam-248457883.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 330px) 100vw, 330px\" \/><\/a>Der zivile Ungehorsam beginnt bei Bruhn mit Henry David Thoreau und geht dann chronologisch vorw\u00e4rts. Das ist vielleicht nicht ganz konsistent, da erst weiter hinten im Buch, in Kapitel 8, auch der gewaltfreie, zivile Ungehorsam der Sioux-Indianer erw\u00e4hnt wird. Die Hunkpapa-Sioux haben 2016 darauf hingewiesen, \u201edass die Standing Rock Reservation eine alte Tradition des zivilen Ungehorsams gegen die US-Regierung vorweisen k\u00f6nnte\u201c, n\u00e4mlich in Form des \u201eGeistertanzes\u201c. Das war im Winter 1890, und endete im Massaker am Wounded-Knee-Flu\u00df. Legend\u00e4r ist Thoreaus Essay \u201eOn the Duty of Civil Disobedience\u201c, welches gro\u00dfe Wirkung erzielte, und zum Beispiel \u201eeinen ma\u00dfgeblichen Einfluss auf viele nordstaatliche Gesetzgeber in Washington\u201c hatte. Manche Zitate von Thoreau sind brandaktuell und zeitlos: \u201eMach dein Leben zu einem Gegengewicht, um die Maschine aufzuhalten.\u201c Oder zu der gro\u00dfen Masse an Menschen, die nichts tun: \u201eEs sind Menschen, f\u00fcr die die Frage der Freiheit hinter der des Freihandels zur\u00fccktritt.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Mahatma Gandhi hat Thoreaus Ungehorsamsschrift aufgegriffen und um Elemente aus der Bhagavad-Gita erweitert, bei denen es um das \u201eFesthalten an der Wahrheit\u201c und \u201eEhrfurcht vor dem Leben\u201c geht. Sowohl in S\u00fcdafrika als dann auch sp\u00e4ter in Indien hat er regelrechte Trainingszentren eingerichtet, in denen den Landsleuten gewaltfreier ziviler Ungehorsam beigebracht worden ist. Es ging ihm nicht darum, seine Gegner zu verletzen oder zu dem\u00fctigen. Gewaltlosigkeit bedeute \u201eniemals feige Unterwerfung unter den Willen des Ungerechten\u201c. Gandhi forderte von allen Beteiligten viel, denn sie \u201emussten Willens sein, f\u00fcr ihren Rechtsbruch der britischen Gesetze die Konsequenzen zu tragen\u201c. Eindrucksvoll finde ich auch folgende Szene in Indien, aus der hervorgeht, was f\u00fcr ein Mut f\u00fcr die gewaltfreien Aktionen erforderlich ist:<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\">\u201eGruppe f\u00fcr Gruppe der Ungehorsamen marschierte diszipliniert und ohne jeglichen Widerstand zu leisten [&#8230;] und mit erhobenen K\u00f6pfen und ohne eine M\u00f6glichkeit, Verletzung oder Tod zu entgehen [&#8230;] in die Wellen der Polizisten hinein, die sie methodisch und mechanisch niederschlugen.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"justify\">Beim Kampf gegen die Apartheid in S\u00fcdafrika war der durch Mahatma Gandhis Philosophie inspirierte Albert \u201eChief\u201c Luthuli die treibende Kraft. Da er bereits 1967 starb, ist sein Mitk\u00e4mpfer Nelson Mandela wesentlich bekannter geworden. Dabei war wichtig, \u201edass das System als solches, die Apartheid, nicht jedoch die einzelnen Mitglieder der Herrschenden bek\u00e4mpft w\u00fcrden\u201c. Und auch bei Martin Luther King, der Gandhis \u201etaktisches Vorgehen des gewaltfreien Widerstands auf die USA \u00fcbertragen wollte\u201c, war Gewaltlosigkeit essentiell, \u201eschlie\u00dflich gehe es um \u201aVers\u00f6hnung mit den Wei\u00dfen und nicht um umgekehrten Rassismus\u2018\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">Lebendig geschrieben ist das Kapitel \u00fcber die Friedensbewegung, von der Bruhn selbst Teil war, damals Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre in Kalifornien. Im Kapitel \u00fcber NGOs geht Bruhn auf die neuere Geschichte ein. Gerade auch die Anti-Globalisierungs-Demos, die Weltsozialforen, Occupy und Blockupy. Ob Greenpeace durch die Entwicklung eines FCKW-freien K\u00fchlschranks in einem ehemaligen DDR-K\u00fchlschrankkombinat wirklich und alleine \u201edie Ozonschicht und damit das Leben auf der Erde gerettet\u201c hatte, wage ich aber zu bezweifeln.<\/p>\n<p align=\"justify\">Bei der Demo anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung des neuen Geb\u00e4udes der EZB in Frankfurt am Main am 18. M\u00e4rz 2015 h\u00e4lt sich Bruhn nicht mehr an die Wahrheit. So meint er, dass sie die erste gro\u00dfe Blockupy-Protestdemonstration gewesen sei. Dabei gab es bereits gro\u00dfe Blockupy-Demonstrationen in den Jahren 2012 und 2013. Bruhn schreibt zum Morgen des 18. M\u00e4rz: \u201eAlles lief friedlich ab\u201c. Am R\u00f6merberg begann nachmittags die Blockupy-Gro\u00dfdemonstration, \u201eum das gesamte umz\u00e4unte EZB-Gel\u00e4nde zu blockieren. Dabei kam es [&#8230;] zu gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen.\u201c Beides ist falsch. Da ich als unmittelbarer Nachbar der EZB nur f\u00fcnfzig Meter nebenan wohne und an diesem Tag bereits um 7 Uhr morgens auf den Beinen war, habe ich einiges mitbekommen. Um diese fr\u00fche Morgenstunde waren bereits die meisten Ausschreitungen, wie abgebrannte Autos oder eingeschmissene Fensterscheiben von Banken und Stra\u00dfenbahnhaltestellen, passiert. Auch am Vormittag gab es gelegentliche gewaltt\u00e4tige Ausschreitungen, dabei wurden Flaschen und andere Gegenst\u00e4nde auf die Polizei geworfen. Dagegen war die eigentliche Demo, die am Nachmittag am R\u00f6merberg begann, und bis zur Alten Oper ging (und nicht zur EZB!) friedlich, sie wurde aber von der Polizei umzingelt und abgeriegelt. Warum sich Bruhn hier nicht an die Fakten h\u00e4lt, ist mir schleierhaft. Denn letztendlich folgert er aus diesem Tag: \u201eDas Problem, dass gewaltbereite Autonome immer wieder gewaltfreie Demonstrationen und Protestaktionen von zivilen Ungehorsam Aus\u00fcbenden \u00fcberschatten, konnte bisher nicht gel\u00f6st werden.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Eine Abweichung von der Tradition des zivilen Ungehorsams in der Geschichte gab es bei Bertrand Russell, der einr\u00e4umte, dass nur ein bewaffneter Widerstand gegen\u00fcber Hitler und den Nazis etwas bewirken konnte. Bruhn geht auch auf Abweichungen des zivilen Ungehorsams ein, bei denen entweder \u201eGewalt gegen Sachen\u201c oder aber auch Gewalt gegen Menschen eingesetzt wurde. John Brown bef\u00fcrwortete \u201eGewalt gegen Sachen\u201c, konnte damit aber seinen Zeitgenossen Thoreau nicht \u00fcberzeugen. Auch \u201eKing distanzierte sich von Anfang an von den militanten schwarzen F\u00fchrern.\u201c Die beiden Br\u00fcder Daniel und Philip Berrigan, die bei der US-amerikanischen Friedensbewegung eine gro\u00dfe Rolle gespielt haben, lehnten Gewalt gegen Menschen v\u00f6llig ab, bef\u00fcrworteten aber eine \u201esymbolhafte Gewalt\u201c gegen Sachen. Das Hauptanliegen, das Bruhn mit diesem Buch verfolgt, ist, gegen Raubtierkapitalismus und Klimawandel aktiv zu werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der geschichtliche Abriss mit vielen Beispielen erfolgreichen zivilen Ungehorsams diene ihm letztendlich dazu, \u201ezu zeigen, dass dann, wenn diese Formen [zivilen Ungehorsams] damals erfolgreich waren, sie es auch heute wieder sein k\u00f6nnten\u201c. Eine darauf aufbauende Strategie entwickelt Bruhn im abschlie\u00dfenden neunten Kapitel. Dabei greift er auf Naomi Kleins \u201eEntweder Klima oder Kapitalismus\u201c (siehe auch meine Buchbesprechung zu Naomi Klein, \u201eDie Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima\u201c in der Graswurzelrevolution Nr. 404) zur\u00fcck, das er als ein Leitmotiv verstanden haben m\u00f6chte. Der Begriff (finanzmarktgetriebener) Raubtierkapitalismus wird in diesem Buch inflation\u00e4r verwendet. Der Ausdruck stammt \u00fcbrigens von Altkanzler Helmut Schmidt, wie Bruhn an einer Stelle anmerkt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Bruhn geht auf vieles ein, was schon hinl\u00e4nglich bekannt ist. Dass es der Politik und der Wirtschaft um den Erhalt von Strukturen der konventionellen Energieversorgung geht. Dass die fossilen Energien immer noch immense Profite abwerfen. Dass die Lehre vom st\u00e4ndigen unbegrenzten Wachstum eine (der totalit\u00e4rsten) Ideologie(n) ist. Dass das 2-Grad-Ziel \u201el\u00e4ngst zu einem Ersatz f\u00fcr wirklich politisches Handeln geworden\u201c ist. Dass die Politik sich \u201eals Reparaturwerkstatt des internationalen Finanzkapitalismus\u201c erwiesen hat, indem sie 2008\/2009 die Banken rettete. Dass wir uns als einzelne Individuen auch selbst \u00e4ndern m\u00fcssen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wichtiger ist Bruhns Zusammenstellung einiger \u201edenkbare[r] Instrumente eines weltweiten zivilen Ungehorsams\u201c:<\/p>\n<p align=\"justify\">1.) Desinvestmentkampagnen, um fossile Energien wertlos zu machen.<\/p>\n<p align=\"justify\">2.) B\u00fcrgerinitiativen, Volksbefragungen und Volksentscheide, zum Beispiel eine \u201edemokratisierte, dezentrale, in B\u00fcrgerhand sich befindende Stromversorgung\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">3.) Steuerboykott.<\/p>\n<p align=\"justify\">4.) Wahlboykott.<\/p>\n<p align=\"justify\">5.) Konsumverweigerung, Produktstreik und Produktumstellung.<\/p>\n<p align=\"justify\">6.) Der langandauernde Generalstreik.<\/p>\n<p align=\"justify\">Einige dieser Instrumente werden durchaus schon erfolgreich eingesetzt. Aber einen langandauernden Generalstreik hat es \u201ebisher in seiner Totalit\u00e4t\u201c noch nicht gegeben. Bruhn sieht solche Ma\u00dfnahmen, wie zum Beispiel \u201eGesetze, die die neoliberale Wachstumswirtschaft besch\u00fctzen, zu brechen\u201c, dadurch legitimiert, dass Umweltzerst\u00f6rungen und der Klimawandel unser Leben bedrohen. Wir sollten uns dabei \u201eauf die Menschenrechtsgarantien des Grundgesetzes [&#8230;] berufen\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das spannend geschriebene Buch, das jeden Einzelnen dazu aufruft, aktiv zu werden, und immer wieder gegen Herrschaft agitiert, endet mit einem deftigen Seitenhieb auf Donald Trump: \u201eDiese US-Politik ist ein Verbrechen an der Zukunft der Menschheit. Wieder m\u00fcssen wir wie zu Pr\u00e4sident Reagans Zeit gegen eine \u201ageistig behinderte\u2018 US-Administration mit Methoden des zivilen Ungehorsams ank\u00e4mpfen.\u201c<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Peter Oehler<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"en-US\" align=\"left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Bruhn ist ein Fan des gewaltfreien Widerstands. Dieser habe eine Wichtigkeit, Bedeutung und \u201ehistorische Tradition, die untrennbar mit der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Demokratie und des Rechtsstaates verbunden ist\u201c. 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