{"id":19876,"date":"2019-04-02T23:53:38","date_gmt":"2019-04-02T21:53:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19876"},"modified":"2019-04-15T12:35:03","modified_gmt":"2019-04-15T10:35:03","slug":"ich-habs-dir-ja-gesagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/04\/ich-habs-dir-ja-gesagt\/","title":{"rendered":"\u201eIch hab\u2019s dir ja gesagt\u201c"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es war br\u00fctend hei\u00df an jenem Novembertag im letzten Jahr, als ich gemeinsam mit einem Bekannten und Fotografen an der Schnellstra\u00dfe Avenida Brasil im Norden Rio de Janeiros aus dem Uber stieg. Wir w\u00e4ren lieber im Auto mit der k\u00fchlen Klimaanlage sitzen geblieben und h\u00e4tten uns vom Fahrer bis zur Haust\u00fcr meines Interviewpartners fahren lassen, doch Uber und Taxis fahren kaum noch in die Armenviertel (Favelas) rein. Erst recht nicht in den Favelakomplex Mar\u00e9, der f\u00fcr t\u00f6dliche Polizeiinterventionen und Konflikte zwischen kriminellen Organisationen Rios bekannt ist. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir hatten kurz zuvor erfahren, dass die Milit\u00e4rpolizei in der Nacht wieder in Mar\u00e9 gewesen war und ein paar Leichen hinterlassen hatte. Teilweise Menschen, die mit Drogenhandel und Kriminalit\u00e4t nichts zu tun hatten. Ein Lehrer war beispielsweise unter denen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Mein Kollege und ich liefen vorbei an einer Tankstelle, die \u00fcberf\u00fcllt war von bewaffneten Polizisten in Soldatenuniformen; ein Fernsehteam stand vor einem Laster voll mit Drogen und Waffen. Auch wenn ich ihre Gesichter nicht gut erkennen konnte, hatte ich das Gef\u00fchl, die interviewten Polizist*innen waren ziemlich stolz auf ihren Fund und ihre Arbeit. Ein wenig sp\u00e4ter lief es mir trotz der Hitze kalt den R\u00fccken runter, als eine etwa Ende zwanzigj\u00e4hrige Frau sich mit aufgerissenen Augen auf die Stra\u00dfe warf, laut weinte und schrie: \u201esie haben ihn umgebracht!\u201c. Die Menschen um sie herum wirkten teils hilflos, teils unbek\u00fcmmert. Dass Bewohner*innen von Favelas regelm\u00e4\u00dfig erschossen werden, ist kaum noch eine Nachricht wert. In den gro\u00dfen Medien sind sie Zahlen, keine Menschen. Und dabei haben sie so viel zu erz\u00e4hlen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Hier fehlt alles, es fehlt Licht, es fehlt Wasser, es fehlen Lehrer und \u00c4rzte. Nur die Polizei fehlt nicht\u201c, \u201e99% sind Bewohner, Arbeiter, aber sie glauben, dass es alle Verbrecher sind\u201c, \u201eDie Bullen blieben stundenlang im Haus, vergewaltigten drei M\u00e4dchen und schlugen die Jungen\u201c, \u201edas Milit\u00e4r kam hier in die Bar herein und stahl meinem Sohn die Xbox, a\u00df unsere Essenswaren, nahmen Getr\u00e4nke mit, es war ein Schaden von mehr als viertausend (Reais, circa 920 Euro). Wir arbeiten hart, um das bisschen zu haben und sie tun uns das an\u201c. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das sind nur einige Zitate von anonymen Aussagen, die in f\u00fcnfzehn Favelas in Rio de Janeiro im vergangenen Jahr von \u00f6ffentlichen Beh\u00f6rden aufgenommen wurden. (3) <\/span><span lang=\"de-DE\">Doch die Stimmen der Favelabewohner*innen werden meist nur von alternativen Medien geh\u00f6rt und abgedruckt. Im Onlinemedium \u201eThe Intercept Brasil\u201c schildert Bruno Sousa seine Erfahrungen mit Racial Profiling. Regelm\u00e4\u00dfig wird er in und um seine Favela von Polizist*innen angehalten, ausgefragt und untersucht: \u201eDer Milit\u00e4rpolizist, der mit seiner Waffe auf mich zeigte, war derselbe, der mich in derselben Woche gestoppt hatte. Er kam und sagte mir, ich solle mich an die Wand lehnen, meine Beine und meinen Rucksack \u00f6ffnen. Er fragte mich vierzig Mal, wohin ich gehen wollte, ob ich jemals im Knast gewesen sei und jedes Mal, wenn ich sagte, ich sei Student, lachte er. Viele Menschen liefen \u00fcber die Stra\u00dfe und es wurde sonst niemand angehalten\u201d. Seine Wohnung wird auf den Kopf gestellt; h\u00e4ufig kann er diese nicht verlassen, weil es Sch\u00fcsse in der Umgebung gibt. F\u00fcr eine Busfahrt braucht er zwei Stunden, statt zwanzig Minuten, weil die Polizei ihn festh\u00e4lt. (4) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Solche Schilderungen kommen mir nicht unrealistisch vor. Ein Freund hatte mir einmal erz\u00e4hlt, wie es abl\u00e4uft, wenn er zum Beispiel \u00fcber die Smartphoneapp \u201eFogo Cruzado\u201c (\u201eKreuzfeuer\u201c) erf\u00e4hrt, dass es wieder Sch\u00fcsse gibt in seinem Viertel. \u201eMan wartet dann am Eingang der Favela, bis man eine etwas gr\u00f6\u00dfere Gruppe ist von Anwohnern. Dann kann man einigerma\u00dfen sicher nach Hause kommen, denn das ist ein Zeichen f\u00fcr die Bullen, dass wir keine Kriminellen sind.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Erst im Februar 2019 sorgte die Nachricht f\u00fcr Aufsehen, dass dreizehn junge M\u00e4nner von der Milit\u00e4rpolizei in der Favela Fallet, im touristischen Viertel Santa Teresa, erschossen wurden. Laut Polizei sollte kriminellen Organisationen das Handwerk gelegt werden. The Intercept Brasil berichtete, dass zehn Personen im Haus einer Unbeteiligten ermordet wurden, nachdem sie sich ergeben hatten. (5) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Polizeieinsatz war derjenige mit den meisten Toten seit zw\u00f6lf Jahren. Wilson Witzel hatte Anfang Januar den Kriminellen der Favelas einen \u201eKrieg\u201c versprochen. Dass der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro sich allerdings nicht allzu gut mit seinem eigenen Arbeitsfeld auskennt, hatte er schon zuvor klar gemacht: Als er in einem Interview gefragt wurde, ob er denn schon mal in Rocinha, der gr\u00f6\u00dften Favela Lateinamerikas, gewesen sei, antwortete er: \u201eIch bin an Rocinha vorbeigegangen, bin aber nie hochgelaufen. Aber man muss nicht hinaufgehen, um zu wissen, dass es dort wirklich schlimm ist.\u201c (6) <\/span><span lang=\"de-DE\">Seine Ignoranz spiegelt sehr gut die Vorurteile wider, die viele Brasilianer*innen haben. Vor allem der gr\u00f6\u00dfte brasilianische Medienkonzern Globo zeichnet in Fernsehen, Zeitung, online und im Radio ein Bild der Favela von Drogenbanden, Kriminalit\u00e4t und Armut. Es wird vor allem \u00fcber Bewohner*innen gesprochen, nicht mit ihnen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anders macht das die Nachrichtenseite RioOnWatch, f\u00fcr die ich Reportagen und Portr\u00e4ts von Bewohner*innen der Favelas schrieb (7). <\/span><span lang=\"de-DE\">Ich sprach mit Andrezza Fransisco Paulo, die durch finanzielle Hilfe ihrer Mitsch\u00fcler*innen und nach jahrelanger intensiver Arbeit ihr Studium schaffte; mit Laerte Breno, der in Mar\u00e9 eine gratis Nachhilfeschule gr\u00fcndete, um mehr Nachbar*innen und Freund*innen in der Uni zu verhelfen; mit Lita Ribeiro, die trotz Neid von Freund*innen und Hasskommentaren auf Facebook ihren Traum verwirklichte, Soziale Arbeit zu studieren; mit Jo\u00e3o Victor Teodoro, der in seiner Favela Menschen half, aus dem Drogengesch\u00e4ft auszusteigen, internationale Zusammenarbeit studiert und von den Vereinten Nationen nach Bonn eingeladen wurde. All diese Geschichten verdeutlichen mir, wie viel Kampfgeist in Rios Favelas steckt. Neben sozialen Problemen vor Ort haben es die Bewohner*innen vor allem auch mit Eingriffen von au\u00dfen zu tun. Allein von 2017 auf 2018 stieg die Rate der Favelabewohner*innen, die von der Polizei get\u00f6tet wurden, auf 38%, ohne dass die offiziellen Ziele der vermehrten Polizeiinterventionen erreicht wurden: Im gleichen Zeitraum wurden 27% weniger Waffen in Favelas beschlagnahmt (8). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Gewalt erfahren die Anwohner*innen auch durch die drei gro\u00dfen kriminellen Organisationen in Rios Favelas, die sich gegenseitig bek\u00e4mpfen und die nur deshalb fortbestehen, weil sie infrastrukturelle und soziale Aufgaben \u00fcbernehmen, die eigentlich Aufgabe des Staates sind. <\/span><span lang=\"de-DE\">Und gerade deshalb beeindruckte es mich unglaublich zu sehen, wie Menschen, die von extremen sozialen Ungleichheiten betroffen sind und unter Gewalt, Rassismus und Patriarchat leiden, nicht aufgeben. Gleichzeitig m\u00f6chte ich Andrezza Fransisco Paulo zitieren, die im Gespr\u00e4ch mit mir darauf hinwies, dass sie nicht an Meritokratie glaube. \u201eDieses Wort ist extrem ungerecht und grausam. Sie sagen, wenn ich es geschafft habe, k\u00f6nnen es alle schaffen, doch sie vergessen, dass ich auch unglaublich viel Gl\u00fcck hatte.\u201c Genauso wenig ist es ausschlie\u00dflich harter Arbeit verdankt, dass ich als Wei\u00dfe Europ\u00e4erin f\u00fcr ein deutsches Publikum \u00fcber die harten Lebensbedingungen in einer brasilianischen Favela schreibe. Ich bin zuf\u00e4lligerweise im globalen Norden geboren und daher privilegiert. Ich kann frei entscheiden, ob ich heute oder morgen meinen Freund in seiner Favela besuche und \u00fcber ihn schreibe; derweil muss er es nach Hause schaffen, am besten, ohne von der Polizei angegriffen zu werden und ohne Angst, durch eine sogenannte \u201ebala perdida\u201c (\u201everlorene Kugel\u201c) aus Versehen erschossen zu werden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Gerne w\u00fcrde ich diesen Beitrag mit einem Hoffnungsschimmer abschlie\u00dfen. Doch ich nehme es gleich vorweg: Das wird schwierig. Ich habe genug Menschen und Organisationen kennengelernt, die sich f\u00fcr mehr Gleichberechtigung und f\u00fcr mehr Rechte f\u00fcr Benachteiligte einsetzen. Regelm\u00e4\u00dfig finden allerlei Demos statt, Tausende gehen gegen die neue Regierung auf die Stra\u00dfe. Karneval in Brasilien war noch nie so politisch: allerlei Kost\u00fcme, Umz\u00fcge und Mottos machten sich \u00fcber Bolsonaro lustig.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Gleichzeitig tut die rechtsextreme Regierung, die sich auf dem besten Weg in den Faschismus befindet, alles, um linke Kr\u00e4fte zu schw\u00e4chen. Soziale Bewegungen werden kriminalisiert und als Terrorgruppen eingestuft; Polizisten d\u00fcrfen straffrei im Einsatz t\u00f6ten; linke Politiker*innen werden eingesperrt, ermordet oder m\u00fcssen aus Angst das Land verlassen; Rechte, Geh\u00e4lter und Renten der Arbeitnehmer*innen werden gek\u00fcrzt\u2026 Die Liste ist endlos. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Eu avisei\u201c (in etwa, \u201eich hab\u2019s dir ja gesagt\u201c), hie\u00df einer der Karneval-Blocos in Rio de Janeiro. Ausdruck des Widerstands, noch dazu mit Humor. Doch viel hilft der weise Spruch jetzt nicht mehr, auch nicht denen, die es tats\u00e4chlich vorhergesagt hatten. Wer mit am meisten leiden wird, sind die, die schon immer sozial benachteiligt waren: Menschen aus Favelas.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Mareen Butter<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"right\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war br\u00fctend hei\u00df an jenem Novembertag im letzten Jahr, als ich gemeinsam mit einem Bekannten und Fotografen an der Schnellstra\u00dfe Avenida Brasil im Norden Rio de Janeiros aus dem Uber stieg. 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