{"id":19884,"date":"2019-04-02T23:50:14","date_gmt":"2019-04-02T21:50:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19884"},"modified":"2019-04-03T00:02:21","modified_gmt":"2019-04-02T22:02:21","slug":"make-love-not-co2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/04\/make-love-not-co2\/","title":{"rendered":"\u201eMake love \u2013 not CO2\u201c"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Als ich am 15. M\u00e4rz 2019 zur lokalen Fridays for Future-Demo in M\u00fcnster gegangen bin, kam in mir ein Gef\u00fchl von Begeisterung, Zuversicht und R\u00fchrung auf. 5.000 Sch\u00fcler*innen bestreikten an diesem Tag allein in dieser 310.000-Einwohner*innen-Stadt den Unterricht, um lautstark f\u00fcr eine klimagerechte Zukunft zu demonstrieren. \u201eLibert\u00e9, Egalit\u00e9 et Fuck Kohl\u00e9\u201c, \u201eAlle elf Minuten schmelzen 5,3 Millionen Tonnen Eis in der Antarktis \u2013 Ich klimawandel jetzt. ACT NOW!\u201c, \u201e\u201aMama, warum sind Tiere ausgestorben?\u2018 \u2013 \u201aDeine Eltern haben zu viel Nutella gegessen\u2018\u201c, \u201eDie m\u00e4chtigsten Waffen der Welt sind Messer und Gabel\u201c, &#8230; die Spr\u00fcche auf den selbstgemachten Schildern und Transparenten der Kids sind oft phantasievoll, lustig und aufkl\u00e4rerisch. <\/span><span lang=\"de-DE\">An diesem Freitagmorgen waren es weltweit 1,5 Millionen Menschen, die sich an 2038 Orten in 125 L\u00e4ndern auf sechs Kontinenten an diesem globalen Sch\u00fcler*innenstreik beteiligt haben. In Deutschland waren es 300.000 Menschen in \u00fcber 200 St\u00e4dten! Gro\u00dfartig!<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Wir sind die Jugend von heute und die Gesellschaft von morgen. Heute haben wir laut, konsequent und vielf\u00e4ltig gezeigt, dass wir nicht mehr l\u00e4nger zusehen werden, wie unsere Zukunft von unseren Politiker*Innen verspielt wird. Weltweit haben wir heute gezeigt, dass JETZT alles daran gesetzt werden muss, den Klimawandel aufzuhalten. Und solange die Politik nicht mit konkreten Ma\u00dfnahmen konsequenten Klimaschutz in ihr Programm schreibt, werden wir weiterhin jeden Freitag auf den Stra\u00dfen stehen!\u201c, schreiben die Aktivist*innen selbstbewusst.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bei \u201eFridays for Future\u201c handelt es sich tats\u00e4chlich um eine soziale Bewegung von unten. Diese globale Graswurzelbewegung der Sch\u00fcler*innen wurde unter anderem von der heute 16j\u00e4hrigen Greta Thunberg inspiriert. <\/span><span lang=\"de-DE\">So sympathisch die schwedische Sch\u00fclerin ist, so unsympathisch ist der Versuch der Massenmedien, sie zur Anf\u00fchrerin hochzustilisieren. Hierarchisch denkende Medienfuzzis k\u00f6nnen nicht akzeptieren, dass eine soziale Bewegung keine F\u00fchrer oder F\u00fchrerinnen braucht. Greta ist tats\u00e4chlich eine von Millionen, die sich f\u00fcr Klimagerechtigkeit und gegen Klimakiller engagieren.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Hinter dem von den Medien betriebenen Personenkult und Hype um Greta Thunberg steckt Kalk\u00fcl. Anf\u00fchrer*innen lassen sich oft leicht in die bestehenden, hierarchischen Strukturen integrieren und korrumpieren. So mancher Funktion\u00e4r von Nichtregierungsorganisationen wurde schon vom Apparat absorbiert und endete als \u00f6der Parteipolitikverk\u00e4ufer im EU-Parlament, wie die Beispiele des Ex-Sprechers des einst m\u00e4chtigen Bundesverbandes B\u00fcrgerinitiativen Umweltschutz (BBU) Jo Leinen (SPD) oder des einstigen Attac-Promis Sven Giegold (Gr\u00fcne) zeigen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die als \u201eAnf\u00fchrer\u201c oder \u201eAnf\u00fchrerinnen\u201c aufgebauten Bewegungsaktivist*innen bieten den Massenmedien zudem lukrative Projektions- und Angriffsfl\u00e4chen. So auch Greta Thunberg. Als die 16-J\u00e4hrige am 17. M\u00e4rz einen ungeschickt formulierten Text auf ihrer Facebookseite postete, nutzten das reaktion\u00e4re Schreiberlinge in den Redaktionsstuben von Spiegel Online, Focus, Blick, Welt, Tichys Einblick und Russia Today, um die bei AfD und anderen Rechten verhasste Klima-Aktivistin \u00f6ffentlich zu diskreditieren.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer jubelte am 21. M\u00e4rz auf Spiegel Online \u00fcber \u201eThunbergs Bekenntnis zur Atomenergie\u201c. Auch auf Twitter behauptete der Rechtsausleger des auflagenstarken Nachrichtenmagazins: \u201eGreta Thunberg hat sich f\u00fcr die Atomkraft ausgesprochen.\u201c Wer sich allerdings den Eintrag der Sch\u00fclerin angesehen hat, wird sich angesichts dieser \u00fcblen Word-im-Mund-Verdrehung die Augen reiben. Dort schreibt Greta, dass sie pers\u00f6nlich eine Gegnerin der Atomkraft ist: \u201ePersonally, I am against nuclear power.\u201c Es geh\u00f6rt schon eine geh\u00f6rige Portion Dreistigkeit dazu, daraus ein Bekenntnis zur Atomkraft zu machen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Offenbar durch seinen rechten Spiegel-Kollegen inspiriert, legt Gabor Steingart Greta Thunberg auf Focus Online ein frei erfundenes Zitat in den Mund: \u201eIch bin eigentlich gegen die Nuklearenergie\u201c. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Treffend analysiert Finn Holitzka in der taz vom 22. M\u00e4rz unter dem Titel \u201eWie viel CO2 macht eine Nebelkerze?\u201c das Geschreibsel von Steingart und Co.: \u201eDer ehemalige <\/span><span lang=\"de-DE\">Spiegel<\/span><span lang=\"de-DE\">&#8211; und <\/span><span lang=\"de-DE\">Handelsblatt<\/span><span lang=\"de-DE\">-Redakteur d\u00fcrfte den Unterschied zwischen \u201aeigentlich\u2018 und \u201apers\u00f6nlich\u2018 (personally) kennen. So liest sich der Satz bestenfalls als Fehl\u00fcbersetzung. Oder aber als bewusste Verw\u00e4sserung der klaren Aussage Thunbergs. Die <\/span><span lang=\"de-DE\">Bild<\/span><span lang=\"de-DE\"> will derweil im Thunberg-Post gelesen haben: \u201aAuf der Suche nach einem globalen Weg nach vorn d\u00fcrfe man auch die Atomkraft nicht verteufeln.\u2018 Das ist entweder unsauber wiedergegeben oder verf\u00e4lscht, \u00fcber \u201aVerteufelungen\u2018 verliert Thunberg jedenfalls kein Wort. Und <\/span><span lang=\"de-DE\">Bild<\/span><span lang=\"de-DE\">-Cousine <\/span><span lang=\"de-DE\">Welt<\/span><span lang=\"de-DE\"> titelt zum \u00fcberarbeiteten Post am 20. M\u00e4rz: \u201aPl\u00f6tzlich \u00e4ndert Greta Thunberg ihre Meinung zur Atomkraft\u2018. Eine offengelegte Pr\u00e4zisierung wird also zur ruckartigen Kehrtwende umgedeutet. Ein letztes Beispiel daf\u00fcr, dass die aktuelle Posse nicht nur eine Frage handwerklich gewissenhaften Journalismus ist: \u201aDie Prophetin des Klimawandels pl\u00e4diert f\u00fcr Kernenergie\u2018, schreibt Josef Kraus f\u00fcr <\/span><span lang=\"de-DE\">Tichys Einblick<\/span><span lang=\"de-DE\">. Soweit, so falsch.\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Anti-Atom-Bewegung war seit 1968 die wohl erfolgreichste soziale Bewegung in Deutschland. Weder die \u00fcber 100 geplanten Atomkraftwerke noch die Wiederaufbereitungsanlage (WAA) konnten gegen den massenhaften Protest in der Bundesrepublik durchgesetzt werden. Und der \u2013 leider noch immer nicht zu 100 % vollendete \u2013 \u201eAtomausstieg\u201c der Merkel-Regierung w\u00e4re ohne die Massenproteste nach dem Super-GAU in Fukushima nicht denkbar gewesen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Ein Grund f\u00fcr die Langlebigkeit und St\u00e4rke der Anti-Atom-Bewegung ist, dass sie sich nicht spalten l\u00e4sst und generations\u00fcbergreifend agiert. Deswegen ist es auch ermutigend, dass bis heute kein Blatt zwischen die Anti-Atom- und die Klimagerechtigkeitsbewegung passt; beide sind eng und solidarisch miteinander verzahnt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Stellen wir uns vor, dass am Freitag nicht mehr nur die Sch\u00fcler*innen und Student*innen, sondern auch viele andere Menschen aller Altersgruppen gegen die Klimakillerpolitik streiken und demonstrieren. Ein generations\u00fcbergreifender Generalstreik f\u00fcr eine menschenw\u00fcrdige und klimagerechte Politik. Das w\u00e4re der Beginn einer Graswurzelrevolution, die das Zeug h\u00e4tte, die Zerst\u00f6rung unser aller Lebensgrundlagen zu verhindern und ein w\u00fcrdiges Leben f\u00fcr alle Menschen zu verwirklichen. Sorgen wir daf\u00fcr, dass diese Utopie Wirklichkeit wird. Anarchie und Gl\u00fcck! F\u00fcr ein Klima der Gerechtigkeit, f\u00fcr eine gewaltfreie und herrschaftslose Gesellschaft.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke (GWR-Koordinationsredakteur)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich am 15. M\u00e4rz 2019 zur lokalen Fridays for Future-Demo in M\u00fcnster gegangen bin, kam in mir ein Gef\u00fchl von Begeisterung, Zuversicht und R\u00fchrung auf. 5.000 Sch\u00fcler*innen bestreikten an diesem Tag allein in dieser 310.000-Einwohner*innen-Stadt den Unterricht, um lautstark f\u00fcr eine klimagerechte Zukunft zu demonstrieren. \u201eLibert\u00e9, Egalit\u00e9 et Fuck Kohl\u00e9\u201c, \u201eAlle elf Minuten schmelzen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/04\/make-love-not-co2\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":19963,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u201eMake love \u2013 not CO2\u201c - graswurzelrevolution","description":"Als ich am 15. 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