{"id":19897,"date":"2019-04-02T23:56:10","date_gmt":"2019-04-02T21:56:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19897"},"modified":"2019-04-02T23:56:10","modified_gmt":"2019-04-02T21:56:10","slug":"der-8-maerz-in-algerien-und-der-10-maerz-in-paris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/04\/der-8-maerz-in-algerien-und-der-10-maerz-in-paris\/","title":{"rendered":"Der 8. M\u00e4rz in Algerien und der 10. M\u00e4rz in Paris"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_19936\" aria-describedby=\"caption-attachment-19936\" style=\"width: 305px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/gwr438_Algeria_Protests_2019_2ndweek_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19936 \" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/gwr438_Algeria_Protests_2019_2ndweek_1-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"305\" height=\"466\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/gwr438_Algeria_Protests_2019_2ndweek_1-196x300.jpg 196w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/gwr438_Algeria_Protests_2019_2ndweek_1-300x459.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/gwr438_Algeria_Protests_2019_2ndweek_1-600x917.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/gwr438_Algeria_Protests_2019_2ndweek_1.jpg 654w\" sizes=\"auto, (max-width: 305px) 100vw, 305px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19936\" class=\"wp-caption-text\">Algier, M\u00e4rz 2019. Die algerische Nationalfahne ist bei den Protesten gegen das Regime pr\u00e4sent. Foto: Wikipedia<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\">Zu den Massendemonstrationen am 8. M\u00e4rz hatte ein Komitee f\u00fcr den \u201eMarsch der W\u00fcrde\u201c aufgerufen und damit ausdr\u00fccken wollen, dass das FLN-Regime Algeriens ihre Bev\u00f6lkerung \u00fcber Jahrzehnte entw\u00fcrdigt hat. Algerien sei ein reiches \u00d6lland und schaffe trotzdem nicht genug Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr ihre \u00fcberdurchschnittlich junge Bev\u00f6lkerung \u2013 45% der rund 41 Millionen Einwohner*innen Algeriens sind unter 25 Jahre alt. Das Lohnniveau sei l\u00e4cherlich gering. Die Pfr\u00fcnde w\u00fcrden korrupte Familienclans und Parteiklientel an der Macht einstecken. Parallelen zur Situation in Venezuela springen direkt ins Auge.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Vorfeld der Demos zirkulierten \u00fcber die \u201esozialen\u201c Netzwerke die sogenannten \u201e18 Gebote der Marschierer vom 8. M\u00e4rz\u201c. Darin wurde besonders zur Beibehaltung des bisher pazifistischen Charakters der Massenbewegung aufgerufen. Niemand will den blutigen B\u00fcrgerkrieg der Neunzigerjahre wiederholen, in dem bei den milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen zwischen Armee und islamistischen Gruppen rund 150.000 Menschen zum Teil bestialisch umgebracht wurden. Jetzt sollten die Proteste zu einem \u201eTage des Festes\u201c gemacht werden, denn die algerische Bev\u00f6lkerung hatte durch die Bewegung ihre seit Jahren l\u00e4hmende Angst, auf die Stra\u00dfe zu gehen, abgestreift. Die 18 Gebote hatte der Dichter und Schriftsteller Lazhari Lebter formuliert. Darin war zu lesen: \u201ePazifistisch und ruhig werde ich marschieren; auf keine Provokation werde ich eingehen; keinen Stein werde ich werfen \u2013 und nach dem Marsch werde ich die Stra\u00dfe s\u00e4ubern.\u201c (1)<\/p>\n<h5 align=\"left\">Der 8. M\u00e4rz in Algerien&#8230;<\/h5>\n<p align=\"justify\">In Algier konnte das nicht ganz eingehalten werden \u2013 am Ende der Massendemo kam es zu Auseinandersetzungen m\u00e4nnlicher Jugendlicher mit der Polizei, die zun\u00e4chst \u00fcblich abliefen, mit Steinw\u00fcrfen einerseits, Tr\u00e4nengaseins\u00e4tzen und Kautschukkugeln andererseits, bis dann eine \u00c4nderung dadurch eintrat, dass \u00e4ltere Erwachsene des Stadtteils, in dem sie stattfanden, die Jugendlichen aktiv davon abhielten, mit ihren Angriffen auf die Polizei weiterzumachen. Der Versuch, Lehren aus dem B\u00fcrgerkrieg zu ziehen und ein Abgleiten der Proteste in eine neuerliche Dynamik hin zur milit\u00e4rischen Auseinandersetzung zu vermeiden, war \u00fcberall greifbar. Obwohl Hunderttausende auch in den anderen Gro\u00dfst\u00e4dten Algeriens wie Oran oder Constantine auf die Stra\u00dfe gingen, wurde dort der gewaltfreie Gesamtcharakter umfassend eingehalten. Schlie\u00dflich hofft die Bewegung im vielleicht noch kommenden entscheidenden Moment auch auf Massenverweigerungen polizeilicher Einsatzkr\u00e4fte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Durch den 8. M\u00e4rz, gleichzeitig dem Internationalen Frauentag, und dem dritten Tag der Massenproteste gegen das Bouteflika-Regime kam es zu einem Zusammengehen beider Anl\u00e4sse, was sich im \u00e4u\u00dferst hohen Frauenanteil bei den Massendemos ausdr\u00fcckte. Eine Aktivistin, Kahina, meinte zur Korrespondentin der franz\u00f6sischen Tageszeitung \u201eLe Monde\u201c: \u201eWir sind eine neue Generation. Die Menschen werden nie mehr den Weg der Gewalt gehen. Algerien hat sich ver\u00e4ndert. Die Menschen wollen leben!\u201c (2) Im Moment dr\u00fcckte sie nur den Willen und die Hoffnung von Hunderttausenden aus \u2013 ob die weitere Entwicklung der Massenbewegung diese Hoffnung best\u00e4tigt, wird sich erst zeigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Besonders phantasievoll sind in dieser jungen Bewegung die selbst gemachten Slogans, die auf individuelle Kartons geschrieben werden: Neben dem verbreiteten \u201ePouvoir assassin\u201c (Die Machthaber sind M\u00f6rder) oder dem \u201eBouteflika d\u00e9gage\u201c (Bouteflika hau ab!) ist da auch schelmisch zu lesen: \u201eIch such noch einen Slogan, aber \u201aDrecks\u00e4cke!\u2019 wird mal stimmen!\u201c Oder: \u201eDer Camembert \u201aPr\u00e9sident\u2019 (eine K\u00e4semarke) stinkt weniger als euer System!\u201c (3) Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud, der dieser Tage auch auf die Stra\u00dfen Algeriens gegangen war, fasste diese Stimmung in den Witzen \u00fcber das eingerahmte Portraitfoto Bouteflikas zusammen, das in den letzten Jahren statt der Person Bouteflikas in den nationalen Aufm\u00e4rschen verehrt wurde:<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eEs ist vielleicht das, was die Geschichte von diesem Regime in Erinnerung behalten wird: Der Ritus um das Foto von Bouteflika, ein Bilderrahmen, der den Algerier*innen vor Augen gehalten wird, damit sie ihn k\u00fcssen und ihn w\u00e4hlen. Dieser Rahmen, das stumme Portraitfoto, mit Photoshop bis zum Exzess gegl\u00e4ttet, wird w\u00e4hrend der nationalen Aufm\u00e4rsche durch die Stra\u00dfen getragen. Wir haben tats\u00e4chlich gesehen, wie die Regierung und die Funktion\u00e4rshierarchie des Landes von ihren Sitzen aufsprangen, um diesem Bilderrahmen am Unabh\u00e4ngigkeitstag die Ehre zu erweisen. Wir haben den Innenminister gesehen, wie er den Bilderrahmen dekoriert hat. Wir haben die regierungstreue Menge gesehen, wie sie sich Ellenbogen an Ellenbogen gedr\u00e4ngt hat, um ein Foto zu machen \u2013 zusammen mit einem Foto! Wir haben Chefs von Nomadenst\u00e4mmen gesehen, die diesem Bilderrahmen ein Pferd geschenkt haben. Wir haben gesehen, wie junge Blogger ins Gef\u00e4ngnis gewandert sind, weil sie sich \u00fcber dieses Portraitfoto lustig gemacht haben. Diese Religion des \u201aBilderrahmens\u2019 war die gr\u00f6\u00dfte Verh\u00f6hnung, die schlimmste Beleidigung, das Kotzen auf uns schlechthin. Die neuen Generationen empfanden das als die eine Entw\u00fcrdigung, die das Fass zum \u00dcberlaufen brachte (&#8230;). W\u00e4hrend der Demos schrieben Jugendliche auf ihre Pappkartons: \u201aWenn wir schon von einem Bilderrahmen regiert werden, dann doch bitte den von Mona Lisa!\u2019\u201c (4)<\/p>\n<h5 align=\"left\">&#8230;und der 10. M\u00e4rz in Paris, Place de la R\u00e9publique<\/h5>\n<p align=\"justify\">In Paris wird diese witzige Protestkultur auf der Solidarit\u00e4tsdemo vom 10. M\u00e4rz nahtlos fortgesetzt. Als ich auf der Place de la R\u00e9publique durch die Reihen protestierender Algerier*innen wandere, bekomme ich zahlreiche Slogans zu h\u00f6ren und zu lesen, die nur im algerischen Kontext verst\u00e4ndlich sind und wohl sonst nirgendwo auf Erden ein Protestplakat schm\u00fccken w\u00fcrden. So wird etwa auf einem Pappkarton gefordert:<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\">\u201eF\u00fcr einen Pr\u00e4sidenten, der lebt!\u201c Oder: \u201eFLN ins Museum!\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"justify\">In Frankreich ist \u2013 schon durch die Kolonialgeschichte bedingt \u2013 der Migrationsanteil bei inzwischen drei Generationen eingewanderter Algerier*innen besonders hoch. Mit ca. 700.000 Menschen bilden sie mit 13% von allen Einwanderergruppen die gr\u00f6\u00dfte. (5) Von daher sind die enthusiastische Aufnahme der Massenproteste in Algerien durch in Frankreich lebende algerische Migrant*innen und die Solidarit\u00e4tsdemos nicht \u00fcberraschend.<\/p>\n<p align=\"justify\">Am 10. M\u00e4rz sehe ich von 12 Uhr mittags bis 15 Uhr die Menge zwischen der gro\u00dfen Mariannenstatue und der am Ende der Place de la R\u00e9publique aufgestellten Redner*innenb\u00fchne auf ca. 10.000 anwachsen. Fast jede zweite Solidarit\u00e4tsdemonstrant*in hat eine Algerienfahne umgeh\u00e4ngt oder wedelt mit ihr \u2013 dieser ostentativ zur Schau gestellte Nationalismus verwirrt sicherlich diejenigen, die darauf bei einer regimefeindlichen Demo nicht gefasst sind. Aber wer auch nur einmal in Algerien war, wei\u00df, wie sehr der gr\u00f6\u00dfte Teil der Bev\u00f6lkerung vom Nationalstolz durchdrungen ist. Was neben dem Fahnenmeer in Gr\u00fcn und Wei\u00df mit roter Sichel und Stern dann aber positiv \u00fcberrascht, sind die vielen kabylischen Flaggen, die da ungest\u00f6rt dazwischen gewedelt werden. Die oft von Repression und Diskriminierung betroffene kabylische Minderheit und Autonomiebewegung ist fester Bestandteil der Solidarit\u00e4tsbewegung \u2013 endlich wieder mit dem arabischen Bev\u00f6lkerungsanteil im Protest vereint; das ist neu. Das wahrzunehmen, den Ausdruck der \u201eAlg\u00e9rianit\u00e9\u201c, des pluralistischen Algerien, ist f\u00fcr mich im Moment wichtiger als die Verzweiflung \u00fcber diesen exzessiven Nationalismus, der selbst noch im Protest zur Schau getragen wird.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auch hier in Paris dominiert die Freude \u00fcber die wie befreiend empfundene Massenbewegung im Heimatland, dr\u00fcben \u00fcber dem Mittelmeer. Die Solidemo ist wie ein Fest, Lieder werden gesungen, die Mariannenstatue wird von Hunderten erklommen. Und obwohl die Polizei die Veranstalter*innen explizit dazu auffordert, die Mariannenstatue wieder zu r\u00e4umen und von der B\u00fchne dazu ebenso aufgerufen wird, bleiben Hunderte einfach drauf \u2013 und die Polizei r\u00e4umt sie nicht! Da wurde mit den Gelbwesten j\u00fcngst weitaus \u00fcbler umgesprungen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auf der Redner*innenb\u00fchne wird Musik von Souad Massi gespielt, bis eine Rednerin das \u201ePouvoir assassin!\u201c anstimmt und dann betont, dass die Organisator*innen der Solidemo v\u00f6llig regierungsunabh\u00e4ngig sind, dass sie j\u00fcngst mehrfach die Erfahrung gemacht h\u00e4tten, wie sie vom algerischen Generalkonsulat bedroht worden sind, oder ihre noch in Algerien lebenden Familienangeh\u00f6rigen. Mit gro\u00dfer Freude verk\u00fcndet die Rednerin dann, dass in Algerien im Anschluss an die Massendemos vom 8. M\u00e4rz ein Generalstreik in den Betrieben begonnen habe, der auch umfassend durchgef\u00fchrt und bis jetzt ein Erfolg gewesen sei \u2013 der erste Generalstreik im Land seit der Unabh\u00e4ngigkeit von 1962! Der Widerstand hat nun auch eine Komponente \u00f6konomischer Macht bekommen, eine Voraussetzung f\u00fcr materielle Wirkungsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wie sehr w\u00fcnsche ich diesen f\u00fcr den Moment gl\u00fccklichen Menschen doch, dass ihre in Algerien begonnene Revolution erfolgreich verlaufen wird und ihr die traumatische Entwicklung in den B\u00fcrgerkrieg hinein erspart bleiben m\u00f6ge, die alle als Erfahrung aus den Neunzigerjahren, aber auch des arabischen Fr\u00fchlings in Syrien, \u00c4gypten oder Libyen von 2011 noch so unmittelbar im Bewusstsein tragen.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Lou Marin<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den Massendemonstrationen am 8. M\u00e4rz hatte ein Komitee f\u00fcr den \u201eMarsch der W\u00fcrde\u201c aufgerufen und damit ausdr\u00fccken wollen, dass das FLN-Regime Algeriens ihre Bev\u00f6lkerung \u00fcber Jahrzehnte entw\u00fcrdigt hat. 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