{"id":19904,"date":"2019-04-02T23:57:42","date_gmt":"2019-04-02T21:57:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19904"},"modified":"2019-05-06T01:28:10","modified_gmt":"2019-05-05T23:28:10","slug":"gedaechtnisort-fuer-bewegung-und-forschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/04\/gedaechtnisort-fuer-bewegung-und-forschung\/","title":{"rendered":"Ged\u00e4chtnisort f\u00fcr Bewegung und Forschung"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_20003\" aria-describedby=\"caption-attachment-20003\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9317.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-20003\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9317-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9317-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9317-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9317-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9317-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9317.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20003\" class=\"wp-caption-text\">Von links: Anne Niezgodka, J\u00fcrgen Bacia, Bernd Dr\u00fccke, Marvin Feldmann &#8211; Foto: Klaus Bl\u00f6dow (Medienforum)<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke: Ihr seid seit vielen Jahren politisch aktiv und betreibt das Archiv f\u00fcr alternatives Schrifttum (afas) als eines der gr\u00f6\u00dften Archive der sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik. Was ist eure Motivation? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">J\u00fcrgen Bacia: Die Motivation war in den 80er Jahren, dass wir gemerkt haben, dass die Neuen Sozialen Bewegungen \u2013 heute sagt man: zivilgesellschaftliche Gruppen, Geschichte von unten \u2013 dass also all diese Basisbewegungen, Gruppen und Initiativen keine Heimat fanden und die Materialien, die dort produziert worden sind, keinen Ort hatten, an dem sie landeten. Die traditionellen Archive haben diese Aufgabe nicht erf\u00fcllen k\u00f6nnen und so sind in den 70er Jahren bei den Frauen und vor allem in den 80er Jahren eine Reihe von unabh\u00e4ngigen Archiven entstanden, zum Teil regional, zum Teil themenbezogen. Wir haben in dem Zusammenhang dann gesagt \u201ewir machen einen Archivschwerpunkt Nordrhein-Westfalen\u201c, aber wichtig ist uns immer gewesen, auch bundesweit alle m\u00f6glichen Dokumente von wichtigen Initiativen und Projekten zu sammeln.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anne Niezgodka: Meine Motivation ist ein bisschen eine andere als die von J\u00fcrgen, weil ich j\u00fcnger bin und zu einem anderen Zeitpunkt zum Projekt bzw. zum Archiv gesto\u00dfen bin. W\u00e4hrend der Arbeitssuche bin ich zuf\u00e4llig darauf aufmerksam gemacht worden, dass im afas eine Mitarbeiterin gesucht wird. Ich habe mich immer f\u00fcr Bewegungen und linke Themen interessiert. Trotzdem kannte ich das Prinzip \u201eFreies Archiv\u201c \u00fcberhaupt nicht und habe erst mit der Zeit durch die Arbeit im afas gemerkt, wie wichtig es ist, dass es so eine Einrichtung gibt, wo Materialien unabh\u00e4ngiger Gruppierungen aufbewahrt werden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Marvin Feldmann: Das afas gibt es schon eine Weile. Im Jahr 2015 habt ihr 30 Jahre Jubil\u00e4um gefeiert. Erz\u00e4hlt uns doch mal etwas \u00fcber die Geschichte. Wie ist das Archiv entstanden? Welche Ver\u00e4nderung gab es in den Jahren? Welches Ziel verfolgt ihr mit eurer Arbeit? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">J\u00fcrgen: Entstanden sind wir, weil es Defizite gab bei den Freien Archiven. Ich selber bin vom Archivwesen angefixt worden, als ich w\u00e4hrend des Studiums in Berlin an der Freien Universit\u00e4t im APO-Archiv der FU gearbeitet habe. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir hatten da eigentlich vor, ein bundesweites Bewegungsarchiv aufzubauen. Das ist aber in universit\u00e4ren Strukturen nicht m\u00f6glich, vor allem nicht \u00fcber Berlin hinaus, da sind die nicht f\u00fcr zust\u00e4ndig. Dann haben wir in dem Zusammenhang gesagt \u201ewir machen es eben selbst\u201c und es sind eine ganze Reihe von Archiven entstanden, die dann in den verschiedenen Bereichen gesammelt haben. Das Gute bei uns war, dass wir schon durch die Arbeit im APO-Archiv und durch eine Kollegin, die das afas mitgegr\u00fcndet hat und Bibliothekarin war, wussten, um was es geht. Das hei\u00dft, wir haben uns relativ viele Gedanken gemacht um eine Struktur, \u201ewie macht man eine Aufstellungssystematik?\u201c und so weiter. Die haben wir jetzt gerade etwas vereinfacht, aber im Prinzip funktioniert sie bis heute. Wir haben anfangs lange \u00fcberlegt, aber es hat sich ausgezahlt. Dann sind wir losgefahren wie die Verr\u00fcckten, haben alle Projekte abgeklappert und gesagt, \u201ewir wollen einen einigerma\u00dfen repr\u00e4sentativen Querschnitt aus dem, was in den ganzen Bewegungen passiert ist, sammeln\u201c. Wie gesagt, erst in Nordrhein-Westfalen, aber als wir bekannter wurden, haben wir dann zunehmend bundesweit wichtige Sachen \u00fcbernommen und bekommen. Das ist wie so ein Puzzlespiel, du f\u00e4hrst irgendwo in ein Asta-B\u00fcro, in ein Antifa-Referat oder zu einem Frauenprojekt, in einen linken Buchladen, in eine Zeitungsredaktion oder in irgendwelche GR\u00dcNEN-B\u00fcros anfangs, die waren ja in den 80er Jahren noch relativ frisch. Und fragst dann: \u201eWas gab\u2018s eigentlich hier? Wo sind die Sachen? Wen gibt es von den Leuten noch? Wo wohnt der? Wie kommt man an den ran?\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">So haben wir angefangen, diese Sammlung aufzubauen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anne: Ich w\u00fcrde sagen, dass sich in den letzten Jahrzehnten auch ver\u00e4ndert hat, dass das afas immer professioneller geworden ist. Wir arbeiten zum Beispiel mit einer Archiv-Software und halten uns an archivarische Standards. Mit den Jahren und Jahrzehnten immer deutlicher wurde au\u00dferdem, dass es eine schlichte Notwendigkeit gibt, dass das afas existiert. Anfangs wurden eher einzelne Projekte angesprochen, Zeitschriftenabos eingefangen, Brosch\u00fcren und Flugbl\u00e4tter gesammelt, und sp\u00e4ter, so ab Ende der 90er Jahre, wurden vermehrt richtig riesige Sammlungen, also Nachl\u00e4sse und Vorl\u00e4sse von verstorbenen Aktivistinnen und Aktivisten, aufgenommen. Oder wenn eine Gruppe beispielsweise aufgeh\u00f6rt hat zu arbeiten, weil das politische Thema nicht mehr so auf der Agenda stand, wurden ganze Organisationsb\u00fcros aufgel\u00f6st. <\/span><span lang=\"de-DE\">Solche hat das afas dann auch \u00fcbernommen. Die Materialarten sind mit der Zeit also auch ganz andere geworden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">J\u00fcrgen: Wir haben anfangs haupts\u00e4chlich Zeitschriften gesammelt, die im selbstorganisierten Bereich publiziert worden sind, Flugbl\u00e4tter nat\u00fcrlich auch, aber dann haben wir irgendwann gemerkt, Plakate sind wichtig, Buttons sind wichtig, Flyer, Sticker, Transparente, soweit man noch drankommen kann \u2013 und nat\u00fcrlich das eigentliche Archivgut, also interne Protokolle von Gruppen, Rundbriefe, Vorstandsunterlagen, Rechenschaftsberichte, Korrespondenzen etc. Dadurch haben wir inzwischen ein breites Spektrum an Materialien. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Marvin: Wer nutzt das afas heute prim\u00e4r? Wer kommt zu euch? Wie ist euer Verh\u00e4ltnis zu sozialen Bewegungen, also: welche Funktion nimmt so ein Archiv f\u00fcr soziale Bewegungen heute ein? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anne: Zun\u00e4chst zu den Nutzungsgruppen: Es sind meistens in unserem Archiv Leute, die in irgendeiner Form an der Uni arbeiten, als Student*in oder Dozent*in oder das Archiv zu anderen wissenschaftlichen Zwecken nutzen. Leute, die z.B. an einer Dissertation schreiben sind manchmal ein, zwei Wochen oder \u00fcbers Jahr verteilt mehrmals da und arbeiten sich richtig in die Materialien ein.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Was tats\u00e4chlich bisher weniger der Fall ist, ist dass politische Gruppierungen selbst das Archiv aufsuchen, um Input zu bekommen f\u00fcr die eigene politische Praxis. Das ist in einigen anderen Freien Archiven anders. <\/span><span lang=\"de-DE\">Allerdings kommen politische Gruppen oder ehemals Aktive oft, um sich das Archiv einfach anzugucken. Aber dass sie die M\u00fche aufwenden, sich hinzusetzen und selber zu recherchieren zu den Themen, die sie interessieren, das passiert selten. Trotzdem sehen wir unsere Funktion auch \u2013 das ist ein gro\u00dfes Wort, aber trotzdem \u2013 als Ged\u00e4chtnis von diesen Bewegungen. Selbst wenn sie dieses Ged\u00e4chtnis selber oft nicht nutzen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">J\u00fcrgen: Bewegungen hei\u00dfen ja Bewegungen, weil sie sich bewegen und weil sie irgendwann nicht mehr das sind, was sie mal waren. Da f\u00e4ngt genau das Problem an: Was passiert denn mit den Sachen, wenn eine B\u00fcrgerinitiative sich aufl\u00f6st, eine Stadtteilgruppe aufh\u00f6rt, ein politisches Projekt aufh\u00f6rt oder ein besetztes Haus kaputtgeht oder aufgegeben wird? Wo landen die Materialien? Da ist es dann wichtig, dass man Orte schafft, die sich darum k\u00fcmmern, solche Materialien zu bewahren. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anne: Es ist nat\u00fcrlich so, dass wir uns als Ged\u00e4chtnisort f\u00fcr die Bewegung sehen, aber auch als Ort f\u00fcr die Forschung. Das afas ist beides. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">J\u00fcrgen: Man sollte vielleicht mal sagen, damit man sich eine Vorstellung machen kann, um was es geht, also in welchem Themenspektrum sich das abspielt. Wir haben Ende der 90er Jahre das komplette Archiv der Anti-Apartheid-Bewegung \u00fcbernommen. Wir sind gerade dabei, oder haben gerade \u00fcbernommen, das Archiv des BBU (Bundesverband B\u00fcrgerinitiativen Umweltschutz), das es seit den 70er Jahren gibt. Wir haben aus einem Keller aus dem Gro\u00dfraum Frankfurt das Archiv der Selbstorganisation der Zivildienstleistenden \u00fcbernommen. So kommen gro\u00dfe Sammlungen zu wichtigen Themen zu uns. Aus der Friedensbewegung haben wir relativ viele Materialien, vom Bundeskongress Entwicklungspolitischer Aktionsgruppen auch. Wir haben viele interessante Frauenmaterialien \u2013 in Bonn hat es z.B. mal eine alternative Presseagentur in Frauenkreisen, die Initiative Frauen-Presse-Agentur, gegeben. Die hat 20 Jahre lang gearbeitet und sie hatten auch aktive Frauen im Bonner Raum. Die haben uns, als sie aufgeh\u00f6rt haben, das komplette Archiv \u00fcberlassen. Inzwischen umfasst unser Bestand rund zwei Regalkilometer \u2013 und das ist einfach ein gro\u00dfer Fundus an Materialien, die eben auch f\u00fcr Leute, die sich ernsthafter und tiefer mit Inhalten besch\u00e4ftigen wollen, interessant sind. Und dann kommen sowohl einzelne Leute, die ihre Dissertation oder ihre Masterarbeit schreiben, aber es kommen auch Wissenschaftler*innen aus dem Institut f\u00fcr Zeitgeschichte, auch aus Br\u00fcssel von der Uni arbeitet zurzeit jemand \u00f6fters bei uns. Das sind ernst zu nehmende Materialien, die wir haben, die f\u00fcr die zeitgeschichtliche Forschung von enormer Bedeutung sind. <\/span><\/p>\n<div style=\"position: relative; padding-top: 0;\"><iframe style=\"position: relative; top: 0; left: 0; width: 560px; height: 410px;\" src=\"https:\/\/www.nrwision.de\/mediathek\/embed\/radio-graswurzelrevolution-archiv-fuer-alternatives-schrifttum-in-duisburg-fairteilbar-in-muenster-190313\/\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/div>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Marvin: Viele politische Gruppen oder Bewegungen nutzen heute vermehrt das Internet, soziale Medien oder Blogs als Output, um Sachen zu ver\u00f6ffentlichen. Hat das Auswirkungen auf die Arbeit als Archiv? Wird weniger Material gesammelt oder eingesendet? Ist das ein Problem f\u00fcr euch, wenn es darum geht, Geschichte zu bewahren?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anne: Ja, das ist f\u00fcr uns ein unangenehmes Thema, weil mit der Digitalisierung alle Archive \u2013 also nicht nur wir Freien Archive \u2013 gro\u00dfe Probleme haben. Du hast angesprochen, dass heute etwa Aktionsaufrufe vornehmlich auf Facebook oder auf irgendwelchen Blogs laufen. Das ist einerseits ein Problem, weil wir als Archiv oft gar nicht so aktuell arbeiten k\u00f6nnen, dass wir das registrieren und direkt abspeichern. Au\u00dferdem kann in Bezug auf die rechtlichen Dimensionen vieles nicht bis ins letzte Detail gekl\u00e4rt werden, etwa ob man die Sachen \u00fcberhaupt abspeichern darf, auch wegen Urheberrechten. Eine andere gro\u00dfe Frage ist, was Archive mit einmal abgespeicherten Dokumenten machen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Nur, weil etwas abgespeichert ist, hei\u00dft es noch nicht, dass die Sachen langzeitarchiviert sind. Da werden auf jeden Fall Zeiten kommen, wo die Leute in die Archive gehen und \u00fcber unsere Zeit Quellen haben m\u00f6chten und dann m\u00f6glicherweise feststellen werden, dass es nur sehr wenige gibt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">J\u00fcrgen: Digitalisierung ist lange als Chance gesehen worden, weil es Platz spart, weil es an allen m\u00f6glichen Rechnern zug\u00e4nglich ist und so weiter. Viele sind anfangs begeistert auf Digitalisierung eingestiegen, inzwischen merkt man aber, dass auch Digitalisierung ihre Folgekosten hat. Bei der Schnelllebigkeit der Software musst du st\u00e4ndig updaten und alle, die sich mit Digitalisierungsarchivierung besch\u00e4ftigen, sind im Prinzip in Geiselhaft der Softwareindustrie. Weil alle paar Jahre, sp\u00e4testens wenn was Neues kommt, m\u00fcssen sie teure Software kaufen. Das ist ein Kostenfaktor, der unter Umst\u00e4nden nicht viel geringer ist als wenn du Papier aufhebst. Und das andere ist: einerseits sollte man digitalisieren, damit die Dokumente leichter zug\u00e4nglich sind, gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass man die Papierdokumente dann trotzdem aufhebt, weil es einen Ort geben muss, wo auch die Originale vorhanden sein sollten. F\u00fcr uns ist es jenseits der Digitalisierung immer noch so, dass wir retrospektiv so viel in dem anderen Bereich fischen, also noch so viele Papierunterlagen unterwegs sind, dass wir da im Grunde genommen fast mit ausgelastet sind. Wir haben allerdings einen ziemlichen Pool von Newslettern elektronischer Art, die wir auch abonniert haben und die wir dann speichern, aber mehr passiert mit denen erstmal noch nicht. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>Marvin: Ihr seid ja bewusst ein Freies Archiv. K\u00f6nnt ihr kurz beschreiben, was das bedeutet? Welche Vorteile ergeben sich dadurch f\u00fcr eure Arbeit?<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anne: Frei hei\u00dft zun\u00e4chst eigentlich nur, dass wir unabh\u00e4ngig arbeiten. Das hei\u00dft, wir sind nicht angegliedert an irgendeine andere Institution oder an eine Universit\u00e4ts-Einrichtung. Basis bei uns ist ein gemeinn\u00fctziger Tr\u00e4gerverein und somit k\u00f6nnen wir selbst dar\u00fcber entscheiden, was wir f\u00fcr ein Sammelprofil haben, wie wir unsere Arbeit strukturieren, was wir aufbewahren. Das hat dann den Vorteil, dass wir relativ selbstbestimmt arbeiten k\u00f6nnen. F\u00fcr andere Freie Archive bedeutet \u201efrei\u201c au\u00dferdem, dass sie das Archiv nur \u00fcber Spenden und unbezahlte Arbeit aufrecht erhalten und keine Gelder von st\u00e4dtischer oder staatlicher Seite in Anspruch nehmen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>Marvin: Ihr habt ja vorhin schon von eurem riesigen Bestand im Archiv in Duisburg erz\u00e4hlt. Gibt es ein Lieblingsfundst\u00fcck, das euch in den letzten Jahren in die H\u00e4nde gefallen ist?<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anne: Ja, das passiert immer wieder, dass ich in den Sammlungen dann Sachen finde, die total spannend sind \u2013 wir haben \u00fcbrigens das Fundst\u00fcck des Monats, das kann man sich immer auf unserer Website angucken. Ich habe eine Lieblingssammlung und das ist der Bestand \u201eGruppe Internationale Marxisten\u201c, den ich vor ein paar Jahren erschlossen habe. Die Sammlung fand ich unheimlich interessant, weil sich das nat\u00fcrlich in einem Zeitraum abspielt, den ich selbst nicht live miterlebt habe. Die \u201eGruppe Internationale Marxisten\u201c, die GIM, hat sich Ende der 60er Jahre gegr\u00fcndet und dann bis 86 gearbeitet. <\/span><span lang=\"de-DE\">In der Sammlung finden sich viele Protokolle, Korrespondenzen, handschriftliche Notizen und so weiter, so dass man richtig einsteigen kann in die Gedankenwelt dieser politisierten jungen Menschen, die ihren ganzen Alltag der Idee einer Revolution gewidmet haben. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">J\u00fcrgen: Die Trotzkisten sind nat\u00fcrlich auch deshalb so interessant, weil sie sich wie keine andere Gruppe endlos aufgespalten haben und du ziemlich viel zu tun hast herauszukriegen, wer gerade wo ist und welche Position er vertritt und wie das weiter geht und wer sich wann mit wem wieder zusammengetan hat. Ich habe in dem Sinne kein Lieblingsfundst\u00fcck, ich habe so viel Zeug zusammengetragen im Laufe der Jahrzehnte, davon ist mir vieles ans Herz gewachsen. Da jetzt eins herauszupicken, das kann ich irgendwie nicht. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>Bernd: Im Jahr 2011 wurde eines der gr\u00f6\u00dften Archive aus den sozialen Bewegungen, das M\u00fcnsteraner Umweltzentrum-Archiv, mit vielen auch anarchistischen Medien, dem afas angegliedert. (3) Was gibt es in euren Best\u00e4nden an Materialien, die den Leser*innen der Graswurzelrevolution und anderen Menschen auf der Suche nach libert\u00e4r-sozialistischer Inspiration besonders gut gefallen k\u00f6nnten?<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anne: Generell gibt es in unseren Zeitschriften- und Brosch\u00fcrenbest\u00e4nden viel \u00fcber Anarchismus und Syndikalismus. Dann haben wir nat\u00fcrlich Zeitschriften wie die Direkte Aktion, den Schwarzer Faden oder \u2013 seit der ersten Nummer 1972 \u2013 die Graswurzelrevolution. Und grunds\u00e4tzlich sind in unseren Best\u00e4nden viele Gruppierungen vertreten, die alternative Lebenskonzepte ausprobiert oder sich im Kleinen wie im Gro\u00dfen f\u00fcr eine \u201eandere\u201c und bessere Welt eingesetzt haben, sei es aus feministischer, sozialistischer oder antikapitalistischer Motivation heraus. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">J\u00fcrgen: Die vielen kleinen Bl\u00e4tter der Sponti- und Alternativbewegung der 1970er und fr\u00fchen 1980er Jahre. Wer kennt heute eigentlich noch Zeitschriften wie Hundert Blumen, Bambule, Befreiung, Schwarze Protokolle, Der lange Marsch, Wir wollen alles, Autonomie, Carlo Sponti, Das Ruhrgebiets-Info, Das Projektil, Unfassba, trafik, den Schwarzen Gockler oder agitare bene? In unserem Zeitschriftenkatalog, der auf unserer Homepage auch online zug\u00e4nglich ist, finden sich Dutzende solcher Bl\u00e4tter. Manche sind nur ein paarmal erschienen, andere \u00fcber viele Jahre. Man findet darin sicherlich viele Ideen und Versuche, die auch heute noch interessant sind, aber auch Konzepte und Vorstellungen, an denen man mit etwas zeitlichem Abstand durchaus seine Zweifel haben kann. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>Bernd: Das afas hat in letzter Zeit f\u00fcr Aufsehen gesorgt. In der Graswurzelrevolution wurde dar\u00fcber berichtet (4), aber auch im WDR, im Deutschlandfunk und in \u00fcberregionalen Zeitungen. Der Grund war die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen, also CDU und FDP, die dem afas praktisch die Gelder streichen wollte. Was hat sich da jetzt getan? Wie hat sich das weiter entwickelt?<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">J\u00fcrgen: Wir waren selbst erschrocken und \u00fcberrascht, dass das passiert ist, weil wir nach vielen Jahren der Bem\u00fchungen und Auseinandersetzungen geglaubt haben, an einem Punkt zu sein, dass die Landesregierung auch \u00fcber die einzelnen Parteien hinaus, also der Landtag insgesamt, bereit ist, ein Archiv wie unseres zu f\u00f6rdern, weil wir eine wichtige L\u00fccke in der deutschen Archivlandschaft schlie\u00dfen. In vielen gemeinsamen Gespr\u00e4chen ist beschlossen worden, dass wir umziehen. Wir haben sch\u00f6ne R\u00e4umlichkeiten in der Duisburger Innenstadt gefunden, mit gro\u00dfen Rollregalen, und waren gl\u00fccklich. Auch die CDU\/FDP-Landesregierung hat den Haushalt im vorigen Jahr, also 2018, durchgewunken und wir waren deshalb v\u00f6llig \u00fcberrascht, dass es offensichtlich Kreise in den beiden Regierungsparteien gibt, die nicht genau wissen, wer wir sind oder was wir machen und die das Bed\u00fcrfnis hatten, uns den Geldhahn zuzudrehen, ohne mit dem zust\u00e4ndigen Ministerium, dem Kulturausschuss des Landtags oder mit uns zu sprechen. Jedenfalls gibt es diesen Beschluss, uns die Mittel zu streichen. Das hat dann viel \u00f6ffentliches Aufsehen erregt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In dieser bedrohlichen Situation war es wichtig, dass wir sehr gut vernetzt sind und dass wir auch im traditionellen Archivwesen viel Unterst\u00fctzung haben. Es hat einen offenen Brief des Verbands deutscher Archivarinnen und Archivare an alle Landtagspolitiker*innen gegeben, der auch von ziemlich viel Prominenz unterschrieben worden ist, unter anderem vom Pr\u00e4sidenten des Bundesarchivs und vom Pr\u00e4sidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, der Historiker ist und uns seit vielen Jahren kennt. Wir hoffen, dass die Politik nochmal bereit ist, sich genauer anzugucken, was wir f\u00fcr ein Laden sind, um zu sehen, dass so ein Beschluss im Prinzip kontraproduktiv ist.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bernd: Welche Perspektive Freier Archive seht ihr? Wie ist das afas da aufgestellt? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">J\u00fcrgen: Es gibt zwei gro\u00dfe Netze von Freien Archiven. Das eine ist der i.d.a-Dachverband der Frauen- und Lesbenarchive und das andere ist der Workshop der Archive von unten, wo auch Frauenarchive mitarbeiten. Die treffen sich einmal j\u00e4hrlich, machen einen Erfahrungsaustausch und klagen sich untereinander auch ein bisschen ihr Leid. <\/span><span lang=\"de-DE\">Es gibt immer wieder Situationen, wo Archive nicht mehr weiterk\u00f6nnen und aufh\u00f6ren m\u00fcssen. Dann muss diskutiert werden, was landet wo und wie geht man damit um. Daf\u00fcr gibt es diese beiden Kreise. Wir gehen davon aus, dass Bewegungen immer Archive hervorbringen werden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wir gehen genauso davon aus, dass diese Archive irgendwann auch vor der grunds\u00e4tzlichen Frage stehen \u201emachen wir weiter oder gliedern wir uns irgendwo an?\u201c. Es gibt rund f\u00fcnfzehn gro\u00dfe Freie Archive in der Bundesrepublik. Eines davon ist das afas. Diese gr\u00f6\u00dferen Archive haben, glaube ich, auch l\u00e4ngerfristig eine Perspektive. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bei den anderen muss man sehen, auch von den kleineren gibt es welche, die schon 20, 25 Jahre existieren. Es ist einfach wichtig, dass es Freie Archive gibt, weil die traditionellen Archive zumeist keinen Zugang zu bestimmten Milieus und Bewegungen haben und weil in ihrem Sammelauftrag oft gar nicht drinsteht, dass sie sich um diese Materialien k\u00fcmmern m\u00fcssen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Marvin und Bernd: Wir danken euch f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke: Ihr seid seit vielen Jahren politisch aktiv und betreibt das Archiv f\u00fcr alternatives Schrifttum (afas) als eines der gr\u00f6\u00dften Archive der sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik. Was ist eure Motivation? 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