{"id":19907,"date":"2019-04-02T23:58:14","date_gmt":"2019-04-02T21:58:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19907"},"modified":"2019-05-06T23:14:33","modified_gmt":"2019-05-06T21:14:33","slug":"das-vaterland-der-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/04\/das-vaterland-der-anarchie\/","title":{"rendered":"Das Vaterland der Anarchie?"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Rolle der anarchistischen Organisationen hat dabei viele Beobachterinnen und Beobachter, die mit den Verh\u00e4ltnissen auf der Iberischen Halbinsel schlecht vertraut sind, \u00fcberrascht: Wie kann es sein, dass die in Madrid ans\u00e4ssige anarchistische Wissenschaftsstiftung Fundaci\u00f3n de Estudios Libertarios Anselmo Lorenzo (FAL) [\u201aStiftung f\u00fcr Anarchismusstudien Anselmo Lorenzo\u2018] B\u00fccher mit solch am\u00fcsanten Titeln wie \u201eNo le deseo un estado a nadie\u201c [\u201aIch w\u00fcnsche niemandem einen Staat\u2018] ver\u00f6ffentlicht, ganz so, als handele es sich bei einem Staat um eine ansteckende Krankheit, w\u00e4hrend auf separatistischen Gro\u00dfdemos in Barcelona schwarze und schwarz-rote Fahnen neben katalanischen Nationalfahnen zu sehen waren?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ist die anarchistische Bewegung Spaniens etwa nicht anti-nationalistisch? Oder k\u00f6nnte es sein, dass das Verh\u00e4ltnis von Nationalismus und Anarchismus (keineswegs nur) in Spanien komplexer, widerspruchsvoller und konfliktreicher ist, als es viele hierzulande anzunehmen bereit sind? Der sogenannte National-Anarchismus ist f\u00fcr die meisten anarchistischen Genossinnen und Genossen noch immer ein Widerspruch in sich. Tats\u00e4chlich hat aber die affirmative Vereinigung von Anarchismus und Nationalismus in Spanien eine lange und durchaus lebendige Tradition. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dieser Artikel soll einen naturgem\u00e4\u00df unvollst\u00e4ndigen \u00dcberblick \u00fcber die verschiedenen nationalanarchistischen Str\u00f6mungen und Personen und ihren Einfluss auf die anarchistische Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Spanischen B\u00fcrgerkriegs (1936-1939) bieten. Es wird sich dabei zeigen, dass interessanterweise sowohl separatistische als auch zentralspanische Nationalismen innerhalb der anarchistischen Bewegung nachzuweisen sind.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Nationalanarchismus: Ideologische Grundlagen<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Denn nationalistische Ideen und Utopien waren nicht blo\u00df von Au\u00dfen, als \u201aideologischer Fremdk\u00f6rper\u2018, in das kulturelle Spektrum der Anarchisten eingedrungen. Sie hatten dort seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bereits eine feste Heimstatt. \u201e[&#8230;] der nationalistische Anarchismus ist keine neue Erfindung\u201c, schrieb 1905 der katalanische Anarchist Salvador Gibert in einem Kommentar f\u00fcr die einflussreiche anarchistische Kulturzeitschrift La Revista Blanca [\u201aDie wei\u00dfe Zeitschrift\u2018], \u201eEs hat ihn immer gegeben. Allerdings ohne klare Konturen, ohne pr\u00e4zises Denkgeb\u00e4ude\u201c. Der entschiedenen Ablehnung von Nation und Nationalismus stand in Spanien fr\u00fch die Position zun\u00e4chst noch minorit\u00e4rer Gruppen und Intellektueller innerhalb der anarchistischen Bewegung gegen\u00fcber, die eine strikte Trennung von Nationalismus und Anarchismus nicht guthie\u00dfen oder ihren politischen Nutzen bezweifelten. Berufen konnten sie sich nicht zuletzt auf einige Klassiker der anarchistischen Theoriebildung, in denen neben einer grunds\u00e4tzlichen Verurteilung des l\u00fcgenhaften, b\u00fcrgerlichen Nationalismus oft (implizit wie explizit) die M\u00f6glichkeit eines alternativen, emanzipatorischen Nationalgef\u00fchls angedeutet wurde. Michail Bakunin etwa, der 1869 versucht hatte, in einer Reihe von Briefen an die Internationale Arbeiterassoziation von Locle und La Chaux-de-Fonds sein Verst\u00e4ndnis von Nationalismus und Patriotismus zu erl\u00e4utern, definierte letzteren zwar einerseits (in seiner \u201enat\u00fcrlichen\u201c Erscheinungsform) als primitive, im Grunde tierische Regung des Menschen, die die Herrschenden sich im Laufe der Geschichte zunutze gemacht h\u00e4tten. Er kam aber andererseits nicht umhin, zuzugestehen: \u201eIn der Tat ist der Patriotismus ein ganz nat\u00fcrliches Gef\u00fchl, wenn er erzeugt ist durch das wirkliche solidarische Leben einer Gemeinschaft [\u2026].\u201c Dar\u00fcber hinaus etablierte Bakunin mit seinem Insistieren, die Anh\u00e4nglichkeit an das eigene Territorium und die Kultur der eigenen Gemeinschaft sei im Grunde ein \u00dcberbleibsel aus vorzivilisierten Zeiten, diese als eine Art \u201aNaturgesetz\u2018, gegen das anzugehen wenig sinnvoll sei: \u201eMan darf [&#8230;] nicht glauben, dass ich der Gewohnheit, von der sich die Gesellschaft und die Menschheit beherrschen lassen, den Krieg erkl\u00e4ren will. Auch hier mu\u00df man [&#8230;] schicksalsbestimmend einem Naturgesetz gehorchen, und es w\u00e4re unsinnig, sich gegen die Naturgesetze zu emp\u00f6ren\u201c. Stattdessen m\u00fcsse das Ziel der Arbeiterbewegung sein, das urw\u00fcchsige, patriotische Empfinden der Menschen zu \u201el\u00e4utern\u201c, um es einem produktiven, oder, wie Bakunin sich ausdr\u00fcckt, \u201eguten\u201c &#8211; Nutzen zuzuf\u00fchren. Dass man es g\u00e4nzlich ausl\u00f6schen k\u00f6nne, hielt Bakunin f\u00fcr unm\u00f6glich. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auch Pjotr Kropotkin verwandte Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts den Begriff Nation gelegentlich durchaus positiv, als Synonym f\u00fcr ein weitgehend interessengleiches, funktionierendes Sozialgef\u00fcge. Der sentimentale Essentialismus der Anarchistinnen und Anarchisten, ihre \u00dcberzeugung also, dass es vor allem die Regung des Herzens sei, die alle Menschen verbinde, vertrug sich durchaus mit einer Legitimation des Patriotismus als eines Gef\u00fchls, einer Liebe zum Land der Geburt, ganz so, wie es der einflussreiche katalanische Anarchosyndikalist und sp\u00e4tere Arbeitsminister Joan Peir\u00f3 1938 formulierte: \u201eMan f\u00fchlt es oder man f\u00fchlt es nicht. Und wir Anarchisten haben es immer gef\u00fchlt. [&#8230;]. Die Liebe zum Vaterland, dem Land, das uns zur Welt kommen sah, vertr\u00e4gt sich gut mit den Prinzipien des Internationalismus.\u201c Und Anselmo Lorenzo schlie\u00dflich, der \u201aGro\u00dfvater des Spanischen Anarchismus\u2018, hatte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine idyllische, literarische Ausgestaltung seiner postrevolution\u00e4ren Gesellschaftsutopie nicht zuf\u00e4llig unter dem Titel \u201eMi patria\u201c [\u201aMein Vaterland\u2018] ver\u00f6ffentlicht.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Katalanischer Nationalanarchismus: Die Gruppe Progr\u00e9s Autonomista<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eine neue Dynamik erlangten philonationalistische Str\u00f6mungen innerhalb der anarchistischen Bewegung Spaniens mit dem Erstarken der sogenannten peripheren Nationalismen \u2013 peripher nicht etwa, weil sie von geringerem Interesse gewesen w\u00e4ren, sondern weil ihre Territorien am Rande, der Peripherie, der Iberischen Halbinsel lagen (und liegen): im Baskenland, in Galizien und in Katalonien.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gab es in Barcelona anarchistische Gruppen, die den katalanischen Nationalismus nach der Krise von 1898 mit dem Verlust der letzten spanischen Kolonien in \u00dcbersee als M\u00f6glichkeit sahen, den Zentralstaat weiter zu schw\u00e4chen und durch eine m\u00f6gliche Abl\u00f6sung Kataloniens von Spanien letztlich ihrem Traum von einer grenzenlos f\u00f6derierten Menschheit n\u00e4her zu kommen. Ihrer Erwartung nach w\u00fcrde sich aus einer anarchistischen Unterst\u00fctzung des katalanischen Nationalismus eine St\u00e4rkung des Regionalismus ergeben, die mit anarchistischen Vorstellungen durchaus kompatibel sei: Bedeutete dieser doch nichts anderes als die Umsetzung der alten f\u00f6deralistischen Ideen Proudhons. Ein B\u00fcndnis mit dem Katalanismus w\u00fcrde also, so die Argumentation, den Zentralstaat sch\u00e4digen, anarchistische Organisationsprinzipien st\u00e4rken und damit in letzter Konsequenz der Verwirklichung der universalistischen Utopie der Anarchistinnen und Anarchisten zuarbeiten. Die paradoxe Formel, die dieser Argumentation zugrunde lag, lautete: Nationalismus = Regionalismus = Universalismus. Die Gruppe Progr\u00e9s Autonomista [\u201aAutonomistischer Fortschritt\u2018], die f\u00fcr sich 1905 in Anspruch nahm, erstmals den Nationalanarchismus auf eine ideologische und organisatorische Basis gestellt zu haben, berief sich, streng bakunistisch, auf die \u201epatria natural\u201c [\u201adas nat\u00fcrliche Vaterland\u2018], aus der die \u201epatria universal\u201c [\u201adas universale Vaterland\u2018] erwachsen werde. Gleichzeitig wollte die Gruppe freilich nicht mit b\u00fcrgerlichen Katalanisten verwechselt werden: \u201eDie Gefahr, mit ihnen verwechselt zu werden, hat uns National-Anarchisten zur Gr\u00fcndung unserer Gruppe Progr\u00e9s Autonomista bewegt, die heute in Barcelona einzigartig ist [&#8230;]. Wir nehmen das Prinzip der regionalen Autonomie zur Grundlage, um die vollst\u00e4ndige Unabh\u00e4ngigkeit des Individuums zu erreichen. Unserer Gruppe geh\u00f6ren alle an, die die Liebe zum nat\u00fcrlichen Vaterland noch nicht vergessen haben und gleichzeitig die Geburt eines universalen Vaterlandes anstreben, das sich aus der Gesamtheit ebensolcher autonomer Regionen auf der ganzen Welt zusammensetzen wird.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Redaktion von La Revista Blanca, in der das Manifest von Progr\u00e9s Autonomista erstmals erschien, nutzte zwar die Gelegenheit, um sich vom katalanistischen Anarchismus zu distanzieren, ohne sich allerdings zu einer regelrechten Verdammung desselben aufzuwerfen. Stattdessen berief sie sich \u2013 durchaus zu recht \u2013 auf das basisdemokratische Diskussionsverst\u00e4ndnis ihrer Zeitschrift und behandelte den Nationalanarchismus eher als Verirrung denn als Verrat an anarchistischen Ideen: \u201eIn einigen unserer vorherigen Nummern haben wir dem nationalistischen Anarchismus, wie er in Barcelona aufgekommen ist, einigen Raum gew\u00e4hrt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nun haben wir den folgenden Artikel erhalten [&#8230;] Dies gibt uns die M\u00f6glichkeit, zu verdeutlichen, dass s\u00e4mtliche anarchistischen Str\u00f6mungen, wenn sie ehrlich empfunden sind, in unseren Spalten ihren Platz finden k\u00f6nnen.\u201c Die Diskussion \u00fcber Katalanismus, Nationalismus und Anarchismus hielt in der Revista Blanca bis in die drei\u00dfiger Jahre hinein an. Auch literarisch hinterlie\u00df sie Spuren. In einem Drama des anarchistisches Theatermannes Felip Cortiella mit dem Titel \u201eLa brava joventut\u201c [\u201aDie wilde Jugend\u2018] beispielsweise sieht eine der Figuren, Miret, den (katalanischen) Nationalismus als durchaus mit dem Anarchismus vereinbar an: In einem Streitgespr\u00e4ch erwidert er auf die Frage seines Gespr\u00e4chspartners G\u00f3mez:\u201e[G\u00f3mez:] \u00bfUnd wie, bitte sch\u00f6n, bei ihrer Anh\u00e4nglichkeit an die regionale Sprache [Katalanisch, Anm. MB], k\u00f6nnen sie sich weiter Internationalist und Parteig\u00e4nger des universalen Vaterlandes nennen? Miret: Es ist keineswegs so, dass der Internationalismus die Nationen ausschlie\u00dft oder negiert. Im Gegenteil, er akzeptiert sie und erkennt sie alle an\u201c. <\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zentralspanischer Nationalanarchismus: Salvador C\u00e1novas Cervantes, La Tierra und Solidaridad Obrera w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Waren Organisation wie Progr\u00e9s Autonomista innerhalb des spanischen Anarchismus zun\u00e4chst sicherlich eine Randerscheinung, so verschoben sich die ideologischen Hegemonie(n) mit dem Ausbruch des B\u00fcrgerkriegs 1936 massiv zugunsten des libert\u00e4ren Philonationalismus. Man kann jedoch nicht im eigentlichen Sinne sagen, dass die Hegemonien ver\u00e4ndert wurden, selbst wenn sich einzelne Akteure benennen lassen, die an dieser Ver\u00e4nderung Anteil hatten. Die Hegemonien ver\u00e4nderten sich ebenso sehr, wie sie ver\u00e4ndert wurden. Die komplexe Situation des B\u00fcrgerkriegs schuf aus einer Reihe von miteinander zusammenh\u00e4ngenden und sich gegenseitig bedingenden Gr\u00fcnden neue Notwendigkeiten und Empf\u00e4nglichkeiten f\u00fcr eine nationalistische Spanienutopie und lie\u00df Positionen, die innerhalb der libert\u00e4ren Bewegung schon fr\u00fcher vertreten worden waren, wieder hervortreten. Sie mussten nicht neu erfunden werden. Nicht Einzelpersonen ver\u00e4nderten die ideologischen Hegemonie(n), sondern ver\u00e4nderte Hegemonie(n) erm\u00f6glichten es Einzelpersonen, innerhalb der anarchistischen Bewegung an Einfluss zu gewinnen und nun ihrerseits in ihrer literarischen oder publizistischen Praxis den Wandel der nationalistischen Hegemonie(n) zu beschleunigen. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist Salvador C\u00e1novas Cervantes. Als examinierter Jurist hatte C\u00e1novas sein journalistisches Handwerk bei der mauristischen Zeitung La Tribuna erlernt, die er jedoch bald verlie\u00df, um sich der liberalen Partei anzuschlie\u00dfen. 1916 zog er als deren Abgeordneter ins Parlament ein. Nach einer Phase politischer Radikalisierung finanzierte und leitete C\u00e1novas Cervantes ab 1930 die Zeitschrift La Tierra [\u201aDie Erde\u2018], in der sich anarchistische Schriftsteller wie Eduardo de Guzm\u00e1n und Jos\u00e9 Garc\u00eda Pradas die publizistischen Sporen verdienten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auch der eminent produktive und einflussreiche anarchistische B\u00fcrgerkriegsdichter Antonio Agraz ver\u00f6ffentlichte dort 1931 unter dem Pseudonym Gerineldo regelm\u00e4\u00dfig Gedichte. La Tierra wurde zum wichtigsten, wiewohl (noch) minorit\u00e4ren Forum des Nationalanarchismus in Spanien. Eines Nationalanarchismus mit ungut h\u00f6rbarem rassistischen Zungenschlag, \u00fcbrigens. \u201eSalvador C\u00e1novas Cervantes\u201c, schreibt der Historiker Xos\u00e9 Manoel Nu\u00f1ez Seixas \u201ewar davon \u00fcberzeugt [&#8230;] dass nur die libert\u00e4re Ideologie wahrhaft der spanischen Rasse entspreche und dass die CNT als einzige Organisation den urt\u00fcmlichen revolution\u00e4ren Geist des spanischen Volkes repr\u00e4sentiere\u201c.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_20013\" aria-describedby=\"caption-attachment-20013\" style=\"width: 455px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/DLM1h5tWAAEeQYz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-20013\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/DLM1h5tWAAEeQYz-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"455\" height=\"341\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/DLM1h5tWAAEeQYz-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/DLM1h5tWAAEeQYz-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/DLM1h5tWAAEeQYz-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/DLM1h5tWAAEeQYz-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/DLM1h5tWAAEeQYz.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 455px) 100vw, 455px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20013\" class=\"wp-caption-text\">Gemeinsame Demo von AnarchosyndikalistInnen und katalanischen SeparatistInnen gegen die Repression des Spanischen Staates, Barcelona 2017. Foto: CNT Barcelona<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In der Pravda vom 3. Februar 1937 wurde die (freilich immer streng antikommunistische) La Tierra sogar als \u201efaschistisch\u201c diffamiert. 1933 kam es zum Bruch mit der CNT: C\u00e1novas Cervantes war, gemeinsam mit praktisch der gesamten Redaktion von La Tierra, f\u00fcr die Kleinstpartei Partido Social Ib\u00e9rico (PSI) [\u201aIberische Sozialistische Partei\u2018] in Sevilla zu parlamentarischen Wahlen angetreten. Er versuchte zwar, sich in seiner Zeitung zu rechtfertigen, aber ohne Erfolg. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im Sommer 1936 dann, unmittelbar nach dem Ausbruch des Spanischen B\u00fcrgerkriegs, wurde ausgerechnet C\u00e1novas Cervantes, der Ausgesto\u00dfene und Verfehmte, pl\u00f6tzlich leitender Redakteur der anarchosyndikalistischen Tageszeitung Solidaridad Obrera [\u201aArbeitersolidarit\u00e4t\u2018], und damit des wohl einflussreichsten Forums f\u00fcr jeden politischen Meinungsbildungsprozess innerhalb der anarchistischen Bewegung. Hier ver\u00f6ffentlichte er von November 1936 bis Februar 1937 eine Serie von historisch-politischen Artikeln, die noch w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs als Buch herausgebracht wurden und in denen er wesentliche Aspekte seiner neonationalistischen Theorie aktualisierte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der letzte dieser Artikel liest sich fast wie eine Zusammenfassung von C\u00e1novas Cervantes\u2018 nationalanarchistischer Weltsicht, nun freilich ausschlie\u00dflich bezogen auf den nationalen Ruhm Zentralspaniens und mit deutlich anti-katalanistischen Untert\u00f6nen. Den fortschreitenden Niedergang Spaniens und das Scheitern der herrschenden Eliten erkl\u00e4rt C\u00e1novas wesentlich damit, dass diese den Kontakt zur \u201eNatur der Nation\u201c verloren h\u00e4tten: \u201eDie herrschenden Klassen Spaniens waren v\u00f6llig denaturiert.\u201c Die Bourgeoisie, die sich 1936 den putschenden Milit\u00e4rs und der sie unterst\u00fctzenden Kirche angeschlossen habe, sei dieselbe, die schon 1808 das Land an die franz\u00f6sischen Invasoren verkauft habe: \u201e1808 verkaufte die Bourgeoisie Spanien an Napoleon. Die heutige Bourgeoisie, Abk\u00f6mmling dieser Bastarde, kriecherischen Absolutisten und B\u00fcttel Fernandos VII., die sich nun zu Faschisten gemausert haben, hat ein weiteres Mal die spanische Scholle \u00f6ffentlich versteigert.\u201c Konsequenterweise spricht C\u00e1novas Cervantes der faschistischen Bewegung jegliche nationalistische Gesinnung ab. Gegen diese Unspanier und vendepatrias [\u201aVaterlandsverr\u00e4ter\u2018] steht f\u00fcr ihn das pueblo [\u201aVolk\u2018] als einzig legitimer Tr\u00e4ger des nationalen Erbes: \u201eDie Revolution in Spanien bedeutet Wucht, machtvolles Aufschie\u00dfen der Rasse, das Erwachen der Iberischen Gemeinschaft, deren Zivilisation ein weiteres Mal der Sache der Menschheit wertvolle Dienste leisten wird. Die Revolution ist das Werk der Natur, und gegen die Natur kann keine menschliche Kraft der Erde k\u00e4mpfen.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die welthistorische Aufgabe, die das spanische pueblo, das seine ungebrochene Lebensf\u00e4higkeit im Akt der Revolution beweist, zu bew\u00e4ltigen habe \u2013 seine \u201emisi\u00f3n civilizadora\u201c [\u201azivilisatorische Mission\u2018], wie es w\u00f6rtlich hei\u00dft \u2013 leitet C\u00e1novas Cervantes ein weiteres Mal aus der spanischen Geschichte ab. Vorbild und zugleich legitimierende Referenz ist die Conquista, also die [R\u00fcck]Eroberung Spaniens von den Muslimen im Mittelalter. Noch \u00fcberraschender, wird auch die blutige Eroberung Lateinamerikas zu einer wahren Gro\u00dftat freiheitlichen Spaniertums umgedeutet. Sogar die faschistische Forderung nach einem \u201enuevo imperio\u201c [\u201aNeuen Imperium\u2018] wird, anarchistisch gewendet, als positive Zukunftsvision \u00fcbernommen: \u201eEin Volk, das solch heroische Leistungen vollbracht hat wie das unsrige, das sich ins Buch der Geschichte mit der Entdeckung und Kolonisation Amerikas eingeschrieben hat, wo es 20 gro\u00dfe zuk\u00fcnftige Nationen zur\u00fccklies, wo die iberische Kultur aufs sch\u00f6nste bl\u00fcht, als Faustpfand f\u00fcr die Zukunft der Menschheit, muss eine der urt\u00fcmlichsten Revolutionen aller Zeiten zu Ende f\u00fchren, die nach allen vier Himmelsrichtungen das Siegel wahren Spaniertums tragen und sich angewidert von allem Fremden abwenden wird. [&#8230;] In der Zukunft werden wir gemeinsam mit unseren amerikanischen Br\u00fcdern ein neues Imperium aufbauen, dessen Geist niemand mehr zu f\u00fcrchten haben wird. Die Iberische Zivilisation, um die sich die gro\u00dfe iberoamerikanische Gemeinschaft scharen wird, wird zur gro\u00dfen Besch\u00fctzerin aller freien V\u00f6lker werden und zur Verteidigerin s\u00e4mtlicher Errungenschaften der Menschheit.\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Man hat Zweifel, ob ein Propagandist Francisco Francos es \u201esch\u00f6ner\u201c h\u00e4tte formulieren k\u00f6nnen. Es sei noch einmal ins Ged\u00e4chtnis gerufen: Dieser und \u00e4hnliche Texte erschienen in der meistgelesen und einflussreichsten anarchistischen Zeitung Spaniens! C\u00e1novas Cervantes\u2018 nationalanarchistischen Positionen, die Anfang der drei\u00dfiger Jahre noch relativ isoliert geblieben waren, waren mit dem Beginn des B\u00fcrgerkriegs innerhalb des kulturellen Spektrums der Anarchistinnen und Anarchisten offenbar akzeptabel geworden. Sie waren gewisserma\u00dfen ideologischer Mainstream. <\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Kritik am Nationalanarchismus: Alexander Schapiro<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es \u00fcberrascht angesichts solcher Umst\u00e4nde wenig, dass der sch\u00e4rfste Kritiker des Nationalanarchismus, wie er sich w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs in der Solidaridad Obrera manifestierte, nicht aus Spanien kam: Alexander Schapiro, ein russisch-st\u00e4mmiger Anarchosyndikalist, war f\u00fchrendes Mitglied der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) und lebte w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkriegs im franz\u00f6sischen Exil. 1937 ver\u00f6ffentlichte er dort einen Artikel mit dem Titel: \u201eNationalanarchismus?\u201c in Reaktion auf ein unsigniertes Editorial der Solidaridad Obrera, das gut von Salvador C\u00e1novas Cervantes gewesen sein k\u00f6nnte. Inhaltlich entspricht es im Wesentlichen den weiter oben bereits zitierten Positionen. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass die spanischen Genossinnen und Genossen sich Schapiros harte und wortgewaltige, aber fundierte Kritik zu Herzen genommen h\u00e4tten: Die f\u00fcr die Sichtung der Auslandspresse zust\u00e4ndigen Stellen der nationalen Spitze der CNT in Madrid archivierten Schapiros Artikel in einer Kladde mit der Aufschrift: \u201eSchm\u00e4hreden gegen unsere Bewegung\u201c. Der junge Anarchismusforscher Danny Evans, ein aufsteigender Stern am Himmel der internationalen Anarchismusforschung, hat ihn dort (wieder)entdeckt, vom Franz\u00f6sischen ins Englische \u00fcbertragen und online zug\u00e4nglich gemacht. Es lohnt, aus Schapiros Text umfassender zu zitieren. Nachdem er den Inhalt und die ideologische Grundorientierung des Nationalanarchismus korrekt skizziert hat, f\u00e4llt er klare Urteile: \u201eRassismus ist der niedrigste Aspekt des Faschismus: Kann es sein, dass er zur Basis der neuen Hauspolitik der CNT geworden ist? [&#8230;] Einerseits rassistisch zu argumentieren und andererseits alles \u201aFremde\u2018 zu schm\u00e4hen sind zwei simultane und komplement\u00e4re Ph\u00e4nomene, die eine, um ein Geringes zu sagen, anti-revolution\u00e4re Gesinnung offenbaren. Wo die \u201aSoli\u2018 [Solidaridad Obrera, Anm. MB] aber endg\u00fcltig den Kurs verliert, ist, wenn sie erkl\u00e4rt, Spanien solle zum \u201aFrieden und Fortschritt in Europa\u2018 beitragen. [&#8230;] Die Haltung der Spanischen Genossen, wie sie sich im Editorial der \u201aSoli\u2018 offenbart, legt nahe, dass die soziale Revolution durch eine nationale Revolution ersetzt werden soll, die nichts weiter sein kann als eine formale politische Geste, revolution\u00e4r nur noch dem Namen nach. [&#8230;] H\u00fctet euch vor dem Chauvinismus! Er ist lebendig in jedem Menschen und jeder Bewegung, die es nicht geschafft hat, sich von den Folgen einer jahrhundertelangen systematischen und methodischen Vergiftung zu befreien. [&#8230;] Das Sprachrohr der CNT erweist sich seiner Aufgabe als unw\u00fcrdig. Seine Stimme ist zu einem schrillen Falsetto geworden. Es sollte mit Ohrenst\u00f6pseln ausgeliefert werden.\u201c Es entgeht Schapiro dabei keineswegs, dass die l\u00e4rmende, rassistische Verherrlichung alles Spanischen bei gleichzeitiger Schm\u00e4hung alles \u201aFremden\u2018 vor allem ein Versuch der Redaktion der \u201aSoli\u2018 war, die spanischen Kommunisten zu delegitimieren, deren Gesinnung als \u201aunspanischer Import\u2018 dargestellt werden sollte. K\u00fchl kontert Schapiro, dass es in Spanien jahrzehntelang auch \u00fcber den Anarchosyndikalismus gehei\u00dfen habe, er sei in einem \u201eBierfass\u201c \u00fcber die Pyren\u00e4en gekommen (weil ihn in erster Linie deutsche Arbeiter mitgebracht h\u00e4tten). Es half nichts: Seine Kritik verhallte weitgehend ungeh\u00f6rt.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Schlussbetrachtung<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es mag schwer vorstellbar sein, aber beide Positionen \u2013 katalanischer und zentralspanischer Nationalanarchismus \u2013 sind in Spanien gegenw\u00e4rtig geblieben. Mal in kaum ver\u00e4ndert radikaler Form, mal eher in einer latenten Gegenw\u00e4rtigkeit, so dass man den libert\u00e4ren Internationalismus zwar auf der Zunge, die Liebe zur heimatlichen Region oder Nation aber im Herzen tr\u00e4gt. Das Verh\u00e4ltnis von Anarchismus und Nationalismus verdeutlich auf anschauliche Weise, dass das laute Bekenntnis zu einer politischen Weltsicht f\u00fcr sich genommen nur selten gen\u00fcgt, um andere, stille, zum Teil weit \u00e4ltere und tiefere kulturelle Pr\u00e4gungen aus dem geistigen Organismus zu sch\u00fctteln. Aber auch der Glaube der spanischen Anarchisten, dass es gen\u00fcge, auf den blutigen H\u00fcgel des europ\u00e4ischen Nationalismus einfach eine schwarze Fahne zu stecken, hat sich als falsch erwiesen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die \u201alibert\u00e4re Nation\u2018, die die Nationalanarchisten propagierten, unterschied sich, was ihre Mythen, Symbole und Erz\u00e4hlungen, ihre grunds\u00e4tzliche Strukturierung und ihre repressiven Z\u00fcge angeht, kaum von jener, auf die die autorit\u00e4re und faschistische Rechte des Landes sich berief. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der nationalanarchistischen Tradition hat in der anarchistischen Bewegung Spaniens gleichwohl bis heute nicht stattgefunden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">All dies sollten ausl\u00e4ndische Betrachterinnen und Betrachter gegenw\u00e4rtig halten, wenn wieder einmal schwarze oder schwarz-rote Fahnen auf nationalistischen Demonstrationen zu sehen sind.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Martin Baxmeyer<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rolle der anarchistischen Organisationen hat dabei viele Beobachterinnen und Beobachter, die mit den Verh\u00e4ltnissen auf der Iberischen Halbinsel schlecht vertraut sind, \u00fcberrascht: Wie kann es sein, dass die in Madrid ans\u00e4ssige anarchistische Wissenschaftsstiftung Fundaci\u00f3n de Estudios Libertarios Anselmo Lorenzo (FAL) [\u201aStiftung f\u00fcr Anarchismusstudien Anselmo Lorenzo\u2018] B\u00fccher mit solch am\u00fcsanten Titeln wie \u201eNo le deseo &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/04\/das-vaterland-der-anarchie\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":20009,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Das Vaterland der Anarchie? - graswurzelrevolution","description":"Die Rolle der anarchistischen Organisationen hat dabei viele Beobachterinnen und Beobachter, die mit den Verh\u00e4ltnissen auf der Iberischen Halbinsel schlecht ver"},"footnotes":""},"categories":[1043,1042,1027],"tags":[],"class_list":["post-19907","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-438-april-2019","category-ohne-chef-und-staat","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19907","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19907"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19907\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20009"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19907"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19907"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19907"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}