{"id":19916,"date":"2019-04-02T23:52:54","date_gmt":"2019-04-02T21:52:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=19916"},"modified":"2019-04-11T10:17:22","modified_gmt":"2019-04-11T08:17:22","slug":"pop","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/04\/pop\/","title":{"rendered":"Pop"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und trotzdem: Die Geschichte der Popmusik ist voll von Versuchen, anarchistisch geentert zu werden. Einerseits gibt es eine ganze Reihe von Bands mit anarchistischem Anspruch \u2013 wie etwa Cochise, CRASS, Chumbawamba u.v.a. \u2013, deren Geschichte gesondert geschrieben werden m\u00fcsste. Andererseits tauchen aber auch Spuren anarchistischer Ideen wesentlich unauff\u00e4lliger auf: in der Art und Weise, Konzerte zu organisieren, in einzelnen Textzeilen oder auch in Bandnamen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Passend zum Weihnachtsgesch\u00e4ft 2018 erschien das Beastie Boys Book. Darin erfahren wir, dass der Bandname eigentlich ein Akronym ist und \u201eBoys (and a Girl) Entering Anarchistic States Toward Inner Excellence\u201c bedeutet. Wir erfahren auch, dass das Girl (Kate Schellenbach) vom Manager aus der Band gedr\u00e4ngt wird, als der Erfolg beginnt \u2013 rappende Frauen erschienen Anfang der 1980er Jahre offenbar noch als untragbar. Zudem erfahren wir, dass die Beastie Boys zu Beginn eine Hardcore-Band waren, denen The Clash schon zu abgehoben und von oben herab Musik machten. Auch wenn sie selbst von sich sagen, keine politische Agenda verfolgt zu haben und der Bandname im Grunde nicht viel Sinn ergibt, sind mit Black Flag und den Bad Brains doch die Politfraktion des fr\u00fchen Ostk\u00fcstenhardcore ihre Helden. Als HipHop dann aus den Schwarzen Vierteln New Yorks migriert und Downtown erreicht, ist es um die Jungs geschehen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ber\u00fchmt werden sie Mitte der 1980er Jahre mit einem pubert\u00e4ren Partybr\u00fcller (\u201eFight for Your Right to Party!\u201c), aber schlie\u00dflich macht sie die anspruchsvolle Verarbeitung der Popmusikgeschichte in ihren gerappten und gemixten Samples zu einer der wichtigsten Bands der 1990er Jahre. \u201eAlle drei Beasties unterst\u00fctzten die Frauenbewegung\u201c (1) erfahren wir auch von Schellenbach, und dass aus den Kindern, die sich \u201ewie Aschl\u00f6cher\u201c (Schellenbach) verhielten, trotz Popruhm schlie\u00dflich angenehme Zeitgenossen wurden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aber Pop hat sich schon seit Mitte der 1990er Jahre in seiner sozialen Rolle und Funktion gewandelt: Der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen hatte Anfang der 90er schon festgestellt, dass Popkultur keineswegs mehr automatisch links und der Songtitel von The Who \u201eThe Kids Are Alright\u201c keine angemessene Beschreibung mehr sei. Innerhalb der damals sogenannten Poplinken wurde au\u00dferdem konstatiert, dass es einen \u201eMainstream der Minderheiten\u201c (Tom Holert\/ Mark Terkessidis) gebe, dass also auch die gro\u00dfen Plattenfirmen und die bekanntesten Bands sich als Ausgeschlossene pr\u00e4sentieren. <\/span><span lang=\"de-DE\">Ihre speziellen Differenzmarken waren nur noch Marketing, nicht mehr Ausdruck revoltierenden Begehrens. Wahrscheinlich ist es seitdem nicht besser geworden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Trotzdem ist der Glaube daran, dass Menschen \u00fcber Musikerfahrungen (Texte wie Tanzschwei\u00df) auf andere Gedanken kommen und sich eine bessere Welt herbeisehnen, ziemlich schwer abzulegen \u2013 zumindest f\u00fcr einen pop- und subkulturaffinen Linken mit Schule-Studium-Stadt-Sozialisation in den 1980er und 90er Jahren. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wie viele meiner Freundinnen und Freunde sind auf Konzerten oder \u00fcber Platten und das ganze Drumherum politisiert worden?! Sehr viele! Auch f\u00fcr die 1980er und 1990er galt noch, dass Pop \u2013 inklusive Punk und HipHop \u2013 immer wieder Modelle bot f\u00fcr alternatives Denken und Handeln.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Sicherlich, im Pop geht es immer auch um Geld und um Aufmerksamkeit. Es gibt zwar Unterschiede, die immens sind und das selbstorganisierte Konzert im Jugendzentrum hat mit dem Stadionrock vielleicht nicht mehr gemeinsam als das Kicken im Spielplatz-Sportk\u00e4fig mit der Bundesliga. Dennoch ist Pop mal mehr, mal weniger widerspr\u00fcchlich, mal mehr, mal weniger kapitalistisch kontaminiert. Also nichts f\u00fcr anarchistische Reinheitsphantasien. Insofern ist Pop auch eher ein postanarchistisches Terrain. Es wird gar nicht mehr davon ausgegangen, dass es rein anarchistisches Handeln in einer Welt voller Herrschaft geben kann, sondern strategisch versucht, Herrschaftskritik an Orten zu formulieren, an denen sie nicht erwartet wird. In Popsongs etwa. In Bandnamen. Auf Partys. Pop ist ein Kampfplatz f\u00fcr Auseinandersetzungen. Nicht nur um die Bedeutung von Moves und Styles, auch um Politik. Als Kampfplatz sollte Pop auch nicht aufgegeben werden. Auch wenn mit der Zeitschrift SPEX Anfang 2019 das Zentralorgan dieses Anspruches, Pop als Feld diskursiver Auseinandersetzung zu begreifen, genau das getan hat: aufgeben (nach 38 Jahren!).<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zwei Titel auf der gro\u00dfartigen Platte \u201eIll Communication\u201c (1994) von den Beastie Boys k\u00f6nnen vielleicht die verschiedenen Pole beschreiben, zwischen denen sich eine Intervention in den Popzirkus noch immer abspielt. Wohl gemerkt die Titel, nicht der Text oder die Musik: Einerseits \u201eBobo on the corner\u201c, weil der Bobo, der metaphorisch gesprochen an der Ecke lauert, vielleicht den Inbegriff f\u00fcr den Niedergang des Pop von der Subversion zur Biomarkthintergrundmusik verk\u00f6rpert. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auch wenn Bobo hier in Wirklichkeit noch nicht die Abk\u00fcrzung f\u00fcr den Bourgeois Bohemian war, der mit Leistungsbereitschaft, Erbschaft und Popwissen zu den zentralen Gentrifizierungsagenten von heute wurde. Andererseits, auch wenn im Pop ihre M\u00f6glichkeiten begrenzt sind, aber weil sie im Anarchismus stets als Mittel in den K\u00e4mpfen um die \u201eVerteilung der G\u00fcter\u201c (2) (Elizabeth Gurley Flynn) und f\u00fcr solidarische Gesten propagiert wurde: \u201eSabotage\u201c. <\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><span lang=\"de-DE\">Oskar Lubin<\/span><\/p>\n<p align=\"left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und trotzdem: Die Geschichte der Popmusik ist voll von Versuchen, anarchistisch geentert zu werden. Einerseits gibt es eine ganze Reihe von Bands mit anarchistischem Anspruch \u2013 wie etwa Cochise, CRASS, Chumbawamba u.v.a. \u2013, deren Geschichte gesondert geschrieben werden m\u00fcsste. 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