{"id":20039,"date":"2019-05-01T11:32:56","date_gmt":"2019-05-01T09:32:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20039"},"modified":"2019-05-31T23:55:38","modified_gmt":"2019-05-31T21:55:38","slug":"neubeginn-der-rebellion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/05\/neubeginn-der-rebellion\/","title":{"rendered":"Neubeginn der Rebellion?"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dabei spielt eine gro\u00dfe Rolle, dass die Streitkr\u00e4fte gespalten sind, nicht einfach mehr gehorchen, sondern bei einigen Demonstrationen die Proteste gegen die Sondereinheiten des Regimes gesch\u00fctzt haben. Es spielt auch internationaler Druck auf das verbrecherische Regime im Sudan hinein: Immerhin ist die Frage, ob Baschir, in dessen Besitz sich 113 Millionen Dollar Bargeld fanden und der Milliarden Dollar auf europ\u00e4ischen Konten angelegt haben soll (FAZ vom 23.04.2019), wegen V\u00f6lkermordes an den Internationalen Strafgerichtshof \u00fcbergeben wird. Auch die Afrikanische Union verlangt, dass eine zivile Regierung eingesetzt wird.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der harte Kern des Staates versucht, sich zu reorganisieren: Hamdan Daglo, Chef der Rapid Support Forces (RSF), ist Stellvertreter des Junta-Chefs Burhan und wahrscheinlich der \u201estarke Mann\u201c des sich formierenden Regimes. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die 2013 gegr\u00fcndeten RSF werden f\u00fcr bewaffnete Aktionen gegen die gewaltlosen Demonstrationen, Mord und Folter verantwortlich gemacht. Die Truppe besteht aus arabischen Darfuris, entstand aus den Dschandschawid-Milizen, die in Darfur Terror aus\u00fcbten, schlug schon 2013 in Khartum Proteste brutal nieder. Sie wurde seitdem von 6.000 auf 30.000 Soldaten verst\u00e4rkt und 2017 in die Armee eingegliedert, zuletzt h\u00e4ufig gegen MigrantInnen eingesetzt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es sind also die F\u00fchrer der Spezialeinheiten, die nun auch versuchen, international R\u00fcckhalt f\u00fcr ihr Programm der \u201eStabilit\u00e4t\u201c zu organisieren \u2013 um dann gelegentlich unter irgendeinem Vorwand brutal durchzugreifen. Saudi-Arabien und die Emirate haben bereits finanzielle Unterst\u00fctzung angeboten. Sie setzen damit ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr das ehemalige Baschir-Regime fort, das seit 2015 an der Seite Saudi-Arabiens Truppen in den Jemen sandte. Der derzeitige Junta-Chef Burhan koordinierte auf sudanesischer Seite den Einsatz gegen die Houthi-Rebellen im Jemen (FAZ vom 23.4.2019). <\/span><span lang=\"de-DE\">Aber die DemonstrantInnen haben das alles durchschaut und lassen in ihren Freiheitshoffnungen nicht nach.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Seit 2011<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nach den gro\u00dfen Hoffnungen auf eine Demokratisierung der arabischen L\u00e4nder 2011 folgte schnell die Erfahrung, die schon viele rebellische Bewegungen machen mussten: Die Strukturen sind st\u00e4rker! Die alten Eliten machen Schein-Zugest\u00e4ndnisse, um sich zu reorganisieren, Luft zu holen, sie wissen: Wir haben den l\u00e4ngeren Atem. Lasst sie w\u00e4hlen, wie in \u00c4gypten, deshalb haben sie doch keine Macht, keine Wahl. Es gibt einen tiefen Staat, der kann geduldig auf die Fehler der Opposition lauern, die Spaltungen vertiefen, Provokationen starten \u2013 bis die Entt\u00e4uschung einsetzt, vielleicht sogar die etablierte Macht wieder als Ruhe, Ordnung, Sicherheit zur\u00fcckgew\u00fcnscht wird. So handeln die alten Herrscher. Die Charaktermasken lassen sie austauschen, die Struktur bleibt. In \u00c4gypten wurde das Interregnum der Muslimbr\u00fcder 2013 schon wieder kassiert, Sisi legitimierte sich damit, eine islamische Diktatur verhindert zu haben und bis 2022 zur Demokratie zur\u00fcckzukehren, und auch viele s\u00e4kulare Kr\u00e4fte, die den politischen Islam f\u00fcrchten, unterst\u00fctzen ihn. Die R\u00fcckkehr zur Milit\u00e4rdiktatur ist in \u00c4gypten inzwischen vollendet und Sisi will durch eine Verfassungs\u00e4nderung seine Pr\u00e4sidentschaft verl\u00e4ngern. Verhindern k\u00f6nnte das nur eine neue Bewegung von unten. Vielleicht sind die Aufst\u00e4nde im Nachbarland Sudan und in Algerien ja ansteckend? Im Sudan rufen die DemonstrantInnen: \u201eSieg oder \u00c4gypten!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Sicherlich sind die arabischen und islamischen Gesellschaften unterschiedlich und auch in jedem Nationalstaat, wie er meist aus kolonialen Grenzziehungen hervorgegangen ist, sind die Strukturen und sozialen Bewegungen widerspr\u00fcchlich und haben die unterschiedlichsten Ideen und regionalen Kulturen als Hintergrund aktueller Opposition. Es gibt aber auch l\u00e4nder\u00fcbergreifende Grundkonflikte, wie Autoritarismus, die Korruption, die abh\u00e4ngige \u00d6konomie, die etatistische Tradition, die etwa in Algerien durch die einseitige Abh\u00e4ngigkeit der \u00d6konomie von \u00d6l und Gas dazu f\u00fchrt, dass Besch\u00e4ftigung, Preise und Investitionen staatlich gelenkt sind.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Neben den milit\u00e4rischen Eliten, dem etablierten Staatsapparat \u2013 in Algerien etwa \u201edie Entscheider\u201c genannt; wer das tats\u00e4chlich ist, bleibt dabei durchaus geheim (1) \u2013 gibt es die Gegeneliten, oft mit Untergrund-Erfahrung, Opfer-Erfahrung, die nach den einsetzenden Bewegungen glauben, nun sei ihre Zeit gekommen. Oft bindet sich massenhafte Hoffnung an sie, weil sie ja schon l\u00e4nger \u201edagegen\u201c waren, daf\u00fcr gelitten haben. Die Muslimbr\u00fcder beispielsweise, selbst eine nicht-nationale Bewegung. Sie finden internationale Unterst\u00fctzung Gleichgesinnter, so wie die Etablierten sie selbstverst\u00e4ndlich kennen. Geostrategische und Rohstoff-Interessen f\u00fchren schnell zu ganz verschiedenen Interventionen von Staaten und Staatengruppen, die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse verschieben m\u00f6chten oder das gerade f\u00fcrchten. Aus den aufbrechenden Konflikten zwischen Stadt und Land, Religi\u00f6sen und S\u00e4kularen der verschiedensten Richtungen, Klassenauseinandersetzungen entstehen zahlreiche Chancen der Einflussnahme. Durch Gewalthandlungen: Drohungen, \u00dcbergriffe, Geheimdienstoperationen, Selbstverteidigung, Versuche, den Gegnern das eigene Programm aufzuzwingen, Eskalationen und deren mediale Verarbeitung, wird versucht, die Richtung der Bewegungen zu lenken. Die alten Eliten versuchen, sich zu behaupten. Dabei spielt Gewalt in zugespitzten Situationen eine entscheidende Rolle. Gewalt kann auch Zuspitzungen und Legitimation f\u00fcr ein \u201eDurchgreifen\u201c der \u201eSicherheitskr\u00e4fte\u201c schaffen. Auch das haben die DemonstrantInnen in Algerien und im Sudan bisher durchschaut: Dass die Proteste \u201efriedlich\u201c sind und bleiben sollen, ist eine Hauptparole. \u201eGewaltlos\u201c w\u00e4re besser, schlie\u00dflich geht es um eine rebellische Gegenmacht, die aber bewusst auf Gewalt verzichtet. Vielleicht fehlt noch ein treffender Ausdruck f\u00fcr die Revolution ohne B\u00fcrgerkrieg. Wichtig ist dies, der Verzicht auf Gegengewalt, auch, um die Armee- und Polizeitruppen zu spalten.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Silmiya!\u201c (Friedlich!) <\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Schon die Gewalt-Drohung ist aber auch geeignet, die Opposition zu spalten: K\u00f6nnen wir sie nicht besser beeinflussen, wenn wir zusammenarbeiten und in die Regierung eintreten? Fragt das Interesse. Und wer zuerst auf die Seite der Herrschaft \u00fcbertritt, hat die Chance, die Konkurrenz \u201eauszuschalten\u201c. All das l\u00e4sst sich mit Realpolitik und Verantwortung begr\u00fcnden, und ist nicht einmal immer eindeutig falsch. Aber die Erfahrungen damit sind auch gemacht worden, etwa als in Algerien 1992 der Mitbegr\u00fcnder der Nationalen Befreiungsfront FLN Muhammad Boudiaf aus dem Exil zur\u00fcckkam und Vorsitzender des Hohen Staatsrats HCE wurde, alles im Zeichen des Kampfes gegen die Islamische Heilsfront, die gerade die Wahlen gewonnen hatte. Sechs Monate sp\u00e4ter wurde er von einem seiner Leibw\u00e4chter ermordet: \u201eMan hatte sich einen langj\u00e4hrigen Oppositionellen ins Boot geholt, der das Regime stets geschm\u00e4ht hatte und ihm nun historische Legitimation verleihen sollte.\u201c (2) Ein Versuch.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Mentalit\u00e4ten der Beteiligten sind oft genug gewaltsam und diktatorisch, geleitet von den Erfahrungen von Armeen, paramilit\u00e4rischen Einheiten, Polizeitruppen, von Folter und Krieg. Oft geht diese Einstellung noch auf den Kolonialismus und die antikolonialen Bewegungen zur\u00fcck. In Algerien etwa war Bouteflika ein Ideologe der ungeteilten Macht, der bei dem Versuch, konkurrierende Zentren zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, sich immer st\u00e4rker auf Verwandte und regionale Netzwerke verlassen musste \u2013 bis er endg\u00fcltig scheiterte. Es ist nicht nur die Praxis, die durch kriegerische Konflikte versch\u00e4rft wird, wie im Algerien des \u201eschwarzen Jahrzehnts\u201c; auch die Ideologien sind auf gewaltsamen Triumph \u00fcber GegnerInnen ausgerichtet, bis zur Vernichtung und Ausrottung von Minderheiten und \u201eFeinden\u201c. Modernisten und Islamisten handeln letztlich \u00e4hnlich, und wenn sie das Feld polarisieren, werden andere Bewegungen f\u00fcr F\u00f6deralismus, Frauenemanzipation, Demokratie von unten zerrieben und durch militarisierte Eskalation gezwungen, ihre Rettung hier oder dort zu suchen, Schutz vor der Gewalt der jeweils anderen. Und die Konflikte gruppieren sich nach \u201eethnischen\u201c oder \u201ereligi\u00f6sen\u201c Motiven, weg von sozialen Inhalten, weg von \u201eoben-unten\u201c-Auseinandersetzungen. <\/span><span lang=\"de-DE\">So wird Krieg, was als Revolution begann. Hier scheiden sich die Geister: Ist Revolution Krieg oder Anti-Krieg? Kann Emanzipation nur gelingen, wenn der Krieg vermieden wird? Wer kann das durchsetzen? K\u00f6nnen die KriegsdienstverweigerInnen sich behaupten oder werden sie ins Exil gezwungen?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir setzen auf den Befreiungs-Elan der gewaltlosen Massen! Sie allein k\u00f6nnen zun\u00e4chst eine Demokratisierung durchsetzen und dann weiter Herrschaft eingrenzen und schlie\u00dflich beseitigen, ein langer Kampf voller Widerspr\u00fcche und ungel\u00f6ster Probleme, aber er hat begonnen! <\/span><span lang=\"de-DE\">Mit der Militarisierung der Revolution ist unweigerlich ein Verlust von Autonomie verbunden, Abh\u00e4ngigkeit von milit\u00e4rischer und diplomatischer Unterst\u00fctzung entsteht, offene oder versteckte Interventionen von Staaten und Staatenb\u00fcndnissen, die schlie\u00dflich noch \u00fcber die Bedingungen des \u201eFriedens\u201c und des Wiederaufbaus als \u201eGarantiem\u00e4chte\u201c verhandeln, so war es im Irak und in Syrien zu beobachten. So wie vorher etwa auch im fr\u00fcheren Jugoslawien: Die Konflikte sind gar nicht so regional besonders oder \u201ekulturspezifisch\u201c, wie es manchmal scheint.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wie barbarisch sich die milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen entwickeln, zeigt sich einmal mehr in Libyen. Hier sind seit der Milit\u00e4rintervention, die zum Sturz des langj\u00e4hrigen Machthabers Muammar al-Gaddafi f\u00fchrte, zahlreiche \u201eKleinstaaten\u201c entstanden, die sich in wechselnden B\u00fcndnissen bekriegen und alle noch die MigrantInnen und schwarzafrikanischen Fl\u00fcchtlinge drangsalieren und ausbeuten. Der internationale Druck ist hier anders interessegeleitet als in dem vergleichsweise armen Sudan: Es geht um \u00d6l und darum, die Fluchtbewegungen Richtung Europa abzuhalten. Libyen ist strategisch wichtig, ein Ungl\u00fcck f\u00fcr die Menschen dort. Nun marschiert der General Haftar, der \u201eSisi von Libyen\u201c, den viele f\u00fcr einen CIA-Mann halten, weil er nach dem Bruch mit Gaddafi zwanzig Jahre von den USA aus agierte, seine Truppen gen Tripolis, gegen die international als \u201erechtm\u00e4\u00dfig\u201c anerkannte Regierung Sarradsch, die allerdings auch nicht gerade aus demokratischen Prozessen entstanden ist. Die Wahlen 2014 waren eher f\u00fcr Kr\u00e4fte um Haftar ausgegangen, \u201edie Regierung wurde aber von Islamisten aus Tripolis vertrieben\u201c. (3)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend offiziell viele Staaten hinter der Regierung in Tripolis stehen, hat sich eine illustre Gesellschaft l\u00e4ngst auf Haftar festgelegt, mit der Begr\u00fcndung, dass dieser konsequent gegen die Islamisten k\u00e4mpfe (in Wirklichkeit sind auch hinter Haftar Salafisten versammelt, die konservativen, aber weniger politischen Madkhali), w\u00e4hrend die Tripolis-Regierung hier viele Kompromisse macht. So hat Russland eine Verurteilung Haftars im UN-Sicherheitsrat verhindert. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, \u00c4gypten und Frankreich stehen zu Haftar, w\u00e4hrend die T\u00fcrkei und Qatar sich als Schutzm\u00e4chte der Muslimbr\u00fcder darstellen. Ende M\u00e4rz 2019 war Haftar in Riad, kurz darauf waren die Verhandlungen und Kompromisse Makulatur und Haftar setzte seine Armee in Gang; dank Abu Dhabi ist seine Luftwaffe \u00fcberlegen. Nun hat auch Trump seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr Haftar bekundet \u2013 vielleicht weil die Bewegungen in Algerien und im Sudan die Angst verst\u00e4rkt haben, es k\u00f6nnten \u201estarke M\u00e4nner\u201c und milit\u00e4rische \u201eL\u00f6sungen\u201c in der ganzen Region herausgefordert werden. Also: Wehret den Anf\u00e4ngen! Alles Gerede \u00fcber den internationalen Befriedungsdruck, der von den vermeintlich friedliebenden Europ\u00e4ern ausgehen sollte, entlarvt sich hier besonders deutlich: Italien unterst\u00fctzt klar die Tripolis-Regierung, Frankreich Haftar: \u201eItalien hat wirtschaftliche Interessen in Libyen. Der halbstaatliche \u00d6l- und Gaskonzern Eni hatte in Gebieten, die von der Regierung Sarradsch und von mit Tripolis verb\u00fcndeten Milizen kontrolliert werden, zuletzt t\u00e4glich rund 320.000 Barrel Erd\u00f6l gef\u00f6rdert. Der franz\u00f6sische Erd\u00f6lkonzern Total kommt in Libyen auf weniger als ein Zehntel dieser F\u00f6rdermenge. In Rom argw\u00f6hnt man, Paris wolle Total besser gegen Eni in Stellung bringen.\u201c (FAZ, 9.4.19)<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">\u00c4gypten oder Sieg\u201c<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Erfahrungen, die seit 2011 gemacht wurden, so bitter sie sind, lassen hoffen, dass die Massenbewegungen gegen die Diktaturen in Algerien und im Sudan einige Fehler vermeiden k\u00f6nnen: Die Armee ist nicht die Hoffnung, sondern eine t\u00f6dliche Bedrohung, auch wenn die Emanzipationsbewegung die einzelnen Soldaten ansprechen, \u00fcberzeugen und ihnen eine Perspektive jenseits der Gewalt bieten muss. Es darf nicht nur beim Austausch von Personen bleiben, neue Gesichter oder etwas weniger belastetes Personal lassen den Apparat mit neuer Verblendung bestehen. Strukturen m\u00fcssen sich grundlegend und in langen Prozessen \u00e4ndern, weg vom \u201eThe winner takes it all\u201c, der Versorgung von Familien und Klans, der Korruption. Strukturen werden nicht durch Dekrete ge\u00e4ndert, das schafft nur neue B\u00fcrokratien. Die bislang selbstverst\u00e4ndliche Praxis von Gewalt muss grundlegend bek\u00e4mpft werden, in der Politik, gegen Minderheiten, Andersdenkende, in den Familien. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die gro\u00dfe Hoffnung ist, dass es \u2013 nicht zuletzt durch das, was in \u00c4gypten, Syrien und Libyen aufmerksam beobachtet wurde \u2013 in der jungen Generation vieler arabischer L\u00e4nder und ganz besonders in Algerien und im Sudan ein Bewusstsein gibt, was zu vermeiden ist. <\/span><span lang=\"de-DE\">Der blo\u00dfe Austausch von \u201eK\u00f6pfen\u201c hat die sozialen Bewegungen nicht zufriedengestellt: Nachdem Bouteflika in Algerien endlich aufgegeben hatte, wurden m\u00f6gliche Nachfolger, Vertraute, Minister, zuletzt der Pr\u00e4sident des Verfassungsrates Tayeb Belaiz zum R\u00fcckzug gezwungen. Die Parole ist jetzt: \u201eSie sollen alle abhauen!\u201c Sehr \u00e4hnlich im Sudan.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Manchmal sind es zun\u00e4chst taktische Gr\u00fcnde, die gegen Gewalt und die Verkriegung der Revolution sprechen, die Sorge, letztlich die Regierungs-Repression zu legitimieren und neue Gewaltanwendung durch Polizei, Armee, Paramilit\u00e4rs und Geheimdienste heraufzubeschw\u00f6ren, die Sicherheit, dass man bei Ausnahmezustand und B\u00fcrgerkrieg verlieren wird. Oft aber sind es nicht nur taktische Gr\u00fcnde, sondern tats\u00e4chlich Einsichten und Erfahrungen, die f\u00fcr einen sozialrevolution\u00e4ren Bruch mit den bisherigen Formen der Auseinandersetzung sprechen. Wie soll eine freiheitliche und offene Debatte \u00fcber die gesellschaftliche Zukunft gelingen, wenn nur gedroht wird und Gewalt herrscht? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es sind auch weniger die alten Gegen-Eliten etwa der Muslim-Br\u00fcder, sondern Jugendliche, sowie neue st\u00e4dtische Bewegungen und Frauen, die jetzt die etablierte Macht herausfordern. <\/span><span lang=\"de-DE\">Im Sudan sind zwei Drittel der DemonstrantInnen Frauen; das Video, auf dem die 22j\u00e4hrige Studentin Alaa Salah den Takt der Revolutionslyrik vorgibt, ist das international verbreitete Motiv der Revolution. \u201eNicht die Kugel t\u00f6tet, sondern das Schweigen.\u201c \u201eRevolution!\u201c riefen die DemonstrantInnen immer wieder in Sprechch\u00f6ren. <\/span><span lang=\"de-DE\">Sie tr\u00e4gt die Kleidung, die die Frauen schon in den 60er, 70er und 80er Jahren bei den Protesten gegen die diktatorischen Regimes trugen; das war damals die Bewegung der Republikanischen Br\u00fcder des Sufi Mahmoud Mohammad Taha, des \u201eGandhi des Sudan\u201c. Auch in dieser gewaltlosen Massenbewegung spielten Frauen schon eine bedeutende Rolle. (4)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Hind Makki sagt auch, dass die Kleidung aus wei\u00dfer Baumwolle \u2013 eines der wichtigsten Produkte des Sudan \u2013 berufst\u00e4tige Frauen repr\u00e4sentiert, denn in B\u00fcros wird sie getragen. Die Selbsterm\u00e4chtigung der Frauen dr\u00fcckt sich auch darin aus, dass sie auf die nubischen K\u00f6niginnen (\u201eKandaka\u201c \u2013 starke Frauen) Bezug nehmen. Die Frauen begehren gegen ihre Unterdr\u00fcckung auf, wehren sich gegen Hunger, Arbeitslosigkeit und Korruption. 30 Jahre konnte das Baschir-Regime mit brutaler Gewalt sich behaupten, dann forderte der zivile Aufstand es heraus, mit Sit-ins, Massenversammlungen, Streiks, Poesie und Stra\u00dfentheater. Es wird die nicht-bedrohliche Atmosph\u00e4re der Massendemonstrationen, die Dominanz der Frauen, auch dazu beigetragen haben, dass die Soldaten sich nicht zu Werkzeugen der Unterdr\u00fcckung machen lie\u00dfen, sondern sogar ein neues Selbstverst\u00e4ndnis im Schutz der Demonstrationen gegen \u00dcbergriffe der Regime-Truppen suchten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bisher hat die Bewegung, die u.a. von der Mittelschicht (\u00c4rztInnen, Anw\u00e4ltInnen, LehrerInnen, IngenieurInnen, AkademikerInnen) und Gewerkschaften getragen wird, sich gegen Parteipolitik, sektiererische Spaltungen und Separatismen gewehrt. Sogar der lang anhaltende Krieg in Darfur h\u00e4lt inne.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Fazit<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir w\u00e4ren keine AnarchistInnen, wenn wir die Frage nicht stellen m\u00fcssten: Es ist \u2013 so sehr wir die K\u00e4mpfe gegen Diktaturen und f\u00fcr Demokratie unterst\u00fctzen \u2013 offen, ob die K\u00e4mpfe \u00fcber eine \u201eModernisierung\u201c und \u201eVerwestlichung\u201c von Herrschaft hinausgehen k\u00f6nnen. Besonders im Sudan und in Algerien gibt es daf\u00fcr gute Traditionen und Hoffnung machende Ans\u00e4tze. Die Bewegungen d\u00fcrften dann aber keine der st\u00e4dtischen und akademischen Mittelklassen bleiben, m\u00fcssten gerade den Ausgegrenzten und Armen eine Stimme geben. Wenn sie sich weiter auf Gewaltlosigkeit festlegen, k\u00f6nnen sie das kaum vermeiden und werden Emanzipationsprozesse freisetzen, die weltweit ausstrahlen. Zum Schrecken der KapitalistInnen, der Verstaatlicher, der Patriarchen und Autorit\u00e4ren. <\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Johann Bauer<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dabei spielt eine gro\u00dfe Rolle, dass die Streitkr\u00e4fte gespalten sind, nicht einfach mehr gehorchen, sondern bei einigen Demonstrationen die Proteste gegen die Sondereinheiten des Regimes gesch\u00fctzt haben. 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