{"id":20052,"date":"2019-05-03T11:21:46","date_gmt":"2019-05-03T09:21:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20052"},"modified":"2019-05-16T09:59:33","modified_gmt":"2019-05-16T07:59:33","slug":"marseille-einstuerzende-altbauten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/05\/marseille-einstuerzende-altbauten\/","title":{"rendered":"Marseille: Einst\u00fcrzende Altbauten"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am Morgen des 5. November 2018 st\u00fcrzten drei H\u00e4user, die Nummern 63 bis 65 im Innenstadtviertel Noailles von Marseille in sich zusammen und begruben acht Bewohner*innen unter den Tr\u00fcmmern. Bis Mitte April 2019 wurden unter Dringlichkeit etwa 2700 Menschen aus rund 300 akut einsturzgef\u00e4hrdeten H\u00e4usern geholt, oft nachts. Sie mussten innerhalb kurzer Zeit, nur weniger Minuten, ihre Wohnung verlassen, durften nur P\u00e4sse und pers\u00f6nliche Papiere mitnehmen und ihr Haus danach nicht mehr betreten. Diese menschengemachte Katastrophe, die die Stadtverwaltung und ihr \u00fcberforderter B\u00fcrgermeister Claude Gaudin (LR; Les R\u00e9publicains, die b\u00fcrgerlich-konservative Ex-Sarkozy-Partei) zu verantworten haben, ist der negative H\u00f6hepunkt einer Gentrifizierungspolitik unter Strukturen des \u201evertikalen Klientelismus\u201c \u2013 mit m\u00f6rderischen Konsequenzen.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Marseilles verfehlter Strukturwandel<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dieses, vom B\u00fcrgermeister v\u00f6llig abwegig als \u201eNaturkatastrophe\u201c bezeichnete Drama ist die gr\u00f6\u00dfte Bev\u00f6lkerungsverschiebung innerhalb Marseilles seit der Befreiung von der Nazi-Besatzung Ende 1944. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die \u00f6konomische Exportstrategie der Hafenstadt Marseille nach der Befreiung wies dieselben Fehler auf wie die Exportstrategie des heutigen Venezuelas oder Algeriens. Die gesamte \u00f6konomische Ausrichtung war monopolistisch, ausschlie\u00dflich auf den Kolonialhandel ausgerichtet. Als Ende der F\u00fcnfzigerjahre Indochina, dann die Kolonien in West- und Zentralafrika sowie Algerien zu Beginn der Sechzigerjahre unabh\u00e4ngig wurden und ihre Exporte diversifizierten, war es vorbei mit der Export-Monokultur Marseilles. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Marseiller B\u00f6rse schloss und es setzte eine lange und schleichende Krise des Hafens und damit auch der Arbeiterklasse Marseilles ein. Die KPF (Kommunistische Partei Frankreichs) hatte unmittelbar nach der Befreiung bei Kommunalwahlen bis zu 40% an Stimmen erhalten; doch der Kalte Krieg sowie die Gr\u00fcndung einer Konkurrenzgewerkschaft gegen die stalinistische CGT (Allgemeine Arbeiterkonf\u00f6deration), n\u00e4mlich die FO (Force ouvri\u00e8re) im Jahr 1947, schw\u00e4chten die Arbeiterklasse. Die FO war zun\u00e4chst trotzkistisch dominiert, strukturierte sich aber dann immer mehr reformistisch. Heute umfasst sie alle st\u00e4dtischen Angestellten und steht dem B\u00fcrgermeister zu Diensten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Hafen- und Handelskrise erreichte in den 1980ern ihren H\u00f6hepunkt; viele Hafenarbeiter wurden durch die maghrebinische Arbeitsmigration rassistisch und traten direkt zum FN (Front National, heute RN, Rassemblement National) \u00fcber. <\/span><span lang=\"de-DE\">Zu dieser Zeit war PS-Mitglied (Sozialistische Partei, real aber sozialdemokratisch, heute neoliberal) Gaston Deferre B\u00fcrgermeister, er \u00fcbte dieses Amt von 1953 bis zu seinem Tod 1986 aus. Er st\u00fctzte sich dabei auf eine kommunalpolitische Klientel sowie auf die FO, die dann sp\u00e4ter der heutige B\u00fcrgermeister Jean-Claude Gaudin nur leicht ver\u00e4ndert und mit Seilschaften aus dessen Freundeskreis, aber ebenfalls auf die FO gest\u00fctzt, \u00fcbernahm. Auff\u00e4llig bei beiden B\u00fcrgermeistern ist ihre ewig lange Amtszeit; Gaudin ist seit 1995 B\u00fcrgermeister, nunmehr \u00fcber vier Wahlperioden hinweg. Die Kommunalpolitik sowohl von Deferre als auch von Gaudin war darauf ausgerichtet, die Hafenkrise durch einen Wandel Marseilles hin zur Touristenstadt aufzufangen. Das hatte nur einen Haken \u2013 und der lag bei der verarmten ebenso wie gemischt-kosmopolitischen Bev\u00f6lkerung in der zentralen Innenstadt. (1)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">F\u00fcr die Umschichtung auf touristische Attraktivit\u00e4t war diese Prekarit\u00e4ts- und Migrationsbev\u00f6lkerung in der Innenstadt ein Hinderungsgrund. Das zeigt beispielhaft die Herkunft der durch den Einsturz Get\u00f6teten: Darunter war ein Franzose, Julien; ein Bewohner tunesischer Herkunft, Taher; einer algerischer Herkunft, Ch\u00e9rif; der Franzose Fabien, ein Maler; dann Simona, eine junge italienische Studentin; Niasse, senegalesischer Herkunft; Oulume aus den Komoren eingewandert, Mutter von sechs Kindern; schlie\u00dflich Marie-Emmanuelle, franz\u00f6sische K\u00fcnstlerin. Es ist ein typischer Querschnitt f\u00fcr die gemischte, aber durchweg verarmte Wohnbev\u00f6lkerung dieses Innenstadt-Viertels. (2) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Diese Bev\u00f6lkerungszusammensetzung musste weg, das war das unausgesprochene Ziel der Gentrifizierungspolitik Marseilles, und sie sollte durch eine bourgeoise Innenstadt-Bev\u00f6lkerung ersetzt werden \u2013 so wie sie in den anderen Gro\u00dfst\u00e4dten Frankreichs existiert. <\/span><span lang=\"de-DE\">In Lyon, Bordeaux und Paris ist die Innenstadt reich und bourgeois und die Verarmten und Migrant*innen bev\u00f6lkern die Vorst\u00e4dte, wo ihre Revolten, wie 2005, und ihre gesundheitssch\u00e4dlichen Wohnbedingungen den Tourismus nicht st\u00f6ren. <\/span><span lang=\"de-DE\">Seit den Achtzigerjahren hat also unter Deferre wie unter Gaudin der Tourismus Priorit\u00e4t und es wird die Kommunalpolitik eines geplanten Bev\u00f6lkerungstauschs durchgef\u00fchrt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wie sehr, das zeigte j\u00fcngst wieder mal die Tatsache, dass viele Evakuierte zun\u00e4chst provisorisch von der Stadt in kleinen Hotelzimmern notd\u00fcrftig untergebracht wurden. Doch dort m\u00fcssen sie im Fr\u00fchjahr wieder raus, denn an Ostern beginnt die Tourismus-Saison: \u201eDie Stadt will die Zimmer freimachen f\u00fcr die Touristen. Der B\u00fcrgermeister hat verstohlen angek\u00fcndigt, jetzt pl\u00f6tzlich \u201aNotunterk\u00fcnfte\u2019 \u00f6ffnen zu wollen\u201c (3) \u2013 f\u00fcnf Monate nach dem Drama.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vertikaler Klientelismus: das System Gaudin<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am 8. Oktober wird Jean-Claude Gaudin 80 Jahre alt. Mit dieser Krise ist er v\u00f6llig \u00fcberfordert, verlautbart ungeheuerliche Erkl\u00e4rungen, wie etwa der Einsturz der Altbauten habe \u201eam Regen\u201c gelegen. R\u00fccktrittsforderungen, die von einer erstarkten und entschlossenen Bewegung gegen seine Gentrifizierungspolitik immer wieder ge\u00e4u\u00dfert werden, kontert er mit dem dummen Spruch, im Sturm gehe ein Kapit\u00e4n nicht vom Schiff. Gaudin ist wie eine Art Halb-Leiche nach dem Muster des senilen Pr\u00e4sidenten Bouteflik<\/span><span lang=\"de-DE\">a von Algerien, nur h\u00e4lt sich Gaudin noch immer an der Macht. Dieses System funktioniert auch \u00e4hnlich wie das System Erdo\u011fan: Einmal an der Macht, immer an der Macht.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der kritische linke Journalist Philippe Pujol, dessen Buch \u00fcber Marseille mittlerweile in deutscher \u00dcbersetzung erschienen ist, nennt das System Gaudin \u201evertikaler Klientelismus\u201c. (4) Es ist \u00fcber mit Gaudin pers\u00f6nlich befreundete Architekten organisiert, richtige Speichellecker wie Roland Carta. Alle st\u00e4dtischen Bauvorhaben werden direkt \u00fcber diese pers\u00f6nlich befreundeten Architekten vergeben. Der vertikale Klientelismus l\u00e4uft laut Pujol in drei Stufen: <\/span>\u201e<span lang=\"de-DE\">Ganz oben r\u00e4umt der Architekt dem direkt darunter angesiedelten Investor die Hindernisse aus dem Weg, und alle Subunternehmer des Investors und dessen Besch\u00e4ftigte profitieren dann vor Ort. Alle Beteiligten, seien es Bauunternehmer, technisches Personal oder Zulieferer mit ihren Angestellten, haben ein Interesse am Fortbestand des Systems Gaudin.\u201c (5)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Gaudin verlangt nur eine kleine Gegenleistung, aber von allen Beteiligten, bis in die Bauarbeiterfamilien der dritten Stufe hinein: ihn bei den n\u00e4chsten Kommunalwahlen zu w\u00e4hlen! <\/span><span lang=\"de-DE\">So werden die st\u00e4ndigen Wiederwahlen schon von Deferre, jetzt von Gaudin erzeugt. Frustrierte B\u00fcrger*innen beteiligen sich aufgrund dieses Filzes immer weniger oft an Kommunalwahlen \u2013 und genau das n\u00fctzt Gaudin, dessen st\u00e4ndig mobilisierte Klientel somit prozentual bedeutsamer wird. Je l\u00e4nger die Regentschaft, desto gefestigter die Macht! Ob der Greis Gaudin dabei im Laufe der Zeit verbl\u00f6det, st\u00f6rt nicht das System. <\/span><span lang=\"de-DE\">Durch diesen Klientelismus ist \u00fcbrigens immer und zuallererst ausgeschlossen, dass es je eine B\u00fcrger*innenanh\u00f6rung oder gar einen Mitentscheid der Betroffenen im Stadtviertel bei irgendeinem Bauvorhaben gibt. <\/span><span lang=\"de-DE\">Denn immer ist schon anfangs alles entschieden, die Gelder sind geflossen und es erhalten immer die gro\u00dfen Bautr\u00e4ger den Zuschlag, die an die Klientel-Architekten Gaudins angeschlossen sind. Diskutiert wird nicht mehr.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Von der Inkompetenz zum Zynismus<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vieles in Marseille ist im Zusammenhang mit dem Einsturz der Altbauten unglaublich, aber all das ist wirklich so passiert: Das begann schon beim Trauermarsch \u201ein Wei\u00df\u201c am 10. November 2018, organisiert von einem Betroffenen-Kollektiv \u201eCollectif du 5 novembre\u201c. <\/span><span lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend bei diesem Trauermarsch die etwa 8000 Beteiligten an einem Geb\u00e4ude in einer gro\u00dfen Verkehrsstra\u00dfe vorbeimarschierten, st\u00fcrzte dort der Balkon eines alten Geb\u00e4udes herunter und verletzte drei der Demonstrierenden. (6)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">All das ist kein St\u00fcck aus einer schlechten Fantasy-Story: Ein Experte f\u00fcr Bausubstanz, Raynald Filipputti, hat das B\u00fcrgermeisteramt bereits 2014 \u00fcber die Bauf\u00e4lligkeit der Geb\u00e4ude Nr. 63-67 in der Rue d\u2019Aubagne informiert. Neuerliche Warnungen gab es 2017 und 2018, nur wenige Wochen vor dem Einsturz. (7) <\/span><span lang=\"de-DE\">Es ist geradezu Politik der Stadt, alles verfallen zu lassen, dann die leer gewordenen Wohnungen aufzukaufen und mit einem Modell st\u00e4dtisch-privater Bauvorhaben luxuszusanieren. Eigent\u00fcmerauflagen, Vermieter-Verpflichtungen zu Instandhaltungsarbeiten werden von der Stadt nicht kontrolliert. Es gibt keine kommunale Praxis, auch nur st\u00e4dtische Genehmigungen f\u00fcr Vermietung auszustellen. Erst j\u00fcngst hat der LR-dominierte Stadtrat erneut gegen die Vorschl\u00e4ge der Oppositionsparteien gestimmt, kommunale Genehmigungen f\u00fcr Vermietung einzuf\u00fchren.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Gaudin-Klientel wei\u00df nicht, was in den einsturzgef\u00e4hrdeten H\u00e4usern vor sich geht. Sie will es gar nicht wissen. Es hat sich in diesen H\u00e4usern ein ganz eigener Stand der sogenannten \u201eMarchands de Sommeil\u201c (Schlafplatz-Verk\u00e4ufer) eingenistet, der an verarmte Bewohner*innen in bauf\u00e4lligen Drecksl\u00f6chern (\u201etaudis\u201c genannt) \u00fcberteuert vermietet und Auflagen der Stadt einfach nicht durchf\u00fchrt, weil sie niemand kontrolliert. (8) <\/span><span lang=\"de-DE\">Wie denn auch, wenn hohe Funktionstr\u00e4ger*innen der Stadt ihre Posten nur aufgrund pers\u00f6nlicher Freundschaft und Speichelleckerei zu Gaudin erhalten haben. Mehrere Berichte der lokalen Presse legen immer wieder die Inkompetenz der Stadtverantwortlichen f\u00fcr den Zustand von Mietwohnungen offen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Typisch f\u00fcr diesen Filz und auch f\u00fcr die Bereicherungsmentalit\u00e4t der Lokalpolitiker*innen aus Gaudins Partei LR sind folgende Fakten, die St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck an die \u00d6ffentlichkeit gelangten: Xavier Cachard, Vizepr\u00e4sident des Regionalrats, war Privateigent\u00fcmer eines Appartements in der Rue d\u2019Aubagne Nr. 65, einem der eingest\u00fcrzten H\u00e4user. Er wurde am 15. November seines Amtes enthoben. Bernard Jacquier, Vizepr\u00e4sident der LR-Partei f\u00fcr die Metropole Aix-Marseille, ist Eigent\u00fcmer einer Bruchbude im 3. Arrondissement, von deren gesundheitssch\u00e4dlichem Zustand er angeblich nichts wusste. Er trat am 17. November von seinem Posten zur\u00fcck. Thierry Santelli ist Eigent\u00fcmer eines Appartements im Innenstadtteil Belle-de-Mai, das als \u201egef\u00e4hrdet\u201c ausgewiesen und am 13. November ger\u00e4umt wurde. Er zeigte sich \u201e\u00fcberrascht\u201c \u2013 obwohl er von der Sozialversicherung vorgewarnt worden war \u2013 und h\u00e4tte sich aber \u201enichts vorzuwerfen\u201c. Als Vizepr\u00e4sident des Departements und als Stadtrat musste er trotzdem zur\u00fccktreten. Und Andr\u00e9 Malrait, Beigeordneter des B\u00fcrgermeisters, vermietete ein Zimmer in \u201egesundheitssch\u00e4dlichem\u201c Zustand an eine junge Frau f\u00fcr 520 Euro pro Monat. Tats\u00e4chlich war das ein 17m<\/span><span lang=\"de-DE\">2<\/span><span lang=\"de-DE\"> gro\u00dfer Raum, der offiziell als Garage f\u00fcr Motorr\u00e4der eingetragen war. Malrait bezeichnete sich darauf als \u201euntadelig\u201c \u2013 der st\u00e4dtische Dienst f\u00fcr kommunale Hygiene best\u00e4tigte noch einmal die Gesundheitssch\u00e4dlichkeit der Wohnung. Doch Malrait tritt nicht zur\u00fcck, obwohl das alle innerhalb und au\u00dferhalb des Stadtrats fordern. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Zynismus und die Arroganz der Stadtregierung sind grenzenlos. Laure-Agnes Caradec, Beigeordnete f\u00fcr den Bereich \u201eUrbanismus\u201c, hat am Tag direkt nach den Einst\u00fcrzen freudig bei einem Fest zu Ehren von Schokoladenproduzenten teilgenommen, als wenn nichts geschehen w\u00e4re. Auf die Frage eines Journalisten, warum die Stadt 56 Mio. Euro f\u00fcr ein Eisstadion (im \u00e4u\u00dferst warmen Mittelmeerklima!), aber nur 15 Millionen pro Jahr (in Wirklichkeit 3 Millionen nach Faktenpr\u00fcfung durch die investigative Lokalzeitung Marsactu) zur Bek\u00e4mpfung einsturzgef\u00e4hrdeter Wohnungen ausgegeben habe, antwortete Gaudin, er bedauere da nichts. (9) Ein fr\u00fcherer Mitarbeiter der st\u00e4dtischen Wohnungsbaugesellschaft \u201eSoleam\u201c sagte gegen\u00fcber Marsactu, der kommunale Sicherheitsdienst f\u00fcr Geb\u00e4ude sei \u201etotal dysfunktional\u201c, habe ein \u201eProblem der Kompetenz, der Ausbildung und des Willens\u201c sowie: \u201eDas Viertel Noailles war nun wirklich die letzte Priorit\u00e4t aller st\u00e4dtischen Interventionen im Bereich Urbanismus.\u201c (10)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Au\u00dfer Bewohner*innen mussten auch 120 Handwerker*innen und Kleinh\u00e4ndler*innen ihre Gesch\u00e4fte aufgeben. Ein kostenloser Essens-Versorgungsdienst der Stadt f\u00fcr die Betroffenen wurde Anfang April eingestellt. Anfang April 2019 waren 1200 Personen von den evakuierten 2700 offiziell umquartiert. Davon haben 100 aber selbst eine Wohnung gefunden; 570 wurden von einer Sozialwohnungsgesellschaft untergebracht und 640 sollten in ihre ger\u00e4umten Wohnungen wieder einziehen, weil angeblich Ausbesserungsarbeiten durchgef\u00fchrt worden seien. Diese waren aber oft nur angewiesen, nicht ausgef\u00fchrt noch kontrolliert worden, so dass die Ex-Bewohner*innen gegen ihren Wiedereinzug in die noch besch\u00e4digten Wohnungen protestierten. (11) In Marseille gibt es derzeit gleichzeitig 30.000 leer stehende Wohnungen, darunter viele in der lang gezogenen Rue de la R\u00e9publique, wo schon vor Jahren ein Gentrifizierungs- und Luxussanierungsprojekt teilweise gescheitert ist. (12) Aber bis auf wenige Ausnahmen weigert sich die Stadt, Requirierungen f\u00fcr die Evakuierten vorzunehmen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es hat eine riesige Protestwelle von Demonstrationen gegen die Gaudin-Stadtregierung, besonders bis Ende Dezember 2018, gegeben, die im neuen Jahr ein wenig schw\u00e4cher geworden ist. Aber die Betroffenen haben sich selbst organisiert, besonders im Collectif 5 novembre, und sie haben eine \u201eCharta f\u00fcr Neu-Unterbringung\u201c mit sozialen Mindestbedingungen und zu gleichen Rechten f\u00fcr alle Evakuierte (13) formuliert. Sie lassen die Stadt damit nicht mehr in Ruhe. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Morgen des 5. November 2018 st\u00fcrzten drei H\u00e4user, die Nummern 63 bis 65 im Innenstadtviertel Noailles von Marseille in sich zusammen und begruben acht Bewohner*innen unter den Tr\u00fcmmern. 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